Schlagwort: Kinder

Was geht rum? 23. Januar 2021

Studie aus GB: Kinder übertragen neue Virusmutanten nur halb so oft

Nein, es ist mehr als eine Grippe: COVID-19

Doppelbelastung für Familien: Homeoffice + Homeschooling

FFP2-Masken: Teuer, aber Wiederverwendung möglich

Die Pollen fliegen wieder

Für Sie als Eltern sind Schulen und Kindergärten das zentrale Thema in der Pandemie. Bleiben sie geschlossen? Sind Kinder „Pandemietreiber“? Menschen in politischen Ämtern sprechen sich fast einhellig dafür aus, dass Schule und KiTas als letztes geschlossen werden sollten. Auch die neuen Virusmutanten stellen wohl kein spezielles Risiko dar: Die New York Times (in Englisch) zitiert Studien aus Großbritannien mit 20.000 Teilnehmern ,darunter 3000 Kinder unter 10 Jahren, wonach die Empfänglichkeit für die neuen Varianten des SARS-CoV-2 (z.B. B1.1.7) bei Kindern nur halb so groß sei wie bei den Erwachsenen. Trotz allem liegt das Risiko sich anzustecken aber höher. Nur eben klar weniger als bei Jugendlichen (10-19 Jahre) oder gar jungen Erwachsenen (20-29 Jahre)

Influenza und COVID-19. Daten von stationär behandelten Kindern in Frankreich. A Behandlung auf Intensivstation B Todesfälle. Quelle: Lancet, Lionel Pieroth et al. 2021

Nein, es ist mehr als eine Grippe: COVID-19. Das zeigt die Studie einer Arbeitsgruppe um Prof. Lionel Piroth aus Dijon in Frankreich, die gerade in Lancet erschienen ist. Sie vergleicht die Zahl der Kinder, die wegen Influenza (rot) bzw. COVID-19 (blau) auf Intensivstation (A) behandelt werden mussten sowie die Sterblichkeit in der Klinik bezogen auf diese beiden Erkrankungen (B).

Den Familien wird enorm viel abverlangt. Wie selbstverständlich wird sowohl Homeschooling wie das Homeoffice als selbstverständlich angesehen. Ohne dass die Wohnung von Familien mitgewachsen wäre oder Schallschutzmaßnahmen ein ruhiges Arbeiten für Kinder und ihre Eltern ermöglichen würden. Viele der an sich sinnvollen Maßnahmen werden ganz besonders von Frauen abverlangt. Das Risiko für Überforderung („burnout“) steigt. Das gilt besonders für Alleinerziehende. Auf der anderen Seite mangelt es schon jetzt nicht an Regeln, sondern an deren Einhaltung und Kontrolle bei denen, die wenig von der Pandemie betroffen sind: Maskenpflicht in den Städten, Hygieneregeln in den Firmen (nicht auf dem Papier !) oder die vielen kleinen Partys in unseren Wohnvierteln.

0,07 Prozent

oder auch 0,7 Promille: So viele Menschen in Baden-Württemberg sind stand 20. Januar 2021 vollständig, also zweimal im Mindestabstand von 3 Wochen, gegen das Coronavirus geimpft.

 

Über die letzten Monate ist die Bedeutung der Masken gestiegen. Studien haben jedoch auch gezeigt, dass einfache Stoffmasken bei Weitem nicht so gut sind wirkungsvoll sind wie etwa die chirurgischen Masken oder FFP2-Masken. Letztere sind im übrigen nicht nur zum Schutz der Umgebung sondern auch zum Schutz des Trägers sehr wirkungsvoll. Leider sind sie ziemlich teuer. In der Regel kann man sie online billiger erwerben. Dabei reichen die Kosten von etwa 1,50 € bis 2,50 €. Beim Kauf ist auf vertrauensvolle Seiten (Online-Apotheken oder bekannten Online-Händler) zu achten. In Europa zertifizierte Masken tragen das Siegel  „EN 149:2001 + A1:2009“. Vergleichbare Qualitäten haben auch die N95 (amerikanischer Standard) oder KN95 (chinesische Produkte).

Obwohl die FFP2-Masken als Einmal-Produkte ausgelegt sind kann man sie unter bestimmten Bedingungen wieder verwenden. Dazu gibt es eine Anleitung der Fachhochschule Münster, die klar und einfach erklärt, unter welchen Bedingungen eine FFP2-Maske wiederverwendet werden kann. Prädikat: Sollten Sie unbedingt lesen.

Haselnussblüten. Ein erstes Zeichen für das Erwachen der Natur im Frühjahr Quelle: pixabay, NickyPe

Es gibt schon Pollenflug, obwohl das Ländle unter einer Schneedecke liegt. Am Oberrhein sind die erste Pollen von Erlen in der Luft. Keine Sorge für Allergiker. Noch sind es zu wenige Pollen, um spürbare allergische Symptome auszulösen.

Was geht in der Welt rum? In den Tropen, die momentan wieder so weit weg scheinen wir vor 100 Jahren, gibt es neben der Coronainfektion viele weitere bedeutsame Infektionen. Allen voran, was die Häufigkeit betrifft, spielt das Dengue-Fieber eine wichtige Rolle, gerade für Kinder. So traten in Peru 55.665 Erkrankungen auf, an denen 28 Menschen verstarben. In dieser Region ist diese Erkrankung erst seit den 1980ger Jahren bekannt. Zuvor war vornehmlich der asiatische Raum betroffen. Eine Impfung ist bis heute nicht verfügbar. So bleibt der wichtigste Schutz, sich die tagaktiven Mücken mit Insektenschutzmitteln vom Leib zu halten.

ich wünsche Ihnen viel Kraft, die enormen Belastungen für Familien zu tragen und zu ertragen. Es grüßt Sie herzlich, Ihr

 

Im Strudel der Veränderungen: Die Kinder nicht vergessen!

Vermutlich werden Sie aufatmen, wenn dieses Jahr in wenigen Stunden zu Ende geht. Für die allermeisten von uns hat es die unterschiedlichsten Veränderungen und Belastungen mit sich gebracht.

Da sind einige Leser, die selbst mit dem Coronavirus erkrankt sind und erfahren haben, dass diese Erkrankung wahrlich mehr machen kann als andere Atemwegsinfekte. Obwohl ihre Krankheit nach außen hin zumeist nicht gar so schlimm erscheint, sind sie vielleicht von einer lähmenden Müdigkeit betroffen, die sie ängstigt. Eltern fragen sich, wie lange kann ich noch für meine Kinder da sein?

Andere Menschen erleben die Folgen des Virus nur aus den Medien und kennen vielleicht keinen, der betroffen ist. Sie merken nicht, dass die Familie an der Kasse des Einkaufsmarktes vor ihnen zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit ist und die Mutter der drei Kinder es kaum schafft, so lange auf den Beinen zu bleiben. So bleibt ihre Sicht der Welt, dass die Pandemie von böswilligen Kräften gesteuert würde, unverändert.

Viele Kinder kennen zwar das Wort Corona, aber was das genau bezeichnet, ist vielen nicht klar. Sie wissen nur: Seit sie dieses Wort hören, hat sich die Welt komplett verändert. Im Kindergarten dürfen sie nicht mehr zu ihrer Freundin in die andere Gruppe. Ein Kindergeburtstag findet nur im kleinsten Rahmen statt – und Spontanität unter Kindern wird an allen Ecken und Enden ausgebremst. Obwohl sie erst 3 oder 4 Jahre auf dem Planeten leben, sind sie bereits um eine volles Jahr Sorglosigkeit betrogen worden. Wenn über Kinder geredet wird, sind entweder die Eltern gemeint (Vereinbarkeit mit der Arbeit) oder die Bildung (sprich: die Wirtschaft). Beides wichtige Aspekte. Aber sollten wir nicht mehr an die Lust der Kinder denken zu rennen, zu spielen, zu probieren, zu lachen, mit Freunden zusammen zu sein?

Jugendlichen geht es kaum besser. Sie wollen sich vom Elternhaus abnabeln und ihr eigenes Leben aufbauen. Dazu suchen sie Freunde, mit denen sie gemeinsam verrücktes erleben wollen, ausprobieren, über die Stränge schlagen. Wenn sie heute provozieren, verstoßen sie sofort gegen Regeln, die zum Schutz der Gesellschaft etabliert wurden: Treffen zweier Haushalte? Gerade noch möglich. Aber wie soll ein Jugendlicher Erfahrung sammeln ohne sich in seiner Gruppe von Freunden zu treffen? Die meisten wurden um ein Jahr Jugend beraubt – der Vergleich sei erlaubt – wie ihre Großeltern im Krieg, wenngleich damals Gewalt und Hunger hinzukamen. Nebenbei wird die Partnersuche auf später verschoben. Ganz schön heftig.

Und Sie als Eltern? Vielleicht hatten Sie nie Kontakt zu jemandem, der die Coronainfektion erlebt hat. Sie erleben aber die Folgen umso deutlicher: In der Arbeit (Homeoffice), zuhause (zu enge Wohnung für eine Quarantäne) und mit den Kindern (die nicht in die KiTa oder die Schule dürfen und sie müssen trotzdem schauen, dass Geld aufs Konto kommt).

Es verwundert nicht dass Menschen aufmucken. Das Volk will nicht mehr folgen. Vielleicht eint uns bald doch der Gedanke, das Virus bewusst austrocknen zu können? Mit Maske, Abstand und Hygiene? Noch sind viele dazu nicht bereit.

Alle zusammen haben wir Lust auf das neue Jahr. Hoffentlich gelingt es uns das Virus einzugrenzen, wie auch immer. Und möglichst schnell. Deswegen wünschen sich die meisten eine Impfung – aber bitte ohne Hast. Eine solche Maßnahme muss gut geplant und überlegt sein. Eile ja, Hast nein.

Ich wünsche Ihnen, dass im kommenden Jahr zumindest ein Teil unserer zarten Wünsche in Erfüllung gehen wird: Wieder einmal Freunde umarmen, Kinder spielen und Jugendliche in Clubs abhängen lassen so wie sie es wollen.

Ganz herzlich grüßt Sie, Ihr

Corona-Impfungen: Wieso kamen sie so schnell auf den Markt?

In vielen Ländern (Großbritannien, USA, Russland, China u.a.) sind Corona-Impfungen schon verfügbar. In Deutschland ist erst in den letzten Tagen dieses Jahres damit zu rechnen. Damit ging die Entwicklung von Corona-Impfstoffen so schnell wie noch nie. Das beunruhigt einige Menschen. Sind solche Ängste angebracht?

Die Zulassung von Impfstoffen verläuft je nach Land unterschiedlich. So wurde der Corona-Impfstoff Sputnik V (Russland) als erster weltweit im August 2020 zugelassen. Zur der Zeit lagen kaum Daten über diesen Impfstoff vor, die Phase-3-Studie begann erst im Oktober. Für den Impfstoff der Firma Sinovac aus China liegen ebenso kaum Daten vor. Dennoch hat beispielsweise die Türkei bereits am 11. Dezember angefangen Risikogruppen mit dem chinesischen Impfstoff, der sich auch in der Türkei noch in der Testphase geprüft wird, zu impfen. In beiden Fällen wurde der Impfstoff freigegeben, ohne dass Wissenschaftler die Daten zur Verfügung hatten, um ihn auf Herz und Nieren zu prüfen. Der Impfstoff ist ein zu einem Politikum und zu einem Machtinstrument geworden.

Die Wissenschaftsgemeinde weltweit hat anerkannte Standards mit den neue Medikamente und Impfstoffe auf ihre Verträglichkeit und ihre Wirkung untersucht werden. Nach den Tierversuchen – sie sind zumeist auch heute noch erforderlich – findet die erste klinische Anwendung der neuen Substanz in einer sogenannten Phase 1-Studie statt. Dabei wird ein Medikament oder eine Impfung auf die Pharmakokinetik  bzw. die Verträglichkeit an einer kleinen Gruppe freiwilliger Probanden geprüft. Es folgt dann die Phase 2-Studie, um die richtige Dosierung und die Wirkungen auf das Immunsystem bei einer größeren Gruppe von Probanden (meist 100 – 200 Menschen) zu finden. In der Phase 3-Studie schließlich wird geklärt, wie gut ein Medikament oder Impfstoff effektiv schützen. In dieser Studienphase nehmen Tausende von Probanden teil. Deren Anzahl hängt im Wesentlichen davon ab, wie häufig ein Ereignis (z.B. eine Infektion mit SARS-Coronavirus-2) in einer Bevölkerung vorkommt und wie schnell ein Ergebnis vorliegen soll. Es liegt auf der Hand, dass je grösser die Studiengruppe ist, je schneller liegt auch ein Ergebnis vor.

Ablauf einer Studie bis zur erfolgreichen Abschluss – traditionell und im Rahmen der Coronapandemie Quelle: F. Krammer, Nature

Damit wird auch klar, dass auch die Finanzlage über die Schnelligkeit dieser Studienschritte entscheidet. Bei Impfstoffen oder Medikamenten, die nur für eine kleine Bevölkerung von Bedeutung sind (z.B. Behandlung einer seltenen Stoffwechselkrankheit) wird eine Firma, die ein solches Medikament entwickelt hat abwägen, ob die Kosten der Studien durch den Verkauf am Schluss wieder eingespielt werden. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie spielt Geld – fast – keine Rolle. Insofern wird beispielsweise die Entwicklungszeit verkürzt, in dem die Phasen der Studie überlappend durchlaufen werden.

Gespart wurde jedenfalls bei den Impfstudien nicht. In der Geschichte der Impfungen gibt es nur zwei Kandidaten, die in einer größeren Gruppe untersucht wurden: Prevenar 13 (Pfizer) an 89.000 und Rotarix (GSK) an 75.000 Probanden. Danach folgt der mRNA-Impftstoff von BioNTech mit 44.000 Probanden. Interessant – und für Mediziner wie mich erschreckend – ist: Twinrix gegen Hepatitis A&B (GSK) wurde an 843 Menschen getestet. Die Impfexperten der Harvard-University Eric J. Rubin und Dan L. Longo kommen zum Schluss: „This is a triumph“. Wenn Sie Zeit haben: Das Editorial der Experten ist eine spannende Lektüre (in Englisch). 

Nach den Studien erfolgen noch intensive Prüfungen durch nationale (z.B. das Paul-Ehrlich-Institut – PEI – in Langen, südlich von Frankfurt am Main) oder internationale Behörden wie die European Medicines Agency (EMA) in Amsterdam. Erst diese Behörden können die Freigabe eines Impfstoffes vornehmen.

In seiner hochinteressanten Publikation SARS-CoV-2 vaccines in development (in Englisch) hat der Österreicher Florian Krammer vom Mount Sinai Hospital in New York die verschiedenen Ansätze bei den Impfungen gegen Das SARS-COV-2 dargelegt.

Fazit: Intensive Forschung in vielen Ländern dieser Erde, gute finanzielle Ausstattung der Forschungsprojekte und wenige bürokratische Hemmnisse haben – zusammen mit einem Quäntchen Glück – zur raschen Entwicklung einiger Impfstoffe gegen das Corona-Virus geführt. Viele erfolgversprechende Impfstoffe sind noch auf dem Weg. Jetzt bleibt zu hoffen, dass die logistische Umsetzung der Impfung ebenso gut gelingt. Und dass auch die Prüfung der Impfungen bei Kindern  – für sie gibt es bislang keine ausreichenden Daten – erfolgreich sein wird.

Bis allen Menschen in Deutschland eine Impfung angeboten werden kann, wird es trotz aller Schnelligkeit wohl Weihnachten 2021 werden.

Was geht rum? 28. November 2020

Die GRÜNEN und die Homöopathie

USA: Coronainfektionen auf dem Land häufiger als in der Stadt

♦ Auch in Hotspots ist keine Herdenimmunität in Sicht

♦ Immer mehr Kinder in Deutschland wegen COVID-19 im Krankenhaus

Die Bundespartei der Grünen hat sich in den letzten ein heißes Thema vorgenommen: die Homöopathie. Und sie hat es in internen Diskussionsrunden geschafft, Position zu beziehen: Von den Krankenkassen sollen nur noch Leistungen übernommen werden, „die medizi­nisch sinnvoll und gerechtfertigt sind und deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen ist“. Dabei wird das Wort „Homöopathie“ umgangen, ebenso aber auch Formulierung, dass im Einzelfall eine Kostenübernahme möglich sein sollte, wie manche Delegierte auf dem Bundesparteitag forderten.

Die Mobilität in Deutschland hat sich während des Shutdowns verändert. Das zeigt eine neue Untersuchung, die auf der Basis der Mobilfunkdaten die Mobilität errechnet. Es zeigt sich, dass im ersten Shutdown die Mobilität um bis zu 55% zurückging. Im zu Ende gehenden Monat November liegt der maximale Rückgang der Mobilität bislang bei 22%. Diese Zahlen sind ein klarer Hinweis, dass die Menschen sich in der Pandemie zurückhalten.

Erkrankungszahlen an COVID-19 pro Wochen und 100.000 Einwohner („Wocheninzidenz“) bezogen auf die Bewohnerdichte der jeweiligen Region (county) in den USA Quelle: Lindsey M. Duca et al im MMWR, veröffentlicht vom CDC

Überraschende Daten zu COVID-19: In den USA erkranken mehr Personen in ländlichen Gebieten als in städtischen (Metropolen). Auch aus Deutschland kommen immer wieder Meldungen, dass dünn besiedelte Regionen wie der Landkreis Hildburghausen in Thüringen mit Wocheninzidenzen von über 400 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner oder der Landkreis Tuttlingen in Baden-Württemberg mit 276 Erkrankungen (Stand: 26.11.2020) auffallen.

Coronainfektionen in Berlin: 7-Tages-Inzidenzen (pro 100.000 Einwohner) in Berlin. Auf der x-Achse sind die Kalenderwochen aufgetragen, auf der y-Achse die Altersgruppen. Quelle: SurvNet des RKI

Die Zahlen für Berlin sind weit dramatischer. Für die Jugendlichen von 15-19 Jahre liegt der Wert bei 390, in Berlin Mitte gar bei 637. Es erstaunt nicht, dass unter diesen Umständen 5% aller Berlinere Schüler in Quarantäne sind Und dennoch: Einfache Erklärungen greifen nicht.

Nach fast einem Jahr in der Pandemie ist an eine beginnende Herdimmunität nicht zu denken. Weder bei uns, noch in Spanien oder Italien. Auch das stark gebeutelte Amerika ist weit davon entfernt, wie eine sehr gut gemachte Studie von Kristina L. Bajema und Mitarbeiter zeigt. Die Zahl der Amerikaner, bei denen im Serum Antikörper gegen das SARS-CoV-2 nachgewiesen wurde, schwankt stark. In den meisten Staaten liegt die Rate unter 10%, in vielen sogar unter 1%. Nur in New York, das vor Monaten heftig gebeutelt wurde, waren es fast 25%. Und das ist noch weit davon entfernt, eine Immunität zu vermitteln. Dazu müssten mindestens 70% einer Population mit dem Virus – oder einer perfekten Impfung – in Kontakt gekommen sein. Es liegt weiterhin ein langer Weg vor uns.

Häufigkeit der stationären Behandlung von Kindern mit COVID-19 in deutschen Kliniken. Quelle: DGPI

In den letzten Wochen ist die Zahl der Kinder, die wegen COVID-19 stationär  behandelt werden musste rasant angestiegen. Die Zahl der wöchentlichen Fälle lag in der letzten Woche bei 16 Kindern. Der bisher höchste Wert mit 39 Meldungen datiert aus der letzten Oktoberwoche. Nicht alle Kliniken in Deutschland melden die COVID-19-Fälle. Dennoch fällt eine hohe Konzentration für Baden-Württemberg in Stuttgart und Freiburg auf.

Stationäre Aufnahme von Kindern in eine deutsche Klinik: Altersverteilung. Quelle: DGPI

Interessant ist auch die Altersverteilung: Über ein Drittel aller betroffenen Kinder sind Säuglinge, also jünger als ein Jahr. Wenn also von „Risikogruppen“ gesprochen wird, sollte auch an die Kleinsten gedacht werden, deren Immunsystem zwar sehr anpassungsfähig, aber eben auch unerfahren ist. Der Anteil der Jugendlichen (grüne Flächen) an den COVID-19-Erkrankungen ist deutlich geringer.

Praxisindex Baden-Württemberg: er spiegelt die Zahl der Patienten wieder, die sich wegen Atemwegsinfekten in einer Praxis vorgestellt haben. Quelle: AG Influenza

Alle reden von Corona. Das ist auch richtig. Gemessen an den Erkrankungen mit dem SARS-CoV-2 spielen andere Infektionen im Moment im Ländle eine untergeordnete Rolle. Das zeigt die aktuelle Graphik für die Praxisbesuchen wegen Atemwegsinfektionen (rote Kurve). Inzwischen ist der Tod an COVID-19 sogar die häufigste Todesursache, vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Alles Querdiskutieren kann diese Zahlen nicht ändern.

Was geht in der Welt rum? Neben der Corona-Pandemie ist für tropische Länder das Dengue-Fieber eine Geisel. Die Tödlichkeit dieser Erkrankung ist bei weitem nicht so hoch. Aber die Erkrankung ist dennoch für die armen Menschen dieser Regionen sehr belastend. Aus Indien wurden bis Ende September 16.439 Fälle gemeldet, darunter 12 Todesfälle. Diese Häufigkeiten werden in der momentanen Regenzeit noch deutlich ansteigen. Eine Therapie oder eine Impfung gegen das Dengue-Fieber sind nicht in Sicht.

Ich wünsche Ihren Kindern und Ihnen ein angenehmes Wochenende, bleiben Sie konsequent und gesund, Ihr

Was geht rum? 14. November 2020

Themen

Corona auf der Südhalbkugel der Erde

♦ COVID-19 bei Kindern – ein differenzierter Blick auf die Schulen

♦ Sesamallergie

♦ Welche Infektionen spielen noch eine Rolle?

Remo Largo – ein großer Kinderarzt ist von uns gegangen

 

Kommen Sie aus dem Ausland nach Deutschland zurück? Dann gelten für Sie seit dieser Woche neue Einreisebestimmungen. Die scheinen auf den ersten Blick klar, verweisen aber darauf, dass letztlich die Regelungen des einzelnen Bundeslandes gelten. Und wie die aussehen, steht auf einem anderen Blatt. Auf welchem? Eines brauchen Sie in jedem Fall: die digitale Einreiseanmeldung.

Coronaerkrankungen haben etwas mit dem Winter zu tun: Vergleich der Häufigkeiten auf der nördlichen Halbkugel gegenüber der Südhalbkugel. Quelle: Economist

Eigentlich wäre es wohl sinnvoller, über den Äquator hinaus auf die südliche Erdhalbkugel zu reisen. Dort werden die COVID-19-Erkrankungen im Moment seltener (Sommer). Bei uns sind sie weiter im Ansteigen (Winter). Daran wird auch eine Impfung in den kommenden Monaten in der Summe nur wenig ändern.

Lernen im Präsenzunterricht. Kommen bald Einschränkungen? Quelle: pixabay, klimkin

Eine Veröffentlichung von Zoë Hyde von der University of Western Australia (in Englisch) beleuchtet mit dem Wissen von heute den Stellenwert des SARS-Virus für Kinder und Schulen. Lange ging man davon aus, dass Kinder im Infektionsgeschehen nur eine geringe Rolle spielen würden. Ein großer Teil der Studien zu diesem Thema stammt aus der ersten Hälfte des Jahres, als viele Länder noch im Lockdown waren. Daten der letzten Monate jedoch sprechen dagegen. Schweden ist eines der Gegenbeispiele: Hier waren die Schulen immer offen und die Antikörpertests im Blut zeigten, dass die Rate durchgemachter Erkrankungen bei Kindern und jungen Menschen (0-19 Jahre) mit 6.8% Nachweis schützender Antikörper sogar leicht höher lag als die bei den Erwachsenen im Berufsleben (20-64 Jahre) mit 6.4%. Vieles spricht also dafür, dass die Virusbelastung bei Infizierten in allen Altersgruppen ähnlich hoch ist. Dabei weicht die Höhe der Viruslast kleiner Kinder oft ab (bei ihnen kann in der Regel weniger Material zur Testung gewonnen werden, z.B. wegen der Enge der Nase). Kinder sind also vermutlich genauso infektiös wie Erwachsene. Sie erkranken nur oft schneller und fallen nur mit deutlich weniger Symptomen auf. Dadurch fällt die Erkrankung oft zunächst bei den Erwachsenen mit Symptomen auf. In der Nachverfolgung zeigt sich dann auch bei Kindern ein positiver Rachenabstrich, weswegen wie oft als „Kontaktperson“ eingestuft werden. Dennoch ist die eigentliche Kontaktperson der erkrankte Erwachsene ist, der sich beim asymptomatischen Kind angesteckt hatte. Die Arbeit aus Australien ist eine differenzierte Analyse der Situation von Kindern in Schule und Haushalt – Pflichtlektüre für alle Eltern.

Im Monat Oktober wurden in den USA etwa 200.000 Fälle von COVID-19 alleine bei Kindern gefunden. Es gibt Hinweise, dass sich diese meist bei jungen Erwachsenen (Eltern!) ansteckten. Das bestätigt auch die Biospecimens from Respiratory Virus-Exposed Kids (BRAVE Kids) Study (in Englisch) aus North Carolina. Darin untersuchten die Forscher Kinder und junge Erwachsene (< 21 Jahre), die in einem Haushalt mit einem COVID-19-Patienten lebten. Von den Kindern zeigten 77% einen positiven Rachenabstrich auf SARS-CoV-2 (PCR). Dabei waren Kinder der Altersgruppe von 6-13 Jahren häufig asymptomatisch, während die Kleinkinder und Jugendlichen häufiger Symptome hatten. Das Risiko sich anzustecken war zwischen Geschwistern um 50% höher. Auch in dieser Studie erkrankten von Asthma betroffene Kinder seltener als Kinder ohne Asthma. Asthma scheint also kein Risikofaktor zu sein.

Noch eine sehr spannende Arbeit aus den USA. Ein Forscherteam um Serina Chang von der Stanford University (in Englisch) untersuchte anhand der Handydaten, wo sich Menschen in verschiedenen Städten der USA aufhielten: Restaurants, Hotels, Geschäften oder Fitnessstudios. Diese Daten setzen sie in Relation zu den gemeldeten Infektionsdaten. So konnten sie beispielsweise zeigen, dass im März die Zahl der Menschen in der Metro von Chicago um 54,7% zurückging. An den einzelnen Punkten (point of interest; POI) wie eben Restaurants zählten sie die Zahl der Infektionen, die in den Monaten März, April und Mai auftraten. Dabei fanden sie superspreader POIs: Also Orte, an denen sich viele Menschen ansteckten wie in der Metro in Chicago. Wieder zeigte sich, dass 10% der POI für 85% aller Infektionen verantwortlich waren. Das sind die Cluster, von denen häufig die Rede ist. Sie aufzuspüren und auszuschalten wäre also extrem wirkungsvoll.

Sesam. Quelle: ptw

Sesam: Lecker und in mancher Hinsicht „gesund“ – aber als allergieauslösendes Nahrungsmittel nicht zu unterschätzen. In den USA hat die FDA (Food and Drug Administration) eine Leitlinie („draft guidance“) zur Diskussion gestellt, die das Allergen Sesam betrifft. Darin werden die Hersteller von Nahrungsmitteln aufgefordert, dieses Allergen auf ihren Produkten auf freiwilliger Basis klar zu deklarieren. Die FDA stellt fest, dass die Bedeutung von Sesam für Allergiker deutlich zugenommen habe.

Atemwegsinfekte in Baden-Württemberg. Quelle: AG Influenza

Die Pandemie verlangt gerade von Kindern und Jugendlichen viel ab. Da bleibt es erfreulich, dass sich die Zahl der übrigen Infekte im Rahmen hält. Keuchhusten kam übers Jahr gesehen halb so oft vor wie 2019. Seit zwei Wochen gehen auch die Zahl aller Atemwegsinfekte zurück, wie die Graphik zeigt: Die rote Linie (2020) nähert sich der braunen Linie (2019) an. Die meisten dieser Infekte sind Schnupfeninfekte und somit ein erstes Warmlaufen des Immunsystems für die künftigen und schwierigen Aufgaben in diesem Winter: Influenza + Corona.

Was geht in der Welt rum? Wohl kaum jemand aus Europa kann im Moment nach Afrika reisen. Auch wenn dies nur ein geringfügiges Risiko für Reisende darstellte, so machen die neu gemeldeten Erkrankungen mit dem Impfstoff-abgeleitetem Poliovirus Typ 2 (cVDPV2) Sorge. Betroffen sind Mali (bislang in diesem Jahr 26 Fälle) und ganz aktuell auch die Republik Kongo, die den ersten Fall seit 10 Jahren meldet. Trotz weltweiter Bemühungen, zieht sich die Ausrottung der Poliomyelitis schon seit Jahren hin. Dabei leidet Afrika schon massiv unter den Geiseln Malaria, Tuberkulose und inzwischen – indirekt – unter dem Coronavirus (reduzierte Impfprogramme, Einschränkung der Meinungsfreiheit u.a.).

Remo Largo Quelle: nifbe.de

«Der Mensch kann nicht irgendein Leben führen, sondern nur sein eigenes» hat er einmal gesagt. Nun ist der anerkannte Schweizer Entwicklungspädiater Remo Largo im Alter von 77 Jahren verstorben. Vielen Eltern gab er Orientierung, die Entwicklung ihrer Kinder besser zu verstehen: Bestseller wie «Babyjahre», »Kinderjahre», «Jugendjahre» zeugen davon. Für uns Kinderärzte öffnete er mit seinen Publikationen und in seinen Seminaren neue Welten. Er war Wissenschaftler, Philanthrop und ein begnadeter Kinderarzt zugleich. Die Maßstäbe, die er setzte, werden weiter wirksam sein.

 

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende, Ihr

 

 

Die Infektwelle kommt bald. Macht eine Grippe-Impfung bei Kindern Sinn?

Für viele Laien sind die Impf-Empfehlungen in Deutschland verwirrend. Die STIKO bzw. das RKI empfehlen die Grippeimpfung nur für Versicherte ab 60 Jahre, für Menschen mit chronischen Erkrankungen, für Schwangere und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Für Baden-Württemberg hat das Sozialministerium jedoch erweiterte Empfehlungen. Hier wird – entsprechend den Vorgaben der WHO – die Grippeimpfung für alle Kinder ab dem 6. Lebensmonat empfohlen.

In den USA läuft bei der Corona-Pandemie sicher manches nicht so gut. Was aber die Influenza betrifft, liegen die Impfraten bei Kindern bei über 60%. Eine Zahl, die selbst bei den sog. Risikogruppen in Deutschland nicht annähend erreicht wird. Die American Academy of Pediatrics (in Englisch) hat gerade die Details für die Grippeimpfung von Kindern in der Saison 2020 / 2021 veröffentlicht, die in vielen Aspekten auch für Laien sehr interessant sind.

Klar ist, dass die Impfung gegen Influenza lange nicht so wirksam ist wie diejenige gegen Masern, bei denen eine „sterile Immunität“ erreicht wird, also beinahe bei allen Geimpften der Ausbruch von Masern verhindert werden kann. Dennoch ist sie gut wirksam und schützt viele Menschen. Und, sie ist der einzig verfügbare und nachweißlich wirksame Schutz vor dieser – wie „Corona “ – schweren Infektion.

Die Kinder- und Jugendärzte sehen den Stellenwert für die Grippe-Impfung bei Kindern ähnlich wie die Behörden im Ländle und raten Kinder in diesem Herbst gegen Influenza impfen zu lassen. Dazu der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) Johannes Hübner: „Wir wissen, dass Kinder den Influenzavirus maßgeblich übertra­gen“.

Eine Impfung der Kinder, das ist wissenschaftlich gut belegt, schützt indirekt auch die älteren Risikogruppen. Das zeigt eindrücklich eine zentrale wissenschaftliche Untersuchung von 2001 aus der Arbeitsgruppe um Masato Tashiro und Mitarbeiter aus Tokyo (Japan). Wenn der Enkel kein Grippevirus verbreitet, wird auch Omi nicht krank.

Aber Kinder können selbst auch schwer an Influenza (Grippe) erkranken, so dass sie sogar stationär behandelt werden müssen. Folgerichtig unterstützt auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) die Impfung von Kindern: „Deswegen haben wir diesmal zusätzlichen Grippeimpfstoff besorgt. Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“

Als erste große Krankenkasse hat sich Mitte der Woche die AOK angeschlossen. Laut dem Deutschen Ärzteblatt hat ein Sprecher der AOK angekündigt, die Kostenübernahme betreffe „nicht nur die Impfung von Risikogruppen, sondern alle AOK-Versicherten, sofern die Ärzte dies für erforderlich halten“. Das ist ein gewichtiges Wort.

Konnten Sie sich für Ihre Kinder entscheiden können? Oder noch Fragen? Ganz sicher. Dann los an die Tasten. Anderen Eltern geht’s vermutlich recht ähnlich bei der Grippeimpfung ihrer Kinder.

Was geht rum? 03. Oktober 2020

Der Herbst ist da, es wird spürbar kühler und die Lust großzügig zu lüften lässt ebenso spürbar nach. Damit steigt das Risiko an Infektionen zu erkranken. Wie in jedem Jahr. Nur, dass in diesem Herbst und Winter das Coronavirus als neuer Begleiter hinzukommt. Interessant ist, dass die Erkrankung einer einzigen, weltpolitisch wichtigen Person in der Wahrnehmung der Pandemie mehr bewirkt, als viele erhellende wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Woche. Wir bleiben bei den wissenschaftlichen Fakten.

COVID – Erkrankungen bei Kindern, prozentual zu den Gesamterkrankungen von April bis September. Quelle: Blake Sisk et al., PEDIATRICS, 2020

In den USA ist ein wichtiger Trend zu erkennen: Das SARS-CoV-2 breitet sich bei den Kindern zunehmend aus. Durch die Schulschließungen im Frühjahr war der Anteil der Kinder an den Infizierten noch sehr gering. Seit April (2.2%) hat sich deren Anteil nun fast verfünffacht (10.0%), wie die PrePublication von Blake et al. aus Pediatrics gerade zeigt.

SARS-CoV-2-Fälle in Baden-Württemberg nach Altersgruppe und Meldewoche. Die hell- und dunkelgrauen Bezirke zeigen den Anteil der Kinder und Jugendlichen bis 20 Jahre. Quelle: LGA Baden-Württemberg

Nicht viel anders stellt sich dieser Trend auch in Baden-Württemberg dar. Das zeigen die grauen Säulen im Diagramm. Es scheint, dass sich das Virus in dieser jungen Altersgruppe weiter ausbreitet. Infektionen von Kind zu Kind sind aber noch immer selten. Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass Schulen und Kindergärten ihre Konzepte zum Schutz vor dem Coronavirus auch gut umsetzen.

Im Herbst nehmen die Infekte zu. Das zeigen auch die offiziellen Statistiken. Die Aktivität der Atemwegsinfektionen ist bisher vergleichbar mit den letzten Jahren, wobei sie in Baden-Württemberg gegenüber anderen Regionen in Deutschland tendenziell niedriger liegt. Als Erreger liegen – wie erwartet – die Rhinoviren ganz vorne. Das sind die Erreger des typischen Herbstschnupfens: Schnupfensaison.

Bei den Kinderkrankheiten zum Glück nichts Neues: Nur Keuchhusten und Windpocken, keine Masern oder Mumps.

Was geht in der Welt rum? Nach Russland reisen viele Menschen aus Baden-Württemberg. Dabei sollte bedacht werden, dass es dort noch vereinzelte Fälle von Tollwut gibt. Zuletzt verstarb eine Frau im Oblast Jaroslawl nach dem Biss eines tollwütigen Fuchses. Die Tollwut wird oftmals von Wildtieren auf Haustiere übertragen und kann auf diesem Weg den Menschen bedrohen. Gerade bei Reisen in abgelegene Gebiete kann deswegen eine Impfung gegen Tollwut sinnvoll sein.

In eigener Sache: Die planet4kids media unterstützen Projekte, die das gesundheitliche Wohl von Kindern im Focus haben. Zwei Projekte sind bereits ohne finanzielle Hilfe von außen abgeschlossen. Zum einen untersuchte die VAVANY-Studie die 2009 in Antananarivo die Bedeutung von Asthma bei Stadt-Kindern. Das andere ist die MAKI-Studie, die ich Ihnen kürzlich im praxisblättle kurz vorgestellt habe. Beides sind für Kinder wichtige Projekte, können aber medial – ohne Hilfe großer Marketingagenturen wie Jung von Matt – kaum mit finanzieller Unterstützung rechnen.

Das dritte Projekt – und darum geht es heute – ist Ihr praxisblättle. Im Frühjahr, kurz bevor die Pandemie unser Leben veränderte, haben viele der praxisblättle– Leser in unserer Umfrage ihre Bereitschaft erklärt, uns auch finanziell zu unterstützen. Das hat uns sehr gefreut und uns Mut gemacht. So können wir weiterhin – wie schon seit 25 Jahren – dieses Format ohne Werbung beibehalten. Unterstützen können Sie uns ganz klassisch per Überweisung (planet4kids media, Fidor Bank AG,  DE97 7002 2200 0020 4770 40, FDDODEMMXXX; Stichwort „praxisblättle“). Oder Sie nutzen Patreon, über den Sie uns einen kleinen Betrag monatlich spenden.

Welche Kosten fallen für die Erstellung des praxisblättle an (wichtigste Posten)?

  • Fotographie. Manche Bilder müssen eingekauft werden
  • Zugang zu Original-Literatur. Medizinische Fachliteratur ist meist nicht kostenlos.
  • Kosten für Unterhalt und Pflege der Homepage

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende. Herzliche Grüße, Ihr

 

Sonnenschutzmittel für Kinder

Pünktlich zur sonnigsten Jahreszeit hat die Stiftung Warentest ein Untersuchung zu 17 Sonnenschutzmitteln für Kinder veröffentlicht. Bis auf das teuerste sind alle gut geeignet. In der folgenden Tabelle haben wir die vier Besten zusammengestellt.

Produktname Preis pro 100 ml Note Anmerkung
Lidl Cien Sun Kids Sonnencreme 2,25 € sehr gut (1.4) Feuchtigkeitsanreicherung (1.0)
Müller Lavozon Kids Med Sonnenmilch 2,48 € sehr gut (1.4)
Aldi Ombra Sonnenspray Easy Protect 1,99 € sehr gut (1.5) Anwendung nur gut (2.2)
Rossmann Sunozon Kids Sonnensoray 2,40 € sehr gut (1.5)

Die Unterschiede zwischen diesen Produkten sind in allen Aspekten marginal. So stehen für Kinder somit sehr gute Produkte als Creme, Milch oder Spray zur Verfügung. Das test-Heft Juli 2020 enthält den kompletten Test mit den oft spannenden Hinweisen im Text. Darin sind auch gute Sonnenschutzpräparate aus früheren Jahren (2018 und 2019) nochmals aufgeführt.

Was geht rum? 13. Juni 2020

Erste Pressestimmen sprechen inzwischen über die Kinder in der Coronakrise. Meist noch unter dem Titel, dass Kinder ein Recht auf Bildung haben. Das ist schon mal gut. Kinder und Jugendliche sollten aber auch ein Recht zugesprochen bekommen, wieder mehr gemeinsam machen zu dürfen: Mit anderen Kindern im Sandkasten. Oder in Jugendzentren abhängen. Ohne gleich „gebildet“ zu werden. Für ihre Entwicklung ist das mindestens genauso wichtig, macht den meisten jedoch erheblich mehr Spaß.

Altersanteil der COVID-19-Erkrankungen über die Kalenderwochen 10 bis 21 Quelle: RKI

Die Virologen um Prof. Drosten sind noch zögerlich, den Kinder und Jugendlichen mehr Freiheit im öffentlichen Raum zuzugestehen. Ein wichtiger Grund ist, dass seit dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, also seit Ende März, der prozentuale Anteil der Kinder und Jugendlichen (0-20 Jahre) an allen Erkrankten immer mehr ansteigt. Andere Daten sehen eine Verbreitung der Infektion unter Kindern gelassener. Wie auch immer, wir sollten langsam versuchen, Kindern mehr Freiheit zu geben. Für die Beschränkung der elementaren Bedürfnisse von Kindern liegen keine ausreichenden Gründe vor. Einige Bundesländer wie Schleswig-Holstein haben jetzt damit begonnen, diese Freiheiten für Kinder wiederherzustellen. Neue Hoffnungen.

Gräserpollenkonzentration der letzten Woche am Bodensee Quelle: pollenundallergie.ch

Nach den regenreichen Tagen sind die Pollen seit gestern in Hochform. Gräserpollenallergiker sollten erstmal vorsichtig sein. In den kommenden Tagen ist mit einem leichten Rückgang der Pollenbelastung zu rechnen, sofern kein bedeutsamer Wind hinzukommt.

Infekte? Noch immer fast Fehlanzeige. Welch ein Glück für Kinder und Jugendliche.

Was machen die Kinderkrankheiten? Bei den Masern wurde die vorletzte Neuerkrankung in der 9. Kalenderwoche in Baden-Württemberg gemeldet. Der Lockdown hat in den folgenden Wochen dazu geführt, dass keine Masern mehr auftraten. Nun ist in der letzten Woche erstmals wieder eine neue Infektion aus Reutlingen gemeldet worden – nach 12 Wochen Pause also jetzt der Erkrankungsfall Nummer 26 in diesem Jahr. Im letzten Jahr waren es zur gleichen Zeit 67 Betroffene.

Was geht in der Welt rum? Bald dürfen wir wieder reisen. Aber nur in Europa. Auch hier können uns Krankheiten begegnen. Sogar in der so idyllischen Schweiz, wo in diesem Jahr bereits 67 Erkrankungen an FSME (Frühsommer-Meningo-Encephalitis) gesichert wurden, mehr als im bisherigen Rekordjahr 2018. Die Zecken machen also an der Grenze nicht Halt. Im angrenzenden Baden-Württemberg haben in der letzten Woche 9 neue Fälle die Zahl der Betroffenen auf 42 hochschnellen lassen. Gemessen daran, dass im Ländle aber 2.5 Millionen Menschen mehr leben, ist die Zahl erstaunlich gering. In jedem Fall: Vorsicht vor Zecken. Egal ob im Ländle oder in der Schweiz. Mehr dazu finden Sie hier.

Am Montag beginnt nach 3 Monaten wieder der Unterricht für alle Kinder und Jugendlichen, im Schichtbetrieb und ausgedünnt. Aber immerhin. Je nach Schule (und Zahl der arbeitenden Lehrer) sind das bis zu den Sommerferien mal knapp 5 Tage Unterricht, mal wochenweise halbtags.

Das Wochenende bringt heute Morgen Sonnenschein und angenehme Wärme, später am Nachmittag wohl mehr Sturm und Regen. Genießen Sie das Wechselspiel. Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Peter Th. Wolff

EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern (02)

Nicht nur die Wissenschaft beschäftigt sich nun häufiger mit den Auswirkungen von COVID-19 auf die Kinder und Jugendlichen. Auch in der Politik ist das Thema angekommen. Leider wird es häufig mit wirtschaftlichen Faktoren (Beschäftigung der Eltern) verknüpft und ist weniger auf das Wohl der Kinder selbst ausgerichtet.

Die letzten Tage sind viele Menschen wieder nach draußen gegangen. Sie haben geniest und genossen. Ob das eine neue Infektwelle einleitet, wissen wir nicht. Was für Kinder und Jugendliche aktuell Bedeutung hat, haben wir für Sie in den folgenden 6 Themen aufbereitet.

1.Stationäre Behandlung von Kindern mit Coronaerkrankungen

Kinderkliniken in Baden-Württemberg, die COVID-19 behandeln; Stand 03.05.2020 Quelle: DGPI

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) untersucht die schweren Coronaerkrankungen von Kindern in Kliniken. Bundesweit nehmen an diesem Projekt 66 Kinderkliniken teil, die ihre Daten wöchentlich melden. Die Karte links zeigt alle Kinderkliniken in Baden-Württemberg, von denen bisher Fälle gemeldet wurden. Dabei gibt die Größe der roten Punkte in der Graphik die Anzahl der im Krankenhaus behandelten Kinder an COVID-19 wieder. Freiburg im Südwesten des Landes hat bisher besonders viele Kinder und Jugendliche mit Coronavirus-Infektionen stationär behandelt, während es im Rhein-Neckar-Raum erstaunlich wenige sind.

 

Altersverteilung COVID-19 bei Kindern in Deutschland Quelle: DGPI

Die Mehrzahl der in ganz Deutschland stationär behandelten Kinder, das zeigt die Graphik links, ist jünger als 5 Jahre. Es verwundert nicht, dass die Erkrankungen im „Infektalter“ von 1-5 Jahren besonders hoch liegt. In diesem Lebensabschnitt tauschen Kinder in Deutschland die meisten Infektionen aus. Viele an sich gesunde Kinder erkranken auch unter normalen Bedingungen ohne Kontaktsperre in diese Alter mit bis zu 12 Infektionen pro Jahr. Das sind wohlgemerkt trotzdem gesunde Kinder, ohne einen Immundefekt.

2. Welche Medikamente kommen gegen COVID-19 in Frage?

Das einige Wochen populäre Chloroquin („Malaria-Medikament“) hat sich offenbar nicht bewährt. Dagegen spricht manches für Remdesivir, das ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde und sich als gut verträglich erwies. Dieses Remdesivir bildet einen Teil des genetischen Codes des Virus nach und ist damit eine Art künstliche RNA (Ribo Nuclein Acid). Es schleicht sich bei der Vermehrung des Virus ein und hemmt sie, ähnlich wie Sand im Getriebe. Bisherige, eher kleine Studien zeigten, dass Patienten unter dieser Behandlung bereits nach 11 anstatt nach 15 Tagen gesund waren. Die Daten wurden aber nicht komplett offengelegt und so sind noch viele Fragen offen. So ist auch der ideale Zeitpunkt der Therapie unsicher. Vielleicht kann Remdesivir Teil einer erfolgreichen Mehrfach-Therapie sein? Wird eine ausreichende Herstellung möglich sein?

Eine andere Möglichkeit stellt eine Therapie gegen die Entzündung dar. Ein aussichtsreicher Kandidat ist Tocilizumab (Actemra©), ein Rheuma-Medikament, genauer: ein monoklonaler Antikörper gegen den Interleukin-6-Rezeptor. Wie wirkt er? Bei den schweren Verläufen von COVID-19 kommt es zu einem Cytokine-Sturm. Dabei werden Botenstoffe einer Entzündung – sogenannte Cytokine – in riesigen Mengen freigesetzt und verursachen mit dieser Überreaktion des Immunsystems eine massive Entzündung der Lunge. Bei diesem Sturm kommt es auch zu einer Durchlässigkeit der Äderchen, was eine Gefäßentzündung mit dem Risiko für kleinste Thrombosen nach sich zieht. Tocilizumab kann diesen Prozess stoppen. Die große Frage ist: Zu welchem Zeitpunkt soll es eingesetzt werden? Zu früh würde bedeuten, dass der Körper das Virus nicht wahrnimmt und keine eigene Abwehr aufbaut. Zu spät, dann würde der Patient an der überschießenden Immunantwort seines Körpers versterben. Ähnlich wie beim allergischen Schock bei Bienengiftallergie.

3. Kawasaki-Syndrom bei Kindern mit COVID-19?

Anfang April 2020 haben Kinderärzte in Kalifornien den vermutlichen ersten Fallbericht über ein sechs Monate altes Mädchen mit einem Kawasaki-Syndrom veröffentlicht. Das Kind war wegen eines typischen Kawasaki-Syndroms in der Klinik erfolgreich behandelt worden. Kurz vor Entlassung kam das positive Testergebnis auf SARS-CoV-2. Unter der Auflage einer Quarantäne konnte sie bei guter Gesundheit entlassen werden. Weitere Berichte unterstreichen die Bedeutung dieser schweren Verläufe bei Kindern und Jugendlichen.

Das Kawasaki-Syndrom ist eine Systemerkrankung des Körpers, die auf einer Entzündung der kleineren Blutgefäße (Vaskulitis) beruht. Sie tritt mit Schwellungen der Lymphknoten, hohem und lang andauernden Fieber (mehr als 5 Tage), deutlich geröteten Bindehäuten und lackartig roten Lippen auf. Betroffen sind vorwiegend Kleinkinder. Besonders kritisch ist die Erkrankung des Herzens, die oft mit Herzmuskelentzündung und Erweiterung (Aneurysma) einzelner Herzkranzgefäße verbunden ist.Inzwischen wurden weitere Fälle aus Genf, Dresden, Italien, Spanien und zuletzt auch Luxemburg gemeldet.

Die genaue Ursache ist unbekannt. Es wird vermutet, dass das Kawasaki-Syndrom durch banale Infekte ausgelöst wird. Neben Rhinoviren und RS-Viren sollen auch die harmlosen Coronaviren ( 229E, HKU1, NL63 und OC43) dafür verantwortlich sein. In Europa ist die Erkrankung eher selten (pro Jahr unter 10 auf 100.000 Kinder), in Japan sind es 185 auf 100.000. Dort wurde sie auch erstmals von Prof. Kawasaki beschrieben.

Bei Erwachsenen, die an einer schweren COVID-19-Infektion erkrankt sind, wurden schon häufiger Entzündungen der Gefäße beschrieben. Teilweise führten diese zu Mikrothromben, wie sie beim ARDS zu beobachten sind. Es wird nun vermutet, dass parallel hierzu auch die schweren Verläufe der Corona-Infektionen beim Kind eine Entzündung der Gefäße (Vaskulitis) auslösen. Diese äußert sich im Kindesalter als Kawasaki-Syndrom. Dieser Zusammenhang ist jedoch bis heute nicht geklärt. Für das Kawasaki-Syndrom gibt es etablierte Therapien, die schwere Verläufe meist verhindern können.

4. Welche Grunderkrankungen stellen ein Hindernis beim Schulbesuch dar?

Schulen und Kindertagesstätten öffnen wieder. Schneller und umfassender als gedacht. Das wirft für Kinder- und Jugendärzte die Frage auf, welche Kinder mit Grunderkrankungen zunächst nicht am Unterricht teilnehmen sollten, weil sie besonders gefährdet sind. Diese Frage stellt sich für Kinder und Jugendliche mit Atemwegserkrankungen wie Asthma, angeborenen Herzfehlern, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und beispielsweise auch Immundefekten. Einig sind sich die Experten, dass eine generelle Freistellung vom Unterricht an Schulen bzw. der Teilhabe in KiTas nicht sinnvoll sind.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat in einer Stellungnahme hierzu Position bezogen. Darin wird klar, dass vieles noch unklar ist. Es geht in letzter Konsequenz um die Frage, welche Kinder durch ihre Grunderkrankung in „relevantem Maße“ beeinträchtigt sind. Dabei zeigt sich, dass die genauen Risikoprofile bislang nicht definiert werden konnten.

5. Antikörpertests bei COVID-19: Was sagen sie aus?

Für viel Verwirrung sogen zur Zeit auch die Antikörpertests. Bislang gibt es verschiedene auf dem Markt, deren Ergebnisse sehr unsicher sind. Nun ist in den USA ein Antikörper-Test vom Schweizer Konzern Roche zugelassen worden, der offenbar gute Ergebnisse liefert. Unsicherheit besteht noch zur Frage der Immunität:

  • Noch gibt es keine Langzeituntersuchungen. Wir wissen also noch nicht, ob die Antikörper nach Erkrankung wieder zurückgehen. Und ob damit auch die mögliche Immunität wieder verschwindet. Manche Forscher vermuten eine lebenslangen Schutz nach COVID-19, andere nur einen von „einigen Wochen“.
  • Es gibt zwei unterschiedliche Testgruppen:  Schnelltests und Antikörpertests, die aufwändig im Labor durchgeführt werden. Schweizer Untersuchungen legen den Verdacht nahe, dass die Schnelltests bis zu 3 Mal so viele positive Ergebnisse liefern wie im Labor durchgeführte Antikörpertests. Das bedeutet: Tests sollten zunächst nur zurückhaltend bewertet werden.

Im praktischen Alltag werden uns Antikörpertests im Mai somit wenig weiterhelfen. Es gibt zwar den ausreichend standardisierten Test von Roche. Aber auch der muss in größeren Studien noch weiter untersucht werden und dann auch in den auslieferbaren Mengen vorliegen, dass er alle Patienten in Europa erreicht. Und wir wissen ja, es gibt einen amerikanischen Präsidenten, der in dieser Hinsicht sehr eigenartig denkt.

6. Was tut sich bei den Impfstoffentwicklungen?

Weltweit gibt es inzwischen 115 verschiedene Impfstoffe untersucht (Impfstoffkandidaten). Von diesen sind zehn bereits soweit fortgeschritten, dass sie klinische Untersuchungen zur Verträglichkeit bei Freiwilligen durchführen dürfen. Eine dieser Studien läuft in Mainz mit etwa 200 Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren.

Zahl der gemeldeten SARS CoV-2-Fälle in Baden-Württemberg (Stand 08. Mai 2020, 16:00 Uhr). In Gelb die Zahl der Neuerkrankungen Quelle: LGA

Die Zahl der Neuerkrankungen ging in Baden-Württemberg weiter spürbar zurück. Demnach haben wir – Stand Freitag Abend – wieder eine Häufigkeit an Coronainfektionen wie vor 2 Monaten.

In diesen komplexen Zeiten, in denen sich Informationen zum Coronavirus und die damit verbundenen Entscheidungen zumindest täglich ändern, werde ich an eine Aussage von Joachim Ringelnatz erinnert: „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht“