Ist die Homöopathie noch zeitgemäß?

Globuli Foto: pixabay, Bru-nO

Die Homöopathie genießt seit jeher im Südwesten Deutschlands eine hohe Popularität. Diese Behandlungsmethode geht auf Samuel Hahnemann (1755 – 1843) zurück, der als Arzt, Chemiker und Schriftsteller aktiv war. In einer Zeit, als noch der Aderlass eine gängige Therapie bei schweren Erkrankungen war, hat er auf eine sanfte Medizin gesetzt. Damit war er auch ein Vertreter der romantischen Medizin, die die Einheit von Natur und Geist beschwor.

Das Todesjahr von Hahnemann ist auch das Geburtsjahr von Robert Koch. Dieser Arzt, Mikrobiologe und Hygieniker hat das Verständnis von Infektionskrankheiten parallel mit anderen zeitgenössischen Ärzten wie Louis Pasteur komplett revolutioniert. Erst mit deren Erkenntnissen war die Entwicklung von Antibiotika denkbar, die wiederum eine erfolgreiche Therapie von Krankheiten wie Scharlach oder Diphtherie ermöglichten.

Nach über 150 Jahren naturwissenschaftlicher Medizin stellt sich heute die Frage, ob eine  Homöopathie, die wie vor 225 Jahren denkt, in unserer Zeit noch eine ausreichende Begründung hat. Erst vor wenigen Wochen hat sich Jan Böhmermann unverwechselbar ironisch und sarkastisch dazu verbreitet. Auch aus der Politik kommen vermehrt Kommentare, dass die Homöopathie nicht mehr zeitgemäß sei.

Für Patienten bietet die Homöopathie den Charme, dass der Behandler im Erstgespräch sich über ein bis zwei Stunden intensiv mit den Symptomen des Patienten auseinandersetzt. Der Patient erfährt also eine enorme Zuwendung, die er bei keinem Hausarzt oder Orthopäden erleben wird. Aber reicht alleine Zuwendung und Sich-Zeit-Nehmen aus als Argument für eine gute Medizin? Und reicht es aus, dass eine Arznei selbst keine Nebenwirkungen hat? Muss eine Arznei nicht in erster Linie eine klar nachweisbare Wirkung belegen?

Es ist durchaus verwirrend, dass für alle Medikamente ein wissenschaftlich begründeter Wirkstoffnachweis verlangt wird, während für die Homöopathie Erfahrungsberichte ausreichend sind. Der Bremer Versorgungsforscher Prof. Dr. Norbert Schmacke hat diese verblüffenden Diskrepanzen in seinem Buch eingehend dargelegt.

So hat inzwischen der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Prof. Dr. Karl Lauterbach von den gesetzlichen Krankenkassen gefordert, die freiwillige Kostenerstattung von Homöopathie zu verbieten. „Er wolle zwar keinen Glaubenskrieg anzetteln, sagte er dem „Tagesspiegel“. Doch auch für freiwillige Leistungen der Versicherer müsse das Kriterium gelten, dass sie wirtschaftlich und medizinisch sinnvoll zu sein hätten.“ Die Behandlungsmethoden der Homöopathie bedeuteten eine Abkehr von der Wissenschaft. Immerhin lag der Umsatz für homöopathische Medikamente im Jahre 2018 bei 670 Millionen Euro. Der Linken-Politiker Harald Weinberg hält die Debatte für überzogen, weil die homöopathischen Arzneien ohnehin billig seien. Dabei geht es nicht um die Frage was ist günstig, sondern was wirkt.

Auch in Frankreich droht die Abschaffung der Erstattung von Homöopathie nach einer vernichtenden Expertise der Obersten Gesundheitsbehörde.

Homöopathie. Foto: Swiss Medical Weekly

Ärzte werden beim Ausstellen von Rezepten für Homöopathika von widersprüchlichen Gefühlen geleitet wie eine Veröffentlichung des Swiss Medical Weekly (früher: Schweizerischen Medizinischen Wochenschrift) zeigt. Darin setzen sich Stephan Markun und Mitarbeiter mit den Einstellungen von Ärzten gegenüber homöopathischen Arzneien auseinander. Sie vergleichen darin die Antworten von Ärzten, die Homöopathika verschreiben („prescriber“) und solchen, die es nicht tun („non-prescriber“). Selbst überzeugte Homöopathie-Anhänger – im Kanton Zürich sollen es etwa 10% der Ärzte sein – vertreten darin die Ansicht, dass der Placebo-Effekt durch diese Arzneien unterstützt wird. In der Studie erwarten in der Gruppe der Verschreiber auch nur die Hälfte einen spezifischen Effekt.

Die Diskussion über die Homöopathie ist auf verschiedenen Ebenen eröffnet.

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