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EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern

Wir hören und lesen seit Wochen Nachrichten vom Coronavirus. Jetzt hat das „Innovation Lab“ des Berliner Tagesspiegels die Reise des Virus in unseren Körper optisch nachgezeichnet. Besser als tausend Worte.

Fünf weitere Beträge der letzten Woche haben Bedeutung für die Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Im Folgenden haben wir sie kurz zusammengefasst:

1. Die Kinder- und Jugendärzte in Deutschland fordern Öffnung von Schulen und KiTas

Die Deutlichkeit war dann doch überraschend. Vor wenigen Tagen forderten die Kinder- und Jugendärzte über die verschiedenen Verbände eine vollständige Öffnung aller Schulen und Kindergärten in Deutschland. In Ihrer Stellungnahme begründen sie ihre Haltung mit Fakten aus der Wissenschaft. Darunter sind einige Studien, die bereits im praxisblättle diskutiert wurden.

2. Erwachsene, Männer, Städter: Wer wird häufiger positiv auf Corona-Virus getestet? 

Zu dieser Frage hat das Royal College of General Practitioners (RCGP) eine Studie in England mit Hilfe des RCGP Research and Surveillance Centres durchgeführt. Über das Netz von Arztpraxen in Großbritannien wurden zwischen Januar und April 2020 Daten von 3802 Rachen-Abstrichen auf das neue Coronavirus durchgeführt. Von diesen fielen 587 Test positiv auf. Bei den positiven Test zeigten sich markante Trends:

  • Bei Männern (18.4%) war der Test häufiger positiv als bei Frauen (13.3%). Risiko für Männer: 1.55 Mal häufiger positiv
  • Bei den Erwachsenen von 40-64 Jahren (18.5%) war der Test häufiger positive als bei Kindern und Jugendlichen (4.6%). Risiko für Erwachsene: 5.36 Mal häufiger positiv
  • Menschen in der Stadt (26.2%) wurden häufiger positiv getestet als auf dem Land (5.6%). Risiko für Menschen in der Stadt: 4.59 Mal häufiger positiv

Auch Menschen mit Nierenerkrankungen und Übergewicht wiesen höhere Werte aus. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen sind deutlicher als erwartet.

3. Katzen können auch an COVID-19 erkranken

Katzen können sich wohl leicht  mit den neuen Coronavirus (SARS-CoV-2) anstecken. Das ergab eine Studie aus Madison in Wisconsin. Dabei wurden 3 Katzen mit dem Virus eines an COVID-19 erkrankten Menschen infiziert. Danach wurden diese Katzen wiederum mit gesund Katzen zusammen gebracht und übertrugen das Virus. Diese Katzen wurden dann bereits nach 2 Tagen positiv auf das Coronavirus getestet und schieden es 4 Tage über die Nase aus. Keines der Tiere erkrankte jedoch.

Im Unterscheid zu Katzen infizieren sich Hunde und Schweine seltener mit dem Coronavirus. Katzen geben das Virus jedoch leicht an andere Katzen weiter.

Es bleiben noch Fragen: Katzen könnten recht häufig infiziert sein, da sie sich untereinander leicht anstecken können. Ob sie aber ebenso leicht auch Menschen anstecken ist völlig offen.

4. Großes Risiko, vermutlich kein Nutzen: Dampfinhalation in Zeiten von Corona

Im letzten Jahrhundert wurden Dampfinhalationen bei jeglichen Atemwegsinfektionen https://www.nature.com/articles/s41586-020-2349-yeingesetzt. Der Nutzen dieser Maßnahme soll in der Verflüssigung von zähem Schleim und Öffnen der Atemwege liegen. Gesichert ist das bis heute aber nicht, wie auch eine Studie nochmals betont. Kinder – und Jugendärzte erleben jedoch immer wieder Verbrühungen, die hierunter auftreten.

Ein aktueller Bericht im Lancet zeigt, dass parallel zur Coronavirus-Pandemie auch die Zahl der Verbrühungen bei Kindern anstiegt. Dieser Anstieg fiel besonders auf in Regionen mit großer Häufigkeit an COVID-19-Erkrankungen und bei Bevölkerungsgruppen aus Asien, die aus in Großbritannien leben.

Wie wir es sehen: Dampfinhalationen haben keinen belegten Nutzen, aber das Risiko, dass Kinder versehentlich Verbrühungen erleiden. Klares Nein!

5. Gibt es bald eine Therapie zur Vorbeugung von COVID-19?

Eine Forschergruppe aus der Schweiz, Frankreich und den USA hat vor wenigen Tagen eine Arbeit veröffentlicht, in der sie von monoklonale Antikörpern berichten. Diese Antikörper wurden einem Patienten nachgewiesen, der 2003 eine schwere SARS-Infektion überstanden hat. Es zeigte sich, dass diese Antikörper (S309) auch gegen die Spikes des SARS-CoV-2 wirksam sind. Damit könnten sie verhindern, dass das neue Coronavirus in Zellen eindringen kann. Ein spannender Ansatz. Bleibt zu hoffen, dass er sich im klinischen Alltag umsetzen lässt.

EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern

Heilige Corona im Straßburger Münster. Quelle: Heiligenlexikon.de

Vor vier Tagen wurde der Namenstag der Heiligen Corona gefeiert. Ja, die gab es wirklich. Im zarten Alter von 16 Jahren starb sie noch zu Zeiten der Christenverfolgung im Jahre 177 als Märtyrerin. Dabei wurde sie – ohne auf weitere Details einzugehen – zwischen zwei Palmen gespannt. Deswegen wird sie häufig mit einem Palmenzweig dargestellt. Sie ist die Patronin der Schatzgräber und des Geldes.Mit dem Virus hat sie vor fast 2000 Jahren nicht rechnen können.

Corona-Infektionen bei Kindern. Unsere Informationen nehmen stetig zu. Mit der schrittweisen Öffnung der Schulen werden wir bald erfahren, wie sich die Infektionen innerhalb dieser Altersgruppe verhalten. Was wir bisher wissen: Kinder und Jugendliche sind vergleichsweise wenig vom Virus betroffen. Das zeigt auch die aktuelle Graphik des Landesgesundheitsamtes von Baden-Württemberg, in dem jede der blauen Säulen ein Lebensjahrzehnt wiederspiegelt.

Inzidenz (Anzahl pro 100.000 Einwohner in der betreffenden Altersgruppe) der SARS-CoV-2
Fälle in Baden-Württemberg, Stand 15.05.2020 Quelle: LGA BW

Dabei sind Kinder und Jugendliche nur wenig von Erkrankungen mit dem Coronavirus betroffen. Es gibt zunehmende Hinweise, dass die Infektionen unter den Kindern und Jugendlichen – also die horizontalen Infektionen –  selbst häufig stattfinden, in den meisten Fällen aber ohne Krankheitszeichen. Gerade aus Schweden kommen Daten, die dies belegen. Das Problem sind die vertikalen Infektionen: Wenn also ein Kind die Infektion „nach oben“ zu den Eltern oder Großeltern weitergibt.

Daten des Schwedischen Gesundheitsministeriums zur Altersverteilung von Krankheitsfällen (Sjukdomsfall; linke Graphik) und Todesfällen (Avlidna, rechte Graphik), Stand: 12. Mai 2020 Quelle: Socialstyrelsen, Stockholm

Werfen wir eine Blick nach Schweden zu nehmen: Es stimmt, beim offenen Umgang mit dem Coronavirus ohne staatliche Eingriffe sind recht viele Menschen gestorben. Aber: darunter ist nur 1 Kind im Alter bis 9 Jahre und kein Jugendlicher bis 19 Jahre. Und es sind 432 Infektionen bei Kinder und Jugendlichen ab Geburt bis zum 20. Geburtstag erfasst worden bei über 10 Millionen Einwohnern. Diese Daten können Mut machen, Schulen und KiTas zu öffnen. Parallel müssten weitere Maßnahmen diskutiert werden, um Erwachsene und insbesondere alte Menschen zu schützen. Dass Oma und Opa den Enkel aus der KiTa abholen, wird lange nicht möglich sein.

Folgende fünf Themen zum Thema Coronavirus-Infektionen bei Kindern haben wir für Sie aufbereitet:

1. HEROS-Studie untersucht Bedeutung von COVID-19 bei Kindern

Das National Institute of Health (NIH) in den USA hat die Human Epidemiology and Response to SARS-CoV-2 (HEROS) – Studie aufgelegt. Mit deren Informationen sollen die Besonderheiten der Coronavirus-Infektionen bei Kindern aufgeklärt werden. Dazu werden mindestens 6000 Personen aus 2000 Familien untersucht. Die Untersuchung erfolgt prospektiv. Das bedeutet, die Daten werden über zumindest weitere 6 Monate immer wieder erneut erhoben. Somit erfahren wir auch, wie sich Kontakte zu Coronaviren über die nächste Zeit entwickeln.

Sicher kennen Sie noch aus den Nachrichten den Direktor des NIAID (National Institute of Allergy and Infectious Diseases) Anthony S. Fauci. Das ist der freundliche kleine Mann, der als Berater des amerikanischen Präsidenten in Sachen Corona aktiv war und bei dessen Pressekonferenzen sich gelegentlich an den Kopf fasste. Er sagt zum Ziel dieser Studie, was Sie als Leser des praxisblättle schon länger wissen: “One interesting feature of this novel coronavirus pandemic is that very few children have become sick with COVID-19 compared to adults. Is this because children are resistant to infection with SARS-CoV-2, or because they are infected but do not develop symptoms? The HEROS study will help us begin to answer these and other key questions.”

So schätzen wir es ein: Endlich werden die Corona-Erkrankungen bei Kindern in einer Langzeitstudie erforscht. Erste Ergebnisse sind vor Juni jedoch nicht zu erwarten.

2. Corona- Kinderstudie Baden-Württemberg: Ein erster Blick

Auch im Ländle wurde gerade eine Studie aufgelegt, die den Stellenwert von Coronaviren bei Kindern von 1 bis 10 Jahren untersuchen wird. Beteiligt sind alle vier großen Universitätskliniken des Landes in Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm. Geplant ist, insgesamt  2000 Kinder in die Studie aufzunehmen. Diese Studie wirft zunächst nur einen Blick auf die jetzige Situation und untersucht die Kinder nicht langfristig. Wir können absehbarer Zeit damit rechnen, mehr über die Bedeutung der Coronaviren bei Kindern in unserem Land zu erfahren. Mit solchen Daten wird es für die die Politik einfacher, Entscheidungen über die Öffnung von KiTas, Schulen und anderen Angeboten für Kinder zu treffen.

3. Selten heißt nicht harmlos: Schwere COVID-19 bei Kindern

Es gibt zunehmend Veröffentlichungen über COVID-19-Verläufe bei Kindern. Schwerste COVID-19-Erkrankungen auf 46 Intensivstationen in den USA und Canada hat eine Studie um Lara S. Shekerdemian und Mitarbeiter dokumentiert, die von Mitte März bis Anfang April  stationär aufgenommen wurden. Es handelt sich um 48 Kinder, von den 83% eine Grunderkrankung hatten. Von allen Kindern wurden 73% wegen  Atemproblemen vorgestellt, 18 (38%) mussten beatmet werden.  Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren zwei Kinder verstorben, vier weitere waren noch in sehr kritischen Zustand. Damit liegt die Rate der tödlichen Verläufe einer Intensivbehandlung von Kindern mit COVID-19 unter 5%, während sie bei Erwachsenen immer über 50% liegt. Bis zum 28. April 2020 verstarben am Corona-Virus 8 Kinder unter 14 Jahren. An der Influenza (Grippe) verstarben in der Saison 2019/2020 deutlich mehr, nämlich 169 Kinder in der gleichen Altersgruppe.

So schätzen wir es ein: Kinder erkranken eher selten an COVID-19. Aber auch bei Ihnen gibt es schwerste Verläufe mit Todesfolge, jedoch deutlich seltener als bei Erwachsenen. Und es sind  weit weniger Todesfälle als bei der Grippe, deren Todesrate allein in diesem Jahr 10 x höher lag.

4. Atypische Kawasaki-Syndrome?

Die ersten Berichte über das Kawasaki-Syndrom haben weitere Veröffentlichungen ausgelöst. Besonders überraschend ist die Arbeit von Luico Verdoni und Mitarbeitern aus Bergamo, wo das Coronavirus heftig gewütet hatte. Sie berichten von einer 30-fachen Häufigkeit des Kawasaki-Syndroms mit zwei Unterschieden:

  • Die Diagnose des Kawasaki-Syndroms wird am gleichzeitigen Auftreten verschiedener Symptome gestellt. Die Verläufe in Bergamo, erfüllen diese strengen Kriterien nur in der Hälfte der Erkrankungen
  • Die Krankheitsverläufe sind oft deutlich heftiger als bei den bisherigen Verläufen
  • Beim typischen Kawasaki-Syndrom erkranken Kleinkinder. Bei den jetzt beschriebenen liegt das Durchschnittsalter bei 7.5 Jahren.

Aus anderen Ländern kommen ähnliche Daten. Auch sie berichten von schweren Verläufen die dem Kawasaki-Syndrom ähneln und zeitversetzt nach einer Coronainfektion auftreten. Deswegen nennen sie das Krankheitsbild auch atypisches Kawasaki-Syndrom. Die Amerikaner sprechen vom „pediatric multi-system inflammatory syndrome“, das alleine in New York 85 Mal vorkam mit 3 Todesfällen. Für Deutschland stehen vergleichende Daten noch aus.

5. COVID-19 bei Kindern mit Krebs

Bei den dramatischen Meldungen , gehen gute Nachrichten gehen fast unter. Aber es gibt sie. Kinder und Jugendliche mit Krebs sowie deren Eltern können sich aber freuen. Erste Daten aus New York zeigen, dass eine Krebserkrankung im Kindesalter wohl kein Risikofaktor ist, um häufiger an COVID zu erkranken. In ihrer Studie haben dies Farid Boulad und Mitarbeiter vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in Manhattan belegt. So wurden von allen Kindern, die selbst Symptome von COVID-19 zeigten oder Kontakt zur COVID-19-Erkrankten hatten 29,3% positiv auf das Virus getestet. Bis auf eines konnten aber alle Betroffenen ambulant behandelt werden und hatten einen milden Verlauf.

Von allen 120 Kinder ohne Kontakt zu Coronaviren und ohne Symptome für COVID-19 wurden nur 3 (2,5%) positiv auf das SARS-CoV-2 getestet. Bei deren Eltern betrug diese Rate jedoch 17,6%. Das bedeutet, dass Kinder mit einer Krebserkrankung auch dann kaum an COVID-19 erkranken, wenn ihre Eltern mit dem Virus behaftet sind.

EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern

Nicht nur die Wissenschaft beschäftigt sich nun häufiger mit den Auswirkungen von COVID-19 auf die Kinder und Jugendlichen. Auch in der Politik ist das Thema angekommen. Leider wird es häufig mit wirtschaftlichen Faktoren (Beschäftigung der Eltern) verknüpft und ist weniger auf das Wohl der Kinder selbst ausgerichtet.

Die letzten Tage sind viele Menschen wieder nach draußen gegangen. Sie haben geniest und genossen. Ob das eine neue Infektwelle einleitet, wissen wir nicht. Was für Kinder und Jugendliche aktuell Bedeutung hat, haben wir für Sie in den folgenden 6 Themen aufbereitet.

1.Stationäre Behandlung von Kindern mit Coronaerkrankungen

Kinderkliniken in Baden-Württemberg, die COVID-19 behandeln; Stand 03.05.2020 Quelle: DGPI

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) untersucht die schweren Coronaerkrankungen von Kindern in Kliniken. Bundesweit nehmen an diesem Projekt 66 Kinderkliniken teil, die ihre Daten wöchentlich melden. Die Karte links zeigt alle Kinderkliniken in Baden-Württemberg, von denen bisher Fälle gemeldet wurden. Dabei gibt die Größe der roten Punkte in der Graphik die Anzahl der im Krankenhaus behandelten Kinder an COVID-19 wieder. Freiburg im Südwesten des Landes hat bisher besonders viele Kinder und Jugendliche mit Coronavirus-Infektionen stationär behandelt, während es im Rhein-Neckar-Raum erstaunlich wenige sind.

 

Altersverteilung COVID-19 bei Kindern in Deutschland Quelle: DGPI

Die Mehrzahl der in ganz Deutschland stationär behandelten Kinder, das zeigt die Graphik links, ist jünger als 5 Jahre. Es verwundert nicht, dass die Erkrankungen im „Infektalter“ von 1-5 Jahren besonders hoch liegt. In diesem Lebensabschnitt tauschen Kinder in Deutschland die meisten Infektionen aus. Viele an sich gesunde Kinder erkranken auch unter normalen Bedingungen ohne Kontaktsperre in diese Alter mit bis zu 12 Infektionen pro Jahr. Das sind wohlgemerkt trotzdem gesunde Kinder, ohne einen Immundefekt.

2. Welche Medikamente kommen gegen COVID-19 in Frage?

Das einige Wochen populäre Chloroquin („Malaria-Medikament“) hat sich offenbar nicht bewährt. Dagegen spricht manches für Remdesivir, das ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde und sich als gut verträglich erwies. Dieses Remdesivir bildet einen Teil des genetischen Codes des Virus nach und ist damit eine Art künstliche RNA (Ribo Nuclein Acid). Es schleicht sich bei der Vermehrung des Virus ein und hemmt sie, ähnlich wie Sand im Getriebe. Bisherige, eher kleine Studien zeigten, dass Patienten unter dieser Behandlung bereits nach 11 anstatt nach 15 Tagen gesund waren. Die Daten wurden aber nicht komplett offengelegt und so sind noch viele Fragen offen. So ist auch der ideale Zeitpunkt der Therapie unsicher. Vielleicht kann Remdesivir Teil einer erfolgreichen Mehrfach-Therapie sein? Wird eine ausreichende Herstellung möglich sein?

Eine andere Möglichkeit stellt eine Therapie gegen die Entzündung dar. Ein aussichtsreicher Kandidat ist Tocilizumab (Actemra©), ein Rheuma-Medikament, genauer: ein monoklonaler Antikörper gegen den Interleukin-6-Rezeptor. Wie wirkt er? Bei den schweren Verläufen von COVID-19 kommt es zu einem Cytokine-Sturm. Dabei werden Botenstoffe einer Entzündung – sogenannte Cytokine – in riesigen Mengen freigesetzt und verursachen mit dieser Überreaktion des Immunsystems eine massive Entzündung der Lunge. Bei diesem Sturm kommt es auch zu einer Durchlässigkeit der Äderchen, was eine Gefäßentzündung mit dem Risiko für kleinste Thrombosen nach sich zieht. Tocilizumab kann diesen Prozess stoppen. Die große Frage ist: Zu welchem Zeitpunkt soll es eingesetzt werden? Zu früh würde bedeuten, dass der Körper das Virus nicht wahrnimmt und keine eigene Abwehr aufbaut. Zu spät, dann würde der Patient an der überschießenden Immunantwort seines Körpers versterben. Ähnlich wie beim allergischen Schock bei Bienengiftallergie.

3. Kawasaki-Syndrom bei Kindern mit COVID-19?

Anfang April 2020 haben Kinderärzte in Kalifornien den vermutlichen ersten Fallbericht über ein sechs Monate altes Mädchen mit einem Kawasaki-Syndrom veröffentlicht. Das Kind war wegen eines typischen Kawasaki-Syndroms in der Klinik erfolgreich behandelt worden. Kurz vor Entlassung kam das positive Testergebnis auf SARS-CoV-2. Unter der Auflage einer Quarantäne konnte sie bei guter Gesundheit entlassen werden. Weitere Berichte unterstreichen die Bedeutung dieser schweren Verläufe bei Kindern und Jugendlichen.

Das Kawasaki-Syndrom ist eine Systemerkrankung des Körpers, die auf einer Entzündung der kleineren Blutgefäße (Vaskulitis) beruht. Sie tritt mit Schwellungen der Lymphknoten, hohem und lang andauernden Fieber (mehr als 5 Tage), deutlich geröteten Bindehäuten und lackartig roten Lippen auf. Betroffen sind vorwiegend Kleinkinder. Besonders kritisch ist die Erkrankung des Herzens, die oft mit Herzmuskelentzündung und Erweiterung (Aneurysma) einzelner Herzkranzgefäße verbunden ist.Inzwischen wurden weitere Fälle aus Genf, Dresden, Italien, Spanien und zuletzt auch Luxemburg gemeldet.

Die genaue Ursache ist unbekannt. Es wird vermutet, dass das Kawasaki-Syndrom durch banale Infekte ausgelöst wird. Neben Rhinoviren und RS-Viren sollen auch die harmlosen Coronaviren ( 229E, HKU1, NL63 und OC43) dafür verantwortlich sein. In Europa ist die Erkrankung eher selten (pro Jahr unter 10 auf 100.000 Kinder), in Japan sind es 185 auf 100.000. Dort wurde sie auch erstmals von Prof. Kawasaki beschrieben.

Bei Erwachsenen, die an einer schweren COVID-19-Infektion erkrankt sind, wurden schon häufiger Entzündungen der Gefäße beschrieben. Teilweise führten diese zu Mikrothromben, wie sie beim ARDS zu beobachten sind. Es wird nun vermutet, dass parallel hierzu auch die schweren Verläufe der Corona-Infektionen beim Kind eine Entzündung der Gefäße (Vaskulitis) auslösen. Diese äußert sich im Kindesalter als Kawasaki-Syndrom. Dieser Zusammenhang ist jedoch bis heute nicht geklärt. Für das Kawasaki-Syndrom gibt es etablierte Therapien, die schwere Verläufe meist verhindern können.

4. Welche Grunderkrankungen stellen ein Hindernis beim Schulbesuch dar?

Schulen und Kindertagesstätten öffnen wieder. Schneller und umfassender als gedacht. Das wirft für Kinder- und Jugendärzte die Frage auf, welche Kinder mit Grunderkrankungen zunächst nicht am Unterricht teilnehmen sollten, weil sie besonders gefährdet sind. Diese Frage stellt sich für Kinder und Jugendliche mit Atemwegserkrankungen wie Asthma, angeborenen Herzfehlern, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und beispielsweise auch Immundefekten. Einig sind sich die Experten, dass eine generelle Freistellung vom Unterricht an Schulen bzw. der Teilhabe in KiTas nicht sinnvoll sind.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat in einer Stellungnahme hierzu Position bezogen. Darin wird klar, dass vieles noch unklar ist. Es geht in letzter Konsequenz um die Frage, welche Kinder durch ihre Grunderkrankung in „relevantem Maße“ beeinträchtigt sind. Dabei zeigt sich, dass die genauen Risikoprofile bislang nicht definiert werden konnten.

5. Antikörpertests bei COVID-19: Was sagen sie aus?

Für viel Verwirrung sogen zur Zeit auch die Antikörpertests. Bislang gibt es verschiedene auf dem Markt, deren Ergebnisse sehr unsicher sind. Nun ist in den USA ein Antikörper-Test vom Schweizer Konzern Roche zugelassen worden, der offenbar gute Ergebnisse liefert. Unsicherheit besteht noch zur Frage der Immunität:

  • Noch gibt es keine Langzeituntersuchungen. Wir wissen also noch nicht, ob die Antikörper nach Erkrankung wieder zurückgehen. Und ob damit auch die mögliche Immunität wieder verschwindet. Manche Forscher vermuten eine lebenslangen Schutz nach COVID-19, andere nur einen von „einigen Wochen“.
  • Es gibt zwei unterschiedliche Testgruppen:  Schnelltests und Antikörpertests, die aufwändig im Labor durchgeführt werden. Schweizer Untersuchungen legen den Verdacht nahe, dass die Schnelltests bis zu 3 Mal so viele positive Ergebnisse liefern wie im Labor durchgeführte Antikörpertests. Das bedeutet: Tests sollten zunächst nur zurückhaltend bewertet werden.

Im praktischen Alltag werden uns Antikörpertests im Mai somit wenig weiterhelfen. Es gibt zwar den ausreichend standardisierten Test von Roche. Aber auch der muss in größeren Studien noch weiter untersucht werden und dann auch in den auslieferbaren Mengen vorliegen, dass er alle Patienten in Europa erreicht. Und wir wissen ja, es gibt einen amerikanischen Präsidenten, der in dieser Hinsicht sehr eigenartig denkt.

6. Was tut sich bei den Impfstoffentwicklungen?

Weltweit gibt es inzwischen 115 verschiedene Impfstoffe untersucht (Impfstoffkandidaten). Von diesen sind zehn bereits soweit fortgeschritten, dass sie klinische Untersuchungen zur Verträglichkeit bei Freiwilligen durchführen dürfen. Eine dieser Studien läuft in Mainz mit etwa 200 Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren.

Zahl der gemeldeten SARS CoV-2-Fälle in Baden-Württemberg (Stand 08. Mai 2020, 16:00 Uhr). In Gelb die Zahl der Neuerkrankungen Quelle: LGA

Die Zahl der Neuerkrankungen ging in Baden-Württemberg weiter spürbar zurück. Demnach haben wir – Stand Freitag Abend – wieder eine Häufigkeit an Coronainfektionen wie vor 2 Monaten.

In diesen komplexen Zeiten, in denen sich Informationen zum Coronavirus und die damit verbundenen Entscheidungen zumindest täglich ändern, werde ich an eine Aussage von Joachim Ringelnatz erinnert: „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht“

EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern

Erkrankungen mit dem neuen Coronavirus (SARS-CoV-2) sind seit knapp 4 Monaten bekannt. Inzwischen ist die Infektion sogar bei fünf Tigern und drei Löwen im Zoo der Bronx (New York) gesichert worden.

Die Infektion mit dem Coronavirus wird COVID-19 genannt. Dieser Name bedeutet: Corona Virus Disease, die im Jahre 2019 erstmals auftrat.

Welche Symptome treten auf?

Genau genommen gibt es keine typischen Symptome. COVID-19 zeigt sich mit den Zeichen eines üblichen Infektes: Fieber, Husten. Abgeschlagenheit. Bei schwereren Verläufen kommt Kurzatmigkeit und Atemnot hinzu. Manchmal treten Symptome auf, die typisch auf COVID-19 hinweise wir Störungen des Geschmack – und Geruchssinns.

Wie wird die Diagnose gesichert?

Sie beruht in aller Regel auf den passenden Symptomen zusammen mit einem Nachweis des Virus im Nasen-Rachen-Abstrich, meist als sog. RT-PCR. Bei dieser Methode werden Bruchstücke des Genmaterials (RNA) vom Virus nachgewiesen. Die PCR ist sehr empfindlich („Sensitivität“) und kann auch kleinste Mengen Genmaterial erfassen. Wie empfindlich sie für das neue Coronavirus ist, ist noch nicht genau bekannt. Hingegen gibt es erste Hinweise, dass der Abstrich den Befall mit dem Virus gut erfasst („Spezifität“). Ist also jemand mit dem SARS-CoV-2 befallen, so wird der Test dies auch anzeigen. Wir können uns also darauf verlassen, dass ein positiver Test stimmt.

Antikörpernachweis von Coronaviren in einigen Regionen weltweit. Quelle: Economist

Antikörper gegen COVID-19 lassen sich inzwischen auch im Serum (Blut) nachweisen. Dazu gibt es verschiedene Tests mit sehr unterschiedlicher Aussagekraft. Die Abbildung links zeigt einen Vergleich zwischen den offiziell bekannten Erkrankungen und den Ergebnissen von Antikörper-Tests. Diese sind jedoch mit großen Unsicherheiten behaftet, weil die untersuchten Personen nicht dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprachen. Einige Tests beruhen auf Blutspenden (von denen die Alten ausgeschlossen sind) oder auf einem Facebook-Aufruf, der ebenfalls eher junge Menschen erreicht. Es fällt aber auf, dass tendenziell wohl mehr Menschen am Virus erkrankten als offiziell bekannt wurde. Besonders auffallend ist, dass in New York etwa 2-3% der Bevölkerung erkrankt war, aber über 20% im Blutest Antikörper auswiesen, also bereits eine Infektion hinter sich hatten. Vergleichbares gilt für Gangelt im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen.

Wann sollte ein Abstrich bei meinem Kind gemacht werden?

Seit Ende April wird ein Abstrich bei allen Menschen empfohlen, die Symptome einer Atemwegsinfektion haben, auch wenn kein Kontakt zu einem an COVID-19-Erkrankten bestand. Die Einzelheiten sind im Flussschema des RKI vom 22.04.2020 aufgeführt. Bitte beachten Sie hier die rechte Spalte „kein Kontakt“.

Sind auch Kinder stark ansteckend?

Diese Frage bewegt im Moment die Wissenschaft. Um es gleich vorweg zu sagen: Wir werden diese Frage momentan nicht genau beantworten können. Durch die spezielle Situation („Shutdown“) sind erforderliche Studien (sog. Schul- oder Haushaltskontaktstudien) nicht möglich. Es können also nur indirekte Faktoren geprüft werden. Und hier fiel den Forschern um Prof. Christian Drosten von der Charité auf, dass die Viruslast, also die Zahl der Viren im Rachen, bei Kindern ebenso hoch war wie bei Erwachsenen.

Inzidenz von COVID-19 in Baden-Württemberg. Die Säulen zeigen an, wie viele Personen einer Altersgruppe (bezogen auf 100.000) an COVID-19 erkranken. Quelle: LGA Baden-Württemberg

Kinder haben aber auch weniger Symptome. Sie husten also seltener. Das könnte bedeuten, dass sie andere Menschen weniger anstecken. Aber wissen tun wir das bislang nicht. Sicher ist nur, dass sie deutlich seltener krank werden als Erwachsene. Ob sie aber zur schnellen Verbreitung der Erkrankung beitragen, ist weiterhin umstritten.

Werden KiTas und Schulen bald wieder geöffnet?

Das ist eher unwahrscheinlich. Denn bislang fehlt uns ein Mittel, um das Virus direkt bekämpfen zu können. Wir keine Aussicht auf ein rasch und sicher wirksames Medikament. Eine Impfung ist in diesem Jahr ebenso wenig zu erwarten. Berichte, wonach der eine oder andere Impfstoff schon im Herbst verfügbar sein könnte, sind unseriös und spielen nur mit unserm Wunsch, dass diese schwierige Situation bald vorbei sein sollte. Die Stellungsnahme der Wissenschaftler von vier wichtigen Forschungsverbänden beschreibt unsere Situation realistisch und ohne Schnörkel. Demnach müssen wir uns auf eine längere Zeit der Kontaktbeschränkungen einstellen. Was das im einzelnen bedeutet haben die Forscher hier zusammengefasst.

Wie sehr werden Kinder von COVID-19 bedroht – ist es für sie tödlich?

Kinder und Jugendliche erkranken seltener und schwächer als Erwachsene. COVID-19 bedroht Menschen umso mehr, je älter sie sind. Aber, es kann in jeder Altersgruppe gefährlich werden. Todesfälle kommen bei Kinder selten vor. Für die USA mit 328 Millionen Einwohnern meldet die CDC bislang neun COVID-19-Todesfälle für Kinder von 0-14 Jahren (Stand 01. Mai 2020).

Wöchentliche Sterbefälle in Europa. In grau sind die Jahr 2009-2019 dargestellt, in orange das Jahr 2020. Die obere Graphik zeigt die Kurve der 15-64-Jährigen, die untere die der 0-14 Jahre alten Kinder und Jugendlichen. Quelle: EuroMOMO nach Economist

Die untere Gruppe zeigt, dass die Sterberate für Kinder und Jugendliche in den Corona-Wochen sogar nach unten geht. Das Kontaktverbot hat nachweislich zu weniger Infekten überhaupt geführt. Und zu weniger Teilnahme am Straßenverkehr. Dadurch sind – bei allem Ärger über die Enge zuhause – manche Todesfälle verhindert worden. Corona hat insofern auch – wenngleich selten – gute Folgen gehabt