Monat: Dezember 2019

Medienkonsum

Über die Feiertage bleibt manchmal etwas Muse, die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Nicht selten taucht nach den großen Essen an Weihnachten dann die Idee auf, doch mehr Sport zu treiben. Gut so – zumindest, wenn die Idee länger als 14 Tage anhält.

In Bezug auf die Kinder könnte eine andere Überlegung wichtig sein. Wie gehen wir mit den Medien um? Ohnehin führt dieses Thema im Alltag regelmäßig zu Stress, der für Eltern eine große Belastung sein kann – und für Kinder sowieso.

Nun kommt aus den USA ein langer Medien-Ideen-Plan, der uns weiterhelfen kann. Auf der Seite www.healthychildren.org, die von der Gesellschaft der amerikanischen Kinderärzte (American Academy of Pediatrics – AAP) betrieben wird, ist er in Englisch und Spanisch zu finden. Wir fassen ihn hier für unsere Leser kurz zusammen:

  • Kinder unter 18 Monaten sollten keinerlei Bild-Medien nutzen – ausgenommen das video-chatting (in den USA ist der persönlich Kontakt zu Kindern mit den arbeitenden Eltern häufig geringer. Das hat viele Gründe: Oft haben Eltern mehrere Jobs um sich finanziell über Wasser zu halten oder die Anfahrt zur Arbeit ist zeitraubend lange).
  • Wenn Kindern von 18 bis 24 Monaten digitale Medien angeboten werden, sollten sie von hoher Qualität sein und immer zusammen mit den Eltern gesehen werden – „co-view„.
  • Im Alter von 2 bis 5 Jahren sollte die Zeit vor einem Bildschirm auf weniger als 1 Stunde pro Tag begrenzt sein. Auch hier sollten Eltern dabei sein, um den Kinder zu helfen, die Inhalte zu verstehen und sie in ihre eigene Umwelt zu „übersetzen“.
  • Ab 6 Jahren sollte die Medienzeit und die Art der Medien – also was darf angesehen werden? – konsequent begrenzt werden. Der Medienkonsum darf sich weder auf die Schlafzeiten, auf die Zeiten für körperliche Betätigung oder andere gesundheitsbezogene Verhaltensweisen auswirken.
  • Keine Medien beim Essen oder beim Autofahren.
  • zuhause gibt es medienfreie Räume: z.B. das Schlafzimmer.
  • Einführung einer Medien-Sperrstunde zum Mittagessen und abends. Abends werden die Geräte an eine Ladestation außerhalb des Schlafzimmers gehängt.
  • Kein Einsatz der Medien um Kinder ruhig zu stellen „Pseudo-Baby-Sitter“.
  • Kein Einsatz von Medien um Kinder zu beruhigen.
  • Viele Medien werden als „pädagogisch wertvoll“ angeboten. Eltern sollten mit ihren Kindern gemeinsam eine Auswahl treffen
  • Die Familie sollte medienfreie Zeiten haben „face-to-face-time„. Diese sollte immer im Vordergrund vor der Mediennutzung stehen
  • Höflich bleiben und gute Manieren behalten: Das Handy wird nicht auf den Esstisch gelegt; im Gespräch wird keine WhatsApp geschrieben u.a.. Für den Fall, dass es unbedingt nötig sein sollte wird eine Entschuldigungsformel gefunden – „Tut mir leid, ich ….“
  • Medien werden auch zum Mobbing eingesetzt. Darüber wird geredet. Es werden Maßnahmen besprochen die greifen, sollte mein Kind jemanden mobben. Im umgekehrten Fall („Cybermobbing“) darf das Kind sicher sein, dass es die volle Unterstützung der Familie hat bei der Abwehr des Mobbings

Die amerikanischen KinderärztInnen empfehlen übrigens, diese Überlegungen zu nutzen und einen eigenen Plan in der Familie zu erstellen. Dazu gibt es eine perfekte Anleitung mit Vorschlägen. Leider ist diese nur in Englisch oder Spanisch verfügbar.

Allen Lesern und ihren Familien wünsche ich einen perfekten Start ins Neue Jahr 2020. 

Ihr Peter Wolff

Was geht rum? 28. Dezember 2019

Ab heute startet der Verkauf von Sylvesterknallern. Das ist ein guter Zeitpunkt, um zu überlegen, welche Böller auch für grössere Kinder geeignet sein könnten und welche nicht. Der Gesetzgeber erlaubt ohnehin nur Feuerwerkskörper der Klasse I für Kinder und Jugendliche (also z.B. Wunderkerzen).  Auch wenn’s wie eine Spaßbremse erscheint: Jährlich um Neujahr kommt es immer zu schlimmen Verletzungen wie Verbrennungen. Um sie zu vermeiden, sollten Eltern vor Sylvester überlegen, wie sie das Feuerwerk gestalten wollen. Dabei ist es günstig, wenn beim Feuerwerk selbst ein Erwachsener aus der Nähe beobachtet, wenn Kinder mit dem explosiven Material umgehen. So können sie durch beherztes Eingreifen ggf. schlimmeres verhindern.

Die momentanen Infekte sind vermutlich ungefährlicher als das baldige Sylvesterfeuerwerk. Selten bedrohlich, aber für Eltern und Kinder immer sehr unangenehm ist der Krupphusten, der – jahreszeitlich typisch – häufiger auftritt (weitere Informationen hier). Daneben nimmt auch die Zahl der Kinder zu, die an obstruktiver Bronchitis erkranken. Bei beiden Erkrankungen ist eine Vorstellung bei der Kinder- und Jugendärztin /-arzt sinnvoll.

Daneben erkranken wieder mehr Kinder an einem fieberhaften Infekt mit Reizhusten, wobei noch nicht ganz klar ist, um welche Art Infekt es sich handelt.

Noch sind auch die Norovirus-Erkrankungen mit Durchfall und Erbrechen häufig. Hier kann man hoffen, dass nach den zweiwöchigen Weihnacht-Neujahr-Ferien die Infektionswelle abgeklungen sein wird.

Was geht in der Welt rum? In der Südsee grassieren weiterhin die Masern. Seit Ausbruch der Masern in Samoa sind dort 5424 Personen daran erkrankt und 77 von ihnen verstorben. Wenn man bedenkt, dass nur etwas 200.000 Menschen dort leben, ist das eine schreckliche Heimsuchung. Vor einem Urlaub in der Südsee sollte insofern der Masern-Impfschutz sichergestellt sein.

In eigener Sache: Ab heute ist das praxisblättle unter folgender Adresse im Internet zu finden:

praxisblaettle.planet4kids.de 

Bitte ändern Sie gegebenenfalls Ihr Lesezeichen.

.. unser praxisblättle zieht um: neue Adresse

In den nächsten Tagen zieht unser praxisblättle um. Bitte passen Sie ggf. das Lesezeichen in Ihrem Computer entsprechend an. Die neue Adresse wir in Kürze sein:

praxisblaettle.planet4kids.de 

Ansonsten bleibt alles wie es ist. Das praxisblättle wird lediglich bald über eine andere Domain verschickt.

OSKAR: Sorgentelefon

Wenn Kinder und Jugendliche von schweren Erkrankungen oder Schicksalsschlägen getroffen werden, ist es für sie und ihre nähere Umgebung (Eltern, Geschwister) wie ein Zusammenbruch der Welt.

Die Situation ist schrecklich, es zieht allen den Boden unter den Füßen weg. Und dann müssen auch noch wichtige praktische Probleme schnell gelöst werden. Nicht jeder kann mit so einer Herausforderung umgehen. Viele brechen psychisch unter dieser Last zusammen.

Eine erste Hilfe kann hier OSKAR sein, das ich Ihnen hier vorstellen möchte. Das Sorgentelefon OSKAR bezeichnet sich selbst als „psychologischen Ersthelfer als auch Brücke zu weiteren Versorgungsangeboten, sowie kompetenter Ansprechpartner für medizinisch-pflegerische und psychosoziale Fachkräfte“. „Gerne sind wir für Sie da und unterstützen Sie individuell nach Ihren Bedürfnissen. Bei Bedarf vermitteln wir Sie an Fachleute, z.B. Ärzte, Psychologen, Kinderhospize und Trauerbegleiter. Wir haben die Möglichkeit, in unserer Datenbank bundesweit auf zahlreiche Adressen und Namen zurückzugreifen. Unsere speziell geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Ansprechpartner, wenn Sie Fragen zur Betreuung und Begleitung Ihres erkrankten Kindes haben. Wir sind da, wenn Sie seelische Unterstützung brauchen – und das auch in Krisensituationen.“

Das OSKAR Sorgentelefon ist unter 0800 8888 4711 rund um die Uhr erreichbar.

OSKAR finanziert sich über ausschließlich über Spenden. Die geschulten TelefonberaterInnen erhalten für ihre Aufgabe eine finanzielle Aufwandsentschädigung.

Was geht rum? 21. Dezember 2019

Wenn Kinder und Jugendliche krank werden, brauchen sie eine Ärztin oder einen Arzt. In der Stadt wie auf dem Land. Die Versorgung auf dem Land ist jedoch spürbar schlechter als in der Stadt. Das liegt nicht nur an den langen Anfahrten zur nächsten Kinderarzt*ärztin (bis zu 40 km), sondern auch an den häufig überlasteten Kinder- und Jugendärzten auf dem Land. Nun hat der Landtag von Baden-Württemberg die Landarztquote beschlossen: Wer sich verpflichtet, als Hausarzt auf dem Lande zu arbeiten, bekommt einen Studienplatz der Medizin unter Umgehung der Zugangsbeschränkungen. Warten wir mal 12 Jahre ab: Erst dann sind die ersten Ärzt*Innen soweit, dass sie anfangen können. Und schauen wir dann, ob sich nicht viele von ihnen aus dem Model „rauskaufen“. Genügend Rechtsanwälte stehen bereit.

Im Moment hält sich die Arbeitsbelastung der Kinderärztinnen und Kinderärzte noch in Grenzen. Noch gibt es wenige Infektionen im Lande. Es sind meist Atemwegsinfekte. Bei weitem am häufigsten sind einfache es Racheninfekte (Pharyngitis), es treten aber auch Krupphusten, Bronchitis und vereinzelt Lungenentzündungen (Bronchopneumonie) auf.

Magen-Darm-Infektionen gibt es bekanntermaßen ganzjährig. Die Noroviren sind die typischen Vertreter in der kalten Jahreszeit. Momentan zeigen sie, was sie drauf haben: sie sind mit Ausbruch der Erkrankung ansteckend. hochansteckend. Leider hält die Ansteckung meist noch 2 Tage an, wenn die Symptome bereits abgeklungen sind. Damit vergrößert sich die Gefahr einer Ansteckung erheblich. Besonders zeigt sich das in Gemeinschaftseinrichtungen. Das geht es den Noroviren am besten, denn die Menschen in Kindergärten oder Altenheimen sind wegen des kalten Wetters eng beieinander. Wie gerade in der Region Emmendingen, von wo alleine in der letzten 74 Neuerkrankungen gemeldet wurden.

Was geht in der Welt rum? Auch Buschbrände können ein erhebliches Problem für die Gesundheit darstellen. Dabei enstehen Luftschadstoffe, die sich über hunderte von Kilometern ausbreiten können. Betroffen sind momentan die Bundesstaaten New South Wales und Queensland im Osten von Australien. Im New South Wales wurde vorgestern der Notstand ausgerufen. Der betrifft auch die Stadt Sydney. Bei den aktuellen Rekordtemperaturen von weit über 40 Grad ist keine Besserung in Sicht. Wer mit Kindern dem kalten Winter entfliehen will, sollte sich zuvor ausreichend über die aktuelle Situation im Osten Australiens informieren. Gerade Säuglinge und Kleinkinder, aber auch Senioren, sind besonders betroffen von gesundheitlichen Folgen der belasteten Luft.

Aluminium – ein Metall das auch in unserem Essen vorkommt

Aluminium ist das häufigste Metall in der Erdkruste. Und da es viele günstige Eigenschaften besitzt, findet es sich auch im Alltag der Menschen immer wieder. Und wie bei allem: zu hohe Konzentrationen können schaden. Ganz besonders den Kindern. Das wusste schon Paracelsus: Dosis sola facit venenum – Die Dosis macht das Gift.

Korund. Foto: Wikipedia.com

Aluminium gilt als unedles Metall, weil es zumeist an andere Elemente gebunden vorkommt. In Korund, einem Halbedelstein, findet es sich zu 57%. In geringerer Konzentration kommt es auch in Rubinen oder dem Saphir vor.

Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) hat sich mit der Frage beschäftigt, ob Aluminium die Gesundheit gefährden kann. Dazu wurde von dort im November eine interessante Abschätzung über mögliche Gesundheitsrisiken veröffentlicht.

Wo findet sich Aluminium in unserem Alltag?

Aluminium kommt, entsprechend seiner Bedeutung in der Erdkruste, in verschiedenen Lebensbereichen vor. Die wichtigsten sind:

  • Lebensmittel: Tee, Kaffee, Gewürze und kakaohaltige Lebensmittel; Laugenbrezeln, die auf Aluminiumblechen gebacken wurden
  • Kosmetika: fast alle Deos (Antitranspirantien), viele Zahncremes, Sonnencremes, Lippenstifte
  • Gegenstände: Alufolie, unbeschichtete Menüschalen, Geschirr. Töpfe und anderes Geschirr unterliegen Regelungen der EU. Hier kommt es darauf an, dass die Legierung bei der Erhitzung weniger als 5 mg/ kg Metall in die Lebensmittel freisetzt

Aluminium wird in geringen Mengen ständig aufgenommen. Akute Vergiftungen sind im Alltag wohl kaum möglich. Gefahren bestehen eher bei langfristig erhöhter Aufnahme. Dann stehen Wirkungen auf das Nervensystem, auf die geistige und motorische Entwicklung von Nachkommen sowie Schädigungen der Niere und der Knochen im Vordergrund. Diese gilt es also zu vermeiden. Aber: „Es bestehen noch wissenschaftliche Unsicherheiten, besonders bei der Einschätzung der Langzeitfolgen sowie der tatsächlichen Aufnahmemengen von Aluminium über die Haut“, sagte BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel.

Wo findet sich besonders viel Aluminium?

In verzehrfähigen Lebensmittel sind meist unter 5 Milligramm Aluminium bezogen auf 1 Kilogramm Frischmasse enthalten. Höhere Werte von über 20 mg/kg finden sich in Hülsenfrüchten, Nüsse, Ölsaaten und Gewürzen, aber auch Zucker, Süßwaren und wasserbasierten Desserts. Und – wichtig für Bewohner des Ländles – auch in Laugenbrezeln, die auf Aluminiumblechen gebacken wurden.

Was kann ich tun um die Aluminiumaufnahme gering zu halten?

Da wir Aluminium aus verschiedenen Quellen aufnehmen, gilt es auch, alle diese Lieferanten von Aluminium zu reduzieren:

  • Kosmetika: besonders wichtig ist die Anwendung aluminiumhaltiger Deodorantien zu vermindern. Alle äußeren Anwendungen sollten nur auf die intakte Haut erfolgen. Bei Schnitten (z.B. Rasur) auch Vorsicht bei Anwendung von Sonnencremes.
  • Lebensmittel: eine diverse Kost ohne Einseitigkeiten verhindert eine Aufnahme problematischer Aluminiummengen

Was gilt für Säuglinge und Kinder?

Hier empfiehlt das BfR: Gestillte Säuglinge nehmen wesentlich geringere Mengen an Aluminiumsalzen auf als nicht gestillte. Denn Säuglingsanfangs- und -folgenahrung weist im Mittel deutlich höhere Aluminiumgehalte auf als Muttermilch. Speziell adaptierte, beispielsweise sojabasierte, laktosefreie oder hypoallerge Säuglingsnahrung kann noch einmal deutlich höhere Mengen an Aluminium enthalten. Das BfR rät, wenn möglich, Säuglinge bis zum sechsten Lebensmonat ausschließlich zu stillen und dann mit normaler Kost zuzufüttern.

Auch aus Impfstoffen nehmen Säuglinge und Kleinkinder Aluminium auf. Impfungen haben
jedoch einen hohen gesundheitlichen Nutzen, sowohl für das Individuum als auch für die
Gesamtbevölkerung. Klinische und epidemiologische Studien zeigen zudem, dass die Aluminiumexposition durch Impfstoffe als gesundheitlich unbedenklich einzuschätzen ist.

Kürzlich kamen von den Inseln im indischen Ozean schwerwiegende Nachrichten betreffend Aluminium. Madagaskar ist in der Region der Hauptlieferant von Aluminiumtöpfen, die unter teils katastrophalen Bedingungen hergestellt wurden. Nachdem sich herausstellte, dass die Konzentration für Aluminium in den gekochten Lebensmittel auf das bis zu 4600-fache (!) des Normalen erhöht waren, wurde beispielsweise auf Mauritius und Mayotte der Verkauf verboten.

Ist die Welt bald frei von Polio?

Es war ein langer Weg bis hierhin. Die Welt ist nahe dran, die Poliomyelitis – kurz Polio – zu besiegen.

Vor drei Jahren wurde in Nigeria der letzte Fall von Wild-Polio (WPV) festgestellt. Darunter versteht man eine Erkrankung die durch das Poliomyelitis-Virus selbst ausgelöst wurde. Denn Polio kann auch durch das Impf-Virus verursacht werden, das bei der Schluckimpfung angewendet wird. Inzwischen gibt es in Nigeria und wenigen anderen Ländern noch vereinzelte Polio-Erkrankungen durch das Impf-Polio-Virus (cVDPV). Das geht darauf zurück, dass dort bei Impfungen noch der Schluck-Impfstoff eingesetzt wird, bei dem es in extrem seltenen Fällen möglich ist, dass das Impf-Lebendvirus selbst ausgeschieden und somit weitergegeben werden kann. Und auch dieses Impfvirus vermag in Einzelfällen eine typische Poliomyelitis auszulösen.

Ausrottung der Poliomyelitis. Der Vergleich der betroffenen Staaten von 1998 und 2019. Foto: economist

Noch 2012 war alleine Nigeria nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  für die Hälfte der Polioerkrankungen weltweit verantwortlich. So wie es jetzt aussieht, könnte bald ganz Afrika für poliofrei erklärt werden.

Die Poliomyelitis ist eine Infektionskrankheit, die sich als Tröpfcheninfektion ausbreitet. In vielen Fällen bleibt sie unerkannt und macht keine Symptome.  Sie kann jedoch Nervenzellen (Motoneurone) befallen, die für die Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind. Das führt zu unterschiedlich ausgeprägten Lähmungen. Wird die Atemmuskulatur befallen droht der Tod durch Ersticken, wenn keine Behandlung mit Beatmung erfolgt. Bis in die 1950’ger Jahre war Polio in 125 Ländern – auch in Deutschland – verbreitet und führte jährlich bei 350.000 Kindern zu Lähmungen.

Daten

Mit Entwicklung eines Impfstoffes im Jahre 1950 begann der lange Weg, die Poliomyelitis auszurotten. Im Jahre 1988 wurde von der WHO das Programm aufgelegt, Polio zu besiegen. Viele Rückschläge haben diesen Prozess bis heute begleitet. Ein Problem bestand darin, dass der Schluckimpfstoff (Sabin – so hieß sein Erfinder) zwar sehr praktisch und günstig war, aber zu einzelnen Neuerkrankungen mit dem Impf-Lebendvirus führte. Erst die Einführung des inaktivierten Impfstoffes (Salk – so hieß sein Erfinder) als Spritze hat diesen Weg der Ausbreitung in Europa gestoppt. Nachdem Amerika bereits 1997 also poliofrei erklärt werden konnte, gelang dies für Europa im Jahre 2002. In Afrika wurden andere Schluckimpfstoffe entwickelt. Aber immer wieder gab es Ausbrüche. Das hatte verschiedene Ursachen. Besondere Probleme bereiteten Migration und Flucht (gerade im nördlichen Nigeria), aber auch mangelhafte Impfprogramme. Und dennoch: Die Erkrankungen an Polio konnten um über 99% weltweit gesenkt werden und erreichten im Jahre 2017 mit 22 neu gemeldeten Polioerkrankungen ihren bisherigen Tiefstpunkt.

Leider haben seither die Zahlen wieder zugenommen. In Jahr 2019 kam es bei verschlechterter Sicherheitslage in Afghanistan zu Neuerkrankungen. Von den inzwischen 88 Neuerkrankungen in diesem Jahr gehen jedoch 72 alleine auf Pakistan zurück, das nach Jahren wieder einen Polio-Ausbruch hatte (Stand Anfang Oktober 2019).

Immerhin: In Nigeria, lange das Polio-Sorgenkind der WHO sind seit 2016 keine neuen Erkrankungen mit dem Wildvirus (WPV) aufgetreten. Man vermutet, dass die WHO den afrikanischen Kontinent bald für poliofrei erklären wird.

Die Welt ist dem Ziel, die Polio ganz auszurotten, sehr nahe.

Was geht rum? 14. Dezember 2019

Auch vor dem dritten Advent ist es ruhig in Baden-Württemberg: kaum Infekte. Trotz – oder sogar wegen? – der Kälte. Viele Leute gehen in die Städte, shoppen in den Läden und besuchen die Weihnachtsmärkte. Und mit ihnen viele Kinder. Das Wetter macht die Füße kalt. Aber Infekte lösen sie dennoch nicht aus.

„Konsultationsindex“ für Baden-Württemberg bis zur 49. Kalenderwoche. Er zeigt, wie viele Personen wegen akuter respiratorischer Erkrankungen (ARE) eine Praxis aufgesucht haben. Foto: RKI

Das zeigt auch die Statistik des Robert-Koch-Instituts für Anfang Dezember. Der sogenannte Konsultationsindex gibt an, wie viele Menschen (bezogen auf 100.000 Einwohner) in der jeweiligen Woche wegen eines Infektes der Atemwege (akute respiratorische Erkrankung – ARE) eine Praxis aufgesucht haben. Die braune Kurve zeigt die Zahlen des letzten Winters, die rote die des jetzigen Winters. Die hellgrüne gibt die Zahl der Infekte der Säuglinge und Kleinkinder (z.B. Kindergarten) wieder. Während alle Kurven unaufgeregt parallel zur braunen verlaufen, zeigt die dunkelgrüne leicht nach oben: relativ viele Schulkinder (5-14 Jahre) sind also zuletzt erkrankt.

Einzelne Grippeerkrankungen (Influenza) gibt es auch. Aber im Ländle und in ganz Deutschland ist keine Grippewelle in Sicht. Freuen wir uns auf Weihnachten. Es sieht danach aus, dass Freude nur selten durch Infekte gestört wird.

Was geht in der Welt rum? In Äthiopien sind die Region Afar und die Stadt Dire Dawa von Krankheiten betroffen, die dort längere Zeit nicht mehr aufgetreten waren: Dengue-Fieber mit 1195 Fällen seit September sowie Chikungunya mit 54.740 Erkrankungen seit September. In beiden Fällen hilft vorbeugend konsequenter Mückenschutz.

Weniger Fleisch: Günstig für die eigene Gesundheit und die Umwelt

Die Diskussionen über Ernährung und Umwelt sind im vollen Gange. Die meisten Menschen haben realisiert, dass Fleischkonsum weder der Umwelt noch der eigenen Gesundheit helfen. In den USA und Großbritannien will jeder zweite Erwachsene den Fleischkonsum verringern. Ob das umgesetzt wird, scheint eher fraglich. In den genannten Ländern hat der Fleischkonsum in den letzten 50 Jahren sogar um 10% zugenommen.

Den Zusammenhang zwischen Umweltbelastung, eigener Gesundheit und dem Essverhalten hat eine Studie kürzlich beleuchtet. Die Forscher Michael A ClarkMarco Springmann, Jason Hill, und David Tilman von der Universität in Oxford untersuchten das für verschiedene Nahrungsmittel. 

Umweltbelastung und gesundheitliche Folgen für verschiedene Nahrungsmittel: rotes Fleisch (rot), Huhn (rosa), Gemüse (grün) Foto: https://www.pnas.org/content/116/46/23357

Die Tabelle zeigt, dass Fleisch besonders ungünstig ist: Die Belastung der Umwelt durch die Produktion des Fleisches ist riesig (hier ist der Index AREI = 37), während gleichzeitig die Sterberate enorm ansteigt. Praktisch heißt das: wer 50 Gramm Fleisch mehr ist pro Tag als der Durchschnitt hat eine um 41% höhere Sterblichkeit gegenüber Menschen, die eine  normale Kost (Durchschnitt) verzehren.

Auf der Gegenseite steht das Gemüse: 100 Gramm mehr Gemüse stellen keine Belastung der Umwelt dar (AREI = 1) und senken die Sterblichkeitsrate gegenüber dem Durchschnitt um fast 15%. Was der Umwelt gut tut, tut auch unserer Gesundheit gut.

Würde ein Mensch, diese 50 Gramm Fleisch pro Tag weniger verzehren und durch 100 Gramm Gemüse ersetzen, würde der Anteil an Treibhausgas um den Faktor 20 sinken. Der Landverbrauch wäre sogar um den Faktor 100 niedriger. 100 Gramm Gemüse ist jedoch deutlich weniger kalorienhaltig als 50 Gramm Fleisch. Um diesen auszugleichen, müsste die Nahrungsumstellung mit erheblichen Mengen an Gemüse ausgeglichen werden.

Eine weitere, statistisch sehr aufwendige und nicht leicht verständliche Studie um Brent F. King von der Johns Hopkins University hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Mit verschiedenen  Rechenmodellen zeigen sie, welche Effekte geringere und stärkere Nahrungsumstellungen für 140 Länder dieser Erde hätten. So würden die Treibhausgase in den USA um 60% sinken, wenn der Durchschnitts-Amerikaner sich zu 2/3 vegan ernähren und nur selten Fleisch zu sich nehmen würde.

Es liegt also nicht nur an der Politik. Auch wir können einiges verändern. Und langsam anzufangen ist besser als gar nicht. „Ich sollte …..“ sollte gestern gewesen sein. Mit Immanuel Kant könnte man sagen: „Ich kann, weil ich will, was ich muss“.