Kategorie: Editorial

Die Infektwelle kommt bald. Macht eine Grippe-Impfung bei Kindern Sinn?

Für viele Laien sind die Impf-Empfehlungen in Deutschland verwirrend. Die STIKO bzw. das RKI empfehlen die Grippeimpfung nur für Versicherte ab 60 Jahre, für Menschen mit chronischen Erkrankungen, für Schwangere und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Für Baden-Württemberg hat das Sozialministerium jedoch erweiterte Empfehlungen. Hier wird – entsprechend den Vorgaben der WHO – die Grippeimpfung für alle Kinder ab dem 6. Lebensmonat empfohlen.

In den USA läuft bei der Corona-Pandemie sicher manches nicht so gut. Was aber die Influenza betrifft, liegen die Impfraten bei Kindern bei über 60%. Eine Zahl, die selbst bei den sog. Risikogruppen in Deutschland nicht annähend erreicht wird. Die American Academy of Pediatrics (in Englisch) hat gerade die Details für die Grippeimpfung von Kindern in der Saison 2020 / 2021 veröffentlicht, die in vielen Aspekten auch für Laien sehr interessant sind.

Klar ist, dass die Impfung gegen Influenza lange nicht so wirksam ist wie diejenige gegen Masern, bei denen eine „sterile Immunität“ erreicht wird, also beinahe bei allen Geimpften der Ausbruch von Masern verhindert werden kann. Dennoch ist sie gut wirksam und schützt viele Menschen. Und, sie ist der einzig verfügbare und nachweißlich wirksame Schutz vor dieser – wie „Corona “ – schweren Infektion.

Die Kinder- und Jugendärzte sehen den Stellenwert für die Grippe-Impfung bei Kindern ähnlich wie die Behörden im Ländle und raten Kinder in diesem Herbst gegen Influenza impfen zu lassen. Dazu der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) Johannes Hübner: „Wir wissen, dass Kinder den Influenzavirus maßgeblich übertra­gen“.

Eine Impfung der Kinder, das ist wissenschaftlich gut belegt, schützt indirekt auch die älteren Risikogruppen. Das zeigt eindrücklich eine zentrale wissenschaftliche Untersuchung von 2001 aus der Arbeitsgruppe um Masato Tashiro und Mitarbeiter aus Tokyo (Japan). Wenn der Enkel kein Grippevirus verbreitet, wird auch Omi nicht krank.

Aber Kinder können selbst auch schwer an Influenza (Grippe) erkranken, so dass sie sogar stationär behandelt werden müssen. Folgerichtig unterstützt auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) die Impfung von Kindern: „Deswegen haben wir diesmal zusätzlichen Grippeimpfstoff besorgt. Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“

Als erste große Krankenkasse hat sich Mitte der Woche die AOK angeschlossen. Laut dem Deutschen Ärzteblatt hat ein Sprecher der AOK angekündigt, die Kostenübernahme betreffe „nicht nur die Impfung von Risikogruppen, sondern alle AOK-Versicherten, sofern die Ärzte dies für erforderlich halten“. Das ist ein gewichtiges Wort.

Konnten Sie sich für Ihre Kinder entscheiden können? Oder noch Fragen? Ganz sicher. Dann los an die Tasten. Anderen Eltern geht’s vermutlich recht ähnlich bei der Grippeimpfung ihrer Kinder.

Schmerzen im Kindesalter: Ist der Einsatz von Novalgin sinnvoll?

In den letzten Jahren, ist der Einsatz von Metamizol (oft auch Dipyrone oder Novaminsulfon genannt) spürbar angestiegen. Bekannt ist das Medikament in Deutschland unter dem Namen Novalgin©, unter dem es 1922 von der Firma Hoechst aus Frankfurt auf den Markt gebracht wurde. Es ist ein sehr gut wirksames Analgetikum (Schmerzmedikament) aus der Gruppe der NSAID (nichtsteroidale Antiphlogistika).

Bereits 1936 wurde für diese Substanz eine schwere unerwünschte Nebenwirkung festgestellt: die Agranulozytose. Dieser Begriff beschreibt die starke Verminderung der weißen Blutkörperchen (< 500 Zellen pro µl Blut), so dass die Körperabwehr massiv geschwächt ist. Typische Symptome sind: Fieber + Angina tonsillaris + Mundfäule. Hierauf verweisen einige Veröffentlichung wie die von Victoria Rollason und Jules Alexandre Desmeules (in Englisch). Die Agranulozytose kann in allen Altersgruppen auftreten, bei Kindern etwas seltener. Eine schwedische Studie von 2002 gibt an, dass unter 1439 Verschreibungen ein Fall auftritt. Die Tödlichkeit beträgt bis zu 10%.

Diese Tatsache hat dazu geführt, dass Metamizol in vielen Ländern (Australien, USA, Japan, Schweden) nicht mehr zugelassen ist.

In Europa ist es für starke Schmerzen nach operativen Eingriffen, Tumorschmerzen und Fieber, das anders nicht beherrschbar ist, zugelassen. Die Verschreibungszahlen gehen jedoch in den letzten Jahren nach oben, auch bei Kindern. Das macht skeptisch.

So sehen wir das: Novalgin© und vergleichbare Präparate haben keinen Platz zu Behandlung von Schmerzen und Fieber bei banalen Infekten. Hier sollten nur Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt werden.

In eigener Sache: Asthma bei Kindern in Madagaskar

In Madagaskar stellt sich für vier von fünf Menschen jeden Abend die Frage: Wo finde ich morgen Arbeit? Und: Wird der Lohn reichen, mich und meine Familie zu ernähren. Oft reicht er nicht. Deswegen leiden 80% aller Kinder und Jugendlichen in Madagaskar unter chronischer Unterernährung. Zu wenig Nahrung, um eine normale Entwicklung  zu durchlaufen. Zu viel Nahrung, um dramatische Bilder für die Weltpresse zu liefern.

Ein Studienort im Distrikt Ankazobe Quelle: ptw

Welche Bedeutung hat dann eine Studie über Asthma bronchiale in Madagaskar? Auch in einem armen Land ist es wichtig, den Stellenwert solcher Krankheiten zu kennen, die im Alltag für die meisten zweitrangig sind. Asthma, so zeigte sich, ist in Madagaskar genauso bedeutsam wie in Deutschland und anderen Industrienationen. Nur war das bisher unbekannt, kaum einer hat sich um die Versorgung der betroffenen Kinder und Jugendlichen bemüht.

In einer ersten Studie im Jahre 2013 hat unsere Arbeitsgruppe mit Unterstützung durch Prof. Dr. Bodo Niggemann von der Charité in Berlin die Situation in der Hauptstadt Antananarivo beleuchtet. Dass in der pulsierenden Stadt mit tausendfach stinkenden Kleinbussen und Autos Asthma vorkommen würde, hat nicht verwundert. Aber dass in einer Schule in der Innenstadt bei 10% aller Kinder verengte Atemwege in der Lungenfunktion festgestellt wurden, das erstaunt dann doch.

Dorfzentrum von Sambatra (Distrikt Ankazobe) Quelle: ptw

Wir stellten uns dann die Frage: Wie häufig ist die pfeifende Atmung („wheezing“) auf dem Lande anzutreffen? Man braucht nicht weit aus der Hauptstadt wegzufahren, um fast im Mittelalter anzukommen. Knapp 80 Kilometer nördlich fanden wir ein idyllisch gelegenes Dorf: Fihaonana. Dort leben Menschen noch zumeist in traditionellen strohgedeckten Adobe-Häusern, ohne Strom, fließend Wasser oder Handy. Dementsprechend ist es stockfinster, wenn abends die Sonne am Horizont verschwindet. Am Morgen wecken einen knarrende Ochsenkarren oder Hühner, die aus dem schützenden Wohnhaus entlassen werden. Die Bevölkerung und ihr umtriebiger und ehrlicher Bürgermeister Olivier Rasolomahatratra waren so freundlich, uns bei der Ermittlung der Daten zu unterstützen.

Neben dem MAKI-Studienzentrum in Fihaonana    Quelle: ptw

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist gerade in ALLERGY, der bedeutendsten Fachzeitschrift für Allergie und Immunologie in Europa, erschienen. Unter dem Titel High prevalence of wheeze and atopy in rural Malagasy children (in Englisch) beschreiben meine Mitautoren und ich, welchen Einfluss Asthma und Allergien für Kinder und Jugendliche auf dem Land haben.

Ein Studienzentrum in einem Schulraum bei Fihaonana. Die Stromversorgung für das Lungenfunktionsgerät läuft über einen Generator, der vor dem Haus steht. Quelle: ptw

Es zeigte sich, dass auch auf dem Lande ohne Luftverschmutzung durch Straßenverkehr und Industrie, Asthma gleich häufig auftrat wie in der Metropole Antananarivo. Als Ursache stehen Allergien gegen Hausstaubmilben (Dermatophagoides pteronyssinus) und die Küchenschabe (Engl: cockroach) im Vordergrund. Das ist nicht viel anders als in vielen anderen Ländern. Bei uns in Deutschland sind die Hausstaubmilben führend, in vielen Regionen der USA sind es die Hausstaubmilben und die Küchenschaben, wie in Madagaskar auch. Der Effekt von Armut konnte nicht untersucht werden, weil alle Menschen in der Region – etwa gleich – arm sind. Exemplarisch zeigen dies die Daten zu Mobilität: In den untersuchten 210 Haushalten gab es in 83 Fällen (39,5%) ein Fahrrad, aber nur in einem einzigen ein Auto.

Asthma und Allergien kommen somit in Madagaskar etwa in gleicher Häufigkeit vor wie in vielen Ländern der Welt. Dennoch bleibt ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche angesichts der massiven Armut mit chronischer Unterernährung und enorm hoher Kinderarbeit zweitrangig.

Auf der Basis dieser Daten gilt es jetzt das Land darin zu unterstützen, die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu identifizieren. Denn trotz des Hungers leiden auch sie an Atemnot und den Folgen daraus – wie unsere Kinder in Deutschland. Und es gilt dabei zu helfen, eine effektive Therapie für die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. Hoffen wir, dass trotz der Corona-Pandemie dies bald umsetzbar sein wird.

Das tägliche Schnitzel auf dem Teller

Was meinen Sie: Wie viele Schweine lebten im letzten Jahr in den Niederlanden? Es sind 12 Millionen. Umgeben werden sie von 17 Millionen Menschen. In Deutschland leben bei fünf Mal so viel Einwohnern 25 Millionen Schweine.

Das bekommen aber nur 18,9 Millionen Menschen mit. So viele Menschen leben in Deutschland auf dem Lande. Dort leben sie also mit 25 Millionen Schweinen. Den Städtern erscheinen die Schweine vorzugsweise als Fleisch an der Theke. Für die Menschen auf dem Lande bietet sich manche Idylle. Was die Nase aber an Gestank aushalten muss ist schon enorm. Die Tierhaltung findet zumeist in Ställen statt, die immer größer werden. Und Winde können Gerüche sehr weit tragen. Gerade in Zeiten, wenn die Natur von besonderer Schönheit und voller guter Düfte ist, wie im Frühjahr und im Herbst. Dann wird oftmals auch der Dung auf den Felder verteilt und attackiert zarte Nasen.

Der Gestank verschwindet, wenn die Gülle ins tiefere Erdreich absackt. Auf dem Weg dorthin vermag das darin enthaltene Nitrat (HNO3) den Pflanzen als Stickstoffspender dienen. Diese Düngung lässt viele Pflanzen intensiver wachsen. Auf ihrem weiteren Weg erreichen die Nitrate jedoch das Trinkwasser. Und das steht irgendwann auf unserem Küchentisch. Und dient dabei auch zur Zubereitung der Nahrung von Babies. Besonders bei ihnen kann es im Darm aufgrund der speziellen Darmflora in Nitrit umgewandelt werden. Das wiederum ist giftig. Zum einen kann es direkt krebserregend sein. Zum anderen reagiert es bei Säuglingen mit dem Eisen im Körper. Hierbei kann es das Hämoglobin – den Blutfarbstoff – in sog. Methämoglobin verwandeln. Das Methämoglobin behindert die Sauerstoffversorgung im Körper.

Saftig grüne Wiesen tun dem Auge wahrlich gut. Der Natur häufig weniger. Das einheitliche Grüne zusammen mit dem Löwenzahn – der in meiner Heimat im Dialekt „Rosspfüttle“ (in Hochdeutsch: Pferdeapfel) genannt wurde – ist Ausdruck eine relativen Überdüngung. Meist durch Mist. Sie verhindert die Vielfalt (Diversität), die das typische Kennzeichen einer ungestörten Natur ist. Glücklicherweise findet man die Vielfalt inzwischen wieder häufiger. Und nicht nur in den Höhen von Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Die Wiederkäuer unter den Tieren – Kühe, Rinder und Schafe – produzieren Methan (CH4). Mit diesem Gas wird ähnlich wie mit Kohlendioxid oder den FCKW der Treibhauseffekt begünstigt.

Wo viele Tiere sind, fällt viel Gülle und Dung an. Beides könnte problemlos in Biogasanlagen gewinnbringend in Energie umgewandelt werden. Nur, die Verwendung von Mais ist profitabler. Verwunderlich ist nur, dass die steuerlichen Subventionen nicht gezielter gesteuert werden.

Supermarktprospekt vom 01. September 2020 Quelle: ptw

Wir selbst haben auch einen Einfluss: Wenn wir auf das tägliche Schnitzel auf dem Teller verzichten, ist weniger Fleisch erforderlich. Auch wenn viele Tiere nach China und in andere Länder exportiert werden, die Zahl der Tiere in Deutschlands Ställen würde wohl geringer sein. Dem Tierwohl wäre das ebenfalls dienlich. Die aktuelle Anzeige eines Supermarktes – links: Tierwohl-Etikett, rechts 1,99 € für ein halbes Hähnchen – verdeutlicht des Konflikt.

Fleischkonsum, zumindest alle paar Tage, ist trotz allem für Kinder durchaus sinnvoll, um im starken Körperwachstum die Versorgung mit Eisen sicherzustellen. Es ist interessant, dass dennoch viele Kinder Fleisch ablehnen. Auch Kleinkinder, die wohl kaum realisieren, welche Folgen das tägliche Schnitzel auf dem Teller hat.

Man könnte nun meinen, der Autor dieser Zeilen sei Vegetarier. Nein, er kann durchaus ein gutes Schnitzel genießen. Sogar sehr. Aber eben nicht täglich.

Für die Gesundheit muss eine gute Balance gefunden werden. Zwischen dem Bedarf an Fleisch in der Nahrung und den Nebenwirkungen, die das für uns hat. Das ist eine Aufgabe für das  Ministerium für Landwirtschaft. Frau Klöckner, übernehmen Sie !

Keuchhustenimpfung für Schwangere

Pharmakonzerne versuchen in den letzten Monaten mit Halbwahrheiten, Investoren zu bewegen bei Ihnen zu einzusteigen. Da tut es gut, wenn ein Philosoph wie Peter Sloterdijk – geboren in Karlsruhe – eine klare Aussage trifft:  «Man wird mehr und mehr verstehen, dass Immunität keine Privatsache ist

Als Leser des praxisblättle wissen Sie, dass Erreger wie Bakterien und Viren unterschiedlich agieren. Auch in Fragen der Immunität muss – bei allen Gemeinsamkeiten – das Verhalten des Erregers individuell betrachtet werden. So wäre es beispielsweise möglich, die Masern durch konsequente Impfungen weltweit auszurotten. Um diesem Ziel näher zu kommen, wurde in Deutschland das Masernschutzgesetz eingesetzt.

Anders ist das beim Keuchhusten. Mit ihm müssen wir bis zu einem gewissen Grad leben. Die Impfungen von heute können diese Krankheit sehr gut eingrenzen, aber nicht verhindern.Eine offene Flanke ist das Ansteckungsrisiko für die jungen Säuglinge. Sie haben die höchste Rate an Neuerkrankungen (Inzidenz) mit 50 von 100.000 Säuglingen. Am allermeisten sind Säuglinge im 2. – 4. Monat betroffen. Das macht deutlich, dass für viele der Nestschutz nicht ausreichend ist. Sie bekommen also mit der Geburt zu wenig schützende Antikörper, um in den ersten Monaten des Lebens dem Keuchhusten etwas entgegensetzen zu können.

Unter dieser Überlegung ist neuerdings auch in Deutschland – wie schon in anderen Ländern – eine Keuchhusten-Impfung für Schwangere vorgesehen. Diese sollte zu Beginn des letzten Drittels (3. Trimenon) der Schwangerschaft erfolgen, bei hoher Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt früher. Als Impfstoff soll ein Tdap-Kombinationsimpfstoff (Covaxis©, Repevax©, Boostrix©, Boostrix-Polio©) angewendet werden (Einzelimpfstoffe gegen Keuchhusten sind nicht verfügbar). Die Impfung soll unabhängig vom Abstand zu den Vorimpfungen und in jeder Schwangerschaft erneut durchgeführt werden. Das Ziel ist, ausreichend mütterliche Antikörper aufzubauen, die den Säugling in den ersten Lebensmonaten schützen können.

In vielen Studien in Belgien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, Vietnam, und den USA konnte gezeigt werden, dass diese Impfstrategie wirkungsvoll ist. Je nach Studie konnten durch die mütterliche Impfung 90% der erwarteten Keuchhustenerkrankungen für 2-3 Monate alte Säuglinge verhindert werden. Auch mögliche Nebenwirkungen wurden eingehend untersucht. Die Ergebnisse können im Epidemiologischen Bulletin 13_20 des RKI detailliert nachgelesen werden.

Wie sehen wir die Impfung? Früher bestanden höchste Bedenken, Schwangere zu impfen. Es war mutig, diese Strategie zu überdenken, um Säuglinge in der empfindlichsten Phase ihres Lebens vor Keuchhusten zu schützen. Die umfangreichen Studien belegen, dass diese Strategie funktioniert und kein bedeutsames Risiko für Schwangere darstellt.

Drogenkonsum bei Jugendlichen

Drogenkonsum ist ein wohl ein Thema mit dem sich alle Eltern von Jugendlichen irgendwann auseinandersetzen müssen. Auf dem Land glauben manche noch heute, die äußere Idylle sei ein Beleg dafür, dass Drogenkonsum kaum ein Problem sei. Das ist jedoch ein Irrtum. Richtig ist nur, dass sich der Drogenkonsum auf dem Lande anders darstellt als in der Stadt.

Die bedeutendsten Drogen sind Alkohol, Nikotin und Cannabis. Dabei fallen Unterschiede für Europa und die USA auf. Während 15- bis 16-jährige Schüler in den USA deutlich mehr Cannabis konsumieren (bezogen auf einen Monat: USA 15-17%- Europa 5-8%), ist der Alkoholkonsum in Europa spürbar höher (Europa 50% – USA ca. 22%). Diese Zahlen zeigen nur einen groben Rahmen. Modetrends und politische Entscheidungen (Legalisierungen von Cannabis in einzelnen Staaten der USA) verändern das Spektrum.

Der Europäische Drogenbericht von 2019 gibt einen guten Einblick in die Bedeutung der einzelnen Drogen. Dabei werden jedoch nur die „jungen Erwachsenen“ (15 – 24 bzw. 35 Jahre) den Erwachsenen (15 – 64 Jahre) gegenübergestellt. In Europa haben 96 Millionen Menschen (29%) jemals im Leben illegale Drogen konsumiert. Weitaus am häufigsten ist das Cannabis. Innerhalb der EU gibt es aber auch hierfür enorme Unterschiede. In Malta liegt die Rate der Erwachsenen, die Cannabis konsumiert haben, bei 4%. In Frankreich liegt sie – trotz oder wegen des guten Rotweins – bei 45%.

Cannabis. Trends für Preis und Wirkstoffgehalt Quelle: Europäischer Drogenbericht 2019

In den letzten Jahren hat sich der Markt für Cannabis spürbar verändert. Das zeigt die oben stehende Graphik. Cannabis kann als Cannabiskraut („Marihuana”) oder als Cannabisharz („Haschisch”) konsumiert werden. Während die Preise von 2007 bis 2017 kaum angestiegen sind, liegt der Wirkstoffgehalt (bezüglich THC = Tetrahydrocannabinol) für Cannabis inzwischen deutlich höher.

Für weitergehende Informationen auch über andere Drogen wie Kokain, MDMA, Amphetamine oder neue psychoaktive Substanzen (NPS) ist der Europäische Drogenbericht eine gute Quelle.

Wenn Jugendliche durch schwer erklärbare Symptome mit Verhaltensauffälligkeiten auffallen, sollte an Drogenkonsum gedacht werden. Es ist sinnvoll, sie direkt ohne einen moralischen Unterton darauf anzusprechen.

Kinderkriminalität

Ein schwieriges Thema: Kinderkriminalität. Sie wird uns aus allen Ecken dieser Welt berichtet und schockiert immer. Besonders schockierend ist, wie mit Kindern in manchen Ländern umgegangen wird, wenn sie eine Straftat begangen haben. Ebenso schockierend kann aber auch das Schicksal von Opfern sein, wie das folgende Beispiel aus der Schweiz aufzeigt.

In Dietikon (in der Nähe von Zürich) hat Ende Februar 2020 das Jugendgericht ein Urteil im Cybermobbing-Prozess bestätigt. Angeklagt war ein jetzt 17-Jähriger, der im Alter von 14 Jahren ein damals 13-jähriges Mädchen im Internet („soziale Medien“) bloßgestellt und mit  erotischen Bildern erpresst hatte. Kurze Zeit später beging das Mädchen aus dem Nachbarort Selbstmord. Wie die NZZ meldet, waren keine härteren Maßnahmen möglich, da der Jugendliche zum Tatzeitpunkt erst 14 Jahre alt war und das schweizerische Jugendstrafgesetz keine härteren Maßnahmen vorsieht. Der nun fast erwachsene Mann wurde nun wegen Nötigung und mehrfacher Pornographie zu einem Arbeitseinsatz verurteilt.

Die Vereinten Nationen (UN) empfiehlt, die Strafmündigkeit nicht vor dem 12. Lebensjahr anzusetzen. Sie plädiert dafür, die Schuldfähigkeit von Kindern am besten noch später anzunehmen.

Strafmündigkeit in verschiedenen Ländern dieser Erde. Quelle: Economist

Mehr als 40 Länder haben das Alter von 14 Jahren für die Strafmündigkeit angesetzt, in kaum 10 Ländern – wie Argentinien und Moçambique – liegt die Grenze sogar bei 16 Jahren. In allen anderen Staaten der Erde liegt sie deutlich früher. In Indien, Pakistan und Bangladesch liegt sie gar bei 7 Jahren. In diesen Ländern kann also ein Zweitklässler für Straftaten ins Gefängnis gehen. Unvorstellbar für uns.

Die Regeln sind teilweise bizarr. In 33 Staaten gibt es überhaupt keine Altersbegrenzung, In Syrien beginnt die Strafmündigkeit mit der Pubertät, ohne dass klar ist, wie diese definiert wird. Einige afrikanische Staaten haben vergleichbare Regeln. Im Iran sind Mädchen nach „neun Lunar-Jahren“ strafmündig, ihre männlichen Geschlechtsgenossen aber erst mit 15.

Das Thema Schuldfähigkeit kommt im Zusammenhang mit konkreten Vergehen immer wieder hoch. So hat vor wenigen Monaten ein 13-Jähriger ein 10-jähriges Mädchen misshandelt und getötet. Nach dem chinesischen Gesetz (Strafmündigkeit mit 14 Jahren) verbot sich eine Gefängnisstrafe. Der Junge wurde daraufhin in ein Umerziehungslager verbannt. Der Gedanke daran lässt einen erschaudern.

Im Zentrum steht die Frage, wann kann ein junger Mensch zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht bewusst unterscheiden. Wann kann die Gemeinschaft einem jungen Menschen unterstellen, gezielt kriminell gehandelt zu haben? Oftmals betrifft das Thema Kinder aus sehr armen Milieus, die teilweise gezwungen oder auch verführt werden, kriminelle Handlungen anstelle von Erwachsenen zu begehen.

Untersuchungen zeigen, dass das Absenken der Altersgrenze der Schuldfähigkeit keine günstigen Auswirkungen auf die Häufigkeit von Kriminalität hat. So gezeigt in Dänemark, wo im Jahre 2010 die Strafmündigkeit von 15 auf 14 Jahre herabgesetzt wurde und nichts bewirkte.

…..Ich bleib dann mal daheim!

Erst war Corona weit weg, jetzt kommt die Erkrankung COVID-19 in den Dörfern an. Leider gab es in den letzen Wochen zu viele Menschen, die mal eben noch auf die auf die Skipiste gingen (“ es ist so herrlich leer hier“) oder sonstwie dazu beitrugen, dass sich viel ansteckten. Allein ein Barkeeper in Ischgl soll Hunderte angesteckt haben.

Neuinfektionen mit COVID-19 nach Tag in Deutschland Quelle esri

Wie zügig die Ausbreitung verläuft zeigt die interaktive esri-Karte für Deutschland. Sie gibt die Daten des Robert Koch-Instituts in Berlin wieder, also die besten und sichersten Daten auch für Baden-Württemberg. Im „Was geht rum“ vom Samstag war zu lesen, dass von 100.000 Menschen im Lände 2,5 am Coronavirus erkrankt seien (Daten vom 11. März). Gestern (17.03.), 6 Tage später sind es bereits 10,02 – also vier Mal so viele. Heute (18.03.) liegt sie bereits bei 14,60. Die Kurve auf der interaktiven Karte (siehe auch die Graphik links) zeigt diesen exponentiellen Verlauf deutlich.

Es ist also wenig verständlich, dass sich bei dem herrlichen Wetter gestern lange Schlagen vor den Eisdielen bildeten und Menschen in Gruppen in den Parks saßen. Zwei Drittel von uns werden erkranken, Kinder und Jugendliche schwächer als die Erwachsenen. Alle, Eltern, Geschwister, Opas und Omis, Freunde, Verwandte und Chefs sind also gefordert. Wir müssen Abstand voneinander halten, damit das Virus weniger Menschen anstecken kann.

Die Bedrohung durch das Virus ist tatsächlich da, ganz banal und für manche Menschen existentiell. Der Blick nach Italien hilft. Dort wird vielen über 80-Jährigen die Beatmung verweigert, weil für die Maßnahme schlicht keine Kapazität vorhanden ist. Manche Opis und Omis mögen sagen, ich will sowieso sterben. Aber bitte nicht so! Wenn eine Atemnot nicht behandelt werden kann ist das grausam!

Die kleinen Freiheiten sind sicher etwas nettes, wie im anrührenden und herrlichen Film „les petites fugues“ von 1979. Jetzt aber ist das Brechen der Verbote völlig fehl am Platz. Jetzt gilt es, dass wir dazu beitragen, damit wir alle halbwegs ungeschoren durch diese Infektion kommen. Dieses Miteinander ist was schönes. Fangen wir mal gleich an. … Ich bleib mal daheim.

Das Geschäft mit dem Wunsch nach Gesundheit: Schüßler-Salze ?

Gesundheit ist das wichtigste, sagen fast alle Menschen, denen ich begegne. Dazu schweige ich meistens. Zu oft steht die Hoffnung auf immerwährende Gesundheit am Anfang des Selbstbetrugs.

Ein seit Jahren beliebter Weg seine Gesundheit zu erhalten sind die Schüßler-Salze. Sie wurden im 19. Jahrhundert vom Homöopathen Wilhelm Heinrich Schüßler (1821 – 1898) so zusammengestellt. Dabei berief er sich zum einen auf die Forschungen des Pathologen Rudolf Virchow, der an der Berliner Charité Zellforschungen durchführte sowie des holländischen Physiologen Jakob Moleschott, der sich mit der Bedeutung der Mineralstoffwechsels beschäftigte. Selbst Homöopath, störte ihn in dieser Lehre die Vielfalt der angewendeten Mittel und er reduzierte deswegen seine Therapie auf 12 Arzneien – „eine abgekürzte Therapie“, wie er sie selbst nannte. Zur Verwendung kamen Salze in homöopathischen Dosen, „Funktionsmittel“ :

  • 1     Calcium fluoratum (Bindegewebe, Gelenke, Haut)
  • 2     Calcium phosphoricum (Knochen, Zähne)
  • 3     Ferrum phosphoricum (Immunsystem)
  • 4      Kalium chloratum (Schleimhäute)
  • 5      Kalium phosphoricum (Nerven, Psyche)
  • 6      Kalium sulfuricum (Entschlackung)
  • 7      Magnesium phosphoricum (Muskeln, Nerven)
  • 8      Natrium chloratum (Flüssigkeitshaushalt)
  • 9      Natrium phosphoricum (Stoffwechsel)
  • 10    Natrium sulfuricum (innere Reinigung)
  • 11    Silicea (Bindegewebe, Haut, Haare)
  • 12    Calcium sulfuricum (Gelenke)

Alle diese Mittel werden in homöopathischen Konzentrationen von D6 bis D12 angeboten. Das sind umgerechnet 1:1 Million bzw. 1:1 Billion. Diese Zahlen kennen wir aus der heutigen Finanzwelt. Eine Billion heißt praktisch: 1 Teilchen auf 1 000 000 000 000 Teilchen. Das ist eine verschwindend geringe Menge. Das steht im Widerspruch zu seiner These, dass ein Mangel an Mineralien die Krankheiten auslösen würde. Ebenso schwierig ist nachzuvollziehen, wie mit 12 Mitteln (inzwischen werden übrigens 69 Schüßler-Salze angeboten) das Spektrum aller Krankheiten zu behandeln sein soll.

Wie ist die Wirksamkeit zu bewerten? Heute, fast 150 Jahre nach Darlegung von Schüßlers Überlegungen, ist die Medizin sehr wohl in der Lage, einen Mangel an Mineralien nachzuweisen. Auch eine erfolgreiche Behandlung mit Mineralien wäre belegbar. Dennoch existieren keinerlei Studien. Das belegt auch ein Blick auf die Homepage „Forschung und Wissen“, die gleich zu Beginn schreibt: „Doch muss es immer die streng wissenschaftliche Untersuchung sein? Reicht es nicht aus, wenn nach der Einnahme eines Präparates die Mehrzahl der Probanden über eine Besserung ihrer Beschwerden berichten?“ Nein, dieses Gefühl reicht eben nicht aus. Das nennt sich Placeboeffekt. Kurz zusammengefasst:

  1. Ein Wirkungsnachweis für Schüßler-Salze besteht bis heute nicht. Es liegen keinerlei wissenschaftliche Studien vor. 
  2. Bein Einnahme der Schüßler-Salze – meist Tabletten – kann es durch den Gehalt an Laktose bei Laktoseintoleranz zu Beschwerden kommen (darauf weist der Beipackzettel auch hin).
  3. Durch Unterlassen einer nachweislich wirksamen Therapie kann eine „Behandlung“ mit Schüßler-Salzen für Erkrankte schwerwiegende Folgen haben.

Die Therapie mit Schüßler-Salzen kommt einem großen Bedürfnis von uns Menschen entgegen: Wir wollen gesund sein und bleiben. Und das mit möglichst wenig Aufwand (Sport, kein Übergewicht) und ohne Nebenwirkungen aller Art. Ähnliche Wünsche in anderen Bereichen des Lebens (z.B. Finanzen) haben meist fatale Auswirkungen.

Die Schüßler-Salze waren vor 150 Jahren sicher ein spannender Ansatz. Heute wissen wir mehr und können viele Erkrankungen behandeln, die damals noch nicht einmal bekannt waren (z.B. einige Stoffwechseldefekte, die – unbehandelt – im Säuglingsalter zum Tod führen). Insofern wäre es richtig, diese Therapien als interessanten,aber gescheiterten Versuch ihrer Zeit (19. Jahrhundert) zu bewerten, Krankheiten zu behandeln. Schüßler-Salze haben aus meiner Sicht keinen Platz in der medizinischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Erwachsene, die eine „gutes Gefühl“ dabei haben, kann man nicht davon abhalten. Als Eigenversuch muss sie jeder Erwachsene für sich selbst verantworten.

Die Diskussion über alternative Behandlungsmethoden ist auf politischer Ebene endlich in vollem Gang. Bei den Grünen könnte das zu einer Zerreißprobe führen. Im Moment gehören diese Behandlungen in Deutschland nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Allerdings erstatten viele Krankenkassen Behandlungskosten für Naturheilverfahren über ihre sog. Satzungsleistungen. Frankreich ist einen Schritt weitergegangen: Dort werden homöopathische Arzneimittel mangels erwiesener Wirksamkeit ab 2021 nicht mehr erstattet werden.

„Sharenting“ – Wenn Eltern Kinderbilder ins Netz stellen

Auf WhatsApp lassen sich so manche Trends erkennen. Beispielsweise beim Profilbild. Hier zeigen Rentner meist nicht etwa ihre ausdrucksstarkes Gesicht, sondern ein Bild ihres Enkels. Das wechselt dann alle paar Tage als Zeichen Ihres Stolzes.

Selbstdarstellung im Internet ist ein Teil dieser Zeit. Aber dass Kinderbilder die sozialen Netzwerke inzwischen fast überschwemmen, ist etwas ganz anderes. Kinder sind unserer Obhut anvertraut, so nannte man das früher. Heute heißt das übersetzt: Eltern schützen ihre Kinder und wahren so ihre Rechte. Das Recht des Kindes auf Selbstverwirklichung.

Das „Sharenting“ ist ein Kunstwort, das die englischen Worten „sharen“ (teilen) und „parenting“ (Elternschaft, Erziehung) in Verbindung setzt, soll heißen: Eltern posten Bilder ihrer Kinder in den sozialen Netzwerken und teilen sie mit jedermann.

Und damit greifen sie massiv in das Leben der Kinder ein, ohne dass diese an der Entscheidung beteiligt sind. Das Bild von einem schreienden Kleinkind mit Beule. Das Video eines Jungen, der tapsig ins Wasser fällt – all das löst Belustigung bei Erwachsenen aus. Diese ergötzen sich an kindlichen Empfindungen. Und die Eltern sind die Helfer der Gaffer im Netz. So bekommen vielleicht auch pädophil veranlagte Menschen Bilder, die sie besser nicht bekommen sollten.

Ganz zu schweigen, dass mit alledem eines der zentralen UN-Kinderrechte klar verletzt wird. Das Recht auf Privatsphäre. Kleine Schwächen, die das Kind in intimer Umgebung zeigt, werden ohne sein Einverständnis einer breiten Öffentlichkeit zur Unterhaltung angeboten. Was werden diese Kinder 10 Jahre später über diese Bloßstellung denken und sagen? Vermutlich kommen Eltern erst ins Stottern, wenn ihre jugendlichen Kinder sie anklagen. Heute ist vielen von ihnen im allgemeinen gesellschaftlichen Wahn nicht so richtig klar, dass sie ihre Kinder für kurzfristige Lacherfolge anderer benutzen. Und nicht zu vergessen: einmal im Netz, immer im Netz. Diese Bilder lassen sich nicht mehr löschen.

Und die Kinder? Sie verlieren eine unbeschwerte Kindheit. Im Schutz der Familie sollten sie eigentlich langsam den Weg in die Gesellschaft finden. Mit der Last dieser Bilder geht das nicht mehr. Oder wie ein Verfechter der Kinderrechte, der Kinder- und Jugendarzt Victor C. Strasburger von der University of New Mexico sein Buch (liegt leider nur in englischer Sprache vor) nannte: The Death of Childhood: Reinventing the Joy of Growing Up – der Tod der Kindheit.

Zurückhaltung und Respekt sind angesagt. Respekt vor den Kindern, die eigene Rechte haben, ohne sie direkt einklagen zu können. Das Recht auf Privatsphäre haben sie ebenso, bevor sie das formulieren können.