EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern

Bisher betrachteten wir wunderschöne Blumen im Garten. Nun sehen wir Corona in jeder Nische. Quelle: ptw

Nicht nur die Wissenschaft beschäftigt sich nun häufiger mit den Auswirkungen von COVID-19 auf die Kinder und Jugendlichen. Auch in der Politik ist das Thema angekommen. Leider wird es häufig mit wirtschaftlichen Faktoren (Beschäftigung der Eltern) verknüpft und ist weniger auf das Wohl der Kinder selbst ausgerichtet.

Die letzten Tage sind viele Menschen wieder nach draußen gegangen. Sie haben geniest und genossen. Ob das eine neue Infektwelle einleitet, wissen wir nicht. Was für Kinder und Jugendliche aktuell Bedeutung hat, haben wir für Sie in den folgenden 6 Themen aufbereitet.

1.Stationäre Behandlung von Kindern mit Coronaerkrankungen

Kinderkliniken in Baden-Württemberg, die COVID-19 behandeln; Stand 03.05.2020 Quelle: DGPI

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) untersucht die schweren Coronaerkrankungen von Kindern in Kliniken. Bundesweit nehmen an diesem Projekt 66 Kinderkliniken teil, die ihre Daten wöchentlich melden. Die Karte links zeigt alle Kinderkliniken in Baden-Württemberg, von denen bisher Fälle gemeldet wurden. Dabei gibt die Größe der roten Punkte in der Graphik die Anzahl der im Krankenhaus behandelten Kinder an COVID-19 wieder. Freiburg im Südwesten des Landes hat bisher besonders viele Kinder und Jugendliche mit Coronavirus-Infektionen stationär behandelt, während es im Rhein-Neckar-Raum erstaunlich wenige sind.

 

Altersverteilung COVID-19 bei Kindern in Deutschland Quelle: DGPI

Die Mehrzahl der in ganz Deutschland stationär behandelten Kinder, das zeigt die Graphik links, ist jünger als 5 Jahre. Es verwundert nicht, dass die Erkrankungen im „Infektalter“ von 1-5 Jahren besonders hoch liegt. In diesem Lebensabschnitt tauschen Kinder in Deutschland die meisten Infektionen aus. Viele an sich gesunde Kinder erkranken auch unter normalen Bedingungen ohne Kontaktsperre in diese Alter mit bis zu 12 Infektionen pro Jahr. Das sind wohlgemerkt trotzdem gesunde Kinder, ohne einen Immundefekt.

2. Welche Medikamente kommen gegen COVID-19 in Frage?

Das einige Wochen populäre Chloroquin („Malaria-Medikament“) hat sich offenbar nicht bewährt. Dagegen spricht manches für Remdesivir, das ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde und sich als gut verträglich erwies. Dieses Remdesivir bildet einen Teil des genetischen Codes des Virus nach und ist damit eine Art künstliche RNA (Ribo Nuclein Acid). Es schleicht sich bei der Vermehrung des Virus ein und hemmt sie, ähnlich wie Sand im Getriebe. Bisherige, eher kleine Studien zeigten, dass Patienten unter dieser Behandlung bereits nach 11 anstatt nach 15 Tagen gesund waren. Die Daten wurden aber nicht komplett offengelegt und so sind noch viele Fragen offen. So ist auch der ideale Zeitpunkt der Therapie unsicher. Vielleicht kann Remdesivir Teil einer erfolgreichen Mehrfach-Therapie sein? Wird eine ausreichende Herstellung möglich sein?

Eine andere Möglichkeit stellt eine Therapie gegen die Entzündung dar. Ein aussichtsreicher Kandidat ist Tocilizumab (Actemra©), ein Rheuma-Medikament, genauer: ein monoklonaler Antikörper gegen den Interleukin-6-Rezeptor. Wie wirkt er? Bei den schweren Verläufen von COVID-19 kommt es zu einem Cytokine-Sturm. Dabei werden Botenstoffe einer Entzündung – sogenannte Cytokine – in riesigen Mengen freigesetzt und verursachen mit dieser Überreaktion des Immunsystems eine massive Entzündung der Lunge. Bei diesem Sturm kommt es auch zu einer Durchlässigkeit der Äderchen, was eine Gefäßentzündung mit dem Risiko für kleinste Thrombosen nach sich zieht. Tocilizumab kann diesen Prozess stoppen. Die große Frage ist: Zu welchem Zeitpunkt soll es eingesetzt werden? Zu früh würde bedeuten, dass der Körper das Virus nicht wahrnimmt und keine eigene Abwehr aufbaut. Zu spät, dann würde der Patient an der überschießenden Immunantwort seines Körpers versterben. Ähnlich wie beim allergischen Schock bei Bienengiftallergie.

3. Kawasaki-Syndrom bei Kindern mit COVID-19?

Anfang April 2020 haben Kinderärzte in Kalifornien den vermutlichen ersten Fallbericht über ein sechs Monate altes Mädchen mit einem Kawasaki-Syndrom veröffentlicht. Das Kind war wegen eines typischen Kawasaki-Syndroms in der Klinik erfolgreich behandelt worden. Kurz vor Entlassung kam das positive Testergebnis auf SARS-CoV-2. Unter der Auflage einer Quarantäne konnte sie bei guter Gesundheit entlassen werden. Weitere Berichte unterstreichen die Bedeutung dieser schweren Verläufe bei Kindern und Jugendlichen.

Das Kawasaki-Syndrom ist eine Systemerkrankung des Körpers, die auf einer Entzündung der kleineren Blutgefäße (Vaskulitis) beruht. Sie tritt mit Schwellungen der Lymphknoten, hohem und lang andauernden Fieber (mehr als 5 Tage), deutlich geröteten Bindehäuten und lackartig roten Lippen auf. Betroffen sind vorwiegend Kleinkinder. Besonders kritisch ist die Erkrankung des Herzens, die oft mit Herzmuskelentzündung und Erweiterung (Aneurysma) einzelner Herzkranzgefäße verbunden ist.Inzwischen wurden weitere Fälle aus Genf, Dresden, Italien, Spanien und zuletzt auch Luxemburg gemeldet.

Die genaue Ursache ist unbekannt. Es wird vermutet, dass das Kawasaki-Syndrom durch banale Infekte ausgelöst wird. Neben Rhinoviren und RS-Viren sollen auch die harmlosen Coronaviren ( 229E, HKU1, NL63 und OC43) dafür verantwortlich sein. In Europa ist die Erkrankung eher selten (pro Jahr unter 10 auf 100.000 Kinder), in Japan sind es 185 auf 100.000. Dort wurde sie auch erstmals von Prof. Kawasaki beschrieben.

Bei Erwachsenen, die an einer schweren COVID-19-Infektion erkrankt sind, wurden schon häufiger Entzündungen der Gefäße beschrieben. Teilweise führten diese zu Mikrothromben, wie sie beim ARDS zu beobachten sind. Es wird nun vermutet, dass parallel hierzu auch die schweren Verläufe der Corona-Infektionen beim Kind eine Entzündung der Gefäße (Vaskulitis) auslösen. Diese äußert sich im Kindesalter als Kawasaki-Syndrom. Dieser Zusammenhang ist jedoch bis heute nicht geklärt. Für das Kawasaki-Syndrom gibt es etablierte Therapien, die schwere Verläufe meist verhindern können.

4. Welche Grunderkrankungen stellen ein Hindernis beim Schulbesuch dar?

Schulen und Kindertagesstätten öffnen wieder. Schneller und umfassender als gedacht. Das wirft für Kinder- und Jugendärzte die Frage auf, welche Kinder mit Grunderkrankungen zunächst nicht am Unterricht teilnehmen sollten, weil sie besonders gefährdet sind. Diese Frage stellt sich für Kinder und Jugendliche mit Atemwegserkrankungen wie Asthma, angeborenen Herzfehlern, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und beispielsweise auch Immundefekten. Einig sind sich die Experten, dass eine generelle Freistellung vom Unterricht an Schulen bzw. der Teilhabe in KiTas nicht sinnvoll sind.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat in einer Stellungnahme hierzu Position bezogen. Darin wird klar, dass vieles noch unklar ist. Es geht in letzter Konsequenz um die Frage, welche Kinder durch ihre Grunderkrankung in „relevantem Maße“ beeinträchtigt sind. Dabei zeigt sich, dass die genauen Risikoprofile bislang nicht definiert werden konnten.

5. Antikörpertests bei COVID-19: Was sagen sie aus?

Für viel Verwirrung sogen zur Zeit auch die Antikörpertests. Bislang gibt es verschiedene auf dem Markt, deren Ergebnisse sehr unsicher sind. Nun ist in den USA ein Antikörper-Test vom Schweizer Konzern Roche zugelassen worden, der offenbar gute Ergebnisse liefert. Unsicherheit besteht noch zur Frage der Immunität:

  • Noch gibt es keine Langzeituntersuchungen. Wir wissen also noch nicht, ob die Antikörper nach Erkrankung wieder zurückgehen. Und ob damit auch die mögliche Immunität wieder verschwindet. Manche Forscher vermuten eine lebenslangen Schutz nach COVID-19, andere nur einen von „einigen Wochen“.
  • Es gibt zwei unterschiedliche Testgruppen:  Schnelltests und Antikörpertests, die aufwändig im Labor durchgeführt werden. Schweizer Untersuchungen legen den Verdacht nahe, dass die Schnelltests bis zu 3 Mal so viele positive Ergebnisse liefern wie im Labor durchgeführte Antikörpertests. Das bedeutet: Tests sollten zunächst nur zurückhaltend bewertet werden.

Im praktischen Alltag werden uns Antikörpertests im Mai somit wenig weiterhelfen. Es gibt zwar den ausreichend standardisierten Test von Roche. Aber auch der muss in größeren Studien noch weiter untersucht werden und dann auch in den auslieferbaren Mengen vorliegen, dass er alle Patienten in Europa erreicht. Und wir wissen ja, es gibt einen amerikanischen Präsidenten, der in dieser Hinsicht sehr eigenartig denkt.

6. Was tut sich bei den Impfstoffentwicklungen?

Weltweit gibt es inzwischen 115 verschiedene Impfstoffe untersucht (Impfstoffkandidaten). Von diesen sind zehn bereits soweit fortgeschritten, dass sie klinische Untersuchungen zur Verträglichkeit bei Freiwilligen durchführen dürfen. Eine dieser Studien läuft in Mainz mit etwa 200 Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren.

Zahl der gemeldeten SARS CoV-2-Fälle in Baden-Württemberg (Stand 08. Mai 2020, 16:00 Uhr). In Gelb die Zahl der Neuerkrankungen Quelle: LGA

Die Zahl der Neuerkrankungen ging in Baden-Württemberg weiter spürbar zurück. Demnach haben wir – Stand Freitag Abend – wieder eine Häufigkeit an Coronainfektionen wie vor 2 Monaten.

In diesen komplexen Zeiten, in denen sich Informationen zum Coronavirus und die damit verbundenen Entscheidungen zumindest täglich ändern, werde ich an eine Aussage von Joachim Ringelnatz erinnert: „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht“

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