Schlagwort: Hausstaubmilbe

In eigener Sache: Asthma bei Kindern in Madagaskar

In Madagaskar stellt sich für vier von fünf Menschen jeden Abend die Frage: Wo finde ich morgen Arbeit? Und: Wird der Lohn reichen, mich und meine Familie zu ernähren. Oft reicht er nicht. Deswegen leiden 80% aller Kinder und Jugendlichen in Madagaskar unter chronischer Unterernährung. Zu wenig Nahrung, um eine normale Entwicklung  zu durchlaufen. Zu viel Nahrung, um dramatische Bilder für die Weltpresse zu liefern.

Ein Studienort im Distrikt Ankazobe Quelle: ptw

Welche Bedeutung hat dann eine Studie über Asthma bronchiale in Madagaskar? Auch in einem armen Land ist es wichtig, den Stellenwert solcher Krankheiten zu kennen, die im Alltag für die meisten zweitrangig sind. Asthma, so zeigte sich, ist in Madagaskar genauso bedeutsam wie in Deutschland und anderen Industrienationen. Nur war das bisher unbekannt, kaum einer hat sich um die Versorgung der betroffenen Kinder und Jugendlichen bemüht.

In einer ersten Studie im Jahre 2013 hat unsere Arbeitsgruppe mit Unterstützung durch Prof. Dr. Bodo Niggemann von der Charité in Berlin die Situation in der Hauptstadt Antananarivo beleuchtet. Dass in der pulsierenden Stadt mit tausendfach stinkenden Kleinbussen und Autos Asthma vorkommen würde, hat nicht verwundert. Aber dass in einer Schule in der Innenstadt bei 10% aller Kinder verengte Atemwege in der Lungenfunktion festgestellt wurden, das erstaunt dann doch.

Dorfzentrum von Sambatra (Distrikt Ankazobe) Quelle: ptw

Wir stellten uns dann die Frage: Wie häufig ist die pfeifende Atmung („wheezing“) auf dem Lande anzutreffen? Man braucht nicht weit aus der Hauptstadt wegzufahren, um fast im Mittelalter anzukommen. Knapp 80 Kilometer nördlich fanden wir ein idyllisch gelegenes Dorf: Fihaonana. Dort leben Menschen noch zumeist in traditionellen strohgedeckten Adobe-Häusern, ohne Strom, fließend Wasser oder Handy. Dementsprechend ist es stockfinster, wenn abends die Sonne am Horizont verschwindet. Am Morgen wecken einen knarrende Ochsenkarren oder Hühner, die aus dem schützenden Wohnhaus entlassen werden. Die Bevölkerung und ihr umtriebiger und ehrlicher Bürgermeister Olivier Rasolomahatratra waren so freundlich, uns bei der Ermittlung der Daten zu unterstützen.

Neben dem MAKI-Studienzentrum in Fihaonana    Quelle: ptw

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist gerade in ALLERGY, der bedeutendsten Fachzeitschrift für Allergie und Immunologie in Europa, erschienen. Unter dem Titel High prevalence of wheeze and atopy in rural Malagasy children (in Englisch) beschreiben meine Mitautoren und ich, welchen Einfluss Asthma und Allergien für Kinder und Jugendliche auf dem Land haben.

Ein Studienzentrum in einem Schulraum bei Fihaonana. Die Stromversorgung für das Lungenfunktionsgerät läuft über einen Generator, der vor dem Haus steht. Quelle: ptw

Es zeigte sich, dass auch auf dem Lande ohne Luftverschmutzung durch Straßenverkehr und Industrie, Asthma gleich häufig auftrat wie in der Metropole Antananarivo. Als Ursache stehen Allergien gegen Hausstaubmilben (Dermatophagoides pteronyssinus) und die Küchenschabe (Engl: cockroach) im Vordergrund. Das ist nicht viel anders als in vielen anderen Ländern. Bei uns in Deutschland sind die Hausstaubmilben führend, in vielen Regionen der USA sind es die Hausstaubmilben und die Küchenschaben, wie in Madagaskar auch. Der Effekt von Armut konnte nicht untersucht werden, weil alle Menschen in der Region – etwa gleich – arm sind. Exemplarisch zeigen dies die Daten zu Mobilität: In den untersuchten 210 Haushalten gab es in 83 Fällen (39,5%) ein Fahrrad, aber nur in einem einzigen ein Auto.

Asthma und Allergien kommen somit in Madagaskar etwa in gleicher Häufigkeit vor wie in vielen Ländern der Welt. Dennoch bleibt ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche angesichts der massiven Armut mit chronischer Unterernährung und enorm hoher Kinderarbeit zweitrangig.

Auf der Basis dieser Daten gilt es jetzt das Land darin zu unterstützen, die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu identifizieren. Denn trotz des Hungers leiden auch sie an Atemnot und den Folgen daraus – wie unsere Kinder in Deutschland. Und es gilt dabei zu helfen, eine effektive Therapie für die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. Hoffen wir, dass trotz der Corona-Pandemie dies bald umsetzbar sein wird.

Was geht rum? 25. Januar 2020

Die letzte Woche war typisches Januar-Wetter: ein meteorologisches Hoch über Mitteleuropa, vielerorts strahlende Sonne und … nein, die Temperaturen waren nicht niedrig. Eigentlich ist das die Zeit der kräftigen Minusgrade. Sollten die vielleicht versetzt erst im Februar kommen, wäre das eine Gelegenheit, Hausstaubmilben zu bekämpfen. Milben verabscheuen sehr kühle Temperaturen, sie mögen noch weniger trockene Luft und die Sonne lieben sie auch nicht. Wenn uns also bald mal ein wunderschönes Hoch mit tiefen Temperaturen vergönnt sein sollte: Matratze solange auf den Balkon stellen wie die Sonne scheint und es draußen trocken ist. Eine einfache und „biologische“ Technik um Milben das Leben schwer zu machen. Mutige Eltern können sie dann auch nach alter Sitte ausklopfen. Aber bitte nicht, wenn die allergischen Kinder dabei stehen.

Nachgewiesene Influenza-Erkrankungen (unterschiedliche Untersuchungsmethoden wie Kultur, PCR u.a.), Stand 23.01.2020    Foto: AG Influenza

Wie vor einer Woche angedeutet, scheint die Grippewelle (Influenza) im Ländle langsam Fahrt aufzunehmen.Die Zahl der zunehmenden Virusnachweise ist eindrücklich. Die Säule für die 4. Woche ist noch niedrig, weil die Woche erst in 3 Tagen endet (Stand 23.01.2020). Das RKI schätzt übrigens, dass zwischen 5% bis 20% der Bevölkerung – je nach Schwere der Grippewelle –  in jeder Saison an Influenza erkranken. Kinder und Jugendliche sollten bei Verdacht auf Influenza dem/der Kinderärztin vorgestellt werden. Für kritische Verläufe, beispielsweise bei chronischen Erkrankungen wie Herzfehlern, steht ein Medikament (Oseltamivir) zur Verfügung, das den Verlauf der Grippe etwas abmildern kann.

Für die Windpocken ist weiterhin Ravensburg der HotSpot. Für Keuchhusten ist es der Ortenaukreis. Andere Kinderkrankheiten spielen eine untergeordnete Rolle.

Aktuell gibt es regional erheblich Häufungen an Mittelohrentzündungen. Dabei liegen meist eitrige Infektionen vor, also nicht nur Entzündungen des Trommelfells. Es erscheint also sinnvoll, Kinder mit Ohrschmerzen vom Kinderarzt*in untersuchen zu lassen. Auch wenn eine eitrige Entzündung nicht unbedingt sofort eine antibiotische Therapie braucht.

In der vergangenen Woche berichteten wir vom beginnenden Pollenflug in der Bodenseeregion. Inzwischen ist die Belastung mit Haselpollen auf hohem Niveau angekommen. Der Sonnenschein mancher Orte hat die Temperaturen auf teilweise zweistellige Werte gehoben. Es verwundert nicht, dass auch bereits Erlenpollen am Bodensee messbar sind.

Was geht in der Welt rum? Das Coronavirus steht weltweit im Fokus. In der Stadt Wuhan in China erkrankten vor wenigen Wochen Menschen an einer unklaren Lungenentzündung. Bei 41 von ihnen konnte das neuartige Virus (bisherige Bezeichnung: 2019-nCoV) zunächst nachgewiesen werden. Inzwischen wurden auch in Thailand, Japan, Südkorea, Singapur, Vietnam und den USA einzelne Erkrankungen nachgewiesen.

Spezifische Empfehlungen können Reisenden momentan nicht gegeben werden. Sinnvoll erscheinen folgende Vorsichtsmaßnahmen besonders Kinder und Jugendliche:

  • Reisen in die o.g. Länder sollten zunächst verschoben werden. Falls dies nicht möglich ist gilt es große Menschensammlungen soweit möglich zu meiden.
  • Vorsicht bei Kontakten zu Personen, die an Atemwegserkrankungen (Husten, Schnupfen) erkrankt sind.
  • Das Tragen eines Atemschutzes erscheint sinnvoll.
  • Ausreichende Hygiene, insbesondere Händewaschen nach Kontakt zu kranken Personen.
  • Keine Kontakte zu wilden oder gar toten Tieren.

Nachdem sich die Informationen zum Coronavirus teilweise überschlagen, werden wir morgen einen extra Beitrag im praxisblättle veröffentlichen. Für Europa und insbesondere für Kinder und Jugendliche in Europa besteht im Moment keinerlei Grund zur Sorge.

Allergie gegen Hausstaubmilben

Hausstaubmilben haben wenig Freunde in der Welt. Schon das Aussehen stößt bei Menschen auf wenig Gegenliebe, ihre acht Beine tun ein Übriges. Sie gehören zu den Spinnentieren und kommen in etwa 50 Arten vor.

Ursprünglich waren die Hausstaubmilben Mitbewohner von Vogelnestern. Inzwischen haben viele die Nähe zu den Menschen als angenehmer entdeckt. Dort gibt es neben den angenehmen Temperaturen (am besten um die 27 Grad Celsius) und der höheren Luftfeuchtigkeit auch genügend Nahrung. Die Hautschuppen sind zumindest für die Art Dermatophagoides pteronyssinus die Lieblingsspeise. In Deutsch übersetzt heißt der Name dieser Art übrigens schlicht: Hautfresser. Sie ist die wichtigste Milbe in unserem Hausstaub.

TAE Platts-Mills Foto: factor.niehs.nih.gov

Ihre Bedeutung in Bezug auf Allergien wurde 1978 durch Prof. Tom Platts-Mills erkannt, dem es gelang das erste Milbenallergen zu identifizieren. Damit war der Weg frei, um den von der Hausstaubmilben-Allergie betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie Erwachsenen gezielter helfen zu können.

Wesentlicher Bestandteil der Therapie ist seither die sog. Sanierung. Dabei werden für die Milben mithilfe eines Bündels von Maßnahmen schlechtere Lebensbedingungen geschaffen. Da Hausstaubmilben sehr zäh sind, überleben einige aber auch das. Die Anzahl der Spinnentierchen im Haushalt kann jedoch soweit gesenkt werden, dass vielen betroffenen Allergikern ohne Einnahme eines Medikaments die Beschwerden genommen werden.

Kürzlich kam von der Gesellschaft Pädiatrische Allergologie (GPA) ein Elternratgeber zur Hausstaubmilbenallergie heraus, in dem die einzelnen Maßnahmen nochmals zusammengefasst sind.

Erfolgreiche Immuntherapie bei Hausstaubmilbenallergie von Schulkindern nun auch mit Tropfen (SLIT)

Allergien sind seit Jahrzehnten eine wichtige Ursache chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Davon betroffen ist mehr als jedes 10. Kind. Unter den ganzjährig wirksamen Allergenen ist die Hausstaubmilbe führend.

Dieses kleinste Spinnen-Tierchen findet sich zu vielen Tausenden in jedem Bett eines Deutschen und löst an den Schleimhäuten von Nase und Bronchien eine dauerhafte Entzündung aus. Auch bei Kindern mit atopischem Ekzem vermag es die gestörte Hautbarriere zu durchdringen und zur allergischen Entzündung der Haut mit Juckreiz beizutragen.

Bisher ist die „Milbensanierung“ der wesentliche Grundstein, der Belastung mit den kleinen Biestern vorzubeugen. Damit kann allen Betroffenen – etwas – geholfen werden. Für die leichten Allergiker ist das oft ausreichend, für schwer Erkrankte leider nicht. Für sie gibt es als gut wirksame Therapie die spezifische Immuntherapie (SIT), die jedoch als Injektion in der ärztlichen Praxis erfolgen muss und von daher wegen des Zeitaufwandes und des Picks nicht unbedingt beliebt ist. Diese von vielen als Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung bezeichnete Therapie ist jedoch in allen Gruppen nachweislich wirksam.

Über die letzten 30 Jahre wurde versucht, von der Spritze (SIT) zu den Tropfen zu kommen. Das bedeutet, die Patienten nehmen das Allergen zur Immuntherapie in Tropfenform zu Hause zu sich. Der Weg zum Arzt und der Schmerz der Spritze fallen also weg. Diese sog. sublinguale Immuntherapie (SLIT) hat sich bei Erwachsene und Jugendlichen als affektiv und gut verträglich erwiesen, wenn sie denn regelmäßig genommen wird. Das funktioniert im Alltag leider nicht immer so gut.

Abbildung 1. Effekt der SLIT gegen Hausstaubmilbe in der Studie von K. Masuyama und Mitarbeitern, 2018. Foto: Allergy

Nach langen Jahren liegt nun endlich eine Studie vor, die belegt, dass diese SLIT bei Allergie gegen Hausstaubmilben auch bei Schulkindern (5-12 Jahre) wirksam ist. Keisuke Masuyama und Mitarbeiter untersuchten in ihrer Studie mit 458 Kindern und Jugendlichen von 5 bis 17 Jahren, welche Wirkung eine einjährige SLIT – also Immuntherapie mit Tropfen – gegen Hausstaubmilbe hatte. Und selbst in diesem sehr kurzen Zeitraum fanden sie sehr gute Resultate, wie die nebenstehende Graphik zeigt. Dementsprechend gingen in der Kindergruppe (5-12 Jahre) die Schnupfensymptome um 21% zurück, bei den Jugendlichen (12-17 Jahre) sogar um 26%.

Ein sehr ermutigendes Ergebnis. Wie in der Wissenschaft üblich werden weitere Studien in den kommenden Jahren versuchen, diese Ergebnisse nachzuvollziehen.