Was geht rum? 14. November 2020

"An apple a day ...." diese Weisheit lässt sich im Moment noch leicht umsetzen. An vielen Bäumen hängen noch frisch erhaltene und knackige Äpfel. Genuss pur. Quelle: ptw

Themen

Corona auf der Südhalbkugel der Erde

♦ COVID-19 bei Kindern – ein differenzierter Blick auf die Schulen

♦ Sesamallergie

♦ Welche Infektionen spielen noch eine Rolle?

Remo Largo – ein großer Kinderarzt ist von uns gegangen

 

Kommen Sie aus dem Ausland nach Deutschland zurück? Dann gelten für Sie seit dieser Woche neue Einreisebestimmungen. Die scheinen auf den ersten Blick klar, verweisen aber darauf, dass letztlich die Regelungen des einzelnen Bundeslandes gelten. Und wie die aussehen, steht auf einem anderen Blatt. Auf welchem? Eines brauchen Sie in jedem Fall: die digitale Einreiseanmeldung.

Coronaerkrankungen haben etwas mit dem Winter zu tun: Vergleich der Häufigkeiten auf der nördlichen Halbkugel gegenüber der Südhalbkugel. Quelle: Economist

Eigentlich wäre es wohl sinnvoller, über den Äquator hinaus auf die südliche Erdhalbkugel zu reisen. Dort werden die COVID-19-Erkrankungen im Moment seltener (Sommer). Bei uns sind sie weiter im Ansteigen (Winter). Daran wird auch eine Impfung in den kommenden Monaten in der Summe nur wenig ändern.

Lernen im Präsenzunterricht. Kommen bald Einschränkungen? Quelle: pixabay, klimkin

Eine Veröffentlichung von Zoë Hyde von der University of Western Australia (in Englisch) beleuchtet mit dem Wissen von heute den Stellenwert des SARS-Virus für Kinder und Schulen. Lange ging man davon aus, dass Kinder im Infektionsgeschehen nur eine geringe Rolle spielen würden. Ein großer Teil der Studien zu diesem Thema stammt aus der ersten Hälfte des Jahres, als viele Länder noch im Lockdown waren. Daten der letzten Monate jedoch sprechen dagegen. Schweden ist eines der Gegenbeispiele: Hier waren die Schulen immer offen und die Antikörpertests im Blut zeigten, dass die Rate durchgemachter Erkrankungen bei Kindern und jungen Menschen (0-19 Jahre) mit 6.8% Nachweis schützender Antikörper sogar leicht höher lag als die bei den Erwachsenen im Berufsleben (20-64 Jahre) mit 6.4%. Vieles spricht also dafür, dass die Virusbelastung bei Infizierten in allen Altersgruppen ähnlich hoch ist. Dabei weicht die Höhe der Viruslast kleiner Kinder oft ab (bei ihnen kann in der Regel weniger Material zur Testung gewonnen werden, z.B. wegen der Enge der Nase). Kinder sind also vermutlich genauso infektiös wie Erwachsene. Sie erkranken nur oft schneller und fallen nur mit deutlich weniger Symptomen auf. Dadurch fällt die Erkrankung oft zunächst bei den Erwachsenen mit Symptomen auf. In der Nachverfolgung zeigt sich dann auch bei Kindern ein positiver Rachenabstrich, weswegen wie oft als „Kontaktperson“ eingestuft werden. Dennoch ist die eigentliche Kontaktperson der erkrankte Erwachsene ist, der sich beim asymptomatischen Kind angesteckt hatte. Die Arbeit aus Australien ist eine differenzierte Analyse der Situation von Kindern in Schule und Haushalt – Pflichtlektüre für alle Eltern.

Im Monat Oktober wurden in den USA etwa 200.000 Fälle von COVID-19 alleine bei Kindern gefunden. Es gibt Hinweise, dass sich diese meist bei jungen Erwachsenen (Eltern!) ansteckten. Das bestätigt auch die Biospecimens from Respiratory Virus-Exposed Kids (BRAVE Kids) Study (in Englisch) aus North Carolina. Darin untersuchten die Forscher Kinder und junge Erwachsene (< 21 Jahre), die in einem Haushalt mit einem COVID-19-Patienten lebten. Von den Kindern zeigten 77% einen positiven Rachenabstrich auf SARS-CoV-2 (PCR). Dabei waren Kinder der Altersgruppe von 6-13 Jahren häufig asymptomatisch, während die Kleinkinder und Jugendlichen häufiger Symptome hatten. Das Risiko sich anzustecken war zwischen Geschwistern um 50% höher. Auch in dieser Studie erkrankten von Asthma betroffene Kinder seltener als Kinder ohne Asthma. Asthma scheint also kein Risikofaktor zu sein.

Noch eine sehr spannende Arbeit aus den USA. Ein Forscherteam um Serina Chang von der Stanford University (in Englisch) untersuchte anhand der Handydaten, wo sich Menschen in verschiedenen Städten der USA aufhielten: Restaurants, Hotels, Geschäften oder Fitnessstudios. Diese Daten setzen sie in Relation zu den gemeldeten Infektionsdaten. So konnten sie beispielsweise zeigen, dass im März die Zahl der Menschen in der Metro von Chicago um 54,7% zurückging. An den einzelnen Punkten (point of interest; POI) wie eben Restaurants zählten sie die Zahl der Infektionen, die in den Monaten März, April und Mai auftraten. Dabei fanden sie superspreader POIs: Also Orte, an denen sich viele Menschen ansteckten wie in der Metro in Chicago. Wieder zeigte sich, dass 10% der POI für 85% aller Infektionen verantwortlich waren. Das sind die Cluster, von denen häufig die Rede ist. Sie aufzuspüren und auszuschalten wäre also extrem wirkungsvoll.

Sesam. Quelle: ptw

Sesam: Lecker und in mancher Hinsicht „gesund“ – aber als allergieauslösendes Nahrungsmittel nicht zu unterschätzen. In den USA hat die FDA (Food and Drug Administration) eine Leitlinie („draft guidance“) zur Diskussion gestellt, die das Allergen Sesam betrifft. Darin werden die Hersteller von Nahrungsmitteln aufgefordert, dieses Allergen auf ihren Produkten auf freiwilliger Basis klar zu deklarieren. Die FDA stellt fest, dass die Bedeutung von Sesam für Allergiker deutlich zugenommen habe.

Atemwegsinfekte in Baden-Württemberg. Quelle: AG Influenza

Die Pandemie verlangt gerade von Kindern und Jugendlichen viel ab. Da bleibt es erfreulich, dass sich die Zahl der übrigen Infekte im Rahmen hält. Keuchhusten kam übers Jahr gesehen halb so oft vor wie 2019. Seit zwei Wochen gehen auch die Zahl aller Atemwegsinfekte zurück, wie die Graphik zeigt: Die rote Linie (2020) nähert sich der braunen Linie (2019) an. Die meisten dieser Infekte sind Schnupfeninfekte und somit ein erstes Warmlaufen des Immunsystems für die künftigen und schwierigen Aufgaben in diesem Winter: Influenza + Corona.

Was geht in der Welt rum? Wohl kaum jemand aus Europa kann im Moment nach Afrika reisen. Auch wenn dies nur ein geringfügiges Risiko für Reisende darstellte, so machen die neu gemeldeten Erkrankungen mit dem Impfstoff-abgeleitetem Poliovirus Typ 2 (cVDPV2) Sorge. Betroffen sind Mali (bislang in diesem Jahr 26 Fälle) und ganz aktuell auch die Republik Kongo, die den ersten Fall seit 10 Jahren meldet. Trotz weltweiter Bemühungen, zieht sich die Ausrottung der Poliomyelitis schon seit Jahren hin. Dabei leidet Afrika schon massiv unter den Geiseln Malaria, Tuberkulose und inzwischen – indirekt – unter dem Coronavirus (reduzierte Impfprogramme, Einschränkung der Meinungsfreiheit u.a.).

Remo Largo Quelle: nifbe.de

«Der Mensch kann nicht irgendein Leben führen, sondern nur sein eigenes» hat er einmal gesagt. Nun ist der anerkannte Schweizer Entwicklungspädiater Remo Largo im Alter von 77 Jahren verstorben. Vielen Eltern gab er Orientierung, die Entwicklung ihrer Kinder besser zu verstehen: Bestseller wie «Babyjahre», »Kinderjahre», «Jugendjahre» zeugen davon. Für uns Kinderärzte öffnete er mit seinen Publikationen und in seinen Seminaren neue Welten. Er war Wissenschaftler, Philanthrop und ein begnadeter Kinderarzt zugleich. Die Maßstäbe, die er setzte, werden weiter wirksam sein.

 

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende, Ihr

 

 

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