Schlagwort: Nahrungsmittelallergie

Was geht rum? 01. Februar 2020

Gut versteckt hinter den Coronaviren kommen die Influenzaviren fast unbemerkt daher. Ihre Ansteckung ist grösser, auch das Risiko daran zu versterben. Es scheint, als hätten wir uns zumindest medial schon an  die Grippewelle gewöhnt.

Konsultationsindex. Er zeigt, wie oft Menschen in Baden-Württemberg wegen Atemwegsinfektionen den Arzt aufsuchen Foto: AG Influenza

Die Daten für Deutschland zeigen, dass im Vergleich zu den letzten Jahren die Zahl der Grippekranken in diesem Jahr schon recht hoch liegt. Auch in Baden-Württemberg ist die Zahl der nachgewiesenen Grippefälle massiv nach oben geschnellt, parallel auch die Erkrankungen der Atemwege überhaupt, wie die Graphik gerade für die Kinder im Infektalter (hellgrün; 0-4 Jahre)  zeigt. Besonders betroffen sind die Städte um Stuttgart herum (Böblingen, Esslingen und Ludwigsburg). Auch hier gilt übrigens: aufs Händeschütteln verzichten und öfter mal die Hände waschen schützt.

Pollendaten für die Hasel an der Messstation Basel. Foto: pollenundallergie.ch

Sich gegen die Pollen zu schützen ist schon schwieriger. Das schafft am besten das Wetter wie die Graphik für den Oberrhein (Basel) deutlich macht. Der Pollenflug war in diesem Jahr sehr früh und sehr stark, aber die letzten 10 Tage war weniger los. Hohe Temperaturen am Wochenende und der Wind werden die Lage nun wieder ändern.

Nochmal zurück zu den Coronaviren. Täglich werden uns neue Zahlen über Neuerkrankungen und Todesfälle mitgeteilt. Die neuesten Informationen versuchen wir zeitnah in unseren Artikel im praxisblättle vom Montag einzuarbeiten. Es scheint, dass Kinder nicht sehr stark betroffen sind. Für Kinder in Baden-Württemberg dürfte das Risiko also trotz allem extrem gering sein.

Es gibt natürlich noch viele andere Krankheiten, die Kindern zusetzen. In „Konkurrenz“ zur Influenza gibt es Infektionen mit RSV (respiratory syncytial virus). Diese Erkrankung kommt immer wieder parallel zur Influenza vor. Bei einer RSV-Infektion kommt es meist zu Fieber um 38 – 39 Grad (also meist weniger als bei der Grippe), aber im Gegenzug zu mehr Beschwerden der Atemwege. Da insbesondere die kleinsten Bronchien („Bronchiolen“) betroffen sind, sind es Säuglinge und Kleinkinder, die besonders leiden müssen. Die Möglichkeiten von Medikamenten sind leider beschränkt, weswegen immer wieder stationäre Behandlungen erforderlich sind, um eine ausreichend Sauerstoff- und Flüssigkeitsversorgung sicherzustellen.

Die Größeren Kinder und Jugendliche sind regional von der Mononukleose (Pfeiffer’sches Drüsenfieber) häufiger betroffen. Diese Krankheit verläuft – wie auch die Infektion mit den Coronaviren – öfter asymptomatisch. Es gibt also Jugendliche, die die Krankheit durchmachen ohne es zu merken. Andere sind schwer krank. In einem Betrag des praxisblättle können Sie sich über Details informieren.

Seit gestern ist in den USA erstmals eine Therapie zur Abschwächung des Risikos einer  Anaphylaxie (schwerer allergischer Schock) zugelassen. Das Medikament heißt Palforzia und ist bei Erdnussallergie für Kinder und Jugendliche von 4 bis 17 Jahren zugelassen. Weitere Details finden Sie in englischer Sprache hier in einer Stellungnahme der Food and Drug Administration (FDA). In Kürze werden wir dieses Thema auch im praxisblättle behandeln. Auf deutsch. Nur so viel sei verraten: Die Zulassung ist wirklich ein großer Schritt für allergische Kinder und Jugendlich, aber zunächst nur für sehr wenige von ihnen.

Was geht in der Welt rum? Noch ist Afrika nicht von den Coronaviren betroffen. Wohl aber von Malaria, was für die Menschen dort extrem gefährlich ist. Bedingt durch die Regenzeit ist das beliebte Reiseziel Sansibar seit Monaten stark von der Malaria betroffen. Deswegen ist neben den allgemeinen Maßnahmen (Anwendung von DEET u.a.) eine Malariaprophylaxe wichtig.

TIPP Elternratgeber Anaphylaxie

Die schlimmste Ausprägung einer Allergie ist die Anaphylaxie – in Deutsch: der allergische Schock. Dieser stellt eine Überreaktion des Organismus dar, der auf an sich harmlose Stoffe wie Nüsse oder einen Bienenstich unangemessen heftig reagiert. In der Summe hilft er sich selbst überhaupt nicht. Vielmehr verursacht die Überreaktion eine rasche Ausschüttung von aktiven Botenstoffen wie Histamin, die den gesamten Körper in Gefahr bringt. Kurzum: Der Körper reagiert zu heftig und gefährdet sich dabei selbst massiv.

Eine Anaphylaxie kann auf verschiedenste Reize hin erfolgen. Für Kinder und Jugendliche sind dies meist allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel (Nüsse, Ei, Fisch und andere), Insektenstiche (vorwiegend Biene oder Wespe) und Medikamente.

Kurz und prägnant sind die wichtigsten Informationen im Elternratgeber Anaphylaxie der GPS (Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin) zusammengefasst.

Bei Anaphylaxien ist eine enge Zusammenarbeit mit der/m Kinder- und Jugendärztin enorm wichtig. Neben der medizinischen Bewertung geht es auch um verschiedene Fragen: Ist eine Schulung sinnvoll oder notwendig? Sollte der Kindergarten oder die Schule informiert und für einen möglichen Notfall geschult werden? Müssen Medikamente ständig vorgehalten werden?

Käse im Kleinkindesalter schützt vor Neurodermitis

Die Neurodermitis ist eine chronische Hauterkrankung. Häufig beginnt sie bereits im Säuglingsalter und ist wegen ihres typischen Juckreizes eine schwere Belastung für das betroffene Kind und seine Eltern. Wegen der vielschichtigen Ursachen ist eine hilfreiche Therapie eine große und wichtige Herausforderung.

Bisherige Forschungen haben gezeigt, dass die Umgebung vor und nach Geburt einen bedeutenden Einfluss auf die Neurodermitis – oder atopische Dermatitis (AD) wie wir Mediziner sagen – hat. Dazu zählt auch der Ort, an dem Kinder aufwachsen. Als günstig hat sich das Leben auf dem Bauernhof erwiesen mit engem Kontakt zu Tieren und Konsum von Milchprodukten.

Eine wichtige Studie in der Erforschung der allergischen Erkrankungen von Kindern ist die PASTURE study, die seit 2002 Kinder aus ländlichen Regionen in Europa (Österreich, Finnland, Frankreich, Deutschland, Schweiz) fortlaufend untersucht, um das Risiko für eine atopische Dermatitis (AD) besser zu verstehen. Im Rahmen dieser Studie wurden 931 Kinder von Geburt bis zum Alter von 6 Jahren beobachtet in Bezug auf den Konsum von Käse.

Dabei zeigte sich, dass der Verzehr von Käse im Alter von 18 Monaten einen schützenden Effekt in Bezug auf das Auftreten einer Neurodermitis hatte. Das Risiko für die Entwicklung dieser Erkrankung war für Kinder, die Käse gegessen hatten um 36% geringer als bei denen die keinen Käse aßen. Gerade Kinder, die verschiedene Käse aßen (das galt insbesondere für die französischen Kinder) hatten einen besonders guten Effekt. In aller Regel wurde Käse 1 bis 6 Mal pro Woche verzehrt.

Der Käsekonsum verringerte auch das Risiko für die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie um fast 50%. Es zeigte sich auch eine günstige Tendenz in Bezug auf die Entwicklung von Asthma und Heuschnupfen. Der Effekt war aber statistisch nicht eindeutig.

Die PASTURE – Studie belegt also, dass der Verzehr von Käse im Alter von etwa 18 Monaten günstig ist, um die Entwicklung von Neurodermitis oder einer Nahrungsmittelallergie zu verhindern.

Neue Wege in der Therapie von Nahrungsmittelallergien

Allergien gegenüber Nahrungsmitteln sind für Betroffene nicht nur lästig sondern vielfach auch gefährlich. Mit der Allergenverordnung (Lebensmittel-Informationsverordnung (LMIV)) hat sich der Alltag für allergische Kinder und Jugendliche – und deren Eltern ! – zum Besseren gewendet.

Abbildung 1. Prof. Dr. Hugh Sampson, New York.

Eine effektive Therapie einer Nahrungsmittelallergie ist aber immer noch ein Traum. Eine Forschergruppe um den weltweit anerkannten Experten Hugh Sampson aus New York hat einen weiteren Schritt gewagt. Sie untersuchten, ob ein Epikutan-Pflaster mit einer gewissen Menge an Erdnuss-Allergen zu einer höheren Toleranz für verzehrte Erdnüsse bei bekannten Erdnuss-Allergikern bringen würde. Sie untersuchten 221 Personen im Alter von 6-55 Jahren, die in vier Gruppen aufgeteilt entweder 50, 100 oder 250µg Erdnusseiweiß oder Placebo als Pflaster auf die Haut geklebt bekamen. Diese „Pflastertherapie“ wurde ein Jahr lang durchgeführt.

Es zeigte sich dass besonders Kinder im Alter von 6-11 Jahren positiv auf die Therapie ansprachen. Sie vertrugen zu über 50% nach einem Jahr Therapie entweder mehr als die 10-fache Allergendosis oder mehr als 1 Gramm Erdnussallergen. Dieser Effekt war bei Jugendlichen und Erwachsenen nicht nachweisbar.

Prof. Dr. Sampson – wie immer bescheiden zurückhaltend – fasst zusammen: „Wir fangen  gerade an die Bedeutung des Immunsystems der Haut zu ….. zu verstehen“. Schauen wir mal, ob sich dieser Weg als sinnvoll herausstellt und wir Nahrungsmittellallergien mit einem Pflaster behandeln können.

Nahrungsmittelallergie: Kann sie beim Kind verhindert werden?

Zugegeben, der im Folgenden erwähnte Artikel ist für einen Nichtmediziner keine leichte Kost. Deswegen sollen die wesentlichen Ergebnisse hier zusammengefasst werden.

Abbildung 1. GRADE. Der Versuch die Evidenz vorliegender Daten in aktive Empfehlungen umzusetzen. Foto: JACI in Practice

Die Autoren Paul J. Turner, Dianne E. Campbell, Robert J. Boyle und Michael E. Levin aus London, Sydney und Kapstadt haben sich die Mühe gemacht, die neuesten Erkenntnisse über Nahrungsmittelallergien in klare Empfehlungen für Patienten zusammenzufassen. Dabei haben die Autoren von den drei Kontinenten das Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation (GRADE) angewandt (schematisch in Abbildung 1 dargestellt)

Was ist günstig?

  • Einnahme von Fischöl in der Schwangerschaft. Dies senkt nachweislich das Risiko für die Entwicklung einer Allergie gegen Ei auf fast die Hälfte. Dies ist mit mässiger Sicherheit erweisen („moderate“).
  • Probiotika in der Ernährung des Säuglings können das Risiko für die Entwicklung einer Milcheiweißallergie senken. Die Belege hierfür werden als gering („low“) eingeschätzt.
  • Erste Einführung von Hühnerei in die Kost des Säuglings im 5. oder 6. Lebensmonat senkt das Risiko für eine Eiallergie fast auf die Hälfte („moderate“)
  • Erste Einführung von Erdnuss in die Kost des Säuglings im 5. – 12. Monat senkt das Risiko für eine Erdnussallergie fast auf ein Drittel („moderate“)

Wofür ist kein Nutzen gesichert?

  • Mütterliche Diät in der Schwangerschaft und Stillzeit
  • Probiotika für die Mutter in der Schwangerschaft und Stillzeit.
  • Vorbeugende Ernährung eines Säuglings mit hypoallergener Nahrung (partiell oder extensiv)
  • Prebiotika für den Säugling

Dies sind Empfehlungen aus den angloamerikanischen Ländern. Da unsere Ernährung in Bezug auf die Erdnuss eine andere ist, würde man in Deutschland eher nicht dazu neigen, bewusst die Erdnuss im Säuglingsalter anzubieten. Sollten in der Kost Spuren von Erdnuss enthalten sein, ist das andererseits aber auch nicht unbedingt ein Risiko.