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EXTRA-blättle: Coronaviren bei Kindern (03)

Heilige Corona im Straßburger Münster. Quelle: Heiligenlexikon.de

Vor vier Tagen wurde der Namenstag der Heiligen Corona gefeiert. Ja, die gab es wirklich. Im zarten Alter von 16 Jahren starb sie noch zu Zeiten der Christenverfolgung im Jahre 177 als Märtyrerin. Dabei wurde sie – ohne auf weitere Details einzugehen – zwischen zwei Palmen gespannt. Deswegen wird sie häufig mit einem Palmenzweig dargestellt. Sie ist die Patronin der Schatzgräber und des Geldes.Mit dem Virus hat sie vor fast 2000 Jahren nicht rechnen können.

Corona-Infektionen bei Kindern. Unsere Informationen nehmen stetig zu. Mit der schrittweisen Öffnung der Schulen werden wir bald erfahren, wie sich die Infektionen innerhalb dieser Altersgruppe verhalten. Was wir bisher wissen: Kinder und Jugendliche sind vergleichsweise wenig vom Virus betroffen. Das zeigt auch die aktuelle Graphik des Landesgesundheitsamtes von Baden-Württemberg, in dem jede der blauen Säulen ein Lebensjahrzehnt wiederspiegelt.

Inzidenz (Anzahl pro 100.000 Einwohner in der betreffenden Altersgruppe) der SARS-CoV-2
Fälle in Baden-Württemberg, Stand 15.05.2020 Quelle: LGA BW

Dabei sind Kinder und Jugendliche nur wenig von Erkrankungen mit dem Coronavirus betroffen. Es gibt zunehmende Hinweise, dass die Infektionen unter den Kindern und Jugendlichen – also die horizontalen Infektionen –  selbst häufig stattfinden, in den meisten Fällen aber ohne Krankheitszeichen. Gerade aus Schweden kommen Daten, die dies belegen. Das Problem sind die vertikalen Infektionen: Wenn also ein Kind die Infektion „nach oben“ zu den Eltern oder Großeltern weitergibt.

Daten des Schwedischen Gesundheitsministeriums zur Altersverteilung von Krankheitsfällen (Sjukdomsfall; linke Graphik) und Todesfällen (Avlidna, rechte Graphik), Stand: 12. Mai 2020 Quelle: Socialstyrelsen, Stockholm

Werfen wir eine Blick nach Schweden zu nehmen: Es stimmt, beim offenen Umgang mit dem Coronavirus ohne staatliche Eingriffe sind recht viele Menschen gestorben. Aber: darunter ist nur 1 Kind im Alter bis 9 Jahre und kein Jugendlicher bis 19 Jahre. Und es sind 432 Infektionen bei Kinder und Jugendlichen ab Geburt bis zum 20. Geburtstag erfasst worden bei über 10 Millionen Einwohnern. Diese Daten können Mut machen, Schulen und KiTas zu öffnen. Parallel müssten weitere Maßnahmen diskutiert werden, um Erwachsene und insbesondere alte Menschen zu schützen. Dass Oma und Opa den Enkel aus der KiTa abholen, wird lange nicht möglich sein.

Folgende fünf Themen zum Thema Coronavirus-Infektionen bei Kindern haben wir für Sie aufbereitet:

1. HEROS-Studie untersucht Bedeutung von COVID-19 bei Kindern

Das National Institute of Health (NIH) in den USA hat die Human Epidemiology and Response to SARS-CoV-2 (HEROS) – Studie aufgelegt. Mit deren Informationen sollen die Besonderheiten der Coronavirus-Infektionen bei Kindern aufgeklärt werden. Dazu werden mindestens 6000 Personen aus 2000 Familien untersucht. Die Untersuchung erfolgt prospektiv. Das bedeutet, die Daten werden über zumindest weitere 6 Monate immer wieder erneut erhoben. Somit erfahren wir auch, wie sich Kontakte zu Coronaviren über die nächste Zeit entwickeln.

Sicher kennen Sie noch aus den Nachrichten den Direktor des NIAID (National Institute of Allergy and Infectious Diseases) Anthony S. Fauci. Das ist der freundliche kleine Mann, der als Berater des amerikanischen Präsidenten in Sachen Corona aktiv war und bei dessen Pressekonferenzen sich gelegentlich an den Kopf fasste. Er sagt zum Ziel dieser Studie, was Sie als Leser des praxisblättle schon länger wissen: “One interesting feature of this novel coronavirus pandemic is that very few children have become sick with COVID-19 compared to adults. Is this because children are resistant to infection with SARS-CoV-2, or because they are infected but do not develop symptoms? The HEROS study will help us begin to answer these and other key questions.”

So schätzen wir es ein: Endlich werden die Corona-Erkrankungen bei Kindern in einer Langzeitstudie erforscht. Erste Ergebnisse sind vor Juni jedoch nicht zu erwarten.

2. Corona- Kinderstudie Baden-Württemberg: Ein erster Blick

Auch im Ländle wurde gerade eine Studie aufgelegt, die den Stellenwert von Coronaviren bei Kindern von 1 bis 10 Jahren untersuchen wird. Beteiligt sind alle vier großen Universitätskliniken des Landes in Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm. Geplant ist, insgesamt  2000 Kinder in die Studie aufzunehmen. Diese Studie wirft zunächst nur einen Blick auf die jetzige Situation und untersucht die Kinder nicht langfristig. Wir können absehbarer Zeit damit rechnen, mehr über die Bedeutung der Coronaviren bei Kindern in unserem Land zu erfahren. Mit solchen Daten wird es für die die Politik einfacher, Entscheidungen über die Öffnung von KiTas, Schulen und anderen Angeboten für Kinder zu treffen.

3. Selten heißt nicht harmlos: Schwere COVID-19 bei Kindern

Es gibt zunehmend Veröffentlichungen über COVID-19-Verläufe bei Kindern. Schwerste COVID-19-Erkrankungen auf 46 Intensivstationen in den USA und Canada hat eine Studie um Lara S. Shekerdemian und Mitarbeiter dokumentiert, die von Mitte März bis Anfang April  stationär aufgenommen wurden. Es handelt sich um 48 Kinder, von den 83% eine Grunderkrankung hatten. Von allen Kindern wurden 73% wegen  Atemproblemen vorgestellt, 18 (38%) mussten beatmet werden.  Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren zwei Kinder verstorben, vier weitere waren noch in sehr kritischen Zustand. Damit liegt die Rate der tödlichen Verläufe einer Intensivbehandlung von Kindern mit COVID-19 unter 5%, während sie bei Erwachsenen immer über 50% liegt. Bis zum 28. April 2020 verstarben am Corona-Virus 8 Kinder unter 14 Jahren. An der Influenza (Grippe) verstarben in der Saison 2019/2020 deutlich mehr, nämlich 169 Kinder in der gleichen Altersgruppe.

So schätzen wir es ein: Kinder erkranken eher selten an COVID-19. Aber auch bei Ihnen gibt es schwerste Verläufe mit Todesfolge, jedoch deutlich seltener als bei Erwachsenen. Und es sind  weit weniger Todesfälle als bei der Grippe, deren Todesrate allein in diesem Jahr 10 x höher lag.

4. Atypische Kawasaki-Syndrome?

Die ersten Berichte über das Kawasaki-Syndrom haben weitere Veröffentlichungen ausgelöst. Besonders überraschend ist die Arbeit von Luico Verdoni und Mitarbeitern aus Bergamo, wo das Coronavirus heftig gewütet hatte. Sie berichten von einer 30-fachen Häufigkeit des Kawasaki-Syndroms mit zwei Unterschieden:

  • Die Diagnose des Kawasaki-Syndroms wird am gleichzeitigen Auftreten verschiedener Symptome gestellt. Die Verläufe in Bergamo, erfüllen diese strengen Kriterien nur in der Hälfte der Erkrankungen
  • Die Krankheitsverläufe sind oft deutlich heftiger als bei den bisherigen Verläufen
  • Beim typischen Kawasaki-Syndrom erkranken Kleinkinder. Bei den jetzt beschriebenen liegt das Durchschnittsalter bei 7.5 Jahren.

Aus anderen Ländern kommen ähnliche Daten. Auch sie berichten von schweren Verläufen die dem Kawasaki-Syndrom ähneln und zeitversetzt nach einer Coronainfektion auftreten. Deswegen nennen sie das Krankheitsbild auch atypisches Kawasaki-Syndrom. Die Amerikaner sprechen vom „pediatric multi-system inflammatory syndrome“, das alleine in New York 85 Mal vorkam mit 3 Todesfällen. Für Deutschland stehen vergleichende Daten noch aus.

5. COVID-19 bei Kindern mit Krebs

Bei den dramatischen Meldungen , gehen gute Nachrichten gehen fast unter. Aber es gibt sie. Kinder und Jugendliche mit Krebs sowie deren Eltern können sich aber freuen. Erste Daten aus New York zeigen, dass eine Krebserkrankung im Kindesalter wohl kein Risikofaktor ist, um häufiger an COVID zu erkranken. In ihrer Studie haben dies Farid Boulad und Mitarbeiter vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in Manhattan belegt. So wurden von allen Kindern, die selbst Symptome von COVID-19 zeigten oder Kontakt zur COVID-19-Erkrankten hatten 29,3% positiv auf das Virus getestet. Bis auf eines konnten aber alle Betroffenen ambulant behandelt werden und hatten einen milden Verlauf.

Von allen 120 Kinder ohne Kontakt zu Coronaviren und ohne Symptome für COVID-19 wurden nur 3 (2,5%) positiv auf das SARS-CoV-2 getestet. Bei deren Eltern betrug diese Rate jedoch 17,6%. Das bedeutet, dass Kinder mit einer Krebserkrankung auch dann kaum an COVID-19 erkranken, wenn ihre Eltern mit dem Virus behaftet sind.

Unser Immunsystem

Das Wort Immunsystem geht den meisten Menschen locker über die Lippen. Schaut man das Immunsystem näher an wird klar, dass ein solch komplexes System nicht mit einfachen Mitteln gestärkt oder geschwächt werden kann.

Im Immunsystem arbeiten unzählige Strukturen miteinander. Ihre Aufgabe ist es, unerwünschte oder gar aggressive Eindringlinge davon abzuhalten sich im Körper breit zu machen. Diese Angreifer selbst sind aber auch gewieft und können wie trojanische Pferde getarnt in den Körper eindringen, um ihm dann zu schaden. In den Schlachten – um in der Militärsprache zu bleiben – die sich die Angreifer (wie Viren) mit dem Immunsystem liefern geht es heftig her. Und es kommt manchmal auch zu Schäden, Kollateralschäden. Die Abwehr von Angreifern gelingt manchmal nicht ohne dass der Körper selbst Schaden nimmt. Das zeigen uns schwere Krankheiten regelmäßig.

Das Immunsystem wird in zwei Bereiche eingeteilt. Da ist zum einen die unspezifische Immunabwehr. Sie ist angeboren und hat die Aufgabe, Infektionen abzuwehren, indem sie unspezifisch gegen alle Krankheitserreger ausgerichtet ist. Zum anderen gibt es die spezifische Immunabwehr, im angloamerikanischen auch adaptives oder erworbenes Immunsystem genannt. Dieser Teil des Immunsystems lernt aus Erfahrungen, die er mit Krankheitserregern oder auch Krebszellen gemacht hat. Beim Kontakt mit diesen Eindringlingen (Antigen) oder Krebszellen bildet das erworbene Immunsystem sogenannte Antikörper aus. Das sind Y-förmige Eiweißstrukturen, die bestimmte Antigene – unabhängig davon ob sie im Blut schwimmen oder auf Zellen aufsitzen – erkennen und danach eine Abwehrreaktion des Körpers auslösen. Auf diesem Mechanismus beruht das Prinzip einer Kinderkrankheit: Dabei handelt es sich um höchst ansteckende Erkrankungen. Wer einmal davon betroffen wird bildet Antikörper aus, die später ein erneutes Auftreten der Krankheit verhindern. Kurzum: einmal erkrankt entwickelt der Körper eine spezifische Immunantwort um diese spezielle Krankheit künftig zu verhindern.

Das Immunsystem ist auch in der Lage Krebszellen zu erkennen. Dabei erkennt es auf der Oberfläche dieser Zellen sog. Tumorantigene als fremd und greift die betreffende Zelle als fremdartig an. Das geht natürlich nur, wenn die Krebszelle sich eindeutig von anderen Körperzellen unterscheidet. Zum Glück ist das meistens so, so dass das Immunsystem täglich im Kampf gegen Krebs erfolgreich ist, indem es auffällige Zellen sofort niedermacht. Manchmal macht es auch des Guten zuviel, beispielsweise bei den Autoimmunerkrankungen. Dann greift das Immunsystem körpereigene Zellen an und schadet sich ohne Grund selbst.

Nur selten tritt eines der beiden Immunabwehrsysteme – angeboren oder erworben – alleine auf. Meist handelt es sich um ein fein abgestimmtes Miteinander. Dabei arbeiten verschiedene Zellen (Th1, Th2, NK-Zellen u.a.), Botenstoffe (Interleukine u.a.), Gewebe und Organe zusammen. Die wichtigsten Zellen sind hierbei die T-Lymphozyten, die unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben und die von den sog. regulatorischen T-Zellen im Gleichgewicht gehalten werden. Das ganze Netzwerk wird logistisch von den Blutbahnen und Lymphgefässen unterstützt, aber auch von natürlichen Grenzen wie der Haut, der Schleimhaut oder der Blut-Hirn-Schranke. Und auch vom Mikrobiom. Darunter versteht man ein Zusammenspiel von Millionen von Erregern, die sich beispielsweise im Darm, auf der Haut und auf der Bronchialschleimhaut finden.

Gerade in den letzten Jahren wurden hier enorme Fortschritte im Verständnis erzielt. Dabei zeigte sich die außerordentliche Komplexität des Immunsystems, über deren Eigenheiten wöchentlich neue Informationen gewonnen werden. Diese ermöglichen inzwischen deutlich gezieltere Therapien nicht nur bei Infektionskrankheiten, sondern ganz besonders in der Behandlung gewissen Krebsformen. Dort gelingt es der Medizin inzwischen mit sehr pfiffigen Ansätzen, gewisse Tumorzellen zu enttarnen und sie dann gezielt abzutöten.

HPV-Impfung – Krebs vermeiden!

Bisher läuft diese Impfung unter dem sperrigen Namen „Gebärmutterhalskrebsimpfung“. Schwer auszusprechen und mühsam fehlerfrei zu schreiben. Nebenbei ist das Wort auch nicht korrekt. Denn die genannte Impfung hilft gegen Gebärmutterhalskrebs, Scheidenkrebs, Analkrebs, Peniskrebs, Zungen-/Rachen-/Halskrebs. Und Gebärmutterhalskrebs und Peniskrebs schließen sich sicher aus. Was nun?

Wir Mediziner nennen diese Impfung HPV-Impfung. Humanes (menschlich) – Papilloma (warzenartiger Tumor) –Virus. Von diesen HP-Viren gibt es viele Untertypen, 12 davon sind mit einem hohen Risiko verbunden nach Jahrzehnten zu bösartigen Tumoren zu führen. Die Übertragung ist fast ausschließlich sexuell über Haut oder Schleimhäute. Oft findet die Infektion in den ersten Jahren sexueller Aktivität statt. Sie betrifft immerhin 80% aller Menschen.

Oft kommen Informationen über Impfstoffe von Impfstoffherstellern (Pharmafirmen). Das hinterlässt ein Gschmäckle. Bei diesem Impfstoff gegen HP-Viren liegt nun ein unabhängiger und informativer Flyer des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte vor. Verständlich in der Sprache und klar klärt er über den Sinn und mögliche Risiken dieser Impfung auf. Er sei allen empfohlen, die sich über diese wichtige Chance, Krebs zu verhindern informieren wollen.