Ist die Welt bald frei von Polio?

Eiserne Lunge aus dem Jahre 1953. Mit diesem Gerät wurden Kinder behandelt, die an Atemlähmung erkrankt waren. Ob sie nach dem Photo weiter gelächelt haben? Foto: American Association for Respiratory Care (AARC)

Es war ein langer Weg bis hierhin. Die Welt ist nahe dran, die Poliomyelitis – kurz Polio – zu besiegen.

Vor drei Jahren wurde in Nigeria der letzte Fall von Wild-Polio (WPV) festgestellt. Darunter versteht man eine Erkrankung die durch das Poliomyelitis-Virus selbst ausgelöst wurde. Denn Polio kann auch durch das Impf-Virus verursacht werden, das bei der Schluckimpfung angewendet wird. Inzwischen gibt es in Nigeria und wenigen anderen Ländern noch vereinzelte Polio-Erkrankungen durch das Impf-Polio-Virus (cVDPV). Das geht darauf zurück, dass dort bei Impfungen noch der Schluck-Impfstoff eingesetzt wird, bei dem es in extrem seltenen Fällen möglich ist, dass das Impf-Lebendvirus selbst ausgeschieden und somit weitergegeben werden kann. Und auch dieses Impfvirus vermag in Einzelfällen eine typische Poliomyelitis auszulösen.

Ausrottung der Poliomyelitis. Der Vergleich der betroffenen Staaten von 1998 und 2019. Foto: economist

Noch 2012 war alleine Nigeria nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  für die Hälfte der Polioerkrankungen weltweit verantwortlich. So wie es jetzt aussieht, könnte bald ganz Afrika für poliofrei erklärt werden.

Die Poliomyelitis ist eine Infektionskrankheit, die sich als Tröpfcheninfektion ausbreitet. In vielen Fällen bleibt sie unerkannt und macht keine Symptome.  Sie kann jedoch Nervenzellen (Motoneurone) befallen, die für die Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind. Das führt zu unterschiedlich ausgeprägten Lähmungen. Wird die Atemmuskulatur befallen droht der Tod durch Ersticken, wenn keine Behandlung mit Beatmung erfolgt. Bis in die 1950’ger Jahre war Polio in 125 Ländern – auch in Deutschland – verbreitet und führte jährlich bei 350.000 Kindern zu Lähmungen.

Daten

Mit Entwicklung eines Impfstoffes im Jahre 1950 begann der lange Weg, die Poliomyelitis auszurotten. Im Jahre 1988 wurde von der WHO das Programm aufgelegt, Polio zu besiegen. Viele Rückschläge haben diesen Prozess bis heute begleitet. Ein Problem bestand darin, dass der Schluckimpfstoff (Sabin – so hieß sein Erfinder) zwar sehr praktisch und günstig war, aber zu einzelnen Neuerkrankungen mit dem Impf-Lebendvirus führte. Erst die Einführung des inaktivierten Impfstoffes (Salk – so hieß sein Erfinder) als Spritze hat diesen Weg der Ausbreitung in Europa gestoppt. Nachdem Amerika bereits 1997 also poliofrei erklärt werden konnte, gelang dies für Europa im Jahre 2002. In Afrika wurden andere Schluckimpfstoffe entwickelt. Aber immer wieder gab es Ausbrüche. Das hatte verschiedene Ursachen. Besondere Probleme bereiteten Migration und Flucht (gerade im nördlichen Nigeria), aber auch mangelhafte Impfprogramme. Und dennoch: Die Erkrankungen an Polio konnten um über 99% weltweit gesenkt werden und erreichten im Jahre 2017 mit 22 neu gemeldeten Polioerkrankungen ihren bisherigen Tiefstpunkt.

Leider haben seither die Zahlen wieder zugenommen. In Jahr 2019 kam es bei verschlechterter Sicherheitslage in Afghanistan zu Neuerkrankungen. Von den inzwischen 88 Neuerkrankungen in diesem Jahr gehen jedoch 72 alleine auf Pakistan zurück, das nach Jahren wieder einen Polio-Ausbruch hatte (Stand Anfang Oktober 2019).

Immerhin: In Nigeria, lange das Polio-Sorgenkind der WHO sind seit 2016 keine neuen Erkrankungen mit dem Wildvirus (WPV) aufgetreten. Man vermutet, dass die WHO den afrikanischen Kontinent bald für poliofrei erklären wird.

Die Welt ist dem Ziel, die Polio ganz auszurotten, sehr nahe.

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