Beschneidung von Jungen: noch viel zu oft praktiziert

Jugendlicher Elefant beim Essen Quelle: ptw

Für die Beschneidung von Mädchen haben wir in Deutschland seit wenigen Jahren juristisch klare Verhältnisse: sie ist seit 2012 gemäß §226a StGB verboten.

Für Jungen gibt es den § 1631d BGB, der eine Beschneidungserlaubnis für Jungen vorsieht. Eine klare Ungleichbehandlung der Geschlechter. Und zudem auch ohne medizinische Grundlage. In Absatz 2 wird ausdrücklich festgelegt, dass auch Nicht-Ärzten diesen Eingriff bei Säuglingen unter 6 Monaten zulassen.

Man mag es nicht glauben. Aber leider wird das Thema der Beschneidung von Jungen zwischen Medizin und Tradition geführt, die Argumente sind entsprechend häufig ausgrenzend und lassen kaum Platz für Diskussion. Dabei sind die rituellen Beschneidungen – ohne sie hier zu unterstützen – nur ein Teil des Problems. Das belegen Zahlen des Robert-Koch-Instituts mit seiner KIGGS-Studie von 2007. Dort waren 10.9% aller untersuchten Kinder im Alter von 0-17 Jahren beschnitten, davon 9.9% ohne Migrationshintergrund. Damit wird klar, dass auch die angeblich „medizinischen Gründe“ oftmals keine sind. Denn man geht davon aus, dass etwa 90% aller Beschneidungen medizinisch nicht gerechtfertigt sind, da die Verengungen mit konservativen Maßnahmen einfach zu beheben sind.

In einer Veröffentlichung im Kinder- und Jugendarzt, dem Fachorgan der deutschen Kinder- und Jugendärzte verweist die Autorin Renate Bernhard nochmals auf verschiedene Daten hin. Besonders eindrücklich sind die Zahlen der Kinderchirurgie des Elisabeth-Krankenhauses in Essen: Jungenbeschneidungen dort bis 2013 pro Jahr: 209 Operationen. In 2014 (181 = -13.8%, 2015 (31 = -85.2%) …. 2019: 10 Operationen = -95.2%.

Aus der Praxis weiß ich, dass viele Vorhautverengungen gar keine sind. So sind enge Vorhäute zunächst einmal normal („physiologisch“), wenn die Miktion (Blasenentleerung) unproblematisch ist. Die Vorhaut muss erst in der Pubertät komplett über die Eichel zu ziehen sein. Und selbst in diesem Alter kann mit medizinischen Begleitmaßnahmen und psychologischer Unterstützung eine Operation manches Mal vermieden werden, sollte sich ein junger Mensch erstmals in diesem späten Alter beim Kinderarzt- und Jugendarzt/-ärztin vorstellen.

Für Einzelheiten darf ich betroffene Kinder, Jugendliche und Eltern auf die Phimose-Leitlinie von 2015 verweisen. Hier sind die wichtigen Informationen klar hinterlegt.

In Dänemark ist geplant, für alle nicht-medizinischen Beschneidungen ein Mindestalter von 18 Jahren gesetzlich einzuführen. Eine Initiative ist auf dem besten Weg, in Kürze im dänischen Parlament behandelt zu werden. Ihre Initiatoren: „Man beschneidet keine gesunden Kinder“. 

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