Schlagwort: Aerosol

Was geht rum? 25. September 2021

Das praxisblättle gibt auf! 

Aerosole: entscheidender Weg der Ausbreitung nicht nur für SARS-CoV2

Enormer Anstieg von Klinikaufnahmen bei Kindern wegen Corona

Beulenpest in den USA

Das Foto in einem Blog vor vielen Jahren hat alles ausgelöst: Versehentlich hatte ich zum zweiten Mal ein Bild der dpa (Deutsche Presseagentur) für den Blog genutzt und wurde mit 350 € von einer Rechtsanwaltskanzlei abgemahnt. Eigener Fehler ja, weh tat’s trotzdem. Es sind also schnöde finanzielle Überlegungen, die zur Einstellung des praxisblättle führen. Der Versuch, Sie als Leser zu finanziellen Unterstützern zu machen, hat leider nicht die notwendige Resonanz gefunden. Andererseits kam ein werbungsfinanzierter Blog für mich nicht in Frage. Mitte Oktober 2021 wird Schluss sein. Leider. Denn ich weiß, dass das praxisblättle viele Leser hat, die es regelmäßig und mit Freude lesen. Und mir selbst hat es jede Woche Spaß gemacht Themen zu präsentieren, die nicht schon die ganze Woche in den Medien vorkamen und für Eltern im Alltag dennoch interessant waren.

Seit Beginn der Coronapandemie stehen allerorten Desinfektionsspender, die uns auffordern, die Händen von Keimen zu befreien. Dabei ist in den letzten Monaten immer deutlicher geworden, dass die Coronaviren hauptsächlich als Aerosol weiterverbreiten. Und nicht nur diese Viren. Auch Masern, Influenza, RS-Viren und die meist „banalen“ Rhinoviren finden als kleinste Tröpfchen von etwa 100 µm den Weg zu ihren Opfern. Anders als die größeren Tröpfchen können sind Aerosolteilchen über 5 Sekunden in der Luft halten und im zarten Luftstrom weitaus mehr als 2 Meter durch die Luft gleiten. Und: Diese Aerosole werden ständig freigesetzt: bei Reden, beim Lachen, beim Singen. Sichtbar sind sie nicht, aber oft hochinfektiös. Wollen Sie mehr wissen? Dieser Artikel aus Science ist sehr informativ (in Englisch).

Coronainfektion: Tägliche Neuaufnahmen in Kliniken (gemittelt über 1 Woche) pro 100.000 Personen, nach Alter gestaffelt. Die orange Kurve zeigt den Verlauf bei Kindern und Jugendlichen (Alter 0 – 18 Jahre) seit August 2020 in den USA. Foto: NYT

Wenn Kinder mit dem Coronavirus infiziert sind, werden sie meist nur wenig krank. Somit sind Einweisungen ins Krankenhaus eher selten. Nun zeigt sich in den USA ein Trend, der sich möglichweise auch bei uns bemerkbar machen könnte: Die Krankenhausbehandlungen von Kindern (0-18 Jahre) mit Coronaerkrankungen ist in den letzten Wochen auf Werte angestiegen, wie sie seit Beginn der Pandemie noch nie beobachtet wurden. Impfungen für Schulkinder (5-11 Jahre) wurden mit von BioNTech/Pfizer mit einer verringerten Dosis und sehr guten Ergebnissen getestet. Es ist jedoch kaum denkbar, dass mit einer Studie an 2268 Kindern – davon ein Drittel mit Placebo) eine ausreichende Grundlage für eine Impfempfehlung besteht. Es bleibt dabei: Kinder sind am besten geschützt, wenn sich die Erwachsenen schützen, also impfen lassen.

Wöchentliche COVID-19-Inzidenz nach Altersgruppen. Foto: RKI

Und wie sieht es aktuell aus? Coronainfektionen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Dias zeigen „roten Zonen“ in der Graphik des Robert-Koch-Instituts (RKI), die sich seit letztem Jahr nach unten bewegt haben. Die Erkältungsviren sind weiterhin aktiv, eine echte Infektwelle ist aber nicht in Sicht. Bei den Windpocken zeigte sich in der vergangenen Woche ein Anstieg der Fälle um 50%.

Was geht in der Welt rum? Die USA sind für viele das Land der Träume. Daran hat auch ein Donald Trump nicht sehr viel geändert und auch nicht die Tatsache, dass Europäer trotz geringer Corona-Infektionszahlen nunmehr 18 Monate sich diesen Traum nicht mehr gönnen durfte. Die USA sind deutlich anders, als wir oft meinen. So kommt in diesem hochentwickelten Land seit Jahren auch die Beulenpest vor: Im Juli verstarb ein Mädchen an der Erkrankung, im August gab es einen weiteren Fall und Mitte September ist wiederum ein Mann an Lungenpest erkrankt. Der Infektionsweg ist bislang nicht bekannt. Von außerhalb des Landes kann der Erreger kaum eingeschleppt sein.

Ich wünsche Ihnen allen ein sonniges Wochenende. Bis nächste Woche an dieser Stelle bleibe ich Ihr

 

 

Was geht rum? 12. Juni 2021

Chaos um Coronaimpfungen für Jugendliche

Explosionsartiger Anstieg bei den Hantavirusinfektionen

Die Gräser blühen mit aller Macht

Windpocken fliegen weit

Es war fast zu erwarten, das Chaos um die Coronaimpfungen für Jugendliche. Die STIKO kommt nach wissenschaftlichen Abwägungen zur Überzeugung, dass nur Kinder und Jugendliche (ab 12 Jahren) mit Vorerkrankungen zu impfen seien. Ihr indirekter Boss hingegen, der Gesundheitsminister, empfiehlt Impfungen für die gesamte Altersgruppe. Und die Kinder bzw.  Jugendlichen selbst? Ihre Überlegungen und Gefühle kommen in der Diskussion nicht vor. Dabei haben nicht wenige von Ihnen weiterhin Angst vor COVID-19. Angst um sich selbst oder um Menschen in ihrer Umgebung die ihnen wichtig sind. Könnte das nicht auch ein Grund zur Impfung sein? Okay, Eltern sind Wähler. Der Bundestagswahlkampf lässt grüßen. Aber im Zentrum sollte doch der jugendliche Mensch stehen, der auch für sich selbst Verantwortung übernehmen möchte.

Häufigkeit der Hantavirusinfektionen in Deutschland im Jahre 2005 Foto: Epidemiologisches Bulletin, RKI

Das Hantavirus ist ein eher unbekannter Krankheitserreger. In Baden-Württemberg ist dieses Virus schon seit Jahren aktiv. Die Krankheitsfälle haben in diesem Jahr explosionsartig zugenommen. Waren es im letzten Jahr Mitte Juni 24 Fälle, so liegt die Zahl jetzt beim 35-fachen, genau bei 839. Bei Kindern kommen Hantavirusinfektionen eher selten vor, die die Fallverteilung des Jahres 2005 vom RKI zeigt. Mehr Informationen zum Krankheitsbild finden Sie im praxisblättle-Beitrag „Hantavirus – eine seltene Gefahr für Kinder“ .

Eine Dusche: Angenehm an heißen Tagen und für Allergiker sinnvoll vom dem Zu-Bett-Gehen. Foto: pixabay, Abdul Momin

Allergiker merken es seit 2 Tagen: Der Gräserpollenflug hat mit der Rückkehr des Sommer massiv zugenommen. Bis Mitte nächster Woche wird die Wetterlage und vermutlich auch der Flug der Pollen unverändert bleiben. Dabei kann es im Zusammenhang mit Hitzegewittern auch zu massiven Pollenbelastungen gerade bei Asthma-Betroffenen kommen. Noch ein kleiner Tipp: Abendliches Duschen inklusive Haarwäsche verhindert, dass die Pollen ins Bett getragen werden und dort über die Nacht die Atemwege belasten.

Windpocken in einem frühen Stadium mit Papeln und beginnenden Bläschen. Foto: ptw

Die Windpocken sind insgesamt kaum präsent. In der Region Lörrach und Ravensburg gibt es jedoch kleiner Ausbrüche. Die Windpockenviren als solche sind sehr stabil und können selbst durch trockene Lüfte über 100 Meter weit fliegen und andere Menschen erreichen, die von „ihrem Glück“ nichts mitbekommen.

Was geht in der Welt rum? Einen Ausbruch von Hepatitis-A-Infektionen erlebt in diesem Jahr Neukaledonien. Auf der zu Frankreich gehörenden Inselgruppe im Südpazifik wurden bislang 251 Infektionen festgestellt. Bei Kindern verläuft diese Infektion meist ohne Symptome. Es gibt eine sehr gut verträgliche und gut wirksame Impfung gegen Hepatitis A.

Endlich ist der Sommer angekommen. Ich wünsche Ihnen ein genussvolles Wochenende. Herzlich grüßt Sie Ihr

Hantavirus – eine seltene Gefahr für Kinder im Ländle

Viele Erkrankungen werden vom Tier auf den Menschen übertragen. Tiere treten also als Überträger – Vektor – auf. Obwohl sie einen Erreger übertragen, werden sie dabei aber selbst nicht krank. Das betrifft zum Beispiel die Borrelien und FSME-Viren, die von der Zecke an den Menschen bzw. andere Tiere weitergegeben werden. Als Vektor können aber auch Ratten – wie bei der Pest – oder Mäuse auftreten.

Baden-Württemberg ist bei den Erkrankungen mit dem Hantavirus schon immer führend in Deutschland. Dabei wird zumeist das Puumalavirus (PUUV) durch die Rötelmaus übertragen. In diesem Jahr übertrifft sich das Ländle dabei selbst. Waren es im letzten Jahr um diese Zeit gerade mal 24 gemeldete Infektionen, so sind im bisherigen Jahr 2021 bereits 796  Hantavirus-Infektionen aufgetreten.

Häufigkeit der Hantavirusinfektionen in Deutschland im Jahre 2005 Foto: Epidemiologisches Bulletin, RKI

Die relativ seltene Erkrankung mit Hantaviren wird in aller Regel über die Ausscheidung infizierter Mäuse übertragen. Dabei ist Interessant, dass die Übertragung des Hantavirus vorwiegend durch die Einatmung (Inhalation) von infiziertem Staub erfolgt. Dorthin gelangt das Virus durch den Speichel, Urin oder Kot der Mäuse. Betroffen sind meist Männer der Altersgruppe 30-49 Jahre. Bei Kindern tritt die Erkrankung selten auf. So sind zwischen 2001 und 2018 in Baden-Württemberg 6 Erkrankungen bei Kleinkindern (unter 7 Jahre) gesichert.

Die Erkrankung tritt in unseren Breiten nach einer Inkubationszeit von 2-4 Wochen als hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom (HFRS) auf: in der ersten Woche bestimmen Fieber, Schüttelfrost und Kopfschmerzen das Bild. Gelegentlich kommt es zu Blutungen der Haut oder Schleimhäute. In der zweiten Woche kommt es zum Blutdruckabfall, zum Abfall der Blutplättchen (Thrombozytopenie) sowie einer interstitiellen Nephritis (Nierenentzündung). Zwischen dem 9. und 12. Tag tritt ein Nierenversagen ein sowie Lungenstörungen, die teilweise zum Tod führen. Auch wenn viele Erkrankungen eher schwach oder sogar ohne Symptome verlaufen, kann die Hantavirusinfektion einen extrem schweren Krankheitsverlauf nehmen. Details hierzu beschreibt die Seite des RKI hier.

Obwohl Kinder selten mit dem Hantavirus erkranken, kann das Risiko im Einzelfall etwas höher sein. Beispielsweise bei Kindern, die auf alten Bauerhöfen mit großen Tennen leben oder bei Kindern in Waldkindergarten. Hierzu gibt es ein interessantes Merkblatt vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg.

Beim Reinigen von Gartenhäusern, Kellern oder Speichern sollte immer bedacht werden, dass in der Raumluft – Aerosol – infektiöse Teichen schweben könnten, die beim Einatmen zu einer Hantavirus-Erkrankung führen könnten. Im Zweifelsfall sollte der schwäbische Ordnungssinn zurückgestellt werden. Vorbeugende Maßnahmen beim Reinigen solcher Räume: zunächst gutes Durchlüften (mind. 30 Minuten). Grundsätzlich sollten Handschuhe und Mundschutz getragen werden. Zur Vermeidung von Staubaufwirbelungen ist feuchtes Wischen günstiger. Verschmutzte Flächen sollten desinfiziert werden. Detaillierte Hinweise gibt das Robert-Koch-Institut hier.

Was geht rum? 12. Dezember 2020

V-Day – erstmal nur für Risikogruppen

„Irgendwie Weihnachten retten“

♦ CO2-Gehalt in Bahnen und das Coronavirus-Aerosol

Vom DNA-Kochbuch und den flüchtigen mRNA-Rezeptkärtchen

 

Haben wir diese Woche den V-Day erlebt?  Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock sprach bei der ersten Coronaimpfung mit dem neuen mRNA-Impfstoff von BioNTech/ Pfizer vom „V-Day“: V für Vaccination (Impfung), aber ebenso auch Victory, also Sieg. Hoffen wir, dass der Siegeszug beginnt. Klar ist aber auch: bis gesunde Kinder und Jugendliche geimpft werden können, wird es zumindest Sommer werden. Ob die neuen mRNA-Impfstoffe für sie zugelassen werden ist weiter fraglich. Umfassende Informationen zum BNT162b-Impfstoff von BioNTech und Pfizer gibt es inzwischen von der FDA, der amerikanischen Behörde, die für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist.

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, wie viele Menschen durch die Impfung erreicht werden und wann wir mit einer Herdenimmunität rechnen können. Da bleiben noch sehr viele Fragen offen (Lieferbarkeit der Impfstoffe, Umsetzungen der „Massenimpfungen“). Klar ist jedenfalls, dass das Virus seinen Weg fortsetzt, solange wir die Ausbreitung nicht effektiv begrenzen. Diese Ausbreitung geschieht im Wesentlichen durch Menschen, die sich gesund fühlen, aber bereits infiziert sind: Zum einen im Beginn der Erkrankung, wenn die Infektiosität etwa schon zwei Tage vor den Symptomen begonnen hat. Aber auch über die vielen asymptomatisch Infizierten, die sich pudelwohl fühlen und dennoch anstecken. Bevor die Impfung uns weiterhilft, müssen wir die Grundinzidenz (also die Zahl der Personen, die jede Woche erkranken) deutlich senken – durch die „nicht-pharmazeutischen“ Maßnahmen: also durch Begrenzung der Kontakte der Menschen (als potentielle Überträger) untereinander. Kurzum: einen Lockdown.

Vorquarantäne für Oma/ Opa für 10 Tage ist eine besonders effektive Maßnahme über die kommenden Feiertage. Die Familie hält sich mit Kontakten zu anderen Personen so gut es geht zurück, um dann, wenn Oma oder Opa an Heiligabend kommen, guten Gewissens mit ihr feiern zu können. Fangen wir also jetzt an, dann kann Oma oder Opa an Weihnachten beruhigt uns besuchen kommen.

Noch eine Woche lang sind – nach heutigem Stand- alle Schulen und Kindergärten im Ländle offen. So lange fahren auch die Busse und Bahnen, die frühmorgens Scharen von Kindern zu ihren Bildungsstätten bringen. Dass in deren Fahrzeugen Kinder oft eng zusammengekuschelt stehen müssen ist bekannt. Die Badische Zeitung aus Freiburg hat kürzlich den CO2-Gehalt in der Bahn von Breisach am Kaiserstuhl nach Freiburg gemessen unter der Idee, dass ein hoher Gehalt an CO2 parallel verläuft mit dem Aerosol in den Bahnen. Die Annahme, dass der Anstieg von CO2 auch dem Anstieg der Wahrscheinlichkeit der Corona-Belastung im Aerosol ist liegt nahe, ist aber wissenschaftlich nicht belegt. Eine spannende Anregung für die Politik ist der Artikel allemal. Wie können die AHA-Regeln im öffentlichen Nahverkehr eingehalten werden? Oder wenigstens halbwegs angewendet werden? Wir brauchen Antworten, bald.

Kochbuch für Bären. Quelle: pixabay, bluebudgie

In dieser Woche erfolgte die erste Corona-Impfung in Großbritannien. Zur Anwendung kam ein sogenannter mRNA-Impfstoff. Das ist eine kleine medizinische Revolution. Wie kann man sich die Wirkung eines solchen Impfstoffs vorstellen? Wenn Sie sich die DNA (im Deutschen auch DNS genannt) als ein Buch von Milliarden an Rezepten vorstellen, dann ist die mRNA wie ein Rezept, das auf ein sich auflösendes Kärtchen, auf dieses Rezept mit sich auflösender Tinte geschrieben ist. Die Impfung funktioniert dann so, dass sie eines dieser Rezeptkärtchen im Körper kurz aufblitzen lässt und damit sagt, dass dieses neue Eiweiß – das sog. Spike-Protein des SARS-CoV-2 produziert werden soll. Daraufhin bemerkt unser Immunsystem, dass hier etwas Neues und Fremdes aufgetreten ist. In kurzer Zeit von wenigen Stunden ist die mRNA (das Kärtchen) schon wieder aufgelöst, aber das Immunsystem baut weiter Abwehrstoffe gegen das Spike-Protein des Coronavirus auf – die Immunantwort ist in Gang gesetzt.

Bei dieser Impfung kommt also kein irgendwie geartetes Virus in unseren Körper, lediglich ein flüchtiges Rezeptkärtchen. Nachdem viele Generationen daran gearbeitet haben, ist es erstmals gelungen, mit einer kleinen Information den Körper zu einer zielgerichteten Antwort zu bewegen. Wie gut das alles letztlich gehen wird und wie das Gesundheitswesen alles umsetzen kann (Logistik !) wird sich mehr und mehr zeigen. Grund zur Hoffnung haben wir allemal!

Sicher haben Sie davonmehrfach gehört. Wissenschaftlicher in Deutschland haben in einer Publikation der der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zur Pandemie mit Bezug auf die Feiertage Stellung bezogen. Die Details können Sie hier lesen.

Praxisindex für Atemwegsinfektionen in Baden-Württemberg. Quelle: AG Influenza

Dass die Grippe noch nicht im Ländle eingezogen ist, ist nichts ungewöhnliches. Die Influenza meldet sich meist in den Monaten Januar bis März. Auch alle anderen Infekte sind selten, wie die rote Kurve in der Grafik zeigt. Erstmals seit Beginn der Pandemie gibt es wieder einen Fall an Masern. Die Zahlen bei den anderen Kinderkrankheiten bewegen sich jedoch auf dem gleichen Level wie die Wochen zuvor.

Was geht in der Welt rum? Natürlich weiterhin die Malaria. Aus Indien wurden landesweit und offiziell 152.277 Erkrankungen und 55 Todesfälle gemeldet für die ersten 9 Monate des Jahres gemeldet.  Die WHO  hat andererseits gemeldet, dass die Zahl der Malariatoten noch nie so gering war wie im letzten Jahr. In den letzten beiden Jahrzehnten .ist sie um fast 60% gesunken von 27,7 Personen auf 100.000 Menschen (2000) auf 10,1 von 100.000 Menschen in 2019. Damit wurden – kaum zu glauben – 7,6 Millionen Todesfälle an Malaria verhindert.

patreon Quelle: wikimedia.org

Im Frühjahr, kurz bevor die Pandemie unser Leben veränderte, haben viele der praxisblättle– Leser in unserer Umfrage ihre Bereitschaft erklärt, uns auch finanziell zu unterstützen. Das hat uns sehr gefreut und uns Mut gemacht. Denn nur so können wir weiterhin – wie seit 25 Jahren – dieses Format ohne Werbung beibehalten. Unterstützen können Sie uns ganz klassisch per Überweisung (planet4kids media, Fidor Bank AG,  DE97 7002 2200 0020 4770 40, FDDODEMMXXX; Stichwort „praxisblättle“). Oder Sie nutzen Patreon, über den Sie uns einen kleinen Betrag monatlich spenden können.

Welche Kosten fallen für die Erstellung des praxisblättle an (wichtigste Posten)?

  • Fotographie. Manche Bilder müssen eingekauft werden. 
  • Zugang zu Original-Literatur. Medizinische Fachliteratur ist meist nicht kostenlos.
  • Kosten für Unterhalt und Pflege der Homepage. 

Es wäre schön, wenn Sie Ihrem praxisblättle ein kleines Präsent unter den Baum legen würden.

Ich wünsche Ihnen, dass diese erfreuliche Meldung Ihnen Mut macht, dem Coronavirus in den kommenden Wochen die Stirn zu zeigen – zusammen mit Ihren Kindern. Zünden Sie das dritte Kerzlein an und genießen Sie ein entspanntes Wochenende, Ihr

EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern (06)

Ab heute gelten strengere Corona-Vorgaben für die Menschen in Deutschland. Mit manchen Ausnahmen. So dürfen Kinder und Jugendliche weiterhin – unter strengen Regeln – die KiTas und Schulen besuchen.

Die Übertragung von Coronaviren kann prinzipiell auf drei Wegen erfolgen:

  1. Oberflächenkontakt: Das SARS-CoV-2 kann auf verschiedenen Materialien teilweise mehrere Stunden überleben. Wir können uns anstecken, wenn wir diese Oberflächen berühren, bzw. wenn unsere Hände das Virus von diesen Oberflächen übernommen hat und wir so nebenbei mit unserer Hand über die Nasenöffnung fahren. Die wichtigste Oberfläche bleibt die Hand, die mir zum Gruß gereicht wird. Aber auch die Haltestangen mit Schulbus oder die Fenstergriffe im Klassenraum gehören dazu.
  2. Tröpfchen, die beim Reden, Lachen oder Husten den Mund verlassen. Das sind in der Abbildung die dicken blauen Pünktchen mit einem Durchmesser von 60µm bis 100µm.
  3. Hinzu kommen die Aerosole. Das sind die kleinsten Wassertröpfchen, worunter man sich eine Art Nebel vorstellen kann. Hier sind die Tröpfchen in der Regel um 5µm groß und enthalten die meisten Viren. Und, diese kleinsten Wasser-Tröpfchen gelangen beim Einatmen tief in die Lunge.

Diese Aerosole verhalten sich anders als die Tröpfchen. Sie sind Schwebeteile, die in einigen Fällen sich über wenige Stunden im Raum verteilen können und in denen die Corona-Viren gut geschützt mitgetragen werden. Selbst wenn ein Infizierter den Raum bereits verlassen hat, können Menschen die den Raum später betreten sich infizieren. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle:

  • wie groß ist der Raum?
  • welche Temperatur ist im Raum?
  • wie hoch ist dessen Luftfeuchtigkeit?
  • gibt es eine Luftströmung?

Hinzu kommt noch die eigene Immunantwort. Unsere Nase kontrolliert genau, was aus der Umgebung eingeatmet wird. Wenn die Umgebungstemperartur aber niedrig ist, lässt diese Fähigkeit nach. Bei Temperaturen von etwa 4° Celsius kann die Nase nicht mehr ausreichend erkennen, mit wem sie es zu tun hat. Ein Grund, weswegen in den kühlen Räumen der Schlachthöfe das Virus leichtes Spiel hat. Ähnlich ist dies in kalten Wartehallen (z.B. in älteren Bahnhöfen). Draußen an der frischen Luft hingegen, hat das SARS-CoV-2 keine Chance. Diese frische Luft draußen enthält keine Viren.

Wer sich intensiver mit dieser Materie befassen möchte, findet hier (in Englisch) eine gute Quelle.

Meldedaten an COVID-19 bezogen auf Altersgruppen pro Kalenderwiche Quelle: LGA

Was tut sich in Baden-Württemberg? Das zeigt die obenstehende Graphik. Demnach ist der prozentuale Anteil der COVID-19-Erkrankungen in der Altersgruppe der 20-30-Jährigen seit der 33. Kalenderwoche spürbar zurückgegangen, währenddessen der Anteil der älteren Menschen ab 50+ enorm zugenommen hat. Auch der relative Anteil der Kinder von 0 – 20 Jahren (untere graue Balken) ist tendenziell rückläufig. Günstige Zahlen, die Hoffnung machen, dass im 2. Lockdown Kinder und Jugendliche weiter in Schule und KiTa aktiv bleiben dürfen.

Was geht rum? 18. Juli 2020

Was mich jede Woche aufs Neue freut: Keine Masernerkrankungen. Seit 16 Wochen gibt es in Baden-Württemberg keine einzige neue Infektion dieser heftigen Kinderkrankheit. Da verwundert es nicht, dass im ersten Halbjahr 2019 fast dreimal so viele Menschen an Masern erkrankten. Es hat den Anschein, dass die Corona-Maßnahmen sich hier weiterhin positiv auswirken.

Die Corona-Warn-App haben wir nun seit fünf Wochen. Auch in anderen Ländern wie in der Türkei und Großbritannien werden ähnliche Informationssysteme in Anlehnung an das deutsche Modell erstellt. Und bei uns scheint diese technische Lösung erste Erfolge zu zeigen.

Wie sich das Coronavirus genau ausbreitet, ist noch nicht vollständig geklärt. In einer spannenden Untersuchung zeigen Michael Klompas und seine Mitautoren von der Harvard Medical School Aspekte auf, dass die Bedeutung der Aerosole nicht so bedeutsam sein dürfte wie gedacht. Dabei verweisen sie auch auf die Reproduktionszahl. Sie gibt an, wie viele Personen von einem Infizierten neu angesteckt werden. Bevor die Schutzmaßnahmen (Abstand halten; Maskentragen) umgesetzt wurden, lag diese beim neuen Coronavirus SARS-CoV-2 bei 2,5. Bei den Masern, die zu den am meisten ansteckenden Erkrankungen (auch über Aerosole) gehören, liegt sie jedoch bei 18. In der Studie können Sie weiter Daten finden, die die These der Autoren unterstreichen.

Tropische Reiseziele sind in die Ferne gerückt. Quelle: ptw

Haben Sie eine Reise geplant? Dann schauen Sie doch kurz auf den Beitrag der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) mit Corona-Hinweisen auf 14 Reiseländern. Prädikat: Wertvolle und klare Zusammenstellung.

Wie sieht’s mit Infekten in Baden-Württemberg aus. Gut, was die Masern und die anderen Kinderkrankheiten betrifft, wie Sie oben bereits gelesen haben. Auf der anderen Seite treten besonders in den Kindergärten enorm viele Atemwegsinfekte mit Schnupfen und Husten, teilweise auch Fieber, auf. Die erkrankten Kinder dürfen bis zu ihrer Genesung nicht mehr den Kindergarten oder die Schule besuchen. Das war schon immer so. Neu ist, dass mit den Infekten auch die Angst vor dem SARS-CoV-2 – Virus steigt. Und keiner weiß so richtig, wie damit umzugehen sei. Eltern stehen wieder unter dem Druck zuhause bleiben zu müssen und machen der Politik Druck. Die Landesregierung will sich nächste Woche positionieren.

Spitzwegerich. Quelle: pixabay, myfriso

Irgendwie scheint dieser Sommer mehrere Anläufe zu brauchen, unterbrochen durch Kältetage mit Regen. Deswegen ist es kaum verwunderlich, dass es den Allergikern relativ gut geht. Erst jetzt scheint eine Pollenart, die Pollen des Spitzwegerich, sich langsam stärker zu zeigen. Die übrigen Pollen, allen voran die Gräserpollen, sind weiter auf niedrigem Niveau.

Was geht in der Welt rum? Wie in den letzten Jahren gibt es in Nigeria wieder einen Ausbruch des Lassa-Fiebers. Dabei handelt es sich um Erkrankung, die mit einer hohen Tödlichkeit verbunden ist. Nach einer einwöchigen Inkubationszeit entwickelt sich bald sehr hohes Fieber, in dessen Folge verschiedene Organe erkranken. Nach einer weiteren Woche kann es im Rahmen einer Blutungsneigung zu Nierenversagen und einer schwerwiegenden Pneumonie (Lungenentzündung) kommen. Die Sterblichkeit liegt bei etwa 15%, bei Schwangeren ist sie doppelt so hoch. In Nigeria wurden in diesem Jahr bereist über 1000 Erkrankungen gesichert.

Ich hoffe, die Sonne erreicht heute jeden Winkel im Ländle und erfreut alle Kinder und ihre Eltern.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Peter Th. Wolff

EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern (05)

Der Schrecken von Corona scheint in Deutschland zu schwinden. Standen die Pflegekräfte vor wenigen Wochen noch im Fokus, scheint die finanzielle Stärkung dieser Menschen inzwischen wieder vergessen.

Und unser Mitgefühl mit den Kranken? Dazu der Ausschnitt aus einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ):  Mit dem Mitgefühl hat es eine seltsame Bewandtnis. So selbstlos, wie man meinen könnte, ist es nicht. Denn: Leidet man wirklich mit denen, die irgendwo weit weg ein schreckliches Schicksal erleiden? Oder denkt man doch in erster Linie an sich selbst, indem
man sich vorstellt, man könnte in eine ähnliche Lage kommen – und empfindet man im Grunde nur Mitleid mit sich selber oder gar ein gut kaschiertes Hochgefühl, weil man selbst nochmals davongekommen ist? 

In diesem vermutlich (und hoffentlich) letzten EXTRA-blättle zu den Coronainfektionen haben wir einige Beiträge zusammengestellt, die im praktischen Leben von Bedeutung sind.

1 Ausbreitung von Coronainfektionen innerhalb der Familie

Eine erste Untersuchung aus China gibt nun Hinweise, dass innerhalb eines Haushaltes Infektionen mit dem Coronavirus begrenzt werden können. Das Tragen eines Mundschutzes sowie die regelmäßige Desinfektionen haben sich als sehr günstig erwiesen. Die Studie beruht jedoch auf nachträglich erhobenen Daten und ist deswegen als weniger aussagekräftig zu bewerten als eine prospektive Studie. Aber immerhin, haben wir hierdurch erste Hinweise.

Ampel in Pontresina Quelle: ptw

2. Wie viele Ampeln gibt es denn?

Jetzt spricht alles von der Ampel, wenn es um die Coronainfektionen geht. In Baden-Württemberg beschreibt die Ampel, in welchen Schritten das öffentliche Leben wieder in die Gänge kommt. So gilt seit Pfingsten die Farbe gelb (Öffnung von Gastronomie, Camping u.a.). Die Farbe rot umfasst Großveranstaltungen  und Festivals – wann dieses Licht aufleuchtet ist im Moment noch unklar.

In Berlin gibt es auch eine Ampel, die etwas komplett anderes aussagt. Dort stellen die drei Farben drei Zahlenwerte dar. Somit kann man hier absehen, wie aktiv das Coronavirus gerade ist.                

(Basis-) Reproduktionszahl „R“ R-Wert < 1,1 = Grün     
R-Wert mindestens 3 Mal in Folge ≥ 1,1 = Gelb
R-Wert mindestens 3 Mal in Folge ≥ 1,2 = Rot 
Inzidenz Neuinfektionen pro Woche Zahl < 20 je 100.000 Einwohner = Grün
Zahl ≥ 20 je 100.000 Einwohner = Gelb
Zahl ≥ 30 je 100.000 Einwohner = Rot 
Anteil COVID-19 Plätze auf Intensivstationen Anteil < 15 % = Grün
Anteil ≥ 15 % = Gelb
Anteil ≥ 25 % = Rot  

Mit dieser Ampel werden bereits kleinere Veränderungen erfasst und farblich deutlich markiert. So steht in Berlin seit dieser Woche ein Licht der Ampel auf rot (R-Faktor drei Tage > 1,2). Also nicht mehr alles im grünen Bereich.

3. Impfstoff gegen Coronavirusinfektionen

Gerade schließen sich Frankreich, Italien, die Niederlande und Deutschland in einer Impfstoff-Allianz zusammen. Ziel ist, möglichst schnell einen Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 zu entwickeln. Und das offensichtlich ohne die USA.

Auch wenn weltweit über 130 Impfstoffkandidaten geprüft werden, dürfen wir nicht sicher sein, dass bald ein guter Impfstoff zur Verfügung steht. Prof. Dr. Streeck aus Bonn hat diese Zweifel zusammengefasst: „Gegen HIV wurden schon über 500 Impfstoffe konstruiert, aber keiner hat funktioniert“, sagte er. Man müsse sich auch auf die Möglichkeit einstellen, dass kein Impfstoff gefunden werde. „Das Virus ist da und wird bleiben. Und wir müssen uns darauf einstellen, damit umzugehen“.

Eine weitere Frage bleibt ebenso: Wenn wir je einen guten Impfstoff haben sollten, werden sich dann auch genügend Menschen impfen lassen um eine Herdenimmunität zu erzielen?

Aerosol beim SongKran-Fest in Thailand Quelle: ptw

4. Ansteckung über Tröpfchen (Aerosole). Was bedeutet das im praktischen Leben?

im Lancet erschien kürzlich eine Arbeit über die Verteilungsmuster von Tröpfchen aus der Atemluft von Menschen. Die niederländischen Autoren um G Aernout Somsen zeigten darin auf, dass die großen Tröpfchen, die beispielsweise beim Niesen auftreten (100 – 1000 µm Durchmesser) wohl kaum eine Rolle spielen, weil sie innerhalb einer Sekunde zu Boden sinken. Anders die kleinen Tröpfchen: Diese meist 5µm großen Wassertröpfchen bleiben, wenn sie aus 160 cm Höhe abgeatmet werden sehr lange in der Luft und bilden das Aerosol. Sie benötigen 9 Minuten, bis sie am Boden landen.

Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die Raumlüftung. Im Idealfall bei künstlicher Belüftung und offenen Türen halbiert sich die Zahl der Tröpfchen in der Luft.

Und was machen Masken? Die einfachen chirurgischen Masken können für den Maskenträger 30% der Tröpfchen bei der Einatmung abfangen. Für die Ausatemluft ist die Rate deutlich besser. Wer eine Maske trägt schützt also vorwiegend die Menschen um sich herum, sich selbst aber nur wenig. Maskentragen als soziale Verantwortung.