Kategorie: Krankheitsbilder

Oft unterschätzt: RSV-Infektionen

Das Respiratorische Syncytial-Virus (RSV) ist spürbar weniger gefürchtet als die Grippe oder Coronavirusinfektionen. Es ist schlicht weniger bekannt.

Bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von 3 Jahren ist es weltweit der häufigste Auslöser von akuten Atemwegsinfektionen. Diese betreffen meist die unteren Atemwege und dort die kleinsten Bronchien (Bronchiolitis). Jährlich versterben an RS-Virus-Erkrankungen rund 160 000 Menschen, überwiegend Säuglinge und ältere Menschen. Ursache hierfür ist, dass sich beim Krankheitsprozess die Viren in die Epithelzellen vermehren und diese dabei unwiederbringlich schädigen. Das wiederum hat große Mengen Zellabfall (Detritus) zur Folge, der die kleinen Bronchien verlegt, wodurch die Lunge in diesen Bereichen zu wenig belüftet wird. Im Gegenzug werden andere Lungenanteile verstärkt belüftet. Beides ist ungünstig und führt zu Atemnot und zu Sauerstoffmangel.

Weltweit erkranken jedes Jahr 5.6 von 1000 Säuglingen im ersten Jahr schwer am RSV. Zehn Mal so viele erkranken mit leichteren Verläufen. Die Sterblichkeit liegt bei 0.2% der erkrankten Kinder – enorm hoch. Die Infektionen treten in Mitteleuropa zwischen November und April auf, der Höhepunkt ist oft in den Monaten Januar und Februar. Bis zum zweiten Geburtstag haben nahezu alle Kinder einmal eine Infektion mit RSV durchgemacht. Diese hinterlässt aber keinen langfristigen Schutz, so dass die Infektion mehrfach im Leben auftreten kann.

Dabei fängt die Krankheit schleichend wie ein leichter Atemwegsinfekt an. Sie wird als Tröpfcheninfektion übertragen, wobei die Viren lange auch auf Händen (20 Minuten) und Papierhandtüchern und Baumwollkitteln (45 Minuten nach Angaben des RKI) überleben können. Die Inkubationszeit bis zum Auftreten der ersten Symptome beträgt meist 5 Tage (2-8 Tage). Nach einem Schnupfen mit eher schwachem Fieber und trockenem Husten, kann sich die Erkrankung in einigen Fällen innerhalb drei Tagen spürbar verschlechtern mit deutlichem Husten, fast regelhaft mit Verengung der Atemwege (Obstruktion) und zunehmender Atemnot. Bei Säuglingen ist eine Trinkschwäche sehr typisch für die schweren Verläufe. Wichtig ist, dass die Obstruktion oft kaum hörbar ist, weil die kleinsten Bronchien betroffen sind. Gerade bei den besonders schweren Erkrankungen wird die Schwere deswegen manchmal unterschätzt.

Die Erkrankung dauert manchmal fast zwei Wochen. Oftmals bleibt der Husten für Wochen danach erhalten und ist nur schwerlich durch Medikamente beeinflussbar. In vielen Fällen ist die RSV-Infektion der Anfangspunkt eines Asthma bronchiale.

Die Diagnose ergibt sich häufig aus dem typischen Verlauf und kann durch verschiedene Nachweismethoden im Labor abgesichert werden.

Eine ursächlich Therapie gibt es nicht. Unterstützend muss versucht werden, die Nasenatmung zu erhalten, Inhalationen sind in ihrer Wirkung begrenzt. In schweren Fällen ist eine Gabe von Sauerstoff (in einer Klinik) die entscheidende Maßnahme, ebenso wie die Zufuhr von Flüssigkeit über eine Infusion. Die Gabe von Cortison (als Inhalation oder systemisch) ist in den meisten Fällen nicht sinnvoll. Die Gabe von Antibiotika ist nicht sinnvoll, solange keine zusätzliche bakterielle Infektion auftritt.

Eine Impfung gegen RSV gibt es bis heute nicht. Vielfache Versuche scheiterten. Es gibt jedoch eine passive Immunisierung mit monoklonalen Antikörpern (Palivizumab – Handelsname: Synagis©). Diese blockieren das sog. F-Protein, so dass die Schädigung der bronchialen Epithelzellen verhindert wird. Diese Therapie steht für besondere Risikogruppen (u.a. Säuglinge, die als Frühgeborene zur Welt kamen; Kinder mit Herzfehlern) zur Verfügung und ist sehr wirkungsvoll.

Aktuell erschien im JACI in Practice, einem der beiden Zeitschriften der amerikanischen Allergologen und Immunologen (AAAAI) ein ergänzender Beitrag. In dieser Publikation von Eija Bergroth und Mitarbeitern aus Finnland und den USA zeigen sie auf, dass als Auslöser für die Bronchiolitis das Rhinovirus (RV; „Schnupfenvirus“) noch bedeutsamer sein könnte, als das RSV. In der Untersuchung von 349 Kindern waren es insbesondere diese Viren, ganz besonders RV-C, die eine frühe und lang andauernde Therapie mit Asthmamedikamenten erforderte. Kinder, die vom RSV betroffen waren, schnitten günstiger ab.

Ob nun die Rhinoviren oder RSV letztlich gefährlicher sind, muss in den nächsten Jahren in Studien weiter geklärt werden. Klar ist, dass es viele Viren gibt, die Menschen bedrohen können.

Säuglingstod im Auto-Kindersitz

Der plötzliche Kindstod scheint auch im Zusammenhang mit Auto-Kindersitzen häufiger vorzukommen. Deswegen haben sich die Forscher Peter LiawRachel Y. MoonAutumn Han and Jeffrey D. Colvin aus Kansas City in einer Studie mit dieser Frage befasst.

Sie untersuchten über den Zeitraum von 2004 bis 2014 genau 11.729 schlafbezogene Todesfälle bei Säuglingen. Es zeigte sich, dass 348 (3.0%) der Todesfälle in einem Kindersitz auftraten, allermeist (62.9%) in einem Autokindersitz. Interessant ist, dass aber weniger als 10% dieser Todesfälle im Rahmen einer Autofahrt vorkamen. Über die Hälfte der Todesfälle im Auto-Kindersitz (51.6%) traten zuhause auf. Somit raten die Autoren, den Autokindersitz nur während der Autofahrt zu benutzen und nicht zuhause einzusetzen.

Nebenbei stellte sich heraus, dass die Todesfälle häufiger auftraten bei „health care provider“ (was man ungefähr als „medizinische Fachkräfte“ umschrieben könnte) – fast 2.8 mal so oft. Auch bei Kindern im Autositz, die von Babysittern beaufsichtigt wurden, war die Todesrate doppelt so hoch. Warum, das konnten die Autoren nicht abschließend klären.

Also, der Kinder-Autositz ist sinnvoll. Aber nur bei der Fahrt im Auto.

TIPP: Was tun bei Vergiftung mit Reinigungsmittel

Vergiftungen mit Reinigungsmittel gehören zu den häufigsten Gründen, warum Eltern Rücksprache mit einer Vergiftungszentrale halten.

In Ihrem Jahresbericht von 2014 (eine neuere Version ist nicht online) wurden in der für Baden-Württemberg wichtigen Vergiftungszentrale in Freiburg 22.247 Notrufe betreffend Vergiftungen entgegengenommen. Die weitaus häufigsten Probleme traten bei Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren auf. Besonders betroffen war – wie auch in anderen Vergiftungszentralen – die Altersgruppe von 1-4 Jahren, Kinder, die die Welt erobern. Das ist das Alter, in dem Kinder die Garderobe hochklettern, die Herdplatte anfassen und alle Schubladen öffnen. Und eben auch Erde essen, Blätter kauen und aus allen Flaschen trinken: Die Zeit der Unfälle und Vergiftungen.

Art und Häufigkeit der Vergiftungen Quelle: Jahresbericht VZ Bonn

Welche Vergiftungen besonders bedeutsam sind zeigt die nebenstehende Graphik der Vergiftungszentrale Nordrhein-Westfalen der Universität in Bonn. Neben den Medikamenten – „Omas Herztablette“ – und Pflanzen sind die Wasch- und Reinigungsmittel im Haushalt besonders bedeutsam. In diese Gruppe fallen sehr verschiedene  Produkte, die für den Laien zunächst in ihrer Bedeutung kaum zu beurteilen sind. Man unterscheidet im Wesentlichen 2 Gruppen:

  • ätzende Produkte (Backofen‑, Grill- und Rohrreiniger, industrielle Reiniger, Stein- und Fliesen- reiniger u.a.)
  • reizende Produkte (Handspülmittel, Waschmittel, Weichspüler, Glasreiniger, Spülmaschinentabs)

Die erste Gruppe der ätzenden Substanzen müssen zunächst als Notfall eingestuft werden, wenn ein Kind davon getrunken hat. Oft ist unklar ob und wie viel es davon abbekommen hat. Weil jedoch die Folgen sehr schwerwiegend sein können, sollte auch bei Beschwerdefreiheit der Kinder- und Jugendarzt aufgesucht werden. Folgende Informationen sind wichtig:

  • Wer hat die Substanz eingenommen? Alter/ Geschlecht/ Gewicht/ Vorerkrankungen
  • Wann hat das Kind mutmaßlich die Substanz getrunken!? Uhrzeit merken.
  • Welche Substanz war es? Am besten Originalverpackung mitbringen
  • Wann traten ggf. erste Symptome auf und welche?
  • Adresse und Telefonnummer der Familie (für. ggf. Rückfragen)

Das Kind darf schluckweise etwas Flüssigkeit zur Spülung der Schleimhäute zu sich nehmen. Diese sollte, wenn möglich, zunächst ausgespuckt werden, um den Mund von Substanzen zu befreien. Auch Trinken von Wasser (!) ist erlaubt. Weitere Maßnahmen sollten bis zum Arztbesuch unterbleiben.

Die reizenden Produkte sind in der Regel weniger gefährlich. Sind die Kinder symptomfrei kann etwas Flüssigkeit (Wasser/ Tee) gegeben werden. Weiteres sollte nach Rücksprache mit dem Kinder- und Jugendarzt bzw. mit der Vergiftungszentrale abgeklärt werden.

Detaillierte Informationen zu Vergiftungen finden Sie hier auf der Homepage der deutschen Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Im akutem Vergiftungsnotfall – wenn Sie Ihren Arzt nicht erreichen können – im Südwesten bitte die Vergiftungszentrale in Freiburg anrufen: Die anderen Vergiftungszentralen in Deutschland haben übrigens die gleiche Durchwahlnummer mit der entsprechenden Vorwahl.

Giftzentrale Freiburg           0761  19240

Giftzentrale Charité Berlin   030  19240

Giftzentrale Bonn                   0228   19240

Giftzentrale München           089   19240

 

Neue Daten: Wie stark betrifft das Coronavirus Kinder?

Ganz aktuell erreicht uns eine Veröffentlichung im New England Journal of Medicine betreffend die Coronaviruserkrankung COVID-19.

Die Studie wurde unter der Leitung von Nan-shan Zhong erstellt und gibt die Daten von 1099 Menschen wieder, die vor dem 29. Januar 2020 durch das neuartige Virus SARS-CoV-2 an COVID-19 erkrankten. Gesunde Träger des Virus sind also nicht berücksichtigt.

Hier die wesentlichen Informationen:

  • die mittlere Inkubationszeit betrug 4 Tage (2-7 Tage)
  • Das Durchschnittsalter betrug 47 Jahre (35 – 58 Jahre)
  • nur 0.9% aller Patienten waren jünger als 15 Jahre !
  • die meisten waren 16 – 64 Jahre alt, nur 15.1% waren älter als 64 Jahre
  • häufigstes Symptom war Husten: 67.8%
  • Fieber hatten bei Aufnahme in die Klinik weniger als die Hälfte (43.8%)
  • die Sterberate betrug 1.4%

Somit zeigt diese erste Untersuchung von Patienten, die am neuen Coronavirus erkrankten: Das Risiko für eine COVID-19 ist für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren sehr gering.

Auch wenn nur wenig alte Menschen erkrankten, erhöhte das Alter die Komplikationsrate.

Wie hoch die Erkrankungszahlen weltweit sind zeigt die Übersicht der CSSE der Johns Hopkins University (Baltimore).

 

Vergiftung: Blauer Eisenhut (Aconitum napellus)

In den Alpen sowie den Mittelgebirgen Europas finden sich manche hübsche Pflanzen. Den Wanderern fällt ob seiner Schönheit der blaue Eisenhut sofort auf. Das ist auch gut so. Denn er ist hochgiftig und so kann diese Information an vielleicht neugierige Kinder weitergegeben werden. Bevorzugte Standorte sind feuchte und oftmals überdüngte Böden. Und was schön ist findet sich gerne auch in Gärten.

Der blaue Eisenhut ist 0.5 bis 1.5 Meter hoch. Auf seinem aufrechten und nackten Stengel stehen die violett-blauen Blüten in dichten Trauben. Blütezeit ist Juni bis August.

Giftig machen ihn Diterpen- und Esteralkaloide, die sich in allen Bestandteilen der Pflanze finden. Wenige Gramm des Pflanzenmaterials sind schon giftig. Die Giftaufnahme erfolgt auch durch die intakte Haut (und Schleimhaut), so dass bereits das Spiel mit den Blüten zur Vergiftung bei Kindern führen kann.

Symptome

Erste Symptome setzen erst nach 10 bis 20 Minuten ein. Dann setzen Brennen und Kribbeln im Mund ein. Diese Empfindungen breiten sich über die gesamte Haut aus bis zur völligen Gefühllosigkeit. Daneben tritt heftiges Erbrechen, kolikartiger Durchfall auf. Es folgen Lähmung der Muskulatur, Sehstörungen. Nach einem Herzrhythmusstörungen und Atemlähmungen kann der Tod eintreten.

Therapie

Sofort die nächste Kinderklinik aufsuchen.

Rotaviren

Unter den Ursachen für Magen-Darm-Erkrankungen stehen für Kinder und Jugendliche die Rotaviren ganz im Vordergrund. Um den Kontakt mit diesem Virus kommt niemand herum. Die Frage ist nur: Wann findet der Kontakt mit Rotaviren statt? Und ist mein Körper darauf vorbereitet?

Von den Rotaviren (rota (lat.) das Rad) gibt es unterschiedliche Arten von Virustypen („Serotypen„) bedingt durch Unterschiede an Eiweißen der Oberfläche. Alle zeigen eine große Überlebensfähigkeit in der Umwelt.

Die Rotaviren führen zu Durchfallserkrankungen. Davon betroffen sind besonders Säuglinge nach dem 6. Lebensmonate, wenn die Leihimmunität zu Ende geht. Wenn also die Abwehrstoffe, die im Mutterleib auf das Kind übergingen, aufgebraucht sind. Nach dieser Zeit finden immer wieder Kontakte zu den sehr häufigen unterschiedlichen Rotaviren statt. In der Folge, baut der kindliche Körper seine eigene Abwehr auf, so dass die meisten Rotavirus-Durchfallserkrankungen nach dem 2. Geburtstag geschafft sind. Vereinzelt kommt es auch danach noch zu Erkrankungen, besonders wenn im Alter von mehr als 60 Jahren die Immunabwehr langsam nachlässt.

Die meisten Rotavirusinfektionen gibt es von Februar bis April. Sie kommen aber ganzjährig vor. Die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch. Dies geht meist über Schmierinfektionen, wobei schon sehr kleine Mengen an Virus ausreichen, um eine Krankheit beim Kind auszulösen. Laut RKI (Robert-Koch-Institut) reichen dazu schon 10 Viren aus, während bei einer akuten Infektion zwischen 1 Milliarde und 100 Milliarden mit dem Stuhl ausgeschieden werden.

Tödlichkeit der Rotaviruserkrankungen weltweit. Foto: JAMA

Dass Rotaviren gerade für Kinder unter 5 Jahren gefährlich sind, zeigt eine Übersichtsarbeit von Christopher Troeger und Mitarbeiter aus Seattle (USA). In ihrer Arbeit fassen sie zusammen, dass im Jahre 2016 etwa 128.500 Kinder weltweit an den Rotaviren verstorben sind. Etwa 28.000 Kinder seien durch die Impfung gerettet worden. Die Erkrankungsrate lag weltweit bei 50%, also jedes zweite Kind erkrankte in diesem Jahr an Rotaviren. Die Tödlichkeit lag in Europa bei 0.2 Todesfällen auf 100.000 Menschen, während sie in Westafrika bei 110.3 lag – mehr als 500 mal höher!

Nach einer Inkubationszeit von 1-3 Tagen beginnt die Erkrankung mit Durchfall und Erbrechen. Der Durchfall ist wässrig und enthält öfter auch Schleimbeimengungen. Fieber kann hinzukommen, die Temperaturen liegen aber bei den meisten Erkrankungen unter 30° Celsius. Bauchkrämpfe begleiten schwere Erkrankungen. Bei einzelnen Kindern tritt auch etwas Schnupfen auf. Die Dauer des Durchfalls liegt bei 2 bis 7 Tagen.

Eine spezifische Therapie gibt es nicht. Wichtig ist die sog. Rehydratation: dem Körper müssen Wasser + Zucker + Salze zugeführt werden. Das ist manchmal nicht ganz einfach, weil sich – gerade die kleinen Kinder – dagegen sträuben. Wie Sie als Eltern dennoch eine Chance haben, beschreiben wir hier im praxisblättle.

Zur Therapie gehören auch Hygienemaßnahmen. Wie oben beschrieben, vermehren sich bei einer Infektion mit Rotaviren die Erreger im Darm enorm, so dass der Stuhlgang hochansteckend ist. Folgende Maßnahmen sind wichtig:

  • Absonderung des kranken Kindes: Das bedeute, dass das betroffene Kind von seinen Geschwistern getrennt in einem eigenen Zimmer betreut wird.
  • Tragen von Handschuhen und Schutzkittel zur Vermeidung einer Infektion
  • Regelmäßige Händedesinfektion besonders nach dem Wickeln / Saubermachen
  • Regelmäßige Desinfektion aller Arbeitsflächen in der Nähe des Kindes sowie auch der Waschbecken, der Türgriffe und der Toiletten. Laut RKI sind zur Desinfektion Präparate mit nachgewiesener Wirksamkeit mit dem Wirkbereich „begrenzt viruzid PLUS“ oder „viruzid“ geeignet.

Eine Rotavirusinfektion ist besonders für Säuglinge gefährlich. Sie haben noch keinen eigenen Schutz aufgebaut und können über den Verlust von Flüssigkeit und Salzen bedrohlich erkranken. In wenig entwickelten Ländern gehen sehr viele Todesfälle in diesem Alter auf die Durchfallserkrankungen mit Rotaviren zurück.

Um hier vorzubeugen wurde eine Rotavirus-Impfung entwickelt, die seit 2013 von der STIKO (Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut) empfohlen wird. Dabei erhalten Säuglinge ab dem Alter von 6 Wochen eine Schluckimpfung, die zum Aufbau einer eigenen Abwehr beim Säugling führt. Auf diesem Weg soll er fit gemacht werden, um bei der ersten Wildinfektion mit diesem Virus einen gewissen Schutz zu haben. Die Verträglichkeit dieser Impfung ist insgesamt gut. Bei zu später Impfung stiegt jedoch das Risiko einer Darmeinstülpung (Invagination), das zuvor mit 1-2 Invaginationen auf 100.000 Impfungen gering ist.

Welches Risiko haben Säuglinge an Masern zu erkranken?

Kinder in Deutschland werden gemäß dem aktuellen Impfplan der STIKO (Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut) im Alter von 11 bis 14 Monaten erstmals gegen die Masern geimpft. Der Zeitpunkt ist so gewählt, weil man davon ausgeht, dass Kinder zuvor über mütterliche Abwehrstoffe (Antikörper) vor Masern geschützt seien. Diese werden während der Schwangerschaft auf das Kind übertragen. Aber reicht die Wirkung der mütterlichen Antikörper tatsächlich bis zur geplanten Impfung?

Eine Studie aus Kanada lässt nun Zweifel aufkommen. Die Forschergruppe um Michelle Science aus Toronto untersuchte die schützenden Antikörper gegen Masern bei Säuglingen. Bei den knapp 200 untersuchten Säuglingen fand sie, dass im Alter von 1 Monat 80% von aller Säuglinge einen sicheren Schutz vor Masern hatten. Im Alter von 3 Monaten waren es nur noch 8%, während mit 6 Monaten kein Säugling mehr über einen ausreichenden Schutz gegen Masern verfügte. Damit steht zu befürchten, dass Säuglinge über viele Monate vor der ersten Impfung nicht vor Masern geschützt sind.

Die untersuchte Gruppe von Säuglingen ist mit 196 Säuglingen klein. Aber das Ergebnis muss uns wachsam machen. Bisher dachten wir, dass Kinder bis zur ersten Masernimpfung in den meisten Fällen gut geschützt seien. Das sind sie vermutlich nicht. Das sollten alle Eltern wissen, in deren Umgebung ein Masernausbruch auftritt. Und das sollte auch bei Reisen in ferne Länder beachtet werden.

Wasserpfeife: vermutlich erhöhtes Risiko für Tuberkulose

Aus der Schweiz berichtete kürzlich in einer kurzen Veröffentlichung Anna Ursula Marchetti von einem 20-jährigen Mann aus dem Spital Uster bei Zürich. Er hatte sich in einer Klinik wegen  Bluthustens in der Notfallambulanz vorgestellt.

CT-Bild der cavernösen Tuberkulose bei dem beschriebenen 20 jährigen Schweizer Foto: European Journal of Case Reports in Internal Medicine

Weitere Nachforschungen ergaben, dass er bereits seit 3 Monaten produktiven Husten hatte. Die Computertomographie (CT) zeigte dann den Befund einer Tuberkulose. Der junge Mann rauchte regelmäßig bis zu 5 Mal pro Woche mit Freunden Wasserpfeife. Andere belastende Faktoren wurden nicht festgestellt.

Die Ärzte gehen davon aus, dass er sich die Infektion durch Kontakt beim Rauchen zugezogen hatte. Das Rauchen der Wasserpfeife bedeute eine mehr als 10 Mal so höhere Inhalation gegenüber dem Zigarettenrauchen. Zudem fänden Bakterien wie das Tuberkulosebakterium ein ideales Medium im Wasserbehälter, der von Mitrauchern mitgenutzt würde.

Rauchen von Wasserpfeifen muss somit als Risikofaktor für die Entwicklung einer Tuberkulose in Betracht gezogen werden. Vom Rauchen einer Wasserpfeife ist bei Jugendlichen abzuraten.

Neue Therapie bei Erdnussallergie

Vor Jahrzehnten schien die Behandlung der Nahrungsmittelallergien noch sehr schlicht: „Alles weglassen“. Im Falle der Erdnuss hieß das, dass allergische Kinder erst ab 12 Jahren Erdnüsse und Erdnussprodukte (peanut butter) essen sollten. Doch das Konzept hat sich inzwischen komplett gedreht. Heute gibt es schon Überlegungen, Kinder kurz nach der Geburt mit diesem kräftigen Allergen bekannt zu machen. Kinder mit massivem Risiko (sog. Hochrisikokinder) bekommen heute – noch unter experimentellen Bedingungen – Erdnuss in kleinsten Mengen angeboten, die schrittweise gesteigert werden. Dies erfolgt so langsam, dass der Körper die Erdnuss zwar bemerkt, aber nicht als fremd einschätzt. So hofft man für die betroffenen Kinder eine Toleranz zu erzielen. Die Toleranz soll verhindern, dass bei versehentlichem Kontakt mit dem Allergen ein schwerer allergischer Schock (Anaphylaxie) ausgelöst wird. Diese orale Immuntherapie (OIT) ist aber heute noch keine Option für Eltern mit allergischen Säuglingen. Es zeigt nur, dass eine Behandlung im Prinzip möglich ist. Leider ist es nicht ganz ungefährlich, so dass noch viel Forschung nötig sein wird bis eine unproblematische OIT für Nahrungsmittel gefunden ist.

Grundsätzlich gibt es die orale Immuntherapie schon recht lange. Bisher wird diese in Bezug auf Nahrungsmittel aber nur bei größeren Kindern und Jugendlichen (und Erwachsenen) eingesetzt. In englischer Sprache können Sie hier in einem Betrag der AAAAI (American Academy of Allergy, Asthma & Immunology) nachlesen, wie die OIT momentan zu bewerten ist.

Was inzwischen tatsächlich möglich ist ist eine Therapie für Kinder von 4 bis 17 Jahren. Die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat am 31. Januar 2020 Palforzia zugelassen. An der PALISADE-Studie, die zu dieser Zulassung führte haben in Nordamerika und Europa (u.a. auch die Charité in Berlin und die Universität Frankfurt) 551 Patienten teilgenommen. Damit gibt es erstmals eine standardisierte Immuntherapie gegen ein Nahrungsmittel. Bisher wurde die OIT immer von einem erfahrenen Allergologen auf dem Hintergrund seines Wissens und seiner Erfahrung durchgeführt. Jetzt ist diese Therapie also quasi ein Medikament geworden. Damit ist Palforzia mit einer Immuntherapie vergleichbar, die es bei Bienengift- oder Gräserpollen bereits gibt. Halt in diesem Fall gegen Erdnuss. Weitere Einzelheiten hierzu finden Sie in der Stellungnahme der FDA (in englischer Sprache).

Damit ist medizinisch ein großer Schritt gelungen. Vermutlich, wird sich das auch bald in der Presse so darstellen. Bei allem muss klar sein, dass dieses neue Produkt Palforzia aber eine Allergie gegen Erdnuss nicht heilen kann.

Unser Immunsystem

Das Wort Immunsystem geht den meisten Menschen locker über die Lippen. Schaut man das Immunsystem näher an wird klar, dass ein solch komplexes System nicht mit einfachen Mitteln gestärkt oder geschwächt werden kann.

Im Immunsystem arbeiten unzählige Strukturen miteinander. Ihre Aufgabe ist es, unerwünschte oder gar aggressive Eindringlinge davon abzuhalten sich im Körper breit zu machen. Diese Angreifer selbst sind aber auch gewieft und können wie trojanische Pferde getarnt in den Körper eindringen, um ihm dann zu schaden. In den Schlachten – um in der Militärsprache zu bleiben – die sich die Angreifer (wie Viren) mit dem Immunsystem liefern geht es heftig her. Und es kommt manchmal auch zu Schäden, Kollateralschäden. Die Abwehr von Angreifern gelingt manchmal nicht ohne dass der Körper selbst Schaden nimmt. Das zeigen uns schwere Krankheiten regelmäßig.

Das Immunsystem wird in zwei Bereiche eingeteilt. Da ist zum einen die unspezifische Immunabwehr. Sie ist angeboren und hat die Aufgabe, Infektionen abzuwehren, indem sie unspezifisch gegen alle Krankheitserreger ausgerichtet ist. Zum anderen gibt es die spezifische Immunabwehr, im angloamerikanischen auch adaptives oder erworbenes Immunsystem genannt. Dieser Teil des Immunsystems lernt aus Erfahrungen, die er mit Krankheitserregern oder auch Krebszellen gemacht hat. Beim Kontakt mit diesen Eindringlingen (Antigen) oder Krebszellen bildet das erworbene Immunsystem sogenannte Antikörper aus. Das sind Y-förmige Eiweißstrukturen, die bestimmte Antigene – unabhängig davon ob sie im Blut schwimmen oder auf Zellen aufsitzen – erkennen und danach eine Abwehrreaktion des Körpers auslösen. Auf diesem Mechanismus beruht das Prinzip einer Kinderkrankheit: Dabei handelt es sich um höchst ansteckende Erkrankungen. Wer einmal davon betroffen wird bildet Antikörper aus, die später ein erneutes Auftreten der Krankheit verhindern. Kurzum: einmal erkrankt entwickelt der Körper eine spezifische Immunantwort um diese spezielle Krankheit künftig zu verhindern.

Das Immunsystem ist auch in der Lage Krebszellen zu erkennen. Dabei erkennt es auf der Oberfläche dieser Zellen sog. Tumorantigene als fremd und greift die betreffende Zelle als fremdartig an. Das geht natürlich nur, wenn die Krebszelle sich eindeutig von anderen Körperzellen unterscheidet. Zum Glück ist das meistens so, so dass das Immunsystem täglich im Kampf gegen Krebs erfolgreich ist, indem es auffällige Zellen sofort niedermacht. Manchmal macht es auch des Guten zuviel, beispielsweise bei den Autoimmunerkrankungen. Dann greift das Immunsystem körpereigene Zellen an und schadet sich ohne Grund selbst.

Nur selten tritt eines der beiden Immunabwehrsysteme – angeboren oder erworben – alleine auf. Meist handelt es sich um ein fein abgestimmtes Miteinander. Dabei arbeiten verschiedene Zellen (Th1, Th2, NK-Zellen u.a.), Botenstoffe (Interleukine u.a.), Gewebe und Organe zusammen. Die wichtigsten Zellen sind hierbei die T-Lymphozyten, die unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben und die von den sog. regulatorischen T-Zellen im Gleichgewicht gehalten werden. Das ganze Netzwerk wird logistisch von den Blutbahnen und Lymphgefässen unterstützt, aber auch von natürlichen Grenzen wie der Haut, der Schleimhaut oder der Blut-Hirn-Schranke. Und auch vom Mikrobiom. Darunter versteht man ein Zusammenspiel von Millionen von Erregern, die sich beispielsweise im Darm, auf der Haut und auf der Bronchialschleimhaut finden.

Gerade in den letzten Jahren wurden hier enorme Fortschritte im Verständnis erzielt. Dabei zeigte sich die außerordentliche Komplexität des Immunsystems, über deren Eigenheiten wöchentlich neue Informationen gewonnen werden. Diese ermöglichen inzwischen deutlich gezieltere Therapien nicht nur bei Infektionskrankheiten, sondern ganz besonders in der Behandlung gewissen Krebsformen. Dort gelingt es der Medizin inzwischen mit sehr pfiffigen Ansätzen, gewisse Tumorzellen zu enttarnen und sie dann gezielt abzutöten.