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Krafttraining bei Kindern: Müssen wir umdenken?

In Deutschland spricht man davon eher kaum: Krafttraining bei Kindern. In den USA ist das ein wichtiges Thema, mit dem sich sogar das Fachjournal der Kinder- und Jugendärzte Pediatrics regelmäßig befasst.

Das Team um Paul R Stricker von der Sripps Clinic in San Diego, Kalifornien, hat kürzlich neue Leitlinien für das Krafttraining (resistance training) für Kinder und Jugendliche veröffentlicht. Damit liegt eine Revision der letzten Leitlinie der Amerikanischen Akademie für Pädiatrie (AAP) aus dem Jahre 2008 vor.

Aus Sicht der amerikanischen Kinderärzte hat Krafttraining mehr damit zu tun Verletzungen zu verhindern als dass es selbst zu Verletzungen führen würde. Das Krafttraining wird als sehr sinnvoll angesehen, wenn einige Voraussetzungen gegeben sind. Die wichtigste Bedingung ist die Supervision: Ein qualifizierter Trainer muss die Kinder und Jugendlichen einführen und begleiten. Deswegen erstaunt es nicht, dass die meisten Verletzungen im Zusammenhang mit Krafttraining zuhause auf den privaten Geräten passieren.

Desweiteren müssen einige medizinische Voraussetzungen gegeben sein. So sollte in jedem Fall vor Beginn des Trainings eine Untersuchung bei einem Kinder- und Jugendarzt erfolgen. Dabei sind Fragen eines Bluthochdrucks (arterielle Hypertonie) oder von Hinweisen auf ein Anfallsleiden (Epilepsie) zu klären. Bei diesen Erkrankungen ist das Krafttraining möglich, muss aber mit dem Facharzt abgestimmt werden. Bei anderen Erkrankungen wie der hypertrophen Kardiomyopathie oder dem Marfan-Syndrom sollte ein Krafttraining gemieden werden.

Das Krafttraining hat unter diesen Bedingungen mehr damit zu tun Verletzungen zu vermeiden als dass es selbst zu Verletzungen führt. Es verbessert die Muskelkraft und die Muskelausdauer. Das wiederum verbessert die körperliche Beweglichkeit, vermittelt ein besseres Körpergefühl und trägt letztlich zu besserer Koordination bei. In der Summe wird dadurch das Verletzungsrisiko gesenkt. Daneben sind viele weiteren gesundheitlichen Vorteile bekannt, wie die Verbesserung kardiovaskulärer Fitness („Kreislauf“), verbesserte Mineralisation der Knochen und niedrigere Blutfette.

Eine ganz große Bedeutung könnte das Krafttraining für übergewichtige Kinder und Jugendliche haben. Ihr Übergewicht führt dazu, eher herumzuhängen und wenig aktiv zu sein. Dadurch verlieren sie an Fitness und gewinnen an Gewicht. Beim Krafttraining ist Schnelligkeit und Agilität erstmal nicht gefragt. Damit könnten also Übergewichtige ohne Gesichtsverlust starten, ihren Muskelapparat zu trainieren und damit den Fettanteil zu senken. Der Druck bedauernswerte Blicke ertragen zu müssen würde wegfallen. Damit wäre auch die Chance größer, dass sie dabeibleiben und langfristig eine Balance von Nahrungsaufnahme und körperlicher Bewegung erreichen.

Fitness-Studio für Kinder?

Fitness ist seit Jahren in – nicht nur bei Muskelprotzen. Das Fitnessstudio ist im Breitensport
angekommen. Aber ist dieser Sport auch für Kinder geeignet?

Dazu hat der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Michael Fröhlich von der TU Kaiserslautern Stellung bezogen. In seinem Buch „Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen: Hintergründe, Trainingspläne, Übungen“ – erschienen in zweiter Auflage 2011 – und in weiteren Veröffentlichungen geht er auf viele Aspekte von Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen ein.

Während man vor 30 Jahren aufgrund spärlicher Informationen noch vorsichtig war, weiß man heute mehr. Natürlich ist das Fitnessstudio nicht für eine unkontrollierte Nutzung durch Kinder geeignet. Aber unter Anleitung können auch Kinder ab dem Alter von etwa 11 Jahren an Geräte herangeführt werden. Dazu bemerkt Prof. Dr. Fröhlich in seiner Arbeit: “ …. koordinative
Fertigkeitsbasis ausbilden; Aufnahme eines speziellen Ausdauertrainings ist zu empfehlen,
Aufnahme eines gerätegestützten Krafttrainings nur im Verbund geeigneter Geräte, ansonsten sind funktionsgymnastische Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen empfehlenswert“.

Manche Kinder und Jugendliche reizt es, durch Kraftübungen ihre Grenzen auszuloten. Sie stehen damit jedoch im hohen Risiko, sich zu schnell und zu große Gewichte mit teilweise ungünstiger Belastung von Knochen und Gelenken zuzumuten. Anleitung und regelmäßige Kontrolle durch ausgebildete Trainer ist also Grundvoraussetzung für Kraftübungen.

Im Fitnessstudio herrscht eine erstaunliche Toleranz. Kraftprotze akzeptieren die Dicken und die Alten und umgekehrt. Gerade deswegen haben auch Jugendliche, die sonst nicht so sportlich sind gute Chance dort sportlich einzusteigen.

Krafttraining hat manche günstigen Aspekte. Für adipöse Kinder und Jugendliche kann es ein guter Einstieg in den Fettabbau sein. Rücken- und Bauchübungen können helfen, Haltungsstörungen abzubauen, die durch langes Sitzen in Schule und am Bildschirm an Bedeutung zunehmen. Hierfür gibt es einzelne Studien wie die von Avery D Faigenbaum und Mitarbeitern von der Universität Massachusetts in Boston. Sie haben den Einfluss eines kurzzeitigen Trainings sogar bei Kindern von 5 bis 12 Jahren untersucht. Für dies Altersgruppe kommt ein Krafttraining aber nur unter spezieller fachlicher Anleitung (Kinder-Therapeuten) und nur sehr kurzfristig in Frage.

Übrigens: Zuhause erstmal mit Liegestützen oder Kniebeugen anzufangen ist nicht günstig. Meist ist der Reiz für Ungeübte zu hoch. Dadurch können vielfache Probleme an Gelenken und am Halteapparat ausgelöst werden. Gerade bei allen Kraftübungen ist eine fachlich kompetente Anleitung Grundvoraussetzung.