Monat: August 2020

Appendizitis – und doch keine Operation?

Für viele Menschen ist die „Blinddarmentzündung“ ein großer Schrecken. Blinddarm? Der ist eigentlich gar nicht betroffen, das deutsche Wort ist irreführend. Entzündet ist der Wurmfortsatz des Blinddarmes, also ein kleines Anhängsel (lateinisch: Appendix). Deswegen bleiben wir mal beim medizinischen Wort für das Problem: Appendizitis – also Entzündung des Anhängsels.

Üblicherweise wird eine Appendizitis chirurgisch behandelt. Die Operation erfolgt entweder klassisch über einen Unterbauchschnitt oder laparoskopisch, also mit Hilfe einer Optik (meist über einen kleinen Schnitt im Nabelbereich) und zwei weitere kleinste Schnitte am rechten Unterbauch, über die die Arbeitsgeräte eingeführt werden.

Schon länger gibt es Berichte über eine Behandlung der Appendizitis ohne Operation. Hierbei werden Antibiotika eingesetzt, um die Entzündung des Wurmfortsatzes in den Griff zu bekommen und damit einen chirurgischen Eingriff vermeiden zu können. Nun liegt eine gute Studie aus dem renommierten JAMA (Journal of the American Medical Association) vor.

Die Autoren der Studie um Peter C. Menneci aus den USA untersuchten 1068 Kinder und Jugendliche (7-17 Jahre) mit unkomplizierter Appendizitis aus 10 verschiedenen Kliniken in 7 Bundesstaaten. Von ihnen wählten 370 Kinder bzw. ihre Eltern (35%) die nicht-operative Behandlung mit Antibiotika. Nach einem Jahr konnten über 75% aller Patienten kontrolliert werden. Dabei zeigte sich, dass von den Kindern mit Antibiotikatherapie 67.1% nicht operiert werden mussten. Darüber hinaus hatten sie weniger Fieber als die operierten Kinder und der Aufenthalt in der Klinik war kürzer (6.6 Tage gegenüber 10.9 Tagen).

Für die unkomplizierte Appendizitis scheint die konservative Therapie mit Antibiotika eine echte Alternative zur chirurgischen Intervention zu sein.

Was geht rum? 29. August 2020

Noch zwei Wochen bis zum Ferienende. Urlauber mögen im Meer schwimmen oder Berge erklimmen. Eine zusätzliche tägliche Aufgabe für alle Reisenden bleibt die Beschäftigung mit den Bestimmungen um das Coronavirus.

Wenn Sie aus dem Urlaub zurück und wieder im Ländle sein sollten, stellt sich schnell die Frage: „Coronavirus und Schule/ Kita“. Bis es soweit ist vergehen noch zwei Wochen. Zeit, um einen Blick nach Köln zu werfen. Das Gesundheitsamt der Domstadt berichtet in einer Vorab-Veröffentlichung des Epidemiologischen Bulletin des RKI, dass in der Zeit vom 01. März bis 15. Juli in den Kölner Schulen 23 „Indexfälle“ auftraten. Das sind Kinder und Jugendliche, die mit dem Corona-Virus infiziert sind. Von ihnen haben sich 16 innerhalb der Familie und drei auf außerschulischen Veranstaltungen angesteckt (für die anderen 4 Schüler konnte die Quelle nicht eruiert werden). Die Ermittlungen führten zu 28 Kontaktpersonen, bei denen die Rachenabstriche (PCR-Tests) keine für die Schule relevanten Informationen ergaben. Diese und weitere bekannten Informationen über Coronainfektionen bei Kindern sprechen dafür, dass wir einen normalen Schulstart wagen können. Das sehen übrigens auch die amerikanischen Kinder- und Jugendärzte (AAP) so, die gerade einen ausführlichen Leitfaden für die Wiedereröffnung der Schulen (in Englisch) veröffentlicht haben. Dabei sollten wir immer an Voltaire denken: „Alle Menschen sind klug – die einen vorher, die anderen nachher.“

Wenn Ihr Kind krank werden sollte, erhalten Sie von der Krankenkasse Kinderkrankengeld. Pro Kalenderjahr und Kind können Sie für höchstens zehn Arbeitstage Krankengeld beziehen. Bei großen Familien mit drei oder mehr Kindern stehen höchstens 25 Tage pro Jahr zur Verfügung. Wenn beide Eltern arbeiten oder bei  Alleinerziehenden stehe doppelt so viele Tage zur Verfügung. Neu ist, dass infolge der Corona-Pandemie im Jahr 2020 jeweils fünf weitere Tage pro Elternteil (Alleinerziehende: weitere zehn Tage) gewährt werden können..

Die Blätter welk, aber die Früchte strahlen in der tiefstehenden Sonne: Eberesche. Quelle: ptw

Die Zeit der Pollen geht zu Ende, die Zeit der Früchte beginnt. Neben knackigen Äpfeln und saftig-süßen Trauben versuchen verschiedene Beeren auf sich aufmerksam zu machen. Einige davon sind giftig. Hier im praxisblättle gibt es dazu einige Beiträge. So z.B. zu den Tollkirschen, den Eiben und den Beeren des Pfaffenhütchens.

Infektionen sind immer noch selten. Auch von Kinderkrankheiten sind Kinder weitgehend verschont. Zwei neue Infektionen mit Keuchhusten und 49 Fälle mit Windpocken: Keine Masern, kein Mumps, keine Röteln.

Was geht in der Welt rum? Viele Menschen aus Süddeutschland besuchen gerne Italien. Nach den schlimmen Wochen im März und April ist dort die Lage in Bezug auf das Corona-Virus sehr gut – ohne dass dies bei uns so richtig wahrgenommen würde: In Italien sind laut der Europäischen Gesundheitsbehörde ECDC (in Englisch) über 14 Tage bezogen auf 100.000 Einwohner 16.5 Personen an COVID-19 erkrankt, in Deutschland in der gleichen Zeit 20.5 Menschen (Stand 26.08.2020).

Es gibt dort aber auch spezielle Krankheiten, die bei  kaum bekannt sind. So sind seit Anfang August 19 Erkrankungen mit dem West-Nil-Fieber-Virus aufgedeckt geworden, die in den Regionen Emilia-Romagna, Piemont und Lombardei auftraten. Die Ansteckung erfolgt über Viren, die von Stechmücken von einem Wirt zum nächsten übertragen werden. Konsequenter Mückenschutz ist die wirksamste Maßnahme.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende,

Ihr

 

 

 

Masern-Impfpflicht

Sie wurde just damals eingeführt als das Coronavirus in Europa einfiel: Die Masern-Impfpflicht. Und sie gilt schon seit dem 01. März 2020. Durch die vielen anderen medizinischen Probleme rückte dieses Thema sofort in den Hintergrund. Langsam, mit der Öffnung der Kindergärten und Schulen, kommt es wieder zum Tragen. Wir wollen hier einige Fragen beantworten, die sich Ihnen in den kommenden Wochen stellen könnten.

Wer unterliegt der Impfpflicht gegen die Masern?

Zunächst einmal alle Kinder (nach dem ersten Lebensjahr) und Jugendlichen, die eine Gemeinschaftseinrichtung besuchen. Dabei ist es gleich, ob es sich um einen Kindergarten, eine Grund-, Werkreal- und Realschule oder um ein Gymnasium handelt. Auch Schüler an Berufsschulen und andere Bildungsstätten unterliegen der Masernimpfpflicht.

Schülerinnen und Schüler, die neu in eine Schule kommen müssen den Impfschutz mit dem Eintritt in die neue Schule nachweisen. Das betrifft beispielsweise Schüler in diesem September, die von der Grund- in die Realschule wechseln. Die Schule wird diesen Nachweis verlangen. Alle anderen, die in der gleichen Schule bleiben müssen den Impfschutz gegen Masern bis spätestens 31. Juli 2021 (also zum Ende des jetzt beginnenden Schuljahres) nachweisen.

Auch die Lehrer / Betreuer sind betroffen

Ja. Auch die Lehrerinnen und Lehrer in Schulen sind betroffen, Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten ebenso. Das gilt jedoch nur für Personen, die nach 1970 (als frühestens am 01.01.1971) geboren wurden. Der Nachweis muss bei Beginn der Tätigkeit in einer Schule sofort geführt werden. Für Lehrer, die bereits an einer Schule tätig sind und tätig bleiben ist der Nachweis spätestens bis zum 31. Juli 2021 zu erbringen.

Was muss genau nachgewiesen werden?

Letztlich geht es dem Gesetzgeber darum, dass die Ausbreitung der Masern gestoppt wird. Der persönlich Schutz gegen Masern kann nachgewiesen werden durch:

  • Eine durchgeführte zweimalig Impfung. Als Nachweis gilt der Eintrag einer Masernimpfung im persönlichen Impfausweis, der in der Schule bzw. im Kindergarten vorgelegt wird.
  • Alternativ kann ein ärztliches Zeugnis über eine ausreichende Immunität gegen Masern vorgelegt werden (Nachweis von schützenden Masern-IgG-Titern). Die Kosten hierfür trägt der Patient in der Regel selbst (keine Kassenleistung).

Können Personen von der Impfpflicht ausgenommen werden?

Ja. Es gibt eine eher kleine Gruppe von Menschen, die nicht geimpft werden können. Das sind oft Personen mit einer angeborenen oder krankheitsbedingten Abwehrschwäche. Liegen solche Gründe gegen die Durchführung einer Impfung vor, können Eltern gegen Vorlage eines ärztlichen Attests ihr Kind von der Impfung ausnehmen. Vergleichbares gilt für Lehrer und Lehrerinnen (z.B. während einer Schwangerschaft).

Es gibt (noch) approbierte Ärzte, die sich dazu hinreisen lassen und falsche Atteste ausstellen. Wie ein Film vom frontal 21 (ZDF) zeigt geht die kriminelle Energie soweit, dass gegen Zahlung von 10 € sogar Bescheinigungen für Kinder ausgestellt werden, die es gar nicht gibt. Damit erfüllen sie einen strafrechtlichen Tatbestand und müssten eigentlich verfolgt werden.

Warum gibt es überhaupt die Masern-Impfpflicht?

Die Masern sind eine der höchst ansteckenden Erkrankungen weltweit. Und sie gehören zu den besonders gefährlichen Erkrankungen. So führen die vielen Komplikationen bei dieser Krankheit bei einem von 1000 – 1500 erkrankten Kindern oder Erwachsenen zum Tod. Detaillierte Informationen finden Sie im praxisblättle.

Wo kann ich weitere Informationen finden?

Das Thema Masernschutzgesetz sieht auf den ersten Blick einfacher aus als gedacht. Wenn Sie weitere Fragen haben, werden Sie vermutlich auf der Homepage des Bundesministeriums für Gesundheit zum Masernschutzgesetz eine kompetente und verständliche Antwort finden.

Was geht rum? 22. August 2020

Mit hoher Sonneneinstrahlung steigen die Konzentrationen von Ozon in der Luft.. Ozon entsteht vorwiegend aus Stickoxiden und seine Konzentration ist gerade auch in Gebieten

Ozonbelastung gestern in Pforzheim. Quelle: ptw

mit sonst eher geringen Schadstoffwerten hoch. So kommt es, dass auf dem Lande die Werte meist höher sind als in den Städten. Mit der noch starken Sonneneinstrahlung am Donnerstag und Freitag stiegen die Werte erneut. Betroffen waren viele Orte im sonnigen Rheintal wie etwa Baden-Baden. Aber auch Pforzheim und Heilbronn zeigten leicht erhöhte Werte. Das Reizgas Ozon kann Kindern und Jugendlichen mit Atemwegserkrankungen wie Asthma bronchiale oder Mukoviszidose zusetzen. Die Zeit der Ozonbelastungen geht nun aber zu Ende. Wir sehen die Sonne schwächer und kürzer.

Viele Familien sind in Urlaub. Einige nutzen die Gelegenheit, um ihre Verwandten und Freunde in den Heimatländern zu besuchen. Kinder mit Familien reisen dabei meist mit dem Flugzeug, um die Belastung für Kinder gering zu halten. Aber wie hoch ist denn das Risiko sich im Flugzeug anzustecken? So ganz genau weiß das niemand. Eine gerade erschienene Studie kann jedoch Hinweise geben. Darin analysieren die Autoren um Sebastian Hoehl von der Universität Frankfurt am Main einen Flug vom März 2020, als noch keine Maskenpflicht beim Fliegen bestand. Wer die PDF-Datei herunterlädt kann in einer einfachen Graphik sehen, wie sich die Infizierten im Flugzeug verteilten. Welchen Effekt die Maskenpflicht heute hat, ist leider noch nicht klar belegt. Sinnvoll ist sie jedoch auch im Flugzeug.

Die übrigen Infektionen sind wenig bedeutsam. Selbst bei den Kinderkrankheiten besteht nur wenig Aktivität: Keuchhusten, Mumps und Masern traten in der letzten Woche jeweils einmal in ganz Baden-Württemberg auf. Paradiesische Zustände, die bald Vergangenheit sein dürften.

Ab diesem Wochenende haben es die Pollen schwerer, die Menschen im Land zu ärgern. Gestern noch im heißen Aufwind, kommen jetzt Wetterbedingungen, die nur leichte und kurzzeitige Pollenflüge zulassen. Die Allergiker können frei atmen.

In dieser Woche hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den Vorschlag der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Instituts (STIKO) aufgenommen und das Impfschema für die Säuglinge vereinfacht. Bei vergleichbar gutem Impfschutz sind ab sofort statt bisher 3+1 nur noch 2+1 Impfungen für einen guten Impfschutz mit der Sechsfachimpfung (Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B) erforderlich. Somit entfällt ein Impftermin. Vergleichbarer Schutz, ein Impftermin weniger – eine gute Sache.

Einige Länder sind schon soweit. In Baden-Württemberg liegt der Termin der Einschulung noch weit in der Ferne. Klar ist aber: Die Schul-Eingangsuntersuchungen der Gesundheitsämter sind der Corona-Pandemie weitgehend zum Opfer gefallen. Für Kinder, die regelmäßig zu den U’s – den kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen – vorgestellt werden ist das kein Problem. Für die anderen, die oft mehrfach benachteiligt sind, kann das jedoch ernste Folgen haben. In den letzten Wochen haben viele Ämter die Eingangsuntersuchungen in geringem Umfang nachgeholt. Die Lücke kann aber bis zum Schulbeginn unmöglich geschlossen werden. Eine der schwerwiegenden Folgen eines unsichtbaren Virus.

Was geht in der Welt rum? Das Dengue-Fieber ist eine enorm bedeutsame Infektion, die vorwiegend in den Tropen vorkommt. Inzwischen sind Hitzewelle in Europa kaum eine echte Besonderheit mehr. So erstaunt es nicht, dass kürzlich die erste Infektion mit dem Dengue-Virus auch in Frankreich, in der Provinz Okzitanien ganz im Süden, erworben wurde.

Ich wünsche Ihnen ein heiteres Wochenende.

Ihr

Peter Th. Wolff

Kinderwagen: gute Modelle sind selten

Die Stiftung Warentest widmet sich in ihrer neuesten Ausgabe (8/2020) dem Kinderwagen. Sie sollen die Kinder sich durch die Gegend transportieren, wenn die Kräfte der Eltern das nicht mehr erlauben. So bequem wie auf Mamas oder Papas Arm sind sie jedoch mitnichten. Das zeigt sich im Ergebnis: Nur zwei Sitze können überzeugen. Auch deswegen, weil die meisten Wannen der Kinderwägen zu klein für die Kleinen sind. Das erstaunt dann doch.

Die beiden „gut“ gestesten Modell wollen wir hier kurz erwähnen. Wie immer möchte wir allen Eltern jedoch den gesamten Beitrag (Seiten 70-75) sehr empfehlen. Im Kleingedruckten finden sich noch viele Informationen, die für die „Fahrgäste“ Kinder wichtig sind.

Name Note Preis Anmerkung
Maxi-Cosi Lila XP 2,2 950 € hohes Gewicht (leere Schale: 4,6 kg); sperrig
Hartan YES GTS 2,3 1100 € nur für Kinder bis 36 Monate Alter

Die Preise sind happig, bei den schlechter getesteten Modell jedoch nur selten günstiger.

Was geht rum? 15. August 2019

Baden-Württemberg ist noch in den Ferien. In Berlin hat diese Woche der Unterricht wieder begonnen und es traten bereits 8 Coronaerkrankungen an den Schulen auf. Was haben wir im Ländle vom Corona-Virus zu erwarten, wenn der Unterricht in den Schulen oder die Betreuung in der Kindergärten bei uns wieder beginnen? Werden aus den Urlaubsländern Coronaviren zu uns getragen? Danach sieht es im Moment fast aus. Olaf Palme, früherer schwedischer Ministerpräsident kommt mir dabei in den Sinn:„Die Geschichte ist eine Schule, in der die Stundenpläne selten eingehalten werden.“ Versuchen wir aus den eignen und den Erfahrungen anderer zu lernen. Damit ein Stückchen Normalität für unsere Kinder zurückkommt.

Anteil der positiven Test auf das Coronavirus steigt in den letzten Wochen. Quelle: statista

Der Anteil der positiven Testergebnisse liegt inzwischen bei 1% bezogen auf die Gesamtzahl der durchgeführten Corona-Tests. Viele Gründe tragen dazu bei. Die Reiserückkehrer sind einer. Und die steigende Unachtsamkeit von uns allen ist ein anderer. In den Schulen oder den Kindergärten breitet sich das Coronavirus jedoch kaum aus. Wir sollten alles daran setzen, die Kindergärten und Schulen offen zu halten. Die Kinder sollten nicht länger darunter leiden, dass wir Erwachsene oftmals nicht vernünftig handeln. Dazu liegt auch eine klare Stellungnahme der kinderärztlichen Fachgesellschaften von letzter Woche vor. Dennoch ist in Berlin nach drei Tagen Unterricht bereits die erste Schule wieder geschlossen worden. Meine Meinung: Unsere Kinder sind uns wichtiger als Fußballspiele oder Urlaub in Risikogebieten. Was meine Sie?

Andere Erreger spielen bei den Infektionen kaum eine Rolle. Selbst die einfachen Infekte mit Schnupfen sind in den Urlaubsmonaten wieder selten geworden. Interessant ist, dass alle Magen-Darm-Infektionen weiterhin deutlich weniger auftreten als im letzten Jahr: Rotaviren – typisch für Kleinkinder – in diesem Jahr 406 Erkrankungen (2019: 1909), Noroviren 3836 in diesem Jahr (2019: 7582). Selbst die Salmonellen fürchten sich (2020: 756, 2019: 920 Fälle). Die AHA-Regel ist mühsam für die, die sich daran halten. Das scheinen im Ländle viele zu sein, sonst hätten wir keinen so guten Effekt bei all den anderen Infektionen. Danke an all diese freundlichen Menschen!

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen bei Frankfurt befasst sich unter anderem mit der Zulassung von Impfstoffen. Für uns KinderärztInnen ist das PEI schon immer eine wichtige Behörde. Durch die Corona-Pandemie ist ihre Bedeutung jedoch enorm gestiegen. Für alle, die mehr über Corona-Impfstoffe erfahren möchten hat das Institut inzwischen eine sehr hilfreiche Informationsseite hochgeladen. Die Frage „Warum gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen SARS-CoV-2?“ stimmt leider nicht mehr. Russlands Führung hat ihrem Hang zu großen Gesten nachgegeben und eine wenig geprüften Impfstoff zugelassen. Ohne wissenschaftliche ausreichend Grundlage.

Gräserpollenflug am Oberrhein. Die aktuellen Zahlen von 2020 sind mit schwarzen Balken dargestellt, den Mittelwert der letzten 10 Jahre zeigt die graue Fläche. Das zeigt: früher Beginn der Gräserpollensaison, danach aber eher harmloser Verlauf.   Quelle: www.pollenundallergie.ch

Es ist sehr warm und schwül im Südwesten. Noch. Mit den spürbar kürzeren Tagen deutet sich an, dass der Sommer bald zu Ende gehen wird. Das zeigt sich auch beim Pollenflug. Wie jedes Jahr um diese geht die Zahl der Gräserpollen spürbar zurück. Bedeutsame Belastungen gibt es für Allergiker nur regional in der Nähe von Feldern oder beim Wetterwechsel.

Was geht in der Welt rum? Pollen gibt es nicht nur bei uns. Der Mittelmeerraum weist ein großes Spektrum von Pflanzen aus, die natürlich auch Pollen produzieren. Im Sommer ist der Pollenflug aber im Wesentlich auf Brennesselgewächse (Urticaceae) und Traubenkraut (Ambrosia) in der westlichen Türkei begrenzt. Und diese fliegen nur zeitweise. Gute Zeiten für Allergiker im sommerlichen Mittelmeerraum.

Sind Sie gerade noch im Urlaub? Die aktuellen Fragen für Reiserückkehrer nach Baden-Württemberg sind auf der Homepage des Landes beantwortet.

Ich wünsche Ihnen trotz aller schlechten Nachrichten ein entspanntes und erholsames Wochenende

Ihr

Peter Th. Wolff

Krafttraining bei Kindern: Müssen wir umdenken?

In Deutschland spricht man davon eher kaum: Krafttraining bei Kindern. In den USA ist das ein wichtiges Thema, mit dem sich sogar das Fachjournal der Kinder- und Jugendärzte Pediatrics regelmäßig befasst.

Das Team um Paul R Stricker von der Sripps Clinic in San Diego, Kalifornien, hat kürzlich neue Leitlinien für das Krafttraining (resistance training) für Kinder und Jugendliche veröffentlicht. Damit liegt eine Revision der letzten Leitlinie der Amerikanischen Akademie für Pädiatrie (AAP) aus dem Jahre 2008 vor.

Aus Sicht der amerikanischen Kinderärzte hat Krafttraining mehr damit zu tun Verletzungen zu verhindern als dass es selbst zu Verletzungen führen würde. Das Krafttraining wird als sehr sinnvoll angesehen, wenn einige Voraussetzungen gegeben sind. Die wichtigste Bedingung ist die Supervision: Ein qualifizierter Trainer muss die Kinder und Jugendlichen einführen und begleiten. Deswegen erstaunt es nicht, dass die meisten Verletzungen im Zusammenhang mit Krafttraining zuhause auf den privaten Geräten passieren.

Desweiteren müssen einige medizinische Voraussetzungen gegeben sein. So sollte in jedem Fall vor Beginn des Trainings eine Untersuchung bei einem Kinder- und Jugendarzt erfolgen. Dabei sind Fragen eines Bluthochdrucks (arterielle Hypertonie) oder von Hinweisen auf ein Anfallsleiden (Epilepsie) zu klären. Bei diesen Erkrankungen ist das Krafttraining möglich, muss aber mit dem Facharzt abgestimmt werden. Bei anderen Erkrankungen wie der hypertrophen Kardiomyopathie oder dem Marfan-Syndrom sollte ein Krafttraining gemieden werden.

Das Krafttraining hat unter diesen Bedingungen mehr damit zu tun Verletzungen zu vermeiden als dass es selbst zu Verletzungen führt. Es verbessert die Muskelkraft und die Muskelausdauer. Das wiederum verbessert die körperliche Beweglichkeit, vermittelt ein besseres Körpergefühl und trägt letztlich zu besserer Koordination bei. In der Summe wird dadurch das Verletzungsrisiko gesenkt. Daneben sind viele weiteren gesundheitlichen Vorteile bekannt, wie die Verbesserung kardiovaskulärer Fitness („Kreislauf“), verbesserte Mineralisation der Knochen und niedrigere Blutfette.

Eine ganz große Bedeutung könnte das Krafttraining für übergewichtige Kinder und Jugendliche haben. Ihr Übergewicht führt dazu, eher herumzuhängen und wenig aktiv zu sein. Dadurch verlieren sie an Fitness und gewinnen an Gewicht. Beim Krafttraining ist Schnelligkeit und Agilität erstmal nicht gefragt. Damit könnten also Übergewichtige ohne Gesichtsverlust starten, ihren Muskelapparat zu trainieren und damit den Fettanteil zu senken. Der Druck bedauernswerte Blicke ertragen zu müssen würde wegfallen. Damit wäre auch die Chance größer, dass sie dabeibleiben und langfristig eine Balance von Nahrungsaufnahme und körperlicher Bewegung erreichen.

Was geht rum? 08. August 2020

Der Hochsommer ist wieder da. Mit ihm trockene Luft, in der sich Pollen Hunderte Kilometer weit bewegen können. Gräserpollen spielen im Südwesten vorwiegend in den höheren Lagen eine Rolle. Dort ist auch der Wegerich aktiv, während am Rhein die Beifußpollen bedeutsamer sind. Je länger es trocken bleibt, umso weniger Pollen sind übers Wochenende zu erwarten.

Banale Infekte spielen inzwischen kaum eine Rolle mehr. Die kleine Infektwelle, die mit der Öffnung der KiTas und Schulen einherging, ist vorbei. Und trotz alledem bewegen sich die Erkrankungszahlen bei den Kinderkrankheiten auf niedrigem Level. Seit 22 Wochen traten keine Masern auf – der letzte Woche gemeldete Fall war eine Fehlmeldung. Auch bei Keuchhusten und Windpocken wenig Neuerkrankungen – außer in der Region Freiburg.

Corona bleibt das Hauptthema. Ob nun Dauerwelle oder zweite Welle oder was auch immer: Das Corona-Virus ist unter uns und verbreitet sich. Nach den Ferien hat sich Prof. Dr. Drosten vom Robert Koch-Institut in DIE ZEIT mit klugen Gedanken zu Wort gemeldet: „Während das Virus mit der ersten Welle in die Bevölkerung eingedrungen ist, wird es sich mit der zweiten Welle aus der Bevölkerung heraus verbreiten.“ Künftig gilt es, Cluster – also Anhäufungen von Infektionen – schnell zu erkennen, bevor sich das Virus von dort aus spinnenartig ausbreitet.

Tollkirsche Quelle: pixabay, hans

Bald trägt die Tollkirsche in einigen Landstrichen wieder Früchte. Glücklicherweise sind diese schwarz und damit für die meisten Kinder nicht so recht attraktiv. Eltern schweigen sich also am besten aus, wenn sie an Tollkirschen vorbeikommen. Erst ältere Kinder und Jugendlichen sollten über die Gefährlichkeit dieser Pflanze aufgeklärt werden. Wenn Sie sich noch mal informieren wollen – hier in einem Beitrag des praxisblättle finden Sie das Wichtigste.

Was geht in der Welt rum? Für Reisende in Europa ist eine oft unbekannte, aber wichtige Erkrankung das West-Nil-Fieber. In den letzten vier Wochen traten in Griechenland zehn Infektionen auf, besonders in den Regionalbezirken Xanthi, Thasos und Serres im Nordosten des Landes. Mückenschutz ist wichtig.

Ab Montag schauen wir nach Berlin. Dort werden 365.000 Schülerinnen und Schüler wieder ihre Ranzen packen und zur Schule gehen. Dort soll Regelunterricht in voller Klassenbesetzung stattfinden. Manche Lehrer haben Sorge, wie das gut gehen sollte. Die Politik hat noch keine schlüssige Antwort geliefert. Immerhin landen am Flughafen in Tegel Flugzeuge mit 2000 Personen aus Risikogebieten – täglich. „Dit is Berlin“. Wir im Südwesten sollten genau hinsehen. Damit bei uns Regelunterricht ab Mitte September wieder für alle Schüler möglich wird.

Ich wünsche Ihnen ein faules Wochenende mit schattigen und leicht belüfteten Plätzen in der Natur, wo man die Seele baumeln lassen kann und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr

Peter Th. Wolff

Drogenkonsum bei Jugendlichen

Drogenkonsum ist ein wohl ein Thema mit dem sich alle Eltern von Jugendlichen irgendwann auseinandersetzen müssen. Auf dem Land glauben manche noch heute, die äußere Idylle sei ein Beleg dafür, dass Drogenkonsum kaum ein Problem sei. Das ist jedoch ein Irrtum. Richtig ist nur, dass sich der Drogenkonsum auf dem Lande anders darstellt als in der Stadt.

Die bedeutendsten Drogen sind Alkohol, Nikotin und Cannabis. Dabei fallen Unterschiede für Europa und die USA auf. Während 15- bis 16-jährige Schüler in den USA deutlich mehr Cannabis konsumieren (bezogen auf einen Monat: USA 15-17%- Europa 5-8%), ist der Alkoholkonsum in Europa spürbar höher (Europa 50% – USA ca. 22%). Diese Zahlen zeigen nur einen groben Rahmen. Modetrends und politische Entscheidungen (Legalisierungen von Cannabis in einzelnen Staaten der USA) verändern das Spektrum.

Der Europäische Drogenbericht von 2019 gibt einen guten Einblick in die Bedeutung der einzelnen Drogen. Dabei werden jedoch nur die „jungen Erwachsenen“ (15 – 24 bzw. 35 Jahre) den Erwachsenen (15 – 64 Jahre) gegenübergestellt. In Europa haben 96 Millionen Menschen (29%) jemals im Leben illegale Drogen konsumiert. Weitaus am häufigsten ist das Cannabis. Innerhalb der EU gibt es aber auch hierfür enorme Unterschiede. In Malta liegt die Rate der Erwachsenen, die Cannabis konsumiert haben, bei 4%. In Frankreich liegt sie – trotz oder wegen des guten Rotweins – bei 45%.

Cannabis. Trends für Preis und Wirkstoffgehalt Quelle: Europäischer Drogenbericht 2019

In den letzten Jahren hat sich der Markt für Cannabis spürbar verändert. Das zeigt die oben stehende Graphik. Cannabis kann als Cannabiskraut („Marihuana”) oder als Cannabisharz („Haschisch”) konsumiert werden. Während die Preise von 2007 bis 2017 kaum angestiegen sind, liegt der Wirkstoffgehalt (bezüglich THC = Tetrahydrocannabinol) für Cannabis inzwischen deutlich höher.

Für weitergehende Informationen auch über andere Drogen wie Kokain, MDMA, Amphetamine oder neue psychoaktive Substanzen (NPS) ist der Europäische Drogenbericht eine gute Quelle.

Wenn Jugendliche durch schwer erklärbare Symptome mit Verhaltensauffälligkeiten auffallen, sollte an Drogenkonsum gedacht werden. Es ist sinnvoll, sie direkt ohne einen moralischen Unterton darauf anzusprechen.

Was geht rum? 01. August 2020

Es scheint, dass Party und Panik den neuen Umgang mit dem Coronavirus bestimmen. Beides ist nicht zielführend. Für Sie als Eltern ist wichtig, dass nach heutigem Stand kein besonderes Risiko von Kindergärten oder Schulen für Ihre Kinder ausgeht. Die überwiegende Zahl von erkrankten Schülern haben die Infektion durch eine Ansteckung von außen in die Schule hinein getragen. So kam es laut Landesgesundheitsamt seit Beginn der zu 78 Corona-Infektion bei Schülern. Durch die akribische Arbeit der Gesundheitsämter („Ermittlung von Kontaktpersonen“) konnten echte Ausbrüche in Schulen verhindert werden.

Abstand und Maske. Das ist kurz und knapp, was uns vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützt. Eine neue Untersuchung zeigt, dass selbstgenähte Masken gewisse Anforderungen erfüllen sollten: Am besten sollten sie aus 2 Lagen Stoff bestehen. In ruhigen Situationen (wie Gesprächen) gibt eine einfache und einlagige Maske durchaus einen spürbaren Effekt. Aber spätestens beim Niesen und Husten ist nur die 2-lagige Maske in der Lage, die Tröpfchen-Verbreitung aufzuhalten. Es lohnt sich, die Original-Publikation von Paatrek Bahl und Mitarbeitern aus Sydney (Australien) wegen der graphischen Darstellungen anzusehen.

Die Juli-Infektwelle mit Schnupfen in Kindergärten und Schulen scheint abzuebben. Mit den Ferien gibt es weniger Chancen sich anzustecken. Auch bei den Kinderkrankheiten kommen seit Wochen fast nur gute Nachrichten. Der Keuchhusten kommt spürbar seltener vor als im letzten Jahr. Grund hierfür dürften die AHA – Regeln ( Abstand + Hygiene + Alltagsmaske) sein. An diese Regeln sollten wir uns weiter konsequent halten.

Neuerkrankungen an FSME in Baden-Württemberg. Die blauen Säulen geben die Fälle pro Kalenderwoche wieder. Die hellblaue Fläche gibt die maximalen und minimalen Fallzahlen der letzten 10 Jahre an. Quelle: Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg

Besorgniserregend sind die Erkrankungszahlen bei der FSME: Früh-Sommer-Meningo-Encephalitis. Sie erreichen in einem Ost-West-Gürtel vom Landkreis Ravensburg bis in den mittleren Schwarzwald sehr hohe Neuinfektionen mit bis zu 14 pro 100.000 Einwohner. Auch wenn dies Kinder weniger betrifft als Erwachsene, sollte mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt überlegt werden, ob eine Impfung regional wichtig ist. Empfohlen ist sie für das Land-Baden-Württemberg ohnehin (ab dem Alter von 1 Jahr).

Für Pollenallergiker gibt es keine neuen Nachrichten. Pollen fliegen weiterhin. In höheren Lagen herrschen die Gräserpollen vor, in tieferen fliegen Spitzwegerich und inzwischen auch Beifußpollen. Besondere Änderungen sind über die nächste Woche nicht zu erwarten

Was geht in der Welt rum? In den letzten Wochen trat das West-Nil-Fieber in Rumänien und in Griechenland auf. Das Virus kommt über Zugvögel aus den Tropen nach Europa und betrifft viele Länder, wie die Karte des ECDC zeigt. Die Übertragung erfolgt über infizierte Stechmücken – selten – auch auf den Menschen. Beim Menschen tritt in 20% nach einer Infektion eine grippeähnliche Erkrankung auf. In Deutschland kam es erstmals im letzten Jahr zu einer West-Nil-Infektion. Eine Impfung gibt es nicht, im Zentrum steht der Mückenschutz.

Für alle, die sich auf Reisen möchte ich hier nochmal die Einreisebestimmungen und Corona-Regeln für die Europäische Union zur Lektüre empfehlen. Auf diesem Terrain ändern sich manche Dinge täglich. Es lohnt sich also, mehrfach vor dem Urlaub nachzusehen.

Ich wünsche Ihnen ein schattiges Sommer-Wochenende und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr

Peter Th. Wolff