Schlagwort: Masernimpfung

Masern – ein aktuelles Merkblatt

Die Viren machen krank, die Folgen der Vorsichtsmaßnahmen manchmal auch. Eltern erleben durch diese Pandemie täglich neuartige Probleme infolge COVID-19. Denn noch immer ist die soziale Distanz die wirksamste Maßnahme. Eine wirksame Therapie oder Impfung gegen das Virus steht noch nicht zur Verfügung. In den letzten Tagen haben sich einige Hoffnungen auf eine Therapie zerschlagen (z.B. beim Malaria-Medikament Chloroquin). Neue Hoffnungen machen die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung.

Die Masern haben mit COVID-19 gemein, dass auch sie eine schwerwiegende Infektion mit Viren darstellen. Auch gegen Masern gibt es keine medikamentöse Therapie. Aber, es gibt eine hochwirksame Impfung, die es gegen das Coronavirus (noch) nicht gibt.

Gerade hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)  eine Patienteninformation zur Masern-Impfung herausgebracht, die umfassend und klar formuliert ist.

Das ist eine Hilfe für alle Eltern, die noch unsicher sind, ob und warum sie ihre Kindern gegen diese Krankheit impfen lassen sollten. Zeit zum Lesen haben Sie vermutlich jetzt mehr als genug. Und es macht auch Sinn, die Kinder (und sich selbst?) jetzt gegen Masern impfen zu lassen.

Welches Risiko haben Säuglinge an Masern zu erkranken?

Kinder in Deutschland werden gemäß dem aktuellen Impfplan der STIKO (Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut) im Alter von 11 bis 14 Monaten erstmals gegen die Masern geimpft. Der Zeitpunkt ist so gewählt, weil man davon ausgeht, dass Kinder zuvor über mütterliche Abwehrstoffe (Antikörper) vor Masern geschützt seien. Diese werden während der Schwangerschaft auf das Kind übertragen. Aber reicht die Wirkung der mütterlichen Antikörper tatsächlich bis zur geplanten Impfung?

Eine Studie aus Kanada lässt nun Zweifel aufkommen. Die Forschergruppe um Michelle Science aus Toronto untersuchte die schützenden Antikörper gegen Masern bei Säuglingen. Bei den knapp 200 untersuchten Säuglingen fand sie, dass im Alter von 1 Monat 80% von aller Säuglinge einen sicheren Schutz vor Masern hatten. Im Alter von 3 Monaten waren es nur noch 8%, während mit 6 Monaten kein Säugling mehr über einen ausreichenden Schutz gegen Masern verfügte. Damit steht zu befürchten, dass Säuglinge über viele Monate vor der ersten Impfung nicht vor Masern geschützt sind.

Die untersuchte Gruppe von Säuglingen ist mit 196 Säuglingen klein. Aber das Ergebnis muss uns wachsam machen. Bisher dachten wir, dass Kinder bis zur ersten Masernimpfung in den meisten Fällen gut geschützt seien. Das sind sie vermutlich nicht. Das sollten alle Eltern wissen, in deren Umgebung ein Masernausbruch auftritt. Und das sollte auch bei Reisen in ferne Länder beachtet werden.

MMR-Impfung – gegen Masern, Mumps und Röteln

Diese Impfung wird im Praxisalltag häufig kontrovers diskutiert. Solange, bis die ersten Kinder regional an Masern erkranken. Dann ist der Impfstoff plötzlich schnell gefragt. Das ist ein menschliches Phänomen, dem wir oft unterliegen. Wie im Autoverkehr, wenn Lastwagen an Kreuzungen häufig Fahrradfahrer oder Fußgänger überfahren, wie schon mehrfach in diesem Jahr in Berlin. Erst wenn etwas passiert ist, reagieren wir.

Besser ist natürlich, sich in Ruhe zu informieren, bevor unter einem äußeren Druck entschieden werden muss. Dazu einige Anmerkungen:

Masern sind doch nur eine Kinderkrankheit – ?

Masern werden manchmal im Internet eher harmlos dargestellt. Als Krankheit sind sie brutal. Zum Glück treten sie in Deutschland nur sporadisch auf, weil die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist. Im Jahre 2016 hatten immerhin 92.2% der Kinder bundesweit zwei  Masernimpfungen erhalten. Damit waren sie vollständig geimpft. Die geringste Quote wurde übrigens – wie schon früher – im Ländle registriert. In Baden-Württemberg lag sie mit 89.5% am niedrigsten.

Die Bezeichnung Kinderkrankheit kommt daher, dass in der Zeit vor den Impfungen weitgehend alle Kinder daran erkrankten, weil diese Erkrankungen eine enorme Ansteckungsfähigkeit (Kontagionsindex) haben. Das bedeutet, schon bei einem flüchtigen Kontakt erkranken fast 100% aller Menschen, die der Krankheit noch nie begegnet sind. Der Begriff sagt aber nichts über die Schwere der Erkrankung aus.

Abbildung 1. Impfquoten verschiedener Infektionserkrankungen im Vergleich über die Jahre 2006, 2011 und 2017 (Stand April 2018) Foto: RKI

Die Impfung ist gefährlich?

Eltern überzeugen sich vor jeder Impfung, dass der Nutzen der Impfung bedeutend höher liegt als die mit der Impfung verbundenen Risiken. Das machen sie aus Verantwortung für ihre Kinder, für die sie das beste wollen. Dennoch ist über Impfungen teilweise ein Streit entstanden, bei dem der Austauch von Argumenten mit den Fanatikern nicht mehr gelingt. So kam auch vor 20 Jahren der Verdacht auf, die Impfung würde Autismus hervorrufen. Der Brite Andrew Wakefield hatte dies in einer 1998 erschienen Arbeit behauptet. Nur, Veröffentlichung war in  wesentlichen Teilen manipuliert und später wurde deswegen später zurückgezogen. Die Gegenüberstellung von Risiken der Erkrankung Masern gegenüber der MMR-Impfung haben C. Meyer und S. Reiter vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gut zusammengefasst (die Tabelle ist dieser Publikation entnommen)

Abbildung 2. Gegenüberstellung von Komplikationen der Masern (als Erkrankungen) und der MMR-Impfung. Foto. Bundesgesundheitsblatt, 2004

Warum soll zweimal geimpft werden?

Jede Impfung versucht dem Immunsystem vorzutäuschen, ein echter Krankheitserreger wäre in den Körper eingedrungen. Der Masern-Impfstamm ist den Masern sehr ähnlich. Die krankmachende Wirkung ist aber deutlich abgeschwächt. Dennoch kommt es vereinzelt zu unerwünschten Wirkungen (siehe Abbildung 2), die aber deutlich seltener und schwächer als bei der Krankheit Masern auftreten.

Ebenso lässt sich das Immunsystem durch diesen abgeschwächten Keim nicht zu 100% täuschen. Die Impfung ist also nicht zu 100% wirksam. Die Studien zeigen, dass erst durch die zweite Impfung ein Schutz von 93% – 99% erreicht werden kann. Die erfolgreich Geimpften sind nach bisheriger Studienlage vollständig geschützt. Und wenn genug Menschen vollständig geschützt sind (um die 95%), dann sind auch die übrigen – rein statistisch – geschützt. Sollte von denen einmal einer erkranken, wird sich die Krankheit nicht im Schneeballsystem ausbreiten.  Somit können indirekt auch Menschen geschützt werden, die einen Immundefekt haben und für die eine MMR-Impfung sogar gefährlich sein kann. Wer sich zweimal mit MMR impft, schützt also sich selbst und auch seine Umgebung. Das ist die soziale Komponente.

Wann erfolgen die Impfungen?

Ideal ist, nicht zu früh zu impfen. Nahezu alle Neugeborenen haben einen Schutz gegen die Masern, der sicher 6 Monate anhält. Danach schwindet er langsam. Ab dem 11. Monat kann davon ausgegangen werden, dass der übrig gebliebene Schutz des Babies den Impfstoff nicht mehr angreifen kann. Erst ab diesem Alter ist sicher, dass der Säugling einen eigenen Impfschutz mit dem MMR-Impfstoff aufbauen kann. Die Empfehlung für die Impfung laut RKI ist:

  • 1. MMR-Impfung im Alter von 11-14 Monaten 
  • 2. MMR-Impfung im 2. Lebensjahr im Alter von 15-23 Monaten durchführen zu lassen

Die vielen Masernausbrüche in der Welt bestätigen es immer wieder. Dort, wo Masern aus Armut nur unzureichend geimpft sind (Beispiel Madagaskar) erkranken innerhalb weniger Monate um die 100.000 Menschen, von denen etwa 1000 – ja, die Nullen sind richtig gesetzt – sterben. Dort, wo ein neuer Impfstoff zu früh eingesetzt wird und neue Nebenwirkungen die Menschen verunsichern und zur Ablehnung aller Impfungen führen (Beispiel Philippinen nach der Dengue-Impfung), passiert das gleiche. Bei uns in Europa führt der Wohlstand manchmal zur Überheblichkeit. Da jedoch (siehe oben oder in diesem herrlichen Video von der technischen Universität in Wien) die meisten Menschen geimpft sind, schützen diese die Verweigerer.