Was geht rum? 05. Dezember 2020

♦ Corona – Quarantäne für Kontaktpersonen verkürzt

♦ Corona – Krankheitsverlauf bei Kindern anders als bei Erwachsenen

♦ Corona – Sind Tests aus den Drogeriemärkten sinnvoll?

♦ Atemwegsinfekte in diesem Winter seltener – außer COVID-19

Die offiziellen Empfehlungen im Umgang mit dem Corona-Virus ändern sich beständig. Nun rüttelt sogar das amerikanische CDC (Center for Disease Control) an den Grundprinzipien der Quarantäne. Wie in der New York Times nachzulesen ist, soll die Quarantäne auf 5 Tage verkürzt werden. Die Quarantäne betrifft Personen, die mit einem Infizierten länger in Kontakt kamen (KP1 = Kontaktpersonen ersten Grades). Bisher lagen diese Zeiten in den USA wie in Deutschland bei 14 Tagen. In Baden-Württemberg wurde mit der neuen Coronaverordnung die Quarantäne ebenso wie die Isolation – sie betrifft die Infizierten – auf 10 Tage festgesetzt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in der ersten Corona-Welle lange gezögert, das Tragen von Masken zu empfehlen. Inzwischen rät die WHO (in Englisch) sogar, Masken in der eigenen Wohnung zu tragen wenn Besuch kommt. Unabhängig davon, ob Abstand gehalten werden kann oder nicht.

Die COVID-19-Erkrankung verläuft bei Kindern häufig anders als bei Erwachsenen. Das zeigen neue Daten von der University of Alberta in Canada. Dort wurden von April bis September 2463 Kinder und Jugendliche auf die Corona-Infektion untersucht. Dabei zeigte sich, dass Schnupfen oder Husten als Symptom bei positiv wie negativ getesteten Kindern und Jugendlichen gleich häufig waren (25% gegen 22%). Typisch hingegen waren Störungen bei Geruch- und Geschmackssinn, die bei Corona-Erkrankten 7,3 Mal häufiger auftraten. Auch Erbrechen und Übelkeit (5,5-fach häufiger) und Kopfschmerzen (2,5-fach) scheinen für Kinder und Jugendliche eher typische Symptome zu sein. Wenn alle drei Beschwerden (Geruchs-/ Geschmacksinn-störung + Erbrechen/Übelkeit + Kopfschmerz) zusammenkamen, war das Risiko an COVID-19 erkrankt zu sein 66 mal so hoch.

COVID-19-Erkrankungen in Baden-Württemberg bezogen auf die jeweilige Altersgruppe pro 100.000 Personen und Woche. Quelle: LGA

Schwere Verläufe von COVID-19 bei Kindern sind eher selten. Das bestätigen auch die neuen Daten aus Baden-Württemberg, besonders für Kinder unter 10 Jahren. Eine Studie des „TheTri-State Pediatric COVID-19 Research Consortium (in Englisch) aus den USA untersuchte die stationär wegen COVID-19 behandelten Kindern in drei Kliniken. Dabei fanden sie einige Faktoren, die das Risiko für eine schwere Lungenbeteiligung erhöhenÜbergewicht (erhöht das Risiko um den Faktor 3,39), Sauerstoffmangel bei stationärer Aufnahme (Faktor 4,01) und erniedrigte Lymphozyten (eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen) im Blut (Faktor 8,33).

In Drogeriemärkten stehen seit neuestem Coronatests zum Verkauf. Aber Vorsicht: Es handelt sich nur um Antikörper-Tests, die im Blut nachweisen, ob bereits eine Infektion mit dem SARS-CoV-2 stattgefunden hat. Und auch dieser Nachweis hat seine Tücken, abgesehen dafür, dass um die 50 € Kosten anfallen. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern, dann werden auch Antigentests – besser als Schnelltests bekannt – zur Verfügung stehen. Schon die Durchführung der Tests will gekonnt sein. Noch schwieriger ist deren Beurteilung. Prädikat: Warten Sie ab oder fragen Sie den Arzt ……

Praxisindex: Er gibt an, wie viele Personen die Arztpraxen wegen Atemwegsinfekten aufgesucht haben. Die aktuellen Zahlen der Saison 2020/2021 gibt die rote Linie wieder. Quelle: AG Influenza

AHA-Regeln sind auch für andere Erreger wirksam. Das zeigt sich im Moment bei den Infekten der Atemwege. Die Erkrankungszahlen liegen etwa 30% niedriger als im letzten Jahr. Hinzu kommt, dass viele Menschen wegen Schnupfen und Husten keinen Arzt mehr aufsuchen aus Angst, sich in den Praxen mit dem Coronavirus anzustecken. Die Schnupfeninfekte des Herbstes klingen langsam ab, neu zeigen sich Infektionen mit Übelkeit / Erbrechen und Durchfall. Häufig wird bei solcher Symptomatik nicht nach der Ursache gefahndet. Rota- oder Noroviren scheinen an diesen kleinen Ausbrücken wenig beteiligt zu sein. Unter den vielen anderen Erregern können auch einmal Coronaviren solche Beschwerden bei Kindern auslösen.

Was geht in der Welt rum? In fernen Ländern, in die kaum einer mehr reisen kann, treten Krankheiten auf, die fast im Corona-Nebel verschwinden. Wie die Tollwut. In Malaysia ist kürzlich ein 42-Jähriger daran verstorben. Aus Südafrika werden fünf Fälle berichtet. Tollwut wird meist von infizierten Hunden – aber auch anderen Tieren wie Katzen oder Fledermäusen – übertragen.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten zweiten Advent, herzliche Grüße, Ihr

Erster direkter Nachweis: HPV-Impfung schützt vor Gebärmutterhalskrebs

Es ist seit Jahrzehnten belegt, dass das humane Papilloma Virus – kurz HPV – die wichtigste Ursache für das Cervixkarzinom („Gebärmutterhalskrebs“) darstellt. Dass eine Impfung gegen die verschiedenen HP-Viren sinnvoll sein würde, war schon lange belegt. In einem früheren praxisblättle haben wir darüber berichtet.

Schwieriger war es, eine direkte Schutzwirkung der Impfung gegen diese Krebsart zu belegen. Denn zwischen dem Kontakt mit dem Virus im Alltag (meist sexuell) und der Entstehung der Krebserkrankungen können Jahrzehnte liegen. In einer schwedischen Studie konnte nun eine Forschergruppe um Jiayao Lei vom Karolinska Institut in Stockholm erstmals zeigen, dass die Impfung in der Lage ist, das Entstehen des Gebärmutterhalskrebses zu verhindern. Das war möglich, weil in Schweden drei sich ergänzende Register zum Thema Impfen existieren, die eine genaue Analyse der Daten von weit über 1 Million Frauen ermöglichten.

Die Studie bezieht sich auf Frauen, die ab 2007 mit einem Impfstoff gegen die HPV-Typen 6, 11, 16 und 18 (Gardasil© – inzwischen enthält dieser Impfstoff 9 HPV-Typen) geimpft wurden. Das sind die 4 wesentlichen HPV-Virustypen, die als onkogen (krebsverursachend) gelten. Die Daten wurden mit denen der nicht geimpften Frauen in Bezug auf das Auftreten des Gebärmutterhalskrebses verglichen. Dabei haben die Wissenschaftler auch andere Aspekte berücksichtigt. So könnte es durchaus sein, das gesundheitsbewusste Frauen sich eher impfen lassen und sich auch durch Kondome eher vor der sexuell übertragbaren Erkrankung schützen. Diese Faktoren wurden statistisch herausgearbeitet.

Als Maß für die Wirkung verwendeten die Forscher die alters-adjustierte relative Inzidenzrate (IRR). Die lag für alle geimpften Frauen gemeinsam bei 0,37. Das bedeutet, dass das Risiko für die geimpften Frauen  an dieser Krebsart zu erkranken um 63% niedriger lag. Für die Frauen, die sich vor dem 17. Lebensjahr impfen ließen lag das Risiko sogar 88% niedriger (IRR 0,12).

Dass die HPV-Impfung das Wachstum von Genitalwarzen bremsen kann war lange klar. Ebenso, dass Krebsvorstufen entstehen. Mit dieser schwedischen Studie ist nun erstmals der wichtigste Beweis gelungen: die HPV-Impfung schützt effektiv gegen Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom).

Sie zeigt aber auch: Der Schutz ist nicht 100%-ig– Das wird bei den vielen Typen an HP-Viren wohl auch nicht gelingen. Insofern ist es für alle Frauen wichtig, weiterhin die gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.

Was geht rum? 28. November 2020

Die GRÜNEN und die Homöopathie

USA: Coronainfektionen auf dem Land häufiger als in der Stadt

♦ Auch in Hotspots ist keine Herdenimmunität in Sicht

♦ Immer mehr Kinder in Deutschland wegen COVID-19 im Krankenhaus

Die Bundespartei der Grünen hat sich in den letzten ein heißes Thema vorgenommen: die Homöopathie. Und sie hat es in internen Diskussionsrunden geschafft, Position zu beziehen: Von den Krankenkassen sollen nur noch Leistungen übernommen werden, „die medizi­nisch sinnvoll und gerechtfertigt sind und deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen ist“. Dabei wird das Wort „Homöopathie“ umgangen, ebenso aber auch Formulierung, dass im Einzelfall eine Kostenübernahme möglich sein sollte, wie manche Delegierte auf dem Bundesparteitag forderten.

Die Mobilität in Deutschland hat sich während des Shutdowns verändert. Das zeigt eine neue Untersuchung, die auf der Basis der Mobilfunkdaten die Mobilität errechnet. Es zeigt sich, dass im ersten Shutdown die Mobilität um bis zu 55% zurückging. Im zu Ende gehenden Monat November liegt der maximale Rückgang der Mobilität bislang bei 22%. Diese Zahlen sind ein klarer Hinweis, dass die Menschen sich in der Pandemie zurückhalten.

Erkrankungszahlen an COVID-19 pro Wochen und 100.000 Einwohner („Wocheninzidenz“) bezogen auf die Bewohnerdichte der jeweiligen Region (county) in den USA Quelle: Lindsey M. Duca et al im MMWR, veröffentlicht vom CDC

Überraschende Daten zu COVID-19: In den USA erkranken mehr Personen in ländlichen Gebieten als in städtischen (Metropolen). Auch aus Deutschland kommen immer wieder Meldungen, dass dünn besiedelte Regionen wie der Landkreis Hildburghausen in Thüringen mit Wocheninzidenzen von über 400 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner oder der Landkreis Tuttlingen in Baden-Württemberg mit 276 Erkrankungen (Stand: 26.11.2020) auffallen.

Coronainfektionen in Berlin: 7-Tages-Inzidenzen (pro 100.000 Einwohner) in Berlin. Auf der x-Achse sind die Kalenderwochen aufgetragen, auf der y-Achse die Altersgruppen. Quelle: SurvNet des RKI

Die Zahlen für Berlin sind weit dramatischer. Für die Jugendlichen von 15-19 Jahre liegt der Wert bei 390, in Berlin Mitte gar bei 637. Es erstaunt nicht, dass unter diesen Umständen 5% aller Berlinere Schüler in Quarantäne sind Und dennoch: Einfache Erklärungen greifen nicht.

Nach fast einem Jahr in der Pandemie ist an eine beginnende Herdimmunität nicht zu denken. Weder bei uns, noch in Spanien oder Italien. Auch das stark gebeutelte Amerika ist weit davon entfernt, wie eine sehr gut gemachte Studie von Kristina L. Bajema und Mitarbeiter zeigt. Die Zahl der Amerikaner, bei denen im Serum Antikörper gegen das SARS-CoV-2 nachgewiesen wurde, schwankt stark. In den meisten Staaten liegt die Rate unter 10%, in vielen sogar unter 1%. Nur in New York, das vor Monaten heftig gebeutelt wurde, waren es fast 25%. Und das ist noch weit davon entfernt, eine Immunität zu vermitteln. Dazu müssten mindestens 70% einer Population mit dem Virus – oder einer perfekten Impfung – in Kontakt gekommen sein. Es liegt weiterhin ein langer Weg vor uns.

Häufigkeit der stationären Behandlung von Kindern mit COVID-19 in deutschen Kliniken. Quelle: DGPI

In den letzten Wochen ist die Zahl der Kinder, die wegen COVID-19 stationär  behandelt werden musste rasant angestiegen. Die Zahl der wöchentlichen Fälle lag in der letzten Woche bei 16 Kindern. Der bisher höchste Wert mit 39 Meldungen datiert aus der letzten Oktoberwoche. Nicht alle Kliniken in Deutschland melden die COVID-19-Fälle. Dennoch fällt eine hohe Konzentration für Baden-Württemberg in Stuttgart und Freiburg auf.

Stationäre Aufnahme von Kindern in eine deutsche Klinik: Altersverteilung. Quelle: DGPI

Interessant ist auch die Altersverteilung: Über ein Drittel aller betroffenen Kinder sind Säuglinge, also jünger als ein Jahr. Wenn also von „Risikogruppen“ gesprochen wird, sollte auch an die Kleinsten gedacht werden, deren Immunsystem zwar sehr anpassungsfähig, aber eben auch unerfahren ist. Der Anteil der Jugendlichen (grüne Flächen) an den COVID-19-Erkrankungen ist deutlich geringer.

Praxisindex Baden-Württemberg: er spiegelt die Zahl der Patienten wieder, die sich wegen Atemwegsinfekten in einer Praxis vorgestellt haben. Quelle: AG Influenza

Alle reden von Corona. Das ist auch richtig. Gemessen an den Erkrankungen mit dem SARS-CoV-2 spielen andere Infektionen im Moment im Ländle eine untergeordnete Rolle. Das zeigt die aktuelle Graphik für die Praxisbesuchen wegen Atemwegsinfektionen (rote Kurve). Inzwischen ist der Tod an COVID-19 sogar die häufigste Todesursache, vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Alles Querdiskutieren kann diese Zahlen nicht ändern.

Was geht in der Welt rum? Neben der Corona-Pandemie ist für tropische Länder das Dengue-Fieber eine Geisel. Die Tödlichkeit dieser Erkrankung ist bei weitem nicht so hoch. Aber die Erkrankung ist dennoch für die armen Menschen dieser Regionen sehr belastend. Aus Indien wurden bis Ende September 16.439 Fälle gemeldet, darunter 12 Todesfälle. Diese Häufigkeiten werden in der momentanen Regenzeit noch deutlich ansteigen. Eine Therapie oder eine Impfung gegen das Dengue-Fieber sind nicht in Sicht.

Ich wünsche Ihren Kindern und Ihnen ein angenehmes Wochenende, bleiben Sie konsequent und gesund, Ihr

EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern (07)

Corona und die Ängste

♦ Wie lange steckt das Virus uns an?

Dramatischer Anstieg von CIVID-19 bei Kindern in den USA

♦ Impfung gegen Mutlosigkeit und Inkonsequenz?

Luftfilter oder Stoßlüften? Eine überraschend klare Antwort von Forschern

Die „Gewächshauskneipe“

 

Die andauernde Pandemie lässt Ängste aufleben: Die Angst vor dem Mundschutz oder der Impfung. Natürlich auch vor der fremdgesteuerten Pharmaindustrie. Oder auch vor den Ärzten und dem Staat. Andere verzweifeln an Gott. Es wird von uns allen abverlangt, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Bei einigen raucht der – sonst kühle Kopf – aber bereits. Ist ja auch kein Wunder, wenn man erfährt, wer da alles so Dampf ablässt. Es hat den Eindruck, jeder muss etwas vermelden. Klar, wir sehen uns nach der Normalität der letzten Jahre, wo wir locker atmen konnten. Das geht halt mit Mundschutz nicht mehr so easy. Wir machen selbst mit Mund-Nasen-Schutz weiter und motivi(e)ren unsere Kinder. Nur so schützen wir Menschen davor, auf der Intensivstation um Atemluft zu ringen oder gar beatmet zu werden. Das kann uns alle erwischen, auch unsere Kinder. Das Coronavirus kann sich in der Luft verteilen. In der Luft auflösen wir es sich nicht.

Coronaviren. Quelle: pixabay, Gerd Altmann

Wie stark ansteckend ist das Virus ? Mit dieser Frage hat sich die Studie eines Teams um die Forscherin Muge Cevik von der University of St. Andrews in Schottland beschäftigt. Cevik und Mitarbeiter wählten unter 1486 Studien die 79 qualitativ besten aus. Darin fanden sie, dass in den PCR-Tests (also den klassischen Corona-Rachenabstrichen) Virusanteile bis 83 Tage nach einer Infektion nachgewiesen werden können. Übertragungsfähige Viren sind hingegen maximal 9 Tage lang nachweisbar. Dieser Nachweis, ob noch Viren im Rachen des Erkrankten vorhanden sind, die auch andere krankmachen können, ist sehr kompliziert und wird nur wissenschaftlich angewendet. Was bedeutet das für uns im Corona-Alltag?

  • Der PCR-Rachentest zeigt an, ob Virenanteile im oberen Rachenraum anzutreffen sind. 
  • Lebende und damit übertragbare Viren sind im Rachen maximal 9 Tage lang nachweisbar. Das bedeutet, das ein Erkrankter nach 10 Tagen sicher nicht mehr ansteckend ist. Aber auch: Er ist etwa 2 Tage vorher schon ansteckend, wenn er sich noch pudelwohl fühlt – weswegen wir alle den Aufwand mit den AHA-C-L-Regeln auf uns nehmen müssen, wenn wir’s mit dem Virus aufnehmen wollen. 

In den USA steigen die Erkrankungszahlen bei Kindern in den letzten Wochen dramatisch. Das belegen die Daten, die gerade von den amerikanischen Kinderärzten (AAP) und dem Verband der Kinderkliniken (CHA) veröffentlicht (in Englisch) wurden.

  • Gesamtzahl aller COVID-19 Erkrankungen bei Kindern in dieser Pandemie in den USA: 1,183,609  Kinder. Damit haben die Kinder bezogen auf alle Erkrankungen einen Anteil von 11.8% (1,183,609/10,060,749).
  • Die Rate der Kinder liegt somit bei  1,573 Fälle auf 100,000 Kinder in der Bevölkerung
  • In den letzten 2 Wochen (05.11.-19.11.) Anstieg der Coronainfektionen (COVID-19) bei Kindern um 28% (256,091 neue Fälle ! (von 927,518 auf 1,183,609 Kinder))

Soweit so schlecht. Die Notwendigkeiten sind gut bekannt, auch wenn sie von manchen bestritten und fremden Mächten zugeschrieben werden. Wir bewegen uns als Gesellschaft zwischen verschiedenen Welten: hier die Gesundheit, dort die Wirtschaft (Ökonomie). Oder hier die Gesundheit und der Datenschutz – die Grenzen der WarnApp lassen grüßen. Und jetzt kommt das Impfen hinzu, das bei einigen Menschen von teilweise schizophrenen Phantasien begleitet wird. Die Publizistin Miriam Meckel äußerte in einem Beitrag des Handelsblattes den Wunsch an die Pharmaindustrie nach einer „Impfung gegen Mutlosigkeit und Inkonsequenz“.

Aerosole Quelle: pixabay, Leandro De CarvalhoUnd immer wieder geht’s um die Schulen. Dass Aerosole zur Ausbreitung der Coronaviren eine große Bedeutung ist inzwischen Allgemeinwissen. Wie die kleinsten Tröpfchen, die das Coronavirus durch die Lüfte tragen aber zu entfernen sind, ist noch nicht so gut geklärt. Hier gibt eine Studie zweier Forscher aus Gießen (Technische Hochschule Mittelhessen) erstaunlich klare Antworten. Kurz zusammengefasst: Stoßlüften ist – abhängig von den Außentemperaturen – deutlich effektiver als Luftfilter. Die Pressemitteilung hierzu ist erhellend!

Die „Gewächshauskneipe“ – eine neue Möglichkeit, sich gegen das Coronavirus zur Wehr zu setzen. Wie hier in der 14th Street in Washington D.C. Quelle: mr

In den USA tut sich eine neue Art von Gaststätte auf: die Gewächshauskneipe. In den Häusern der Gastlichkeit sollen wir uns nicht aufhalten, denn die Aerosole könnten das SARS-CoV-2 in die Atemwege transportieren. Also bitteschön, nehmen Sie doch draußen Platz. Damit es nicht so kalt ist und sich fremde Leute sich nicht so einfach nähern können, haben wir ein Gewächshaus für sie eingerichtet. Hier können Sie Wurzeln schlagen und unsere Speisen genießen. Zu zweien.

 

 

Schlafapnoe bei Kindern: Ist die Entfernung der Mandeln günstig?

Über die letzten 50 Jahre hat sich die Einstellung zu den Mandeln – medizinisch: Tonsillen – enorm verändert. Zum einen wurde deren Bedeutung als Immunorgan immer besser verstanden. Zum anderen ging mit neuen diagnostischen Untersuchungsmöglichkeiten die Rate an Mandeloperationen (Tonsillektomie bzw. Adenotonsillektomie) deutlich zurück.

Wenn Kinder viele Infekte durchmachen, sind ihre Tonsillen (Mandeln) im Rahmen der Abwehr bedeutsam. In den Tonsillen sitzen Scharen von Immunzellen, die sich mit den Erregern im Nasen-Rachenraum auseinandersetzen. Bei einigen der Kinder führt dieser Kampf der Immunzellen zu Vernarbungen in den Mandeln und damit schließlich zu deren Vergrößerung. Diese Mandelvergrößerung (Tonsillenhyperthrophie) kann so erheblich sein, dass bei offenem Mund nur die Mandeln und nicht der Rachen zu sehen ist: als kissing tonsils  bezeichnen die amerikanischen Ärzte den Zustand, wenn die linke und die rechte Mandel sich fast permanent berühren.

Das hat Folgen. Zum einen fällt es Kindern schwerer, voluminöses Essen (wie Pommes) zu schlucken. Noch schlimmer ist, dass diese großen Mandeln im entspannten Zustand im Schlaf nach hinten Fallen und die Atemwege verengen. Das führt häufig zu enormem Schnarchen und auch zur kompletten Verlegung der Atemwege mit Atemaussetzern. Zum Glück wehrt sich das Gehirn und lässt das betreffende Kind in dieser Not erwachen. Aber die entspannende Ruhe der Nacht ist weg und Kinder durchleben eine Achterbahnfahrt zwischen Entspannung und  Atemnot mit der Folge, dass sie sich nachts kaum erholen und an Tagesmüdigkeit, Kopfschmerzen und Lernschwäche leiden.

Für Erwachsene und Schulkinder sind diese Prozesse recht gut untersucht, für Kleinkinder mit vielen Infekten jedoch nicht. Klar ist bislang nur, dass die schwere obstruktive Schlafapnoe – kurz OSA – (so nennt sich dieser Zustand) in erster Linie durch Entfernung der Gaumen- und Rachenmandeln (Adenotonsillektomie – ATE) behandelt werden sollten.

Eine neue Arbeit von J Fehrm und Kollegen aus den HNO Kliniken von Uppsala und Stockholm (Schweden) beschäftigt sich mit den obstruktiven Schlafapnoen von leichten bis mittlerem Grad in der Altersgruppe von 2 bis 5 Jahren. Es zeigte sich in einer kleinen Gruppe von 60 Kindern, dass Kinder nach ATE spürbare Verbesserungen der Lebensqualität aufwiesen gegenüber denen, bei denen zugewartet wurde. Ebenso wurde bei den mittelgradigen OSA ein Rückgang der Atemaussetzer gefunden.

Die Autoren kommen zum Schluss, dass eine beobachtende Haltung – „watchful waiting“ für sechs Monate möglich sei. Diese könne jedoch mit dem Risiko von nächtlichen Symptomen, Verhaltensauffälligkeiten und einer beeinträchtigen Lebensqualität für die jungen Kinder verbunden ein.

Was geht rum? 21. November 2020

♦ Heißer Tee im Winter – für Kinder ein Risiko (Verbrühung / Verbrennung)

♦ Corona-Impfstoffe – Medienkampagne vor Impfung: eine kleine Klarstellung

Corona-Schnelltest für zuhause: Brauchen wir den?

Nach einem Ganz-besonders-Spätherbst mit frühlingshaften Temperaturen am letzten Wochenende, ist der November zurück. Kühl, nass, lange Nächte. Wir sitzen in kuscheligen Wohnungen und es verlangt uns nach Heißgetränken. Kurzum: Die Gefahr für Verbrennungen bei Kindern steigt mit jeder Minute, die die Sonne uns weniger küsst.

Vieles kann in diesen Tagen zur Gefahr werden: Die Tasse heißer Tee steht am Tischrand und wird vom Kind heruntergezogen. Die heiße Kaminofenscheibe wird vom Kind eingesetzt um sich aufzurichten. Es gibt viele, oft unerwartete Anlässe sich zu verbrühen oder verbrennen. In einem Beitrag des praxisblättle können Sie die Einzelheiten nochmals studieren. Oder schauen Sie sich Paulinchen e.V. an.

Erste Impfstoffe gegen das SARS-CoV-2 kommen bald auf den Markt. Die Rede ist von 100’ten Millionen von Impfdosen. Die Aufgabe, die Impfung zu denen zu bringen die sie benötigen und wollen, ist eine Herkulesaufgabe. Quelle: pixabay, Dean Page

Seit zwei Wochen sind die Aussichten auf einen Impfstoff gegen das Coronavirus gestiegen. Zwei Kandidaten konnten nachweisen, dass ihr Impfstoff wirkt: BioNTech/ Pfizer (Mainz, USA) und Moderna (ursprünglich Harvard-University, jetzt auch Investoren wie BlackRock). Mit der Bekanntgabe der Daten begann auch ein kleiner Medienkrieg, zweitweise mit unfairen Vergleichen. Deswegen stellen wir hier die wichtigsten Daten einander gegenüber:

BioNTech Moderna
Art der Impfung mRNA-Vakzine (BNT162b2) mRNA-Vakzine (mRNA-1273)
Dosis pro Impfung 30 µg 100 µg
Temperatur Dauer-Lagerung – 70° Celsius – 20° Celsius
Temperatur Kurzzeitlagerung +2° bis +8° Celsius für max. 5 Tage +2 bis +8° Celsius für 30 Tage
Dosierung 2×1 Disis (Tage 0-21) 2 x 1 Dosis (Tage 0 – 28)
Teilnehmer Studien-Phase 3  43.538 (10.11.2020) > 30.000
Effektivität 95,3% (8 von 170) 94,5% (5 von 95)
sicher Impfschutz 28 Tage nach 1. Impf-Dosis 30 Tage nach 2. Impf-Dosis
unerwünschte Wirkungen Schmerz an Impfstelle, Muskelschmerz Schmerz an Impfstelle (2,7%), Muskelschmerz (8,9%)

Die Zusammenstellung zeigt: Die Impfstoffe sind sich sehr ähnlich: Beide sind mRNA-Vakzinen. Kleine Unterschiede gibt’s, der Rest ist Medienkampagne von Firmen, die auch einen finanziellen Erfolg suchen. Unstrittig ist, dass beide Impfstoffe hervorragend wirken – „besser wird’s nicht…“, so der  US-Virologe Anthony Fauci, bekannt durch einige Pressekonferenzen mit US-Präsident Trump, dessen oftmals falsche Angaben bei ihm sichtbares Stirnrunzeln auslösten. Beide Impfstoffe könnten helfen, die Pandemie besser zu beherrschen. Doch Impfungen werden von vielen Menschen eher als Bedrohung empfunden. Deswegen ist es wichtig, dass eine Impfpflicht nicht mehr als eine unsinnige Idee bleibt. Wie schon bei der Masernimpfpflicht werden Abwehrreflexe ausgelöst, die nicht hilfreich sind. Es sollte klar sein: Die Pharmaindustrie stellt Impfstoffe her (dafür ist sie auch da), sie darf damit auch Geld verdienen. Aber wir als Bürger entscheiden, ob wir uns impfen lassen wollen. Es ist schon schlimm genug, dass das Tragen der Gesichtsmaske trotz guter wissenschaftlicher Daten zum Politikum wurde.

Beide Hersteller werden ihre Studien fortsetzen, bis mindestens 164 COVID-19-Erkrankungen unter den Geimpften aufgetreten sind. Erst dann ist eine reguläre Zulassung möglich. BioNTech hat inzwischen die Notfallzulassung beantragt, Moderna wird bald folgen.

Inter-City-Express: immer wieder ein Erlebnis, auch wegen der Fahrleiter der Bundesbahn Quelle: pixabay, holzijue

Und noch ein Hinweis zum Maskentragen aus dem ICE 373 von Berlin nach Interlaken. Bahnfahren macht Spaß!

Und nun auch neue Nachrichten zum Testen: Die FDA (Federal Drug Administration) hat per Notfallzulassung (emergeny use authorization) einen Corona-Schnelltest für den Hausgebrauch zugelassen: Lucira® heißt er, kommt aus Kalifornien und ist für alle Menschen ab 14 Jahren zugelassen. An Kindern unter 14 Jahren darf er auch angewendet werden. Aber nur durch medizinisches Fachpersonal (healthcare provider). Der Preis liegt in den USA bei 50 USD. In Einzelfällen kann dieser Heim-Schnelltest bei korrekter Anwendung weiterhelfen, zumal er recht genau ist.

Und was geht – außer Corona – sonst noch rum? Nur wenige Erkrankungen. Schnupfeninfekte sind die häufigsten, die aber seit der Pandemie kaum wahrgenommen werden. Daneben gibt es auch Kinder, die eine Bronchitis haben – nicht Corona-bedingt. Und wie immer: Fast keine Kinderkrankheiten, außer Windpocken, die aber um 70% weniger auftreten als im letzten Jahr.

Was geht in der Welt rum? Seit drei Jahren leidet Nigeria unter Ausbrüchen von Gelbfieber. Im letzten Jahr wurden 4.290 Erkrankungen vermutet und 231 Todesfälle gesichert. Seit Januar 2020 wurden 2.285 Verdachtsfälle registriert und 23 Infektionen gesichert. Bis heute gibt es keine Medikamente, um diese Viruserkrankung nach Ausbruch zu behandeln. Aber es gibt eine extrem erfolgreiche Impfung. Eine einzige Impfung – zugelassen ab dem Alter von 9 Monaten- schützt nach heutigen Daten lebenslang.

Mit diesen ermutigenden wie ich finde ermutigenden Nachrichten wünsche ich Ihnen ein sonniges und fast winterliches Wochenende, Ihr

Süßes für Kinder

Seit Urzeiten mögen Menschen Süßes. Schon Eva hat Adam mit einem süßen Apfel verführt. Das bewegt auch viele Menschen heute, wenn sie ihre Produkte erfolgreich vermarkten wollen. Klassiker der letzten Jahrzehnte sind  das Überraschungsei oder der Fruchtzwerg.

Fruchtzwerg? Ein interessanter Test der Stiftung Warentest (Heft 10/2020) zeigt Erstaunliches. Der Fruchtzwerg hat sich weiterentwickelt und liegt mit geringerem Zuckergehalt auf Platz zwei bei den Kinderdesserts. Also wieder einmal vorne dabei – beim Rückzug von den Kalorien.

Dieser Test ist enorm praktisch für Eltern, die Kindern gerne auch was Süßes gönnen. Mit einem speziellen Rechner für Kinderdesserts können sie ausrechnen, wieviel Kalorien, Zucker und Fett empfehlenswert sind.

Was geht rum? 14. November 2020

Themen

Corona auf der Südhalbkugel der Erde

♦ COVID-19 bei Kindern – ein differenzierter Blick auf die Schulen

♦ Sesamallergie

♦ Welche Infektionen spielen noch eine Rolle?

Remo Largo – ein großer Kinderarzt ist von uns gegangen

 

Kommen Sie aus dem Ausland nach Deutschland zurück? Dann gelten für Sie seit dieser Woche neue Einreisebestimmungen. Die scheinen auf den ersten Blick klar, verweisen aber darauf, dass letztlich die Regelungen des einzelnen Bundeslandes gelten. Und wie die aussehen, steht auf einem anderen Blatt. Auf welchem? Eines brauchen Sie in jedem Fall: die digitale Einreiseanmeldung.

Coronaerkrankungen haben etwas mit dem Winter zu tun: Vergleich der Häufigkeiten auf der nördlichen Halbkugel gegenüber der Südhalbkugel. Quelle: Economist

Eigentlich wäre es wohl sinnvoller, über den Äquator hinaus auf die südliche Erdhalbkugel zu reisen. Dort werden die COVID-19-Erkrankungen im Moment seltener (Sommer). Bei uns sind sie weiter im Ansteigen (Winter). Daran wird auch eine Impfung in den kommenden Monaten in der Summe nur wenig ändern.

Lernen im Präsenzunterricht. Kommen bald Einschränkungen? Quelle: pixabay, klimkin

Eine Veröffentlichung von Zoë Hyde von der University of Western Australia (in Englisch) beleuchtet mit dem Wissen von heute den Stellenwert des SARS-Virus für Kinder und Schulen. Lange ging man davon aus, dass Kinder im Infektionsgeschehen nur eine geringe Rolle spielen würden. Ein großer Teil der Studien zu diesem Thema stammt aus der ersten Hälfte des Jahres, als viele Länder noch im Lockdown waren. Daten der letzten Monate jedoch sprechen dagegen. Schweden ist eines der Gegenbeispiele: Hier waren die Schulen immer offen und die Antikörpertests im Blut zeigten, dass die Rate durchgemachter Erkrankungen bei Kindern und jungen Menschen (0-19 Jahre) mit 6.8% Nachweis schützender Antikörper sogar leicht höher lag als die bei den Erwachsenen im Berufsleben (20-64 Jahre) mit 6.4%. Vieles spricht also dafür, dass die Virusbelastung bei Infizierten in allen Altersgruppen ähnlich hoch ist. Dabei weicht die Höhe der Viruslast kleiner Kinder oft ab (bei ihnen kann in der Regel weniger Material zur Testung gewonnen werden, z.B. wegen der Enge der Nase). Kinder sind also vermutlich genauso infektiös wie Erwachsene. Sie erkranken nur oft schneller und fallen nur mit deutlich weniger Symptomen auf. Dadurch fällt die Erkrankung oft zunächst bei den Erwachsenen mit Symptomen auf. In der Nachverfolgung zeigt sich dann auch bei Kindern ein positiver Rachenabstrich, weswegen wie oft als „Kontaktperson“ eingestuft werden. Dennoch ist die eigentliche Kontaktperson der erkrankte Erwachsene ist, der sich beim asymptomatischen Kind angesteckt hatte. Die Arbeit aus Australien ist eine differenzierte Analyse der Situation von Kindern in Schule und Haushalt – Pflichtlektüre für alle Eltern.

Im Monat Oktober wurden in den USA etwa 200.000 Fälle von COVID-19 alleine bei Kindern gefunden. Es gibt Hinweise, dass sich diese meist bei jungen Erwachsenen (Eltern!) ansteckten. Das bestätigt auch die Biospecimens from Respiratory Virus-Exposed Kids (BRAVE Kids) Study (in Englisch) aus North Carolina. Darin untersuchten die Forscher Kinder und junge Erwachsene (< 21 Jahre), die in einem Haushalt mit einem COVID-19-Patienten lebten. Von den Kindern zeigten 77% einen positiven Rachenabstrich auf SARS-CoV-2 (PCR). Dabei waren Kinder der Altersgruppe von 6-13 Jahren häufig asymptomatisch, während die Kleinkinder und Jugendlichen häufiger Symptome hatten. Das Risiko sich anzustecken war zwischen Geschwistern um 50% höher. Auch in dieser Studie erkrankten von Asthma betroffene Kinder seltener als Kinder ohne Asthma. Asthma scheint also kein Risikofaktor zu sein.

Noch eine sehr spannende Arbeit aus den USA. Ein Forscherteam um Serina Chang von der Stanford University (in Englisch) untersuchte anhand der Handydaten, wo sich Menschen in verschiedenen Städten der USA aufhielten: Restaurants, Hotels, Geschäften oder Fitnessstudios. Diese Daten setzen sie in Relation zu den gemeldeten Infektionsdaten. So konnten sie beispielsweise zeigen, dass im März die Zahl der Menschen in der Metro von Chicago um 54,7% zurückging. An den einzelnen Punkten (point of interest; POI) wie eben Restaurants zählten sie die Zahl der Infektionen, die in den Monaten März, April und Mai auftraten. Dabei fanden sie superspreader POIs: Also Orte, an denen sich viele Menschen ansteckten wie in der Metro in Chicago. Wieder zeigte sich, dass 10% der POI für 85% aller Infektionen verantwortlich waren. Das sind die Cluster, von denen häufig die Rede ist. Sie aufzuspüren und auszuschalten wäre also extrem wirkungsvoll.

Sesam. Quelle: ptw

Sesam: Lecker und in mancher Hinsicht „gesund“ – aber als allergieauslösendes Nahrungsmittel nicht zu unterschätzen. In den USA hat die FDA (Food and Drug Administration) eine Leitlinie („draft guidance“) zur Diskussion gestellt, die das Allergen Sesam betrifft. Darin werden die Hersteller von Nahrungsmitteln aufgefordert, dieses Allergen auf ihren Produkten auf freiwilliger Basis klar zu deklarieren. Die FDA stellt fest, dass die Bedeutung von Sesam für Allergiker deutlich zugenommen habe.

Atemwegsinfekte in Baden-Württemberg. Quelle: AG Influenza

Die Pandemie verlangt gerade von Kindern und Jugendlichen viel ab. Da bleibt es erfreulich, dass sich die Zahl der übrigen Infekte im Rahmen hält. Keuchhusten kam übers Jahr gesehen halb so oft vor wie 2019. Seit zwei Wochen gehen auch die Zahl aller Atemwegsinfekte zurück, wie die Graphik zeigt: Die rote Linie (2020) nähert sich der braunen Linie (2019) an. Die meisten dieser Infekte sind Schnupfeninfekte und somit ein erstes Warmlaufen des Immunsystems für die künftigen und schwierigen Aufgaben in diesem Winter: Influenza + Corona.

Was geht in der Welt rum? Wohl kaum jemand aus Europa kann im Moment nach Afrika reisen. Auch wenn dies nur ein geringfügiges Risiko für Reisende darstellte, so machen die neu gemeldeten Erkrankungen mit dem Impfstoff-abgeleitetem Poliovirus Typ 2 (cVDPV2) Sorge. Betroffen sind Mali (bislang in diesem Jahr 26 Fälle) und ganz aktuell auch die Republik Kongo, die den ersten Fall seit 10 Jahren meldet. Trotz weltweiter Bemühungen, zieht sich die Ausrottung der Poliomyelitis schon seit Jahren hin. Dabei leidet Afrika schon massiv unter den Geiseln Malaria, Tuberkulose und inzwischen – indirekt – unter dem Coronavirus (reduzierte Impfprogramme, Einschränkung der Meinungsfreiheit u.a.).

Remo Largo Quelle: nifbe.de

«Der Mensch kann nicht irgendein Leben führen, sondern nur sein eigenes» hat er einmal gesagt. Nun ist der anerkannte Schweizer Entwicklungspädiater Remo Largo im Alter von 77 Jahren verstorben. Vielen Eltern gab er Orientierung, die Entwicklung ihrer Kinder besser zu verstehen: Bestseller wie «Babyjahre», »Kinderjahre», «Jugendjahre» zeugen davon. Für uns Kinderärzte öffnete er mit seinen Publikationen und in seinen Seminaren neue Welten. Er war Wissenschaftler, Philanthrop und ein begnadeter Kinderarzt zugleich. Die Maßstäbe, die er setzte, werden weiter wirksam sein.

 

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende, Ihr

 

 

Das Kind ist krank: Was bedeutet das für Berufstätige?

Die Schnupfensaison ist da. Damit ist der Infektreigen mit den harmlosen Schnupfen-Viren (Rhinovirus, Corona-Schnupfenviren) eingeläutet. Andere Infekte werden bei Kindern folgen. Vermutlich sind die Coronaviren nicht die häufigsten, sondern eher Influenzaviren („Grippe“) oder Parainfluenzaviren.

Bald beginnt also eine sehr stressige Zeit für Eltern. Denn zu den üblichen Aufgaben des Alltags zwischen Beruf und den Kindern kommt bald hinzu, dass die Kinder öfter nicht mehr in die KiTa oder die Schule dürfen. Der Supergau wäre eine Quarantäne – dazu kommts hoffentlich nicht.

Wenn Kinder unter 12 Jahren – und nur um diese geht es im Folgenden – von der Kita oder der Schule weg bleiben müssen, gibt es einige Dinge zu beachten, damit der Familien-Haushalt (auch bei Selbstständigen) weiter Einkommen bezieht. Hier die wichtigsten Tipps.

Den Arbeitgeber informieren

Wer nicht zur Arbeit kommen kann, muss den Arbeitgeber informieren. Dazu sollte man sich selbst in der Personalabteilung oder bei direkten Vorgesetzten abmelden.

Das Kind krankschreiben lassen

Wer selbst krank wird, muss nicht sofort zum Arzt gehen. Im Falle einer Erkrankung des Kindes ist dies jedoch am ersten Krankheitstag erforderlich. Im Rahmen der Coronapandemie ist die auch telefonisch möglich. Kulanterweise kann der Arzt die Meldung aber auch rückwirkend bis zu 3 Tagen ausstellen, wenn das Kind sehr krank ist und die Lebensumstände einen direkten Kontakt mit dem Arzt nicht schneller zulassen. Oftmals ist es ja schwierig, die Kinderarztpraxis telefonisch zu erreichen, weil immer besetzt ist.

Besteht die Möglichkeit auf Lohnfortzahlung?

Wenn ein Arbeitnehmer bei Erkrankung des Kindes nicht zur Arbeit gehen kann, muss der Arbeitgeber prüfen, ob hier § 616 BGB anzuwenden ist. Darin steht, dass Arbeitnehmer Anspruch auf Entgeltfortzahlung haben, wenn sie für eine „verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“ ihre Arbeitsleistung nicht erbringen können aus Gründen, die nicht in ihrer Person liegen. Häufig ist also eine Lohnfortzahlung möglich, wenn das eigene Kind krank ist. Meist sind es fünf Tage, manchmal auch zehn Tage. In einigen Arbeitsverträgen ist die Lohnfortzahlung aber ausgeschlossen.

Antrag auf Kinderkrankengeld 

Ist die Zeit der Lohnfortzahlung zu Ende oder hat der Arbeitsgeber dies ausgeschlossen, sollte Kinderkrankengeld beantrag werden. Momentan, wegen der Corona-Pandemie besteht bis zum 31. Dezember 2020 ein verlängerter Anspruch auf das Kinderkrankengeld von insgesamt für 15 Tagen statt wie bisher üblich für zehn Arbeitstage. Bei Alleinerziehenden sind die Zeiträume doppelt so lange, also bis Ende des Jahres 30 statt normalerweise 20 Tage. Folgende Voraussetzungen müssen erfüllt sein:

  • Die Eltern sind berufstätig und haben selbst Anspruch auf Krankengeld.
  • Ihr Kind ist gesetzlich versichert.
  • Es gibt im Haushalt keine andere Person, die Ihr Kind pflegen kann.
  • Sie haben eine Bescheinigung vom Arzt, dass Ihr Kind betreut werden muss.

Sind zwei oder mehr Kinder im Haushalt, erhöht sich die mögliche Zahl der Tage für die Kinderkrankengeld beantragt werden kann. So hat jeder Elternteil pro Kind maximal  Anspruch in Coronazeiten auf 30 Tage (normal 20 Tage), Alleinerziehende auf maximal 70 Tage (normal 50 Tage).

Was gilt, wenn mein Kind in Quarantäne muss?

Momentan ist das Risiko hoch, dass Kinder, auch wenn sie nicht krank sind, vom Gesundheitsamt als sog. enge Kontaktpersonen (KP1) in Quarantäne müssen. In dieser Situation dürfen die Eltern ihr Kind zuhause betreuen (für Kinder bis 8 Jahre hat der Bundesgerichtshof sogar eine Pflicht zur elterlichen Betreuung zuhause festgestellt) – aber, die hatten keinen Anspruch auf ein Gehalt. Wenn sich keine Möglichkeit wie das Homeoffice für Eltern auftun, springt in der Corona-Pandemie der Staat ein.

Für bis zu 20 Wochen Kinderbetreuung zuhause zahl er einen Lohnersatz entsprechend dem Infektionsschutzgesetz (§ 56 Abs. 1a IfSG). Dieser liegt bei 67 Prozent des Nettoverdienstes und ist bei 2.016 Euro pro Monat nach oben begrenzt.

Was geht rum? 07.November 2020

Themen

♦ Anstieg bei den Klinikaufnahmen von Kindern mit COVID-19   

♦ Den „Wald ins Wohnviertel holen“

♦ Welche Infekte gehen in Baden-Württemberg rum?                                                                

♦ Wen trifft das Coronavirus mehr? Jung oder alt? Arm und reich?

 

Wurden Sie schon mal operiert? Vermutlich haben sich Ihnen im Operationssaal Ärzte mit Mundschutz gezeigt. Mal im Ernst, kam Sie auf die Idee, dass unter den Chirurgen oder Urologen einer ist, der ohne Maske operiert? Ein Mundschutzverweigerer? Das wäre nicht nur gefährlich, sondern auch eklig. Interessant ist nur, dass Maskenverweigerung während der Pandemie eher als Kavaliersdelikt behandelt wird. Man/Frau fühlt sich stark – oft, weil die Verweigerer sich wissenschaftlichen Erkenntnissen verwehren. Ohne Wissenschaft gäbe es aber auch keine Autos oder Handys. Warum sollen also gerade diese medizinischen Grundlagen falsch sein? Interessante Fakten zum Thema Tröpfcheninfektion und Aerosole haben wir in unserem EXTRA-blättle in dieser Woche beschrieben.

 

Klinikaufnahmen von Kindern auf Normalstation (blau) oder Intensivstation (orange) wegen COVID-19. Quelle: DGPI

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) meldet, dass seit der Corona-Pandemie 300 Kinder mit COVID-19 in den deutschen Kinderkliniken aufgenommen wurden, die sich am Meldesystem beteiligen. Genau 75 Neuaufnahmen – also 25 Prozent – erfolgten alleine in den letzten 4 Wochen, wie die Graphik zeigt.

Altersverteilung der wegen COVID-19 stationär behandelten Kinder Quelle: DGPI

Dabei fällt auf, dass die verschiedenen Altersgruppen sehr unterschiedlich betroffen sind. Besonders stark vertreten sind die Kinder im Vorschulalter, während Jugendliche kaum betroffen sind. Sehr auffällig ist der Anteil der Säuglinge außerhalb der Neugeborenenperiode. Sie haben wie schon zuvor – auch vor dem Einzug von SARS-CoV-2 – Infektionen  wenig entgegen zu setzen. Das liegt oft daran, dass ihr Immunsystem noch wenigen Erregern ausgesetzt war und somit wenig Erfahrungen („Gedächtniszellen“) machen konnte.

Hohlweg am Kaiserstuhl Quelle: ptw

Manchmal vermögen absonderliche Ideen einiges zu bewegen. So hatten finnische Forscher den Gedanken, dass die städtische Umgebung mit Beton, geteerten Straßen und eintönigen Spielplätzen auch fürs Immunsystem von Kindern nicht günstig seien. Sie wollten belegen, dass Bio-Diversität hilft, dem Immunsystem Anregungen zu geben. So holten sie den Wald in auf die Spielplätze von städtischen Bezirken: sie pflanzten in einem Projekt des Natural Resources Institut of Finland Waldlandschaften auf den Spielplätzen in der Stadt. Die Wirkung auf das Immunsystem von Kleinkindern (3-5 Jahre) beobachteten sie mit einer interessanten Studie. Darin vergleichen sie das Mikrobiom des Darmes und der Haut von Kindern, die unter üblichen städtischen Bedingungen aufwachsen mit solchen, die den „Wald auf den Spielplatz“ bekommen hatten. Erste Ergebnisse wurden jetzt vom Team um Marja I. Roslund (in Englisch) veröffentlicht. Dabei ergaben sich klar messbare Effekte auf das Immunsystem. Das ist schon mal toll. Welche Stellenwert die Veränderungen aber haben, muss weiter untersucht werden. Die untersuchte Gruppe war zu klein und der Untersuchungsraum zu kurz, um Empfehlungen für andere Kindergärten zu geben.

Häufigkeit von Atemwegsinfektionen in Baden-Württemberg im Vergleich der letzten 3 Jahre. Die rote Kurve zeigt die Daten der laufenden Saison (Stand: 44. KW). Quelle: AG Influenza

Welche Infektionen gehen rum? Die Atemwegsinfektionen sind im Vergleich zur Vorwoche gleich geblieben, aber häufiger als in den zwei Vorjahren. Dahinter verbergen sich im Wesentlichen die Schnupfenviren – und (noch) nicht das Corona- oder Influenzavirus. Gerade eben hat ein Team um die Frankfurter Virologie-Professorin Sandra Ciesek bestätigt, dass Kinder in der KiTa von Juni bis September nicht zur Ausbreitung des Coronavirus beitrugen. Magen-Darm-Infekte spielen nahezu keine Rolle. Windpocken gibt es – auf Sparflamme – weiterhin, der Keuchhusten trat nur in 2 Fällen landesweit auf.

Oftmals werden Unterschiede glatt geschrieben. Zwischen alten und jungen Menschen gibt es auch sehr wesentliche medizinische Unterschiede. Auch bei den Coronainfektionen. Quelle: pixabay, Gerd Altmann

Was geht in der Welt rum? Natürlich das Coronavirus. Dort richtet es allerdings höchst unterschiedliches an, wie eine Studie um das Forscherteam von Henrik Salje aus Cambridge zeigt. Diese untersuchten, wie viele Infizierte (also „Corona-Positive“) an ihrer Infektion sterben, was man die «infection fatality rate» (IFR) nett. Auffällig sind die erheblichen Schwankungen zwischen weniger entwickelten und Industrieländern. So finden sich bei den armen Ländern  Kenia und Pakistan mit einer IFR von jeweils weniger als 0,2 Prozent, was bedeutet: Von 1000 positiv getesteten Personen sterben zwei. Den unerwünschten Spitzenplatz belegt Japan mit einer IFR von 1 Prozent, es folgen Italien und Griechenland (etwa 0,9 Prozent). Deutschland weist eine IFR von ungefähr 0,8 und die Schweiz einen von 0,75 Prozent auf. Dort sterben von 1000 Infizierten also etwa 8 Personen- Noch deutlicher sind die Unterschiede für die verschiedenen Altersgruppen: Während die unter 15-Jährigen eine IFR von 0,01 Prozent aufweisen, steigt der Wert bis zum Alter von 50 kontinuierlich auf 0,1 – also das 10-Fache. Von dort aus steigt er nochmals um den Faktor 10 bis zum Alter von 65 Jahren. Für die über 80-Jährigen liegt er gar bei 8,3 Prozent. Hinzu kommt noch ein Trend: Ab dem Alter von 20-24 Jahren ist das Sterberisiko immer bei Männern höher als bei Frauen.

Genießen Sie zwei schöne Herbsttage an diesem Wochenende. Bis am Montag verbleibe ich Ihr