Was geht rum? 07.November 2020

Gefährlich und sehr hübsch. Der Fliegenpilz, der momentan sehr oft in den Wäldern anzutreffen ist. Quelle: ptw

Themen

♦ Anstieg bei den Klinikaufnahmen von Kindern mit COVID-19   

♦ Den „Wald ins Wohnviertel holen“

♦ Welche Infekte gehen in Baden-Württemberg rum?                                                                

♦ Wen trifft das Coronavirus mehr? Jung oder alt? Arm und reich?

 

Wurden Sie schon mal operiert? Vermutlich haben sich Ihnen im Operationssaal Ärzte mit Mundschutz gezeigt. Mal im Ernst, kam Sie auf die Idee, dass unter den Chirurgen oder Urologen einer ist, der ohne Maske operiert? Ein Mundschutzverweigerer? Das wäre nicht nur gefährlich, sondern auch eklig. Interessant ist nur, dass Maskenverweigerung während der Pandemie eher als Kavaliersdelikt behandelt wird. Man/Frau fühlt sich stark – oft, weil die Verweigerer sich wissenschaftlichen Erkenntnissen verwehren. Ohne Wissenschaft gäbe es aber auch keine Autos oder Handys. Warum sollen also gerade diese medizinischen Grundlagen falsch sein? Interessante Fakten zum Thema Tröpfcheninfektion und Aerosole haben wir in unserem EXTRA-blättle in dieser Woche beschrieben.

 

Klinikaufnahmen von Kindern auf Normalstation (blau) oder Intensivstation (orange) wegen COVID-19. Quelle: DGPI

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) meldet, dass seit der Corona-Pandemie 300 Kinder mit COVID-19 in den deutschen Kinderkliniken aufgenommen wurden, die sich am Meldesystem beteiligen. Genau 75 Neuaufnahmen – also 25 Prozent – erfolgten alleine in den letzten 4 Wochen, wie die Graphik zeigt.

Altersverteilung der wegen COVID-19 stationär behandelten Kinder Quelle: DGPI

Dabei fällt auf, dass die verschiedenen Altersgruppen sehr unterschiedlich betroffen sind. Besonders stark vertreten sind die Kinder im Vorschulalter, während Jugendliche kaum betroffen sind. Sehr auffällig ist der Anteil der Säuglinge außerhalb der Neugeborenenperiode. Sie haben wie schon zuvor – auch vor dem Einzug von SARS-CoV-2 – Infektionen  wenig entgegen zu setzen. Das liegt oft daran, dass ihr Immunsystem noch wenigen Erregern ausgesetzt war und somit wenig Erfahrungen („Gedächtniszellen“) machen konnte.

Hohlweg am Kaiserstuhl Quelle: ptw

Manchmal vermögen absonderliche Ideen einiges zu bewegen. So hatten finnische Forscher den Gedanken, dass die städtische Umgebung mit Beton, geteerten Straßen und eintönigen Spielplätzen auch fürs Immunsystem von Kindern nicht günstig seien. Sie wollten belegen, dass Bio-Diversität hilft, dem Immunsystem Anregungen zu geben. So holten sie den Wald in auf die Spielplätze von städtischen Bezirken: sie pflanzten in einem Projekt des Natural Resources Institut of Finland Waldlandschaften auf den Spielplätzen in der Stadt. Die Wirkung auf das Immunsystem von Kleinkindern (3-5 Jahre) beobachteten sie mit einer interessanten Studie. Darin vergleichen sie das Mikrobiom des Darmes und der Haut von Kindern, die unter üblichen städtischen Bedingungen aufwachsen mit solchen, die den „Wald auf den Spielplatz“ bekommen hatten. Erste Ergebnisse wurden jetzt vom Team um Marja I. Roslund (in Englisch) veröffentlicht. Dabei ergaben sich klar messbare Effekte auf das Immunsystem. Das ist schon mal toll. Welche Stellenwert die Veränderungen aber haben, muss weiter untersucht werden. Die untersuchte Gruppe war zu klein und der Untersuchungsraum zu kurz, um Empfehlungen für andere Kindergärten zu geben.

Häufigkeit von Atemwegsinfektionen in Baden-Württemberg im Vergleich der letzten 3 Jahre. Die rote Kurve zeigt die Daten der laufenden Saison (Stand: 44. KW). Quelle: AG Influenza

Welche Infektionen gehen rum? Die Atemwegsinfektionen sind im Vergleich zur Vorwoche gleich geblieben, aber häufiger als in den zwei Vorjahren. Dahinter verbergen sich im Wesentlichen die Schnupfenviren – und (noch) nicht das Corona- oder Influenzavirus. Gerade eben hat ein Team um die Frankfurter Virologie-Professorin Sandra Ciesek bestätigt, dass Kinder in der KiTa von Juni bis September nicht zur Ausbreitung des Coronavirus beitrugen. Magen-Darm-Infekte spielen nahezu keine Rolle. Windpocken gibt es – auf Sparflamme – weiterhin, der Keuchhusten trat nur in 2 Fällen landesweit auf.

Oftmals werden Unterschiede glatt geschrieben. Zwischen alten und jungen Menschen gibt es auch sehr wesentliche medizinische Unterschiede. Auch bei den Coronainfektionen. Quelle: pixabay, Gerd Altmann

Was geht in der Welt rum? Natürlich das Coronavirus. Dort richtet es allerdings höchst unterschiedliches an, wie eine Studie um das Forscherteam von Henrik Salje aus Cambridge zeigt. Diese untersuchten, wie viele Infizierte (also „Corona-Positive“) an ihrer Infektion sterben, was man die «infection fatality rate» (IFR) nett. Auffällig sind die erheblichen Schwankungen zwischen weniger entwickelten und Industrieländern. So finden sich bei den armen Ländern  Kenia und Pakistan mit einer IFR von jeweils weniger als 0,2 Prozent, was bedeutet: Von 1000 positiv getesteten Personen sterben zwei. Den unerwünschten Spitzenplatz belegt Japan mit einer IFR von 1 Prozent, es folgen Italien und Griechenland (etwa 0,9 Prozent). Deutschland weist eine IFR von ungefähr 0,8 und die Schweiz einen von 0,75 Prozent auf. Dort sterben von 1000 Infizierten also etwa 8 Personen- Noch deutlicher sind die Unterschiede für die verschiedenen Altersgruppen: Während die unter 15-Jährigen eine IFR von 0,01 Prozent aufweisen, steigt der Wert bis zum Alter von 50 kontinuierlich auf 0,1 – also das 10-Fache. Von dort aus steigt er nochmals um den Faktor 10 bis zum Alter von 65 Jahren. Für die über 80-Jährigen liegt er gar bei 8,3 Prozent. Hinzu kommt noch ein Trend: Ab dem Alter von 20-24 Jahren ist das Sterberisiko immer bei Männern höher als bei Frauen.

Genießen Sie zwei schöne Herbsttage an diesem Wochenende. Bis am Montag verbleibe ich Ihr

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.