„Sharenting“ – Wenn Eltern Kinderbilder ins Netz stellen

Respekt Quelle: pixabay, Luisella Planeta Leoni

Auf WhatsApp lassen sich so manche Trends erkennen. Beispielsweise beim Profilbild. Hier zeigen Rentner meist nicht etwa ihre ausdrucksstarkes Gesicht, sondern ein Bild ihres Enkels. Das wechselt dann alle paar Tage als Zeichen Ihres Stolzes.

Selbstdarstellung im Internet ist ein Teil dieser Zeit. Aber dass Kinderbilder die sozialen Netzwerke inzwischen fast überschwemmen, ist etwas ganz anderes. Kinder sind unserer Obhut anvertraut, so nannte man das früher. Heute heißt das übersetzt: Eltern schützen ihre Kinder und wahren so ihre Rechte. Das Recht des Kindes auf Selbstverwirklichung.

Das „Sharenting“ ist ein Kunstwort, das die englischen Worten „sharen“ (teilen) und „parenting“ (Elternschaft, Erziehung) in Verbindung setzt, soll heißen: Eltern posten Bilder ihrer Kinder in den sozialen Netzwerken und teilen sie mit jedermann.

Und damit greifen sie massiv in das Leben der Kinder ein, ohne dass diese an der Entscheidung beteiligt sind. Das Bild von einem schreienden Kleinkind mit Beule. Das Video eines Jungen, der tapsig ins Wasser fällt – all das löst Belustigung bei Erwachsenen aus. Diese ergötzen sich an kindlichen Empfindungen. Und die Eltern sind die Helfer der Gaffer im Netz. So bekommen vielleicht auch pädophil veranlagte Menschen Bilder, die sie besser nicht bekommen sollten.

Ganz zu schweigen, dass mit alledem eines der zentralen UN-Kinderrechte klar verletzt wird. Das Recht auf Privatsphäre. Kleine Schwächen, die das Kind in intimer Umgebung zeigt, werden ohne sein Einverständnis einer breiten Öffentlichkeit zur Unterhaltung angeboten. Was werden diese Kinder 10 Jahre später über diese Bloßstellung denken und sagen? Vermutlich kommen Eltern erst ins Stottern, wenn ihre jugendlichen Kinder sie anklagen. Heute ist vielen von ihnen im allgemeinen gesellschaftlichen Wahn nicht so richtig klar, dass sie ihre Kinder für kurzfristige Lacherfolge anderer benutzen. Und nicht zu vergessen: einmal im Netz, immer im Netz. Diese Bilder lassen sich nicht mehr löschen.

Und die Kinder? Sie verlieren eine unbeschwerte Kindheit. Im Schutz der Familie sollten sie eigentlich langsam den Weg in die Gesellschaft finden. Mit der Last dieser Bilder geht das nicht mehr. Oder wie ein Verfechter der Kinderrechte, der Kinder- und Jugendarzt Victor C. Strasburger von der University of New Mexico sein Buch (liegt leider nur in englischer Sprache vor) nannte: The Death of Childhood: Reinventing the Joy of Growing Up – der Tod der Kindheit.

Zurückhaltung und Respekt sind angesagt. Respekt vor den Kindern, die eigene Rechte haben, ohne sie direkt einklagen zu können. Das Recht auf Privatsphäre haben sie ebenso, bevor sie das formulieren können.

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