peter
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Kinder- und Jugendarzt

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Was geht rum? 28. März 2020

Während wir uns im Social Distancing üben, ist die Zahl der COVID-19-Kranken weltweit auf über eine halbe Million angestiegen. Auf den Straßen ist spürbar weniger los. Trotzdem bekommen die meisten Menschen kaum direkt mit, was das Coronavirus ausrichtet. Zahlen sind so abstrakt. Allein in Freiburg wurden am Donnerstag 50 Menschen wegen COVID-19 beatmet. Bei dieser hohen Zahl schwer Erkrankter verwundert nicht, dass Freiburg seit heute 5 Corona-Tote meldet. Und dass dort die Zahl der COVID-19-Erkrankten auf 141 – bezogen auf 100.000 Menschen – anstieg. Damit liegt die Breisgaumetropole aber noch deutlich hinter Tübingen (238), das mittlerweile Platz 4 unter den am meisten betroffenen Stadt- und Landkreisen in Deutschland einnimmt. Stark betroffen sind aber auch ländliche Kreise wie Sigmaringen (180) und ganz besonders der Hohenlohekreis mit 312 COVID-19-Fällen auf 100.000 Einwohner.

COVID-19-Fälle auf 100.000 Einwohner in Baden-Württemberg (Stand: 27.03.2020). Je dunkler die Farbe, umso höher liegt die Zahl der Erkrankten. Der tiefblaue Kreis hat >250, die dunkelblauen >100 Erkrankungen auf 100.000 Einwohner. Bei den hellen Kreisen sind es < 50 auf 100.000 Einwohner. Quelle: RKI

Ein deutscher Kinderarzt, der in Brescia in Italien arbeitet, hat gerade einen Bericht an die Kollegen in Deutschland versandt. Die gute Nachricht: Kinder sind selbst in Italien nur wenige erkrankt (etwa 300). Fast alle von ihnen nur leicht. Sie benötigen allenfalls Sauerstoff. Was aber die Erwachsenen betrifft ist die Situation erschreckend. Mauern niedergerissen um Sauerstoff-Leitungen zu verlegen, Klinik-Küchen werden zu Intensivstationen umgebaut und Pfleger, Schwestern und Ärzte arbeiten rund um die Uhr. Auszubildende müssen voll mitarbeiten. Wartezimmer sind kahl, in den Ecken ein Stuhl. Sein Bericht endet: „Bereitet Euch also gut vor, es kommt schlimmer und schneller als ihr denkt!

Für Familien mit Kindern stellt sich die Frage, wie groß ist eigentlich das Risiko für meine Kinder? Laut RKI sind heute 42.288 Personen an COVID-19 erkrankt (27. März 2020, Daten des RKI). Davon sind 1143 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 -14 Jahren. Also 2.7% aller jetzt Erkrankten sind Kinder. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt aber fünf Mal höher (13.5%). Im Umkehrschluss zeigen die Daten, dass Kinder offensichtlich seltener an COVID-19 erkranken. Diese Tendenz wird auch durch erste Veröffentlichungen aus China bestätigt. So berichten Haiyan Qiu und Mitarbeiter über die Behandlung von 36 Kindern (Durchschnittsalter 8 Jahre), die alle nach 14 Tagen als geheilt aus der Klinik entlassen werden konnten. Eine andere Studie Lingkong Zeng und Mitarbeiter untersuchte Neugeborene, deren Mütter in der Schwangerschaft an COVID-19 erkrankt waren. Unter den 33 Neugeborenen erkrankte eines schwer. Letztlich wurden alle wieder gesund.

Sicher können auch Kinder als gesunde Überträger das Virus weitergeben. In welchem Umfang aber die Kinder zur Verbreitung von COVID-19 beitragen, das wissen wir eigentlich nicht so richtig. Für so eine wichtige Gruppe in unserer Gesellschaft wäre das aber dringend geboten. Insbesondere, weil die Isolierung von Kindern eine extreme Belastung für die Kinder selbst und die Familien darstellt.

Das Virus mag den sichtbaren Alltag verlangsamen, aber in Bezug auf die politischen Prozesse und ganz besonders die Digitalisierung ist SARS-CoV-2 ein Beschleuniger. Die Nutzung des Internets feiert fast täglich Rekorde. Die stärksten Nutzer sind Netflix, YouTube und Co. Sie machen über 60% des Datenvolumens aus. Damit es nicht zu Engpässen kommt, haben die Dienste die Übertragungsrate ihrer Produkte um 25% gedrosselt. Filme und Serien sind ab jetzt nur noch in SD-Format statt HD zu sehen.

Aber es gibt viele Alternativen zu den Medien. Was können Kinder unter den schwierigen Bedingungen in einer kleinen Wohnung noch tun? Hier ein paar Anregungen:

Bärlauch in unseren Wäldern. Ein wichtiges und würziges Wildkraut, das unsere Küche bereichert    Quelle: ptw

Außen-Aktivitäten

Familien (so sie in einem Haushalt leben) dürfen ganz offiziell gemeinsam nach draußen gehen.

  • In den nächst gelegenen Wald gehen und den Vögeln zuhören, die gerade jetzt sehr singfreudig sind. Sie als Eltern können die Vogelstimmen nicht unterscheiden? Gut, dann lernen auch Sie dazu. Zur Vorbereitung kann man sich hier auf der Seite des NABU darauf einstimmen. Vom NABU und anderen Anbietern (teilweise kostenpflichtig) gibt es diese Informationen auch als App.
  • Im Wald können die ersten Triebe von Pflanzen (Farne, Waldmeister u.a.) beobachtet werden.
  • Im Wald Bärlauch ernten, um die eigene Küche mit diesem Wildkraut zu bereichern. Anfänger sollten sich zuvor über die Unterscheidung zu Maiglöckchen informieren. Deren Blätter sind nämlich giftig, aber recht einfach zu unterscheiden. 
  • Oder: Der Wald ist voller Material, das zu Hause kreativ für ein Kunstwerk eingesetzt werden kann – ob Holzstücke, Äste, Blätter oder Eicheln. Die Phantasie liegt nicht rum, aber sie schlummert in uns.
  • Steine gibt es überall. Unbeachtet, haben sie teilweise eine wunderbare Schönheit. Einfach mal anfangen und mit einem Vergrößerungsglas oder einer Lupe zuhause anschauen.
  • Enten füttern mit den Kleinen.

Spiele spielen Quelle: ptw

Innen-Aktivitäten

Kinder und Jugendliche spielen gerne.

  • Mensch-ärgere-Dich-nicht. Irgendwo wird es noch herumliegen. Das spielen alle gern. Und später kommen je nach Alter Spiele wie Uno, skip-bo oder Quirkle dran. 
  • Collagen basteln – beispielsweise mit Materialien aus dem Wald.
  • Auf einer alten Matratze rumhüpfen. Oder im Garten auf einem Trampolin. Das sollte vor der ersten Nutzung in diesem Jahr kontrolliert werden: Sind die Federn korrekt eingehängt und gespannt? Ist die Sprungmatte ohne Risse?
  • ein Puzzle zusammensetzen.
  • Pustebilder, sehr lustig (nicht immer für Eltern, wenn’s zu wild wird). Einen Klecks Wasserfarbe aufs Papier geben. Dann die Farbe mit Hilfe eines Strohhalms auf dem Papier verpusten. 

Von Tag zu Tag verstehen wir das SARS-CoV-2 besser. Eine kürzlich in Lancet Infectious Diseases veröffentlichte Studie aus Hongkong zeigt zwei Erkenntnisse. Zum einen bildet der Körper bereits 10 Tage nach Auftreten der Krankheit spezifische Antikörper aus, die vermutlich vor weiteren Infektionen schützen. Damit lässt sich künftig eine durchgemachte Krankheit im Blut nachweisen. Zumindest für Forschungszwecke. Zum anderen kann die Ausscheidung von Viren bis zu 20 Tagen dauern. Die Genesung von dieser Krankheit kann also dauern.

Einige Familien können durch das Coronavirus in wirtschaftliche Nöte kommen. Sie sollten sich informieren, ob ihnen ein Kinderzuschlag zusteht. Dazu gibt es Anhaltspunkte:

  • Wer kein Arbeitslosengeld II bezieht und wenig verdient kann unter bestimmten Voraussetzungen einen Zuschlag zum Kindergeld erhalten.
  • Möglich sind bis zu 185 Euro je Kind monatlich (bezahlt durch die Familienkasse)
  • Den Kinderzuschlag gibt es ab einem monatlichen Einkommen von 900 Euro, bei Alleinerziehenden ab 600 Euro. Mit steigendem Einkommen sinkt der Zuschlag.
  • Sollte der Verdient durch die Corona-Krise kurzfristig niedriger sein, kann ein Anspruch auf einen Notfall-Kinderzuschlag bestehen. 

Ob tatsächlich ein Anspruch besteht, kann man beim KiZ-Lotze der Bundesagentur für Arbeit prüfen. Der Antrag kann hier online gestellt werden.

Belastung durch Birkenpollen in Basel Quelle: pollenundallergie.ch

Am Oberrhein ist die Birkenpollensaison eröffnet. Abhängig von der Wärme bewegten sich die Konzentrationen in der letzten Woche zwischen schwach und extrem stark. An diesem Wochenende mit den frühlingshaften Temperaturen dürfte wieder ein sehr starker Pollenflug zu erwarten sein.

Was geht in der Welt rum? Im Moment beherrscht das Coronavirus die ganze Welt. Bislang scheint Afrika weitgehend ausgenommen. Das könnte daran liegen, dass das warme Klima das Virus ebenso ausbremst wie bei uns sonst die Influenza (Grippe). Es gibt einige Forscher, die das vermuten. Es könnte aber auch sein, dass in den armen Ländern keine Ressourcen bestehen um nach dem Virus zu fahnden. Auffällig ist jedenfalls, dass die gut entwickelten Staaten Südafrika, Ägypten und Algerien die höchsten Erkrankungszahlen melden, während am anderen Ende Süd Sudan, Burundi und Eritrea liegen, die alle zu den Ärmsten der Region gehören. Von Reisen dorthin ist trotz der niedrigen oder fehlenden Erkrankungen abzuraten.

Heute fasst es Lorenz Maroldt vom Berliner Tagesspiegel Checkpoint treffend zusammen: „Corona ist eine Prüfung, ein Überfall auf die Welt. Aber anders als andere Generationen zuvor müssten die Menschen heute nicht einmal kämpfen, um den Angreifer abzuwehren. Sie müssten ihm nur aus dem Weg gehen, ihm ausweichen, anstrengungslos. Der beste Platz dafür ist das Sofa. Es ist so leicht, so absurd – aber vielleicht gerade deshalb so schwer zu verstehen.“  

Ich wünsche Ihnen eine anhaltend gute Gesundheit und weiterhin Gelassenheit, die täglich neuen Herausforderungen des Lebens zu meistern. Gemeinsam – mit der Familie und Ihren Freunden – werden Sie stärker. Gerade in der Krise. Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Peter Th. Wolff

Oft unterschätzt: RSV-Infektionen

Das Respiratorische Syncytial-Virus (RSV) ist spürbar weniger gefürchtet als die Grippe oder Coronavirusinfektionen. Es ist schlicht weniger bekannt.

Bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von 3 Jahren ist es weltweit der häufigste Auslöser von akuten Atemwegsinfektionen. Diese betreffen meist die unteren Atemwege und dort die kleinsten Bronchien (Bronchiolitis). Jährlich versterben an RS-Virus-Erkrankungen rund 160 000 Menschen, überwiegend Säuglinge und ältere Menschen. Ursache hierfür ist, dass sich beim Krankheitsprozess die Viren in die Epithelzellen vermehren und diese dabei unwiederbringlich schädigen. Das wiederum hat große Mengen Zellabfall (Detritus) zur Folge, der die kleinen Bronchien verlegt, wodurch die Lunge in diesen Bereichen zu wenig belüftet wird. Im Gegenzug werden andere Lungenanteile verstärkt belüftet. Beides ist ungünstig und führt zu Atemnot und zu Sauerstoffmangel.

Weltweit erkranken jedes Jahr 5.6 von 1000 Säuglingen im ersten Jahr schwer am RSV. Zehn Mal so viele erkranken mit leichteren Verläufen. Die Sterblichkeit liegt bei 0.2% der erkrankten Kinder – enorm hoch. Die Infektionen treten in Mitteleuropa zwischen November und April auf, der Höhepunkt ist oft in den Monaten Januar und Februar. Bis zum zweiten Geburtstag haben nahezu alle Kinder einmal eine Infektion mit RSV durchgemacht. Diese hinterlässt aber keinen langfristigen Schutz, so dass die Infektion mehrfach im Leben auftreten kann.

Dabei fängt die Krankheit schleichend wie ein leichter Atemwegsinfekt an. Sie wird als Tröpfcheninfektion übertragen, wobei die Viren lange auch auf Händen (20 Minuten) und Papierhandtüchern und Baumwollkitteln (45 Minuten nach Angaben des RKI) überleben können. Die Inkubationszeit bis zum Auftreten der ersten Symptome beträgt meist 5 Tage (2-8 Tage). Nach einem Schnupfen mit eher schwachem Fieber und trockenem Husten, kann sich die Erkrankung in einigen Fällen innerhalb drei Tagen spürbar verschlechtern mit deutlichem Husten, fast regelhaft mit Verengung der Atemwege (Obstruktion) und zunehmender Atemnot. Bei Säuglingen ist eine Trinkschwäche sehr typisch für die schweren Verläufe. Wichtig ist, dass die Obstruktion oft kaum hörbar ist, weil die kleinsten Bronchien betroffen sind. Gerade bei den besonders schweren Erkrankungen wird die Schwere deswegen manchmal unterschätzt.

Die Erkrankung dauert manchmal fast zwei Wochen. Oftmals bleibt der Husten für Wochen danach erhalten und ist nur schwerlich durch Medikamente beeinflussbar. In vielen Fällen ist die RSV-Infektion der Anfangspunkt eines Asthma bronchiale.

Die Diagnose ergibt sich häufig aus dem typischen Verlauf und kann durch verschiedene Nachweismethoden im Labor abgesichert werden.

Eine ursächlich Therapie gibt es nicht. Unterstützend muss versucht werden, die Nasenatmung zu erhalten, Inhalationen sind in ihrer Wirkung begrenzt. In schweren Fällen ist eine Gabe von Sauerstoff (in einer Klinik) die entscheidende Maßnahme, ebenso wie die Zufuhr von Flüssigkeit über eine Infusion. Die Gabe von Cortison (als Inhalation oder systemisch) ist in den meisten Fällen nicht sinnvoll. Die Gabe von Antibiotika ist nicht sinnvoll, solange keine zusätzliche bakterielle Infektion auftritt.

Eine Impfung gegen RSV gibt es bis heute nicht. Vielfache Versuche scheiterten. Es gibt jedoch eine passive Immunisierung mit monoklonalen Antikörpern (Palivizumab – Handelsname: Synagis©). Diese blockieren das sog. F-Protein, so dass die Schädigung der bronchialen Epithelzellen verhindert wird. Diese Therapie steht für besondere Risikogruppen (u.a. Säuglinge, die als Frühgeborene zur Welt kamen; Kinder mit Herzfehlern) zur Verfügung und ist sehr wirkungsvoll.

Aktuell erschien im JACI in Practice, einem der beiden Zeitschriften der amerikanischen Allergologen und Immunologen (AAAAI) ein ergänzender Beitrag. In dieser Publikation von Eija Bergroth und Mitarbeitern aus Finnland und den USA zeigen sie auf, dass als Auslöser für die Bronchiolitis das Rhinovirus (RV; „Schnupfenvirus“) noch bedeutsamer sein könnte, als das RSV. In der Untersuchung von 349 Kindern waren es insbesondere diese Viren, ganz besonders RV-C, die eine frühe und lang andauernde Therapie mit Asthmamedikamenten erforderte. Kinder, die vom RSV betroffen waren, schnitten günstiger ab.

Ob nun die Rhinoviren oder RSV letztlich gefährlicher sind, muss in den nächsten Jahren in Studien weiter geklärt werden. Klar ist, dass es viele Viren gibt, die Menschen bedrohen können.

Kinderkriminalität

Ein schwieriges Thema: Kinderkriminalität. Sie wird uns aus allen Ecken dieser Welt berichtet und schockiert immer. Besonders schockierend ist, wie mit Kindern in manchen Ländern umgegangen wird, wenn sie eine Straftat begangen haben. Ebenso schockierend kann aber auch das Schicksal von Opfern sein, wie das folgende Beispiel aus der Schweiz aufzeigt.

In Dietikon (in der Nähe von Zürich) hat Ende Februar 2020 das Jugendgericht ein Urteil im Cybermobbing-Prozess bestätigt. Angeklagt war ein jetzt 17-Jähriger, der im Alter von 14 Jahren ein damals 13-jähriges Mädchen im Internet („soziale Medien“) bloßgestellt und mit  erotischen Bildern erpresst hatte. Kurze Zeit später beging das Mädchen aus dem Nachbarort Selbstmord. Wie die NZZ meldet, waren keine härteren Maßnahmen möglich, da der Jugendliche zum Tatzeitpunkt erst 14 Jahre alt war und das schweizerische Jugendstrafgesetz keine härteren Maßnahmen vorsieht. Der nun fast erwachsene Mann wurde nun wegen Nötigung und mehrfacher Pornographie zu einem Arbeitseinsatz verurteilt.

Die Vereinten Nationen (UN) empfiehlt, die Strafmündigkeit nicht vor dem 12. Lebensjahr anzusetzen. Sie plädiert dafür, die Schuldfähigkeit von Kindern am besten noch später anzunehmen.

Strafmündigkeit in verschiedenen Ländern dieser Erde. Quelle: Economist

Mehr als 40 Länder haben das Alter von 14 Jahren für die Strafmündigkeit angesetzt, in kaum 10 Ländern – wie Argentinien und Moçambique – liegt die Grenze sogar bei 16 Jahren. In allen anderen Staaten der Erde liegt sie deutlich früher. In Indien, Pakistan und Bangladesch liegt sie gar bei 7 Jahren. In diesen Ländern kann also ein Zweitklässler für Straftaten ins Gefängnis gehen. Unvorstellbar für uns.

Die Regeln sind teilweise bizarr. In 33 Staaten gibt es überhaupt keine Altersbegrenzung, In Syrien beginnt die Strafmündigkeit mit der Pubertät, ohne dass klar ist, wie diese definiert wird. Einige afrikanische Staaten haben vergleichbare Regeln. Im Iran sind Mädchen nach „neun Lunar-Jahren“ strafmündig, ihre männlichen Geschlechtsgenossen aber erst mit 15.

Das Thema Schuldfähigkeit kommt im Zusammenhang mit konkreten Vergehen immer wieder hoch. So hat vor wenigen Monaten ein 13-Jähriger ein 10-jähriges Mädchen misshandelt und getötet. Nach dem chinesischen Gesetz (Strafmündigkeit mit 14 Jahren) verbot sich eine Gefängnisstrafe. Der Junge wurde daraufhin in ein Umerziehungslager verbannt. Der Gedanke daran lässt einen erschaudern.

Im Zentrum steht die Frage, wann kann ein junger Mensch zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht bewusst unterscheiden. Wann kann die Gemeinschaft einem jungen Menschen unterstellen, gezielt kriminell gehandelt zu haben? Oftmals betrifft das Thema Kinder aus sehr armen Milieus, die teilweise gezwungen oder auch verführt werden, kriminelle Handlungen anstelle von Erwachsenen zu begehen.

Untersuchungen zeigen, dass das Absenken der Altersgrenze der Schuldfähigkeit keine günstigen Auswirkungen auf die Häufigkeit von Kriminalität hat. So gezeigt in Dänemark, wo im Jahre 2010 die Strafmündigkeit von 15 auf 14 Jahre herabgesetzt wurde und nichts bewirkte.

Was geht rum? 21. März 2020

Inzwischen beherrscht uns das Coronavirus bereits seit mehr als zwei Monaten. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Den Verlauf der Erkrankung zeigt erschreckend deutlich diese interaktive Karte. Ihre Daten beruhen auf den gemeldeten und geprüften Fallzahlen des RKI (Robert Koch-Institut in Berlin). Innerhalb von 9 Tagen hat sich die Zahl der Erkrankungen in Baden-Württemberg mehr als verzehnfacht. Bezogen auf 100.000 Menschen von 2.5 (11. März) auf heute morgen 33.3 (21.März). Auch im Alltag ist zu spüren, dass sich viele Menschen aus dem öffentlichen Raum zurückziehen. Das ist gut so, denn bekanntermaßen ist die soziale Distanz im Moment wichtig, um die Ausbreitung des COVID-19 zu bremsen: #SocialDistancing.

Für alle Eltern, die ihren Arbeitgeber noch überzeugen müssen, dass sie zuhause arbeiten können, gibt es zum home office einen kostenlosen Ratgeber „guide“ des Magazins t3n hier. Eine Möglichkeit, für die eigenen Kinder da zu sein und dennoch arbeiten zu können. Nicht immer einfach, aber …. immerhin.

Haben mein Kind oder ich uns mit dem Coronavirus angesteckt? Das fragen sich wohl einige Familien täglich. Das Problem ist, dass die Erkrankung nicht ganz so leicht zu erkennen ist. Die Symptome von COVID-19 kommen auch bei anderen Erkrankungen vor. Damit ist eine Diagnose nur über die Testung möglich. Im Einzelnen kann auftreten:

  • Fieber (bei etwa 90%)
  • Husten, meist als eher trockener Reizhusten (70%)
  • Durchfall (02 – 33%)
  • verstopfte Nase
  • Störungen des Riechens  

Es bleibt also das Problem, dass wir Erkrankte nicht erkennen können. Auch, weil manchmal fast keine Symptome vorliegen, aber dennoch eine Ansteckungsfähigkeit. Nach Informationen des RKI geht die Ansteckungsfähigkeit bis zu 7 Tage lang. Inzwischen hat eine Forschergruppe um Florian Krammer von der Icahn School of Medicin am Mount Sinai in New York einem Antikörpertest (Publikation in englischer Sprache) entwickelt. Mit dessen Hilfe kann im Serum eines Menschen nachgewiesen werden, ob COVID-19 durchgemacht wurde. Damit könnten Personen identifiziert werden, die bereits eine Abwehr gegen das neue Coronavirus aufweisen ohne dass sie spürbar diese Krankheit durchgemacht hätten.

Die aktuellen Erkrankungszahlen weltweit zeigt die bekannte Karte der Johns Hopkins University.

Zecke am Ohr. Klein, aber deswegen nicht harmlos. Quelle: ptw

Die warmen Tage der letzten Woche haben zwei weitere medizinische Belastungen aufleben lassen. Zum einen die Zecken. Sie sind wieder aktiv und verbreiten im Wesentlichen zwei Krankheiten. Da ist einmal die bakteriell bedingte Borreliose, die zunächst wenig Symptome macht und in dieser Phase unbedingt erkannt werden sollte. Dann lässt sie sich mit einem Antibiotikum vollständig behandeln. Zum anderen gibt es die FSME (Früh-Sommer-Meningo-Encephalitis). Sie wird durch Viren ausgelöst und ist nach Ausbruch nicht mehr (ursächlich) behandelbar. Andererseits gibt es eine gut wirksame Impfung, um sich davor zu schützen. Wer die noch nicht hat und sich gegen FSME wappnen möchte, sollte sich jetzt impfen lassen.

Birkenpollenflug am Oberrhein in Basel Quelle: pollenundallergie.ch

Die andere Entwicklung in der letzten Woche mit den traumhaften Temperaturen war die spürbare Zunahme des Pollenfluges. Die Pollen-Allergien sind zurück. Noch ist der Flug der Birkenpollen – bis auf die letzten 3 Tage – schwach. Daran wird sich auch in der ersten Hälfte der kommenden Woche nichts ändern. Sollten aber die Temperaturen wieder angenehme Werte um 20 Grad erreichen, wird sich für Birkenpollenallergiker einiges ändern. Wer also plant, seinem allergischen Kind ein Antihistaminikum zu geben, tut sich gut daran bald damit zu beginnen. Der Erfolg ist spürbar grösser, wenn die Therapie vor den ersten Beschwerden begonnen wird. Wann das ist, hängt natürlich vom Wohnort ab. Kinder am Kaiserstuhl werden bald Probleme bekommen. Wer in Freudenstadt lebt hat vermutlich noch wenige Wochen Zeit.

In afrikanischen Metropolen geht es eng her. Durch die Bedeutung der kleinen und großen Märkte als Versorgungszentren sind die Kontakte unter den Menschen deutlich häufiger als bei uns. Bleibt zu hoffen, dass das Coronavirus wenigstens dort fernbleibt. Quelle: ptw

Was geht in der Welt rum? Angesichts der massiven Krise durch COVID-19 in Europa, sind Informationen über ferne Länder im Moment für Familien mit Kindern wenig bedeutsam. Reisen sind ohnehin untersagt. Dennoch beobachten wir auch die anderen Regionen in der Welt. So die Zentralafrikanische Republik, in der seit Jahresbeginn über 6600 Menschen – meist Kinder – an Masern erkrankt sind. Verstorben sind daran 108 Personen. Die Masern werden auch durch Viren verursacht. Gegen sie gibt es jedoch eine sehr gut wirksame Impfung, die bei uns leider nicht von allen genutzt wird. In Afrika steht diese aus Kostengründen oft nicht zur Verfügung. Dadurch sind gerade Kinder und Jugendliche auch den Masern hilflos ausgeliefert.

Sollte die Coronavirus-Pandemie in Afrika gleiche Ausmaße annehmen wie bei uns, werden wir noch ganz schreckliche Dinge – aus der Ferne – erleben. Ich fürchte, das wird in wenigen Wochen der Fall sein. Nachdem gestern die ersten drei (offiziellen) COVID-19-Fälle in Madagaskar gemeldet wurden, hat auch dort der Sturm auf Toilettenpapier und einige andere Artikel de täglichen Lebens eingesetzt. Dort gibt es einige wenige Supermärkte für die Wohlhabenden, in denen es also genauso abläuft wie bei uns.

Ich wünsche Ihnen für das Wochenende genügend Gelassenheit, um die vielen beunruhigenden Meldungen zu verarbeiten. Schön, dass uns wenigstens die Natur täglich ein Stückchen mehr mit ihren Farben erfreut. Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Peter Th. Wolff

Säuglingstod im Auto-Kindersitz

Der plötzliche Kindstod scheint auch im Zusammenhang mit Auto-Kindersitzen häufiger vorzukommen. Deswegen haben sich die Forscher Peter LiawRachel Y. MoonAutumn Han and Jeffrey D. Colvin aus Kansas City in einer Studie mit dieser Frage befasst.

Sie untersuchten über den Zeitraum von 2004 bis 2014 genau 11.729 schlafbezogene Todesfälle bei Säuglingen. Es zeigte sich, dass 348 (3.0%) der Todesfälle in einem Kindersitz auftraten, allermeist (62.9%) in einem Autokindersitz. Interessant ist, dass aber weniger als 10% dieser Todesfälle im Rahmen einer Autofahrt vorkamen. Über die Hälfte der Todesfälle im Auto-Kindersitz (51.6%) traten zuhause auf. Somit raten die Autoren, den Autokindersitz nur während der Autofahrt zu benutzen und nicht zuhause einzusetzen.

Nebenbei stellte sich heraus, dass die Todesfälle häufiger auftraten bei „health care provider“ (was man ungefähr als „medizinische Fachkräfte“ umschrieben könnte) – fast 2.8 mal so oft. Auch bei Kindern im Autositz, die von Babysittern beaufsichtigt wurden, war die Todesrate doppelt so hoch. Warum, das konnten die Autoren nicht abschließend klären.

Also, der Kinder-Autositz ist sinnvoll. Aber nur bei der Fahrt im Auto.

…..Ich bleib dann mal daheim!

Erst war Corona weit weg, jetzt kommt die Erkrankung COVID-19 in den Dörfern an. Leider gab es in den letzen Wochen zu viele Menschen, die mal eben noch auf die auf die Skipiste gingen (“ es ist so herrlich leer hier“) oder sonstwie dazu beitrugen, dass sich viel ansteckten. Allein ein Barkeeper in Ischgl soll Hunderte angesteckt haben.

Neuinfektionen mit COVID-19 nach Tag in Deutschland Quelle esri

Wie zügig die Ausbreitung verläuft zeigt die interaktive esri-Karte für Deutschland. Sie gibt die Daten des Robert Koch-Instituts in Berlin wieder, also die besten und sichersten Daten auch für Baden-Württemberg. Im „Was geht rum“ vom Samstag war zu lesen, dass von 100.000 Menschen im Lände 2,5 am Coronavirus erkrankt seien (Daten vom 11. März). Gestern (17.03.), 6 Tage später sind es bereits 10,02 – also vier Mal so viele. Heute (18.03.) liegt sie bereits bei 14,60. Die Kurve auf der interaktiven Karte (siehe auch die Graphik links) zeigt diesen exponentiellen Verlauf deutlich.

Es ist also wenig verständlich, dass sich bei dem herrlichen Wetter gestern lange Schlagen vor den Eisdielen bildeten und Menschen in Gruppen in den Parks saßen. Zwei Drittel von uns werden erkranken, Kinder und Jugendliche schwächer als die Erwachsenen. Alle, Eltern, Geschwister, Opas und Omis, Freunde, Verwandte und Chefs sind also gefordert. Wir müssen Abstand voneinander halten, damit das Virus weniger Menschen anstecken kann.

Die Bedrohung durch das Virus ist tatsächlich da, ganz banal und für manche Menschen existentiell. Der Blick nach Italien hilft. Dort wird vielen über 80-Jährigen die Beatmung verweigert, weil für die Maßnahme schlicht keine Kapazität vorhanden ist. Manche Opis und Omis mögen sagen, ich will sowieso sterben. Aber bitte nicht so! Wenn eine Atemnot nicht behandelt werden kann ist das grausam!

Die kleinen Freiheiten sind sicher etwas nettes, wie im anrührenden und herrlichen Film „les petites fugues“ von 1979. Jetzt aber ist das Brechen der Verbote völlig fehl am Platz. Jetzt gilt es, dass wir dazu beitragen, damit wir alle halbwegs ungeschoren durch diese Infektion kommen. Dieses Miteinander ist was schönes. Fangen wir mal gleich an. … Ich bleib mal daheim.

Warum Toilettenpapier?

Die Unsicherheit, die das Coronavirus auslöst, treibt die Menschen in die Geschäfte, um sich mit wichtigen Waren einzudecken. Das ist nachvollziehbar. Die Hamsterkäufe machen ja nur die anderen. Am Samstag war einer der bekannten Discounter in meiner Nachbarschaft voller Menschen, vor der Kasse bildeten sich Schlangen. Mit meinen zwei Produkten in der Hand (saure Sahne, eine Packung gefrorene Erbsen) kam ich mir richtig komisch vor. Die Einkaufs-wägen waren voller H-Milch, Dosenwurst oder Nudeln. Vernünftige Sachen.

Interessanterweise gab es sogar Toilettenpapier. Es war am Morgen, und die vielleicht sieben Packungen lagen friedlich und einsam im Regal. Wie ich hörte, waren in den Tagen zuvor Menschen über 25 Kilometer gefahren, um an Toilettenpapier zu kommen.

Wie der Autor eines Berichts im Berliner Tagesspiegel dachte ich zuerst auch, dass wir Deutsche einen Hang zur analen Phase haben. So wurde vor etwa 100 Jahren von Sigmund Freud eine Entwicklungsphase bezeichnet, in der das zwei- bis dreijährige Kind die Lust am Produzieren, Hergeben und Verweigern lernt. Die Darmentleerung wird vom Kind als lustvoll und „gut“ erlebt, von der Umgebung aber als „böse“. Viele Eltern nennen das ausgeschiedene Produkt denn auch „bäh“, was ich schon immer seltsam fand. Und es gilt bis heute als ein elterlicher Erfolg, wenn Kinder früh „sauber sind“. Was in den folgenden Jahrzehnten dazu führt, das dieses Thema eine lebenslange Belastung bleibt. Ich sage nur mal Dulcolax.

Der anale Charakter wird logischerweise mit Begriffen wie ordnungsliebend, penibel, starrsinnig, zwanghaft und sparsam umschrieben. Typisch Schwabe? Typisch deutsch? Mitnichten.

Gerade erfahre ich, dass auch in Washington D.C. (USA) eines in den Supermärkten vergriffen ist: Toilettenpapier. Ich bin verzweifelt. Meine Erklärungsversuche sind am Ende.

Haben Sie eine Idee?

Was geht rum? 14. März 2020

Vermutlich nimmt bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Verwirrung in diesen Tagen täglich oder stündlich zu. Nun hat sogar der Vatikan die Schließung aller katholischen Kirchen in Italien verfügt. Seltsame Zeiten. Nein, das ist keine Science Fiction. Wir erleben eine Krankheit, COVID-19 genannt, die sich über den Erdball ausbreitet. Und gleichzeitig erleben wir persönlich von dieser Krankheit in den meisten Fällen nichts. Außer den Folgen von Sorgen, Angst oder Panik. Was sollen wir also glauben? Hier dazu sechs Fakten.

Erstens. Der amerikanische Präsident hat den Schuldigen gefunden. Das SARS-CoV-2 Virus sei ein „ausländisches Virus“. Sehr praktisch. In der Geschichte gab es mehrfach Versuche, „Ausländer“ zu brandmarken. Zum Beispiel die Syphilis (Geschlechtskrankheit). Die Franzosen nannten sie seinerzeit „englische Krankheit“, die Engländer „französische Krankheit“. Grenzen können nicht effektiv geschlossen werden, weder damals, noch heute. Es ist für uns wenig bedeutsam, wo das Coronavirus herkam. Wichtig ist, es breitet sich weltweit aus. Und wir sollten dazu beitragen, dass diese Verbreitung weniger heftig verläuft.

Zweitens. Länder sind unterschiedlich organisiert und haben Gesundheitssysteme, die mal besser, mal weniger gut aufgestellt sind. Das erklärt zum Teil, warum die Erkrankungsfälle und Todesfälle von Land zu Land so stark variieren. Aber eben nur zum Teil. Großteils wissen wir und unsere Experten noch zu wenig über diesen Erreger. Aber wir alle lernen täglich dazu.

Wasser und Seife – alles was es braucht, um das Risiko für Ansteckung drastisch zu senken Quelle pixabay; Susanne Jutzeler

Drittens. Für uns in Baden-Württemberg ist im Moment noch alles ziemlich gut. Nach Angaben des SWR sind, Stand diese Woche, 2,5 von 100.000 Menschen infiziert. Von diesen sind 80% nur leicht betroffen. Das ist eine gute Basis. Weil wir bereits wissen, dass das Coronavirus sich rasch ausbreiten kann, helfen Hygienemaßnahmen (wie das Händewaschen) und die Vermeidung großer Menschenansammlungen enorm, um eine schwere Epidemie im Ländle zu vermeiden.

Viertens. Wie erklärt sich, warum wir trotz der wenigen Infektionen im Lande so vorsichtig sein sollen? Die Ausbreitung von Krankheiten hängt von einer Reihe Faktoren ab. Dabei sind viele wie die Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Erkrankung), die Latenzzeit (Zeit bis eine angesteckte Person selbst für andere anstecken wird) und die Zeit der Ansteckungsdauer nicht veränderbar. Sie sind vom Erreger, also hier dem Coronavirus, vorgegeben. Worauf wir als Menschen einen Einfluss haben, ist die Basisreproduktionszahl Ro. Diese Zahl zeigt an, wie viele Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Beim SARS-CoV-2-Erreger sind das nach den bisherigen Forschungen 2,4 – 3,3 Personen. Nach statistischen Analysen würde dies bedeuten, dass zwei Drittel der Bevölkerung über die kommenden Monate angesteckt würden, bevor sich niemand mehr anstecken kann. In China lag diese Zahl Ro nach einer letzten Studie im Januar bei 3,86 und wurde durch die drastischen Maßnahmen wie die Abschirmung von Millionenstädten auf Ro=0,32 Mitte Februar gesenkt. Man hatte also erreicht, dass es nur jedem dritten Infizierten gelang, eine weitere Person zu infizieren.

Bodensee im Frühling   Quelle   ptw

Fünftens. Viele versuchen die Angst zu schüren und den Weltuntergang zu beschwören, besonders die Börse, die vor wenigen Tagen noch ihre Rekorde feierte. Wir sollten aber wissen, dass die Verbreitung des Coronavirus ähnlich verläuft wie beim Influenzavirus und anderen Viren auch. Erkrankungen mit diesen Viren haben wir alle durchgemacht. Und überstanden. Wir dürfen also entspannt bleiben, sollten aber unseren Alltag anders organisieren. Statt großer Feste können wir schöne Spaziergänge in der erwachenden Natur machen. Für Baden-Württemberg hat die Regierung entschieden, dass ab Dienstag der kommenden Woche alle Kindergärten und Schulen bis zu den Osterferien geschlossen werden. Dann wird es für die berufstätigen Eltern der etwa 2 Millionen Schüler mühsam. Sie müssen ihren Alltag umkrempeln und im engeren Umfeld nach Lösungen suchen, wie ihre Kinder tagsüber betreuen (lassen) können. Eltern, die beide in einem „besonders sensiblen Beruf“ (Polizei, Feuerwehr, Gesundheit u.a.)  arbeiten, erhalten Hilfe vom Land.

Sechstens. Eine Impfung ist in diesem Jahr realistischerweise nicht zu erwarten. Sollte eine entwickelt sein, bräuchte sie noch Monate, um ihre Wirksamkeit und gute Verträglichkeit zu belegen. Wer anderes sagt hat im besten Fall wenig Ahnung. Es gibt im Moment aber eine kleine Aussicht auf eine ursächliche Therapie. Die Substanz heißt Remdesivir und wurde ursprünglich als Therapie gegen das Ebola-Virus entwickelt. Von ihr ist bereits bekannt, dass sie gut verträglich ist. Zwei Studien versuchen gerade zu erforschen, ob sie auch eine ausreichende Wirkung hat. Mit Ergebnissen – sagen die Forscher – könnte in einem Monat zu rechnen sein.

Kinder und Jugendliche können vermutlich zur Ausbreitung der COVID-19 beitragen, erkranken aber selten daran. Wenden wir uns also den Krankheiten zu, die die Jüngsten im Lande persönlich jetzt härter treffen könnten. Wie erwähnt, ist die Influenza die häufigste und schlimmste Infektion im Ländle in diesen Tagen. Die Hygienemaßnahmen (Händewaschen, Reinigen von Türklinken etc.) helfen auch gut gegen die Grippe. Geimpfte Personen haben etwa ein halb so großes Risiko krank zu werden. Immerhin. Es gibt noch einige weitere Viren, die Atemwegsinfekte auslösen: das RS-Virus, das humane Metapneumovirus (HMPV), das Rhinovirus, das Adenovirus , einige Parainfluenzaviren und – erschrecken Sie nicht – die Coronavirus-Typen 229E (CoV 229E), OC43, NL63 und HKU1 (seit den 1960ger Jahren wurden weltweit mehr als 40 verschiedene Coronaviren entdeckt). Letztere sind also schon Jahrzehnte unterwegs und befallen Kinder. Man weiß, dass etwa 15-30% aller „Erkältungen“ der letzten Jahrzehnte auf ein Corona-Virus zurückgehen und meist harmlos verlaufen. Alle lösen in unterschiedlichem Ausmaß Schnupfen, Husten und Fieber aus. Und gegen alle hilft was wir täglich hören und hier lesen: Hygiene, meiden großer Menschenansammlungen.

Eschenpollen-Konzentrationen der Pollenfalle in Münsterlingen (Schweiz)  Quelle  www.pollenundallergie.ch

Ach so, es gibt ja noch die Pollen. Fast vergessen. Die Zeit der Hasel- und Erlenpollen ist vorbei. Der Flug der Eschenpollen hat bereits eingesetzt, obwohl dies im langjährigen Mittel erst Anfang April zu erwarten wäre. Es ist mit mittleren Konzentrationen zum Wochenende und einer weiteren Zunahme in der kommenden Woche zu rechnen.

Eigentlich wollte ich in diesem praxisblättle vom Kongress der amerikanischen Allergologen (AAAAI) in Philadelphia berichten, wo ich selbst an diesem Wochenende ein Poster über eine Studie zu Allergien und Asthma bei Kindern in Madagaskar vorstellen wollte. Zu Recht wurde dieses Meeting wegen der Pandemie abgesagt und so erlebe ich den zarten Frühlingsbeginn in Oberschwaben.

Was geht in der Welt rum? Das Hauptthema weltweit bleibt das SARS-CoV-2 genannte Coronavirus. Glücklicherweise löst es bei Kindern und Jugendlichen nur selten eine Krankheit aus. Aber das Ansteckungsrisiko ist auf allen Reisen nachweislich höher – für Coronaviren wie für Influenzaviren. Insofern ist es im Moment ratsam, sich mit Kindern nicht auf grössere Reisen zu begeben (sofern überhaupt Flüge möglich sein sollten). Schwerwiegender als die beiden Viren ist beispielsweise das Gelbfieber-Virus in Brasilien, das bereits zu mehreren Todesfällen in diesem Jahr führte. Dagegen gibt es aber eine hervorragend wirksame Impfung. Bei Reisen in exotische Länder sind im Moment die Gefahren höher als sonst. Wer nicht aus beruflichen Gründen losziehen muss, bleibt lieber im Land. Der Schwarzwald hat auch seine Reize!

Ich wünsche Ihnen für das Wochenende viel Sonnenschein und schöne Spaziergänge mit Ihren Kindern. Und bleiben Sie nächste Woche mutig, auch wenn’s manchmal mühsam sein sollte. Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Peter Th. Wolff

 

 

TIPP: Was tun bei Vergiftung mit Reinigungsmittel

Vergiftungen mit Reinigungsmittel gehören zu den häufigsten Gründen, warum Eltern Rücksprache mit einer Vergiftungszentrale halten.

In Ihrem Jahresbericht von 2014 (eine neuere Version ist nicht online) wurden in der für Baden-Württemberg wichtigen Vergiftungszentrale in Freiburg 22.247 Notrufe betreffend Vergiftungen entgegengenommen. Die weitaus häufigsten Probleme traten bei Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren auf. Besonders betroffen war – wie auch in anderen Vergiftungszentralen – die Altersgruppe von 1-4 Jahren, Kinder, die die Welt erobern. Das ist das Alter, in dem Kinder die Garderobe hochklettern, die Herdplatte anfassen und alle Schubladen öffnen. Und eben auch Erde essen, Blätter kauen und aus allen Flaschen trinken: Die Zeit der Unfälle und Vergiftungen.

Art und Häufigkeit der Vergiftungen Quelle: Jahresbericht VZ Bonn

Welche Vergiftungen besonders bedeutsam sind zeigt die nebenstehende Graphik der Vergiftungszentrale Nordrhein-Westfalen der Universität in Bonn. Neben den Medikamenten – „Omas Herztablette“ – und Pflanzen sind die Wasch- und Reinigungsmittel im Haushalt besonders bedeutsam. In diese Gruppe fallen sehr verschiedene  Produkte, die für den Laien zunächst in ihrer Bedeutung kaum zu beurteilen sind. Man unterscheidet im Wesentlichen 2 Gruppen:

  • ätzende Produkte (Backofen‑, Grill- und Rohrreiniger, industrielle Reiniger, Stein- und Fliesen- reiniger u.a.)
  • reizende Produkte (Handspülmittel, Waschmittel, Weichspüler, Glasreiniger, Spülmaschinentabs)

Die erste Gruppe der ätzenden Substanzen müssen zunächst als Notfall eingestuft werden, wenn ein Kind davon getrunken hat. Oft ist unklar ob und wie viel es davon abbekommen hat. Weil jedoch die Folgen sehr schwerwiegend sein können, sollte auch bei Beschwerdefreiheit der Kinder- und Jugendarzt aufgesucht werden. Folgende Informationen sind wichtig:

  • Wer hat die Substanz eingenommen? Alter/ Geschlecht/ Gewicht/ Vorerkrankungen
  • Wann hat das Kind mutmaßlich die Substanz getrunken!? Uhrzeit merken.
  • Welche Substanz war es? Am besten Originalverpackung mitbringen
  • Wann traten ggf. erste Symptome auf und welche?
  • Adresse und Telefonnummer der Familie (für. ggf. Rückfragen)

Das Kind darf schluckweise etwas Flüssigkeit zur Spülung der Schleimhäute zu sich nehmen. Diese sollte, wenn möglich, zunächst ausgespuckt werden, um den Mund von Substanzen zu befreien. Auch Trinken von Wasser (!) ist erlaubt. Weitere Maßnahmen sollten bis zum Arztbesuch unterbleiben.

Die reizenden Produkte sind in der Regel weniger gefährlich. Sind die Kinder symptomfrei kann etwas Flüssigkeit (Wasser/ Tee) gegeben werden. Weiteres sollte nach Rücksprache mit dem Kinder- und Jugendarzt bzw. mit der Vergiftungszentrale abgeklärt werden.

Detaillierte Informationen zu Vergiftungen finden Sie hier auf der Homepage der deutschen Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Im akutem Vergiftungsnotfall – wenn Sie Ihren Arzt nicht erreichen können – im Südwesten bitte die Vergiftungszentrale in Freiburg anrufen: Die anderen Vergiftungszentralen in Deutschland haben übrigens die gleiche Durchwahlnummer mit der entsprechenden Vorwahl.

Giftzentrale Freiburg           0761  19240

Giftzentrale Charité Berlin   030  19240

Giftzentrale Bonn                   0228   19240

Giftzentrale München           089   19240

 

Das Geschäft mit dem Wunsch nach Gesundheit: Schüßler-Salze ?

Gesundheit ist das wichtigste, sagen fast alle Menschen, denen ich begegne. Dazu schweige ich meistens. Zu oft steht die Hoffnung auf immerwährende Gesundheit am Anfang des Selbstbetrugs.

Ein seit Jahren beliebter Weg seine Gesundheit zu erhalten sind die Schüßler-Salze. Sie wurden im 19. Jahrhundert vom Homöopathen Wilhelm Heinrich Schüßler (1821 – 1898) so zusammengestellt. Dabei berief er sich zum einen auf die Forschungen des Pathologen Rudolf Virchow, der an der Berliner Charité Zellforschungen durchführte sowie des holländischen Physiologen Jakob Moleschott, der sich mit der Bedeutung der Mineralstoffwechsels beschäftigte. Selbst Homöopath, störte ihn in dieser Lehre die Vielfalt der angewendeten Mittel und er reduzierte deswegen seine Therapie auf 12 Arzneien – „eine abgekürzte Therapie“, wie er sie selbst nannte. Zur Verwendung kamen Salze in homöopathischen Dosen, „Funktionsmittel“ :

  • 1     Calcium fluoratum (Bindegewebe, Gelenke, Haut)
  • 2     Calcium phosphoricum (Knochen, Zähne)
  • 3     Ferrum phosphoricum (Immunsystem)
  • 4      Kalium chloratum (Schleimhäute)
  • 5      Kalium phosphoricum (Nerven, Psyche)
  • 6      Kalium sulfuricum (Entschlackung)
  • 7      Magnesium phosphoricum (Muskeln, Nerven)
  • 8      Natrium chloratum (Flüssigkeitshaushalt)
  • 9      Natrium phosphoricum (Stoffwechsel)
  • 10    Natrium sulfuricum (innere Reinigung)
  • 11    Silicea (Bindegewebe, Haut, Haare)
  • 12    Calcium sulfuricum (Gelenke)

Alle diese Mittel werden in homöopathischen Konzentrationen von D6 bis D12 angeboten. Das sind umgerechnet 1:1 Million bzw. 1:1 Billion. Diese Zahlen kennen wir aus der heutigen Finanzwelt. Eine Billion heißt praktisch: 1 Teilchen auf 1 000 000 000 000 Teilchen. Das ist eine verschwindend geringe Menge. Das steht im Widerspruch zu seiner These, dass ein Mangel an Mineralien die Krankheiten auslösen würde. Ebenso schwierig ist nachzuvollziehen, wie mit 12 Mitteln (inzwischen werden übrigens 69 Schüßler-Salze angeboten) das Spektrum aller Krankheiten zu behandeln sein soll.

Wie ist die Wirksamkeit zu bewerten? Heute, fast 150 Jahre nach Darlegung von Schüßlers Überlegungen, ist die Medizin sehr wohl in der Lage, einen Mangel an Mineralien nachzuweisen. Auch eine erfolgreiche Behandlung mit Mineralien wäre belegbar. Dennoch existieren keinerlei Studien. Das belegt auch ein Blick auf die Homepage „Forschung und Wissen“, die gleich zu Beginn schreibt: „Doch muss es immer die streng wissenschaftliche Untersuchung sein? Reicht es nicht aus, wenn nach der Einnahme eines Präparates die Mehrzahl der Probanden über eine Besserung ihrer Beschwerden berichten?“ Nein, dieses Gefühl reicht eben nicht aus. Das nennt sich Placeboeffekt. Kurz zusammengefasst:

  1. Ein Wirkungsnachweis für Schüßler-Salze besteht bis heute nicht. Es liegen keinerlei wissenschaftliche Studien vor. 
  2. Bein Einnahme der Schüßler-Salze – meist Tabletten – kann es durch den Gehalt an Laktose bei Laktoseintoleranz zu Beschwerden kommen (darauf weist der Beipackzettel auch hin).
  3. Durch Unterlassen einer nachweislich wirksamen Therapie kann eine „Behandlung“ mit Schüßler-Salzen für Erkrankte schwerwiegende Folgen haben.

Die Therapie mit Schüßler-Salzen kommt einem großen Bedürfnis von uns Menschen entgegen: Wir wollen gesund sein und bleiben. Und das mit möglichst wenig Aufwand (Sport, kein Übergewicht) und ohne Nebenwirkungen aller Art. Ähnliche Wünsche in anderen Bereichen des Lebens (z.B. Finanzen) haben meist fatale Auswirkungen.

Die Schüßler-Salze waren vor 150 Jahren sicher ein spannender Ansatz. Heute wissen wir mehr und können viele Erkrankungen behandeln, die damals noch nicht einmal bekannt waren (z.B. einige Stoffwechseldefekte, die – unbehandelt – im Säuglingsalter zum Tod führen). Insofern wäre es richtig, diese Therapien als interessanten,aber gescheiterten Versuch ihrer Zeit (19. Jahrhundert) zu bewerten, Krankheiten zu behandeln. Schüßler-Salze haben aus meiner Sicht keinen Platz in der medizinischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Erwachsene, die eine „gutes Gefühl“ dabei haben, kann man nicht davon abhalten. Als Eigenversuch muss sie jeder Erwachsene für sich selbst verantworten.

Die Diskussion über alternative Behandlungsmethoden ist auf politischer Ebene endlich in vollem Gang. Bei den Grünen könnte das zu einer Zerreißprobe führen. Im Moment gehören diese Behandlungen in Deutschland nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Allerdings erstatten viele Krankenkassen Behandlungskosten für Naturheilverfahren über ihre sog. Satzungsleistungen. Frankreich ist einen Schritt weitergegangen: Dort werden homöopathische Arzneimittel mangels erwiesener Wirksamkeit ab 2021 nicht mehr erstattet werden.