Der verbesserte Mann

Jugendliche Foto: ptw

Jugendliche zu verstehen brauchte wohl seit jeher ein besonderes Einfühlungsvermögen. Das hat sich kaum geändert. Junge Menschen leben und verkörpern die neue Zeit. Und die ist gerade in einem Umbruch, den es in dieser Art schon lange nicht mehr gab. Dadurch sind auch die Anforderungen an Jugendliche deutlich vielfältiger. Die Revolte eines jungen Mannes gegen seinen Vater reicht nicht mehr. Er muss sich im sozialen Netz seine Position erarbeiten. Auch das Geschlechterverhältnis ist ein anderes. Frauen sind selbstbewusster. Das haben die jungen Männer im Elternhaus kaum sehen und erlernen können. So viele Aufgaben. Und dabei immer schön cool bleiben … Ein Artikel der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) am Sonntag (43/2019) hat das kürzlich auf den Punkt gebracht, besser gesagt Sacha Batthyány, sein Autor. Hier einige Ausschnitte, die zum Lesen des ganzen Artikels anregen sollen (mit Genehmigung durch den Autor).

……..Es ist ja nicht so, als würde man gar nicht mehr über Männer sprechen. Einfach nicht über die unter 25 Jahren. Die alten (weißen) Männer hingegen stehen immer wieder im Scheinwerferlicht, wo sie im Zuge von #MeToo für alles Mögliche angeprangert wurden und man ihr Ende medial so oft verkündete wie ihr allerletztes Aufbäumen.

…….Es ist noch nicht lange her, da galten sie als Hoffnungsträger oder als Schrecken der Strasse – oder beides. Sie waren laut und verloren, waren wütend oder wenigstens pornosüchtig. Sie trugen Frisuren, die ihren Eltern nicht passten, hörten Musik, die zehn Jahre später Mainstream wurde, und rebellierten gegen Konventionen. Heute aber ist es eine Greta, die die Massen mobilisiert, kein Gregor. Und ihr Haarschnitt ist so akkurat, als entsprängen sie einem britischen Elite-Internat.

Höchste Zeit, dass man ihn aufsucht und ihm zuhört, dem jungen Mann in der Schweiz. Klar ist das unmöglich, das ist die erste Erkenntnis dieser Suche. Denn es gibt den jungen Mann ebenso wenig wie es die junge Frau gibt oder den Ausländer. Es gab ihn schon früher nicht, aber vielleicht war es nie schwieriger, Generationen in Gruppen zu vereinen: Stadt oder Land, Gymi oder Sek, Bioschweizer oder Secondo – die Gesellschaft hat sich in Mikro­blasen aufgeteilt, die sich in Whatsapp-Kammern mit Informationen zumüllen.

Und zudem sind junge Männer zurückhaltender geworden, auch das ist eine Erkenntnis, als witterten sie überall eine Falle, während die Jahrgänge vor ihnen noch vor jede Kamera drängten. Was lösen meine Handlungen bei anderen aus? – mit dieser Frage sind sie aufgewachsen, der Frage nach ihrer Wirkung. Das macht sie besonnener, als wir es jemals waren, aber auch vorsichtiger: Der junge Mann von heute ist ein Zauderer.

……Vielleicht muss man erst wissen, woher sie kommen, diese jungen Männer, um sie besser zu verstehen. Sie sind Mitte der neunziger Jahre geboren, politisch geprägt wurde diese Generation Z durch die Fukushima-Katastrophe in Japan, nicht die Terroranschläge in New York. Sie sind gut ausgebildet, gehen oft ins Fitnessstudio, sind dafür weniger risikofreudig, das sagt die Statistik. Sie sind «brav, aber depressiv», das sagt das englische Wochenmagazin «Economist».

Manche nennen sie auch Generation Schneeflocke, weil sie von ihren Eltern ständig hörten, während sie ihr Müesli aus dänischen Schalen aßen, wie einzigartig sie seien. Gefühlsbetont seien sie bis in die Fingerkuppen, heißt es, aber wenig belastbar. Sicher ist: Es sind junge Männer, die früh gefördert wurden, Judo, Cello, Frühenglisch und Zirkus Knopf; sie wurden schon bei minimen Auffälligkeiten zum Therapeuten geschickt und trugen selbst beim Schlitteln im Garten immer einen Helm.

….Tatsächlich ist es das Smartphone, das diese Generation verbindet. Rafi und seine Freunde sind die Ersten, die ein Leben ohne Handy nicht mehr kennen. Gemäß der amerikanischen Psychologin Jean Twenge würden viele dieser jungen Menschen ihr Leben nach hinten verschieben. Sie gehen seltener aus, trinken weniger Alkohol, haben weniger Sex und sammeln ganz allgemein zu wenig Erfahrung im analogen Leben, weil sie sich zu sehr im Virtuellen bewegen; weil man sich nicht mehr treffen muss, um sich auszutauschen; weil es keine Klubs und Kinos mehr braucht, seit es Netflix gibt und Spotify.

….«Wir werden zwar ständig mit Informationen gefüttert», sagt Leo, aber das mache die Sache nicht einfacher, weil man immer auch schon die Gegenseite kenne, weil man wisse, was man alles nicht dürfe und was schon wieder out sei. Auf jeden Hype lauert der Gegenhype: Sind Bambusteller gut oder schlecht? Fördert Apple die Kinderarbeit in Kongo? Ist der Rapper Kollegah wirklich ein Sexist? Jede Nachricht kann sich in Sekundenschnelle als Fake herausstellen, wer kommt da noch mit?

…..Martin Bachmann ist Sexualberater im Mannebüro in Zürich. «Wir leben in Zeiten, in denen alles in Verhandlung ist und niemand genau weiß, wie es geht.» Die alten Rollenbilder seien noch da, und doch gebe es keine Generation, die die Gleichstellung der Geschlechter konsequenter lebe.

Kommt hinzu, dass es auch noch nie so viele zielstrebige, schlaue und selbstbewusste Frauen Anfang zwanzig gab. Das fordere viele heraus, die Verunsicherung sei groß, sagt Bachmann. «Es gibt Männer, die sich in der Frage, was es bedeutet, ein Mann zu sein, verlieren», was sich auf die Sexualität auswirke, weil sie ihren Frauen nicht mehr zeigen können, wie sehr sie sie begehrten. Andere wiederum seien feministischer als ihre Partnerinnen, was ebenfalls Probleme bereiten könne. Sicher sei, sagt Bachmann: Nie zuvor wurde zwischen den Geschlechtern derart viel debattiert, neu sortiert und aufbegehrt.

Es ist besser den ganzen Artikel zu lesen. Das geht recht einfach. Bei der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) anmelden. Dort bekommt man einen Zugang für drei Tage. Und einen Blick auf die „Jugend von heute“ über die schon häufiger verächtlich geschaut wurde. Sacha Batthyány eröffnet in sprachlich eleganter und sehr ehrlicher Weise einen ganz neuen Zugang zur nächsten Generation.

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