Schlagwort: Immunsystem

Was geht rum? 15. Februar 2020

Nun sind wir in der Grippewelle angekommen. Für die meisten Familien kein Grund zu echter Sorge. Es kann alle treffen, die Geimpften halt weniger als die nicht Geimpften. Dennoch möchte jeder vermeiden krank zu werden. In den nächsten Tagen sollten wir vielleicht vom Ritual des Händeschüttelns Abstand nehmen. Und wir können die Hände immer wieder mal desinfizieren – sie stehen im Zentrum der Übertragung – und gleich auch die Türgriffe. Das alles wird helfen, obwohl wir uns die Grippe trotz allem einfangen können.

So ganz ohne Infekte wird’s in diesem Winter nicht abgehen. Es gibt noch viele andere Viren, die unser Immunsystem auf Trab halten können. Unsere Kinder begegnen in Kindergarten und Schule einer bunten Vielfalt von Viren und anderen Erregern. Da kann das eigene Immunsystem vor dem einen oder anderen Virus mal kurz in die Knie gehen, was meist nur einen Schnupfen zur Folge hat. Wichtiger ist, dass unser Körper daraus lernen und weitere Abwehrkräfte in seiner Schatztruhe lagern wird. Und das Schöne ist: Beim nächsten Infekt muss nicht lange in der Truhe gesucht werden: Unser Körper hat ruck-zuck seine Abwehrmaßnahmen parat und kann sich wehren. Also keine Angst: ein Schnupfen zeigt auch an, dass unser Immunsystem fit ist.

Die Magen-Darm-Infektionen kommen im Moment eher selten vor. Das liegt an den Rotaviren, die sich im Moment im Ruhemodus befinden, einzelne Ausbrüche von Noroviren in Kindertagesstätten (oder Seniorenheimen) spielen da kaum eine Rolle. Noch liegen die gemeldeten Erkrankungen mit Rotaviren niedrig. In der letzten Woche waren es in Baden-Württemberg gerade einmal 16 Betroffene. In den nächsten Wochen wird sich das ändern. Dann werden die Rotaviren deutlich zulegen. Aus diesem Grund haben wir in zehn Tagen einen Beitrag im praxisblättle vorbereitet.

Noch sind es also die Infektionen der Atemwege, die das Feld beherrschen. In erster Linie Schnupfen und Halsschmerzen (Rhinopharyngitis). Daneben aber auch Bronchitis (oft durch das RS-Virus) und Bronchopneumonie (Lungenentzündung). Auffällig häufig sind Mittelohrentzündungen.

Aus dem Ortenaukreis wurden in der letzten Woche 9 Masernfälle gemeldet. Im gesamten Ländle kamen zwei weitere hinzu. Im Rhein-Neckarkreis sind es die Windpocken, die rumgehen.

Was geht in der Welt rum? Mit dem DengueFieber kann man eine Weltreise erleben. Hier im praxisblättle ist es fast monatlich Thema. Und jedes Mal in einem anderen Land. Momentan verbreitet es sich in Mexiko (6.100 Erkrankungen in diesem Jahr), in Paraguay (35.800 Erkrankungen in diesem Jahr) und Guadeloupe in der Karibik (über 1000 Erkrankungen in diesem Jahr). Insektenschutz besonders tagsüber ist die beste Maßnahme um sich zu schützen.

Grotesk aber wahr. Manche Firmen investieren inzwischen in Babys wie hier zu lesen ist. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist in den vergangenen knapp 60 Jahren die Geburtenrate von 6.9 Kindern pro Frau auf 1.4 Kinder (2017) zurückgegangen. Hier will die Regierung gegensteuern und bietet bis zu 3 In-vitro-Fertilisationen kostenlos an. In der Wirtschaft rechnet man damit, dass dieser Sektor damit ein Wachstumspotential von jährlich 15 Prozent haben dürfte. Das lockt das große Geld an, an dieser Entwicklung teilzuhaben. Ob das ganze erfolgreich sein wird? Vieles spricht dagegen. Kinderwunsch bleibt ein Wunsch zwischen zweien.

Unser Immunsystem

Das Wort Immunsystem geht den meisten Menschen locker über die Lippen. Schaut man das Immunsystem näher an wird klar, dass ein solch komplexes System nicht mit einfachen Mitteln gestärkt oder geschwächt werden kann.

Im Immunsystem arbeiten unzählige Strukturen miteinander. Ihre Aufgabe ist es, unerwünschte oder gar aggressive Eindringlinge davon abzuhalten sich im Körper breit zu machen. Diese Angreifer selbst sind aber auch gewieft und können wie trojanische Pferde getarnt in den Körper eindringen, um ihm dann zu schaden. In den Schlachten – um in der Militärsprache zu bleiben – die sich die Angreifer (wie Viren) mit dem Immunsystem liefern geht es heftig her. Und es kommt manchmal auch zu Schäden, Kollateralschäden. Die Abwehr von Angreifern gelingt manchmal nicht ohne dass der Körper selbst Schaden nimmt. Das zeigen uns schwere Krankheiten regelmäßig.

Das Immunsystem wird in zwei Bereiche eingeteilt. Da ist zum einen die unspezifische Immunabwehr. Sie ist angeboren und hat die Aufgabe, Infektionen abzuwehren, indem sie unspezifisch gegen alle Krankheitserreger ausgerichtet ist. Zum anderen gibt es die spezifische Immunabwehr, im angloamerikanischen auch adaptives oder erworbenes Immunsystem genannt. Dieser Teil des Immunsystems lernt aus Erfahrungen, die er mit Krankheitserregern oder auch Krebszellen gemacht hat. Beim Kontakt mit diesen Eindringlingen (Antigen) oder Krebszellen bildet das erworbene Immunsystem sogenannte Antikörper aus. Das sind Y-förmige Eiweißstrukturen, die bestimmte Antigene – unabhängig davon ob sie im Blut schwimmen oder auf Zellen aufsitzen – erkennen und danach eine Abwehrreaktion des Körpers auslösen. Auf diesem Mechanismus beruht das Prinzip einer Kinderkrankheit: Dabei handelt es sich um höchst ansteckende Erkrankungen. Wer einmal davon betroffen wird bildet Antikörper aus, die später ein erneutes Auftreten der Krankheit verhindern. Kurzum: einmal erkrankt entwickelt der Körper eine spezifische Immunantwort um diese spezielle Krankheit künftig zu verhindern.

Das Immunsystem ist auch in der Lage Krebszellen zu erkennen. Dabei erkennt es auf der Oberfläche dieser Zellen sog. Tumorantigene als fremd und greift die betreffende Zelle als fremdartig an. Das geht natürlich nur, wenn die Krebszelle sich eindeutig von anderen Körperzellen unterscheidet. Zum Glück ist das meistens so, so dass das Immunsystem täglich im Kampf gegen Krebs erfolgreich ist, indem es auffällige Zellen sofort niedermacht. Manchmal macht es auch des Guten zuviel, beispielsweise bei den Autoimmunerkrankungen. Dann greift das Immunsystem körpereigene Zellen an und schadet sich ohne Grund selbst.

Nur selten tritt eines der beiden Immunabwehrsysteme – angeboren oder erworben – alleine auf. Meist handelt es sich um ein fein abgestimmtes Miteinander. Dabei arbeiten verschiedene Zellen (Th1, Th2, NK-Zellen u.a.), Botenstoffe (Interleukine u.a.), Gewebe und Organe zusammen. Die wichtigsten Zellen sind hierbei die T-Lymphozyten, die unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben und die von den sog. regulatorischen T-Zellen im Gleichgewicht gehalten werden. Das ganze Netzwerk wird logistisch von den Blutbahnen und Lymphgefässen unterstützt, aber auch von natürlichen Grenzen wie der Haut, der Schleimhaut oder der Blut-Hirn-Schranke. Und auch vom Mikrobiom. Darunter versteht man ein Zusammenspiel von Millionen von Erregern, die sich beispielsweise im Darm, auf der Haut und auf der Bronchialschleimhaut finden.

Gerade in den letzten Jahren wurden hier enorme Fortschritte im Verständnis erzielt. Dabei zeigte sich die außerordentliche Komplexität des Immunsystems, über deren Eigenheiten wöchentlich neue Informationen gewonnen werden. Diese ermöglichen inzwischen deutlich gezieltere Therapien nicht nur bei Infektionskrankheiten, sondern ganz besonders in der Behandlung gewissen Krebsformen. Dort gelingt es der Medizin inzwischen mit sehr pfiffigen Ansätzen, gewisse Tumorzellen zu enttarnen und sie dann gezielt abzutöten.

Wenn das Fieber immer wieder kommt: Fiebersyndrome

Im Herbst beginnt wieder die Zeit der Infekte. Kinder, die gerade einen Platz im Kindergarten ergattert haben, werden nun mit vielen neuen Infekten belohnt. Fieber in der Nacht, Husten den ganzen Tag, Jammern – Kinder und Eltern haben’s nicht leicht. Das kann sich in den kommenden Monaten mehrmals wiederholen. Um die zehn Infekte pro Jahr können durchaus normal sein. Hinzu kommt, dass Kinder von Mai bis September Kinder meist infektfrei sind und sich die Infekte auf nur sieben Monate verteilen. Also kann man von mindestens einem Infekt im Monat ausgehen. Oft stimmt was viele Leute sagen: „…. der ist die halbe Zeit krank“ !

Manchmal sind viele Fieberschübe nicht normal. Das nannte man bisher periodisches Fieber. Heute – mit etwas mehr medizinischer Kenntnis – spricht man eher von einem autoinflammatorischen Syndrom (AIS). Was zeichnet diese Krankheitsgruppe aus:

  • wiederkehrende Fieberschübe
  • Lymphknotenschwellungen
  • Gelenk- oder Kopfschmerzen
  • Ausschläge

Die Unterscheidung zu den üblichen Infektionen (Differentialdiagnose) kann durchaus schwierig sein. Sie ist jedoch wichtig. Denn in Kenntnis der richtigen Diagnose stehen inzwischen immer mehr und bessere Therapien zur Verfügung.

Was läuft bei den AIS im Körper ab? Obwohl diese zu den rheumatischen Erkrankungen zählen, finden sich keine Autoantikörper im Blut der Betroffenen. Den unterschiedlichen autoinflammatorischen Erkrankungen liegt vielmehr eine Abweichung des angeborenen Immunsystems zugrunde. Dr. Toni Hospach aus dem Olgaspital in Stuttgart ist Kinderrheumatologe und damit ein Experte auf dem Gebiet: „Autoinflammatorische Erkrankungen beruhen auf ererbten Gendefekten und treten daher häufig bereits im Säuglingsalter auf. Die einzelnen Autoinflammationssyndrome unterscheiden sich deutlich im Hinblick auf ihre genetische Ursache und die Symptomatik“.

Durch die Störung beim Ablauf von Entzündungen kommt es zu überschießenden Reaktionen an verschiedenen Organen, die Folgeschäden verursachen können. Diese gilt es zu beherrschen. Das hat man früher mit Cortison oder Colchicin – wie beim familiären Mittelmeerfieber – erreicht. Heute kennt man gezielte Therapien, die die Signalwege einer Entzündung bremsen können.