Corona-Impfungen: Wieso kamen sie so schnell auf den Markt?

Erleuchtung Quelle: pixabay, Harsih Sharma

In vielen Ländern (Großbritannien, USA, Russland, China u.a.) sind Corona-Impfungen schon verfügbar. In Deutschland ist erst in den letzten Tagen dieses Jahres damit zu rechnen. Damit ging die Entwicklung von Corona-Impfstoffen so schnell wie noch nie. Das beunruhigt einige Menschen. Sind solche Ängste angebracht?

Die Zulassung von Impfstoffen verläuft je nach Land unterschiedlich. So wurde der Corona-Impfstoff Sputnik V (Russland) als erster weltweit im August 2020 zugelassen. Zur der Zeit lagen kaum Daten über diesen Impfstoff vor, die Phase-3-Studie begann erst im Oktober. Für den Impfstoff der Firma Sinovac aus China liegen ebenso kaum Daten vor. Dennoch hat beispielsweise die Türkei bereits am 11. Dezember angefangen Risikogruppen mit dem chinesischen Impfstoff, der sich auch in der Türkei noch in der Testphase geprüft wird, zu impfen. In beiden Fällen wurde der Impfstoff freigegeben, ohne dass Wissenschaftler die Daten zur Verfügung hatten, um ihn auf Herz und Nieren zu prüfen. Der Impfstoff ist ein zu einem Politikum und zu einem Machtinstrument geworden.

Die Wissenschaftsgemeinde weltweit hat anerkannte Standards mit den neue Medikamente und Impfstoffe auf ihre Verträglichkeit und ihre Wirkung untersucht werden. Nach den Tierversuchen – sie sind zumeist auch heute noch erforderlich – findet die erste klinische Anwendung der neuen Substanz in einer sogenannten Phase 1-Studie statt. Dabei wird ein Medikament oder eine Impfung auf die Pharmakokinetik  bzw. die Verträglichkeit an einer kleinen Gruppe freiwilliger Probanden geprüft. Es folgt dann die Phase 2-Studie, um die richtige Dosierung und die Wirkungen auf das Immunsystem bei einer größeren Gruppe von Probanden (meist 100 – 200 Menschen) zu finden. In der Phase 3-Studie schließlich wird geklärt, wie gut ein Medikament oder Impfstoff effektiv schützen. In dieser Studienphase nehmen Tausende von Probanden teil. Deren Anzahl hängt im Wesentlichen davon ab, wie häufig ein Ereignis (z.B. eine Infektion mit SARS-Coronavirus-2) in einer Bevölkerung vorkommt und wie schnell ein Ergebnis vorliegen soll. Es liegt auf der Hand, dass je grösser die Studiengruppe ist, je schneller liegt auch ein Ergebnis vor.

Ablauf einer Studie bis zur erfolgreichen Abschluss – traditionell und im Rahmen der Coronapandemie Quelle: F. Krammer, Nature

Damit wird auch klar, dass auch die Finanzlage über die Schnelligkeit dieser Studienschritte entscheidet. Bei Impfstoffen oder Medikamenten, die nur für eine kleine Bevölkerung von Bedeutung sind (z.B. Behandlung einer seltenen Stoffwechselkrankheit) wird eine Firma, die ein solches Medikament entwickelt hat abwägen, ob die Kosten der Studien durch den Verkauf am Schluss wieder eingespielt werden. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie spielt Geld – fast – keine Rolle. Insofern wird beispielsweise die Entwicklungszeit verkürzt, in dem die Phasen der Studie überlappend durchlaufen werden.

Gespart wurde jedenfalls bei den Impfstudien nicht. In der Geschichte der Impfungen gibt es nur zwei Kandidaten, die in einer größeren Gruppe untersucht wurden: Prevenar 13 (Pfizer) an 89.000 und Rotarix (GSK) an 75.000 Probanden. Danach folgt der mRNA-Impftstoff von BioNTech mit 44.000 Probanden. Interessant – und für Mediziner wie mich erschreckend – ist: Twinrix gegen Hepatitis A&B (GSK) wurde an 843 Menschen getestet. Die Impfexperten der Harvard-University Eric J. Rubin und Dan L. Longo kommen zum Schluss: „This is a triumph“. Wenn Sie Zeit haben: Das Editorial der Experten ist eine spannende Lektüre (in Englisch). 

Nach den Studien erfolgen noch intensive Prüfungen durch nationale (z.B. das Paul-Ehrlich-Institut – PEI – in Langen, südlich von Frankfurt am Main) oder internationale Behörden wie die European Medicines Agency (EMA) in Amsterdam. Erst diese Behörden können die Freigabe eines Impfstoffes vornehmen.

In seiner hochinteressanten Publikation SARS-CoV-2 vaccines in development (in Englisch) hat der Österreicher Florian Krammer vom Mount Sinai Hospital in New York die verschiedenen Ansätze bei den Impfungen gegen Das SARS-COV-2 dargelegt.

Fazit: Intensive Forschung in vielen Ländern dieser Erde, gute finanzielle Ausstattung der Forschungsprojekte und wenige bürokratische Hemmnisse haben – zusammen mit einem Quäntchen Glück – zur raschen Entwicklung einiger Impfstoffe gegen das Corona-Virus geführt. Viele erfolgversprechende Impfstoffe sind noch auf dem Weg. Jetzt bleibt zu hoffen, dass die logistische Umsetzung der Impfung ebenso gut gelingt. Und dass auch die Prüfung der Impfungen bei Kindern  – für sie gibt es bislang keine ausreichenden Daten – erfolgreich sein wird.

Bis allen Menschen in Deutschland eine Impfung angeboten werden kann, wird es trotz aller Schnelligkeit wohl Weihnachten 2021 werden.

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