Schlagwort: Panik

Was geht rum? 01. August 2020

Es scheint, dass Party und Panik den neuen Umgang mit dem Coronavirus bestimmen. Beides ist nicht zielführend. Für Sie als Eltern ist wichtig, dass nach heutigem Stand kein besonderes Risiko von Kindergärten oder Schulen für Ihre Kinder ausgeht. Die überwiegende Zahl von erkrankten Schülern haben die Infektion durch eine Ansteckung von außen in die Schule hinein getragen. So kam es laut Landesgesundheitsamt seit Beginn der zu 78 Corona-Infektion bei Schülern. Durch die akribische Arbeit der Gesundheitsämter („Ermittlung von Kontaktpersonen“) konnten echte Ausbrüche in Schulen verhindert werden.

Abstand und Maske. Das ist kurz und knapp, was uns vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützt. Eine neue Untersuchung zeigt, dass selbstgenähte Masken gewisse Anforderungen erfüllen sollten: Am besten sollten sie aus 2 Lagen Stoff bestehen. In ruhigen Situationen (wie Gesprächen) gibt eine einfache und einlagige Maske durchaus einen spürbaren Effekt. Aber spätestens beim Niesen und Husten ist nur die 2-lagige Maske in der Lage, die Tröpfchen-Verbreitung aufzuhalten. Es lohnt sich, die Original-Publikation von Paatrek Bahl und Mitarbeitern aus Sydney (Australien) wegen der graphischen Darstellungen anzusehen.

Die Juli-Infektwelle mit Schnupfen in Kindergärten und Schulen scheint abzuebben. Mit den Ferien gibt es weniger Chancen sich anzustecken. Auch bei den Kinderkrankheiten kommen seit Wochen fast nur gute Nachrichten. Der Keuchhusten kommt spürbar seltener vor als im letzten Jahr. Grund hierfür dürften die AHA – Regeln ( Abstand + Hygiene + Alltagsmaske) sein. An diese Regeln sollten wir uns weiter konsequent halten.

Neuerkrankungen an FSME in Baden-Württemberg. Die blauen Säulen geben die Fälle pro Kalenderwoche wieder. Die hellblaue Fläche gibt die maximalen und minimalen Fallzahlen der letzten 10 Jahre an. Quelle: Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg

Besorgniserregend sind die Erkrankungszahlen bei der FSME: Früh-Sommer-Meningo-Encephalitis. Sie erreichen in einem Ost-West-Gürtel vom Landkreis Ravensburg bis in den mittleren Schwarzwald sehr hohe Neuinfektionen mit bis zu 14 pro 100.000 Einwohner. Auch wenn dies Kinder weniger betrifft als Erwachsene, sollte mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt überlegt werden, ob eine Impfung regional wichtig ist. Empfohlen ist sie für das Land-Baden-Württemberg ohnehin (ab dem Alter von 1 Jahr).

Für Pollenallergiker gibt es keine neuen Nachrichten. Pollen fliegen weiterhin. In höheren Lagen herrschen die Gräserpollen vor, in tieferen fliegen Spitzwegerich und inzwischen auch Beifußpollen. Besondere Änderungen sind über die nächste Woche nicht zu erwarten

Was geht in der Welt rum? In den letzten Wochen trat das West-Nil-Fieber in Rumänien und in Griechenland auf. Das Virus kommt über Zugvögel aus den Tropen nach Europa und betrifft viele Länder, wie die Karte des ECDC zeigt. Die Übertragung erfolgt über infizierte Stechmücken – selten – auch auf den Menschen. Beim Menschen tritt in 20% nach einer Infektion eine grippeähnliche Erkrankung auf. In Deutschland kam es erstmals im letzten Jahr zu einer West-Nil-Infektion. Eine Impfung gibt es nicht, im Zentrum steht der Mückenschutz.

Für alle, die sich auf Reisen möchte ich hier nochmal die Einreisebestimmungen und Corona-Regeln für die Europäische Union zur Lektüre empfehlen. Auf diesem Terrain ändern sich manche Dinge täglich. Es lohnt sich also, mehrfach vor dem Urlaub nachzusehen.

Ich wünsche Ihnen ein schattiges Sommer-Wochenende und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr

Peter Th. Wolff

Was geht rum? 14. März 2020

Vermutlich nimmt bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Verwirrung in diesen Tagen täglich oder stündlich zu. Nun hat sogar der Vatikan die Schließung aller katholischen Kirchen in Italien verfügt. Seltsame Zeiten. Nein, das ist keine Science Fiction. Wir erleben eine Krankheit, COVID-19 genannt, die sich über den Erdball ausbreitet. Und gleichzeitig erleben wir persönlich von dieser Krankheit in den meisten Fällen nichts. Außer den Folgen von Sorgen, Angst oder Panik. Was sollen wir also glauben? Hier dazu sechs Fakten.

Erstens. Der amerikanische Präsident hat den Schuldigen gefunden. Das SARS-CoV-2 Virus sei ein „ausländisches Virus“. Sehr praktisch. In der Geschichte gab es mehrfach Versuche, „Ausländer“ zu brandmarken. Zum Beispiel die Syphilis (Geschlechtskrankheit). Die Franzosen nannten sie seinerzeit „englische Krankheit“, die Engländer „französische Krankheit“. Grenzen können nicht effektiv geschlossen werden, weder damals, noch heute. Es ist für uns wenig bedeutsam, wo das Coronavirus herkam. Wichtig ist, es breitet sich weltweit aus. Und wir sollten dazu beitragen, dass diese Verbreitung weniger heftig verläuft.

Zweitens. Länder sind unterschiedlich organisiert und haben Gesundheitssysteme, die mal besser, mal weniger gut aufgestellt sind. Das erklärt zum Teil, warum die Erkrankungsfälle und Todesfälle von Land zu Land so stark variieren. Aber eben nur zum Teil. Großteils wissen wir und unsere Experten noch zu wenig über diesen Erreger. Aber wir alle lernen täglich dazu.

Wasser und Seife – alles was es braucht, um das Risiko für Ansteckung drastisch zu senken Quelle pixabay; Susanne Jutzeler

Drittens. Für uns in Baden-Württemberg ist im Moment noch alles ziemlich gut. Nach Angaben des SWR sind, Stand diese Woche, 2,5 von 100.000 Menschen infiziert. Von diesen sind 80% nur leicht betroffen. Das ist eine gute Basis. Weil wir bereits wissen, dass das Coronavirus sich rasch ausbreiten kann, helfen Hygienemaßnahmen (wie das Händewaschen) und die Vermeidung großer Menschenansammlungen enorm, um eine schwere Epidemie im Ländle zu vermeiden.

Viertens. Wie erklärt sich, warum wir trotz der wenigen Infektionen im Lande so vorsichtig sein sollen? Die Ausbreitung von Krankheiten hängt von einer Reihe Faktoren ab. Dabei sind viele wie die Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Erkrankung), die Latenzzeit (Zeit bis eine angesteckte Person selbst für andere anstecken wird) und die Zeit der Ansteckungsdauer nicht veränderbar. Sie sind vom Erreger, also hier dem Coronavirus, vorgegeben. Worauf wir als Menschen einen Einfluss haben, ist die Basisreproduktionszahl Ro. Diese Zahl zeigt an, wie viele Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Beim SARS-CoV-2-Erreger sind das nach den bisherigen Forschungen 2,4 – 3,3 Personen. Nach statistischen Analysen würde dies bedeuten, dass zwei Drittel der Bevölkerung über die kommenden Monate angesteckt würden, bevor sich niemand mehr anstecken kann. In China lag diese Zahl Ro nach einer letzten Studie im Januar bei 3,86 und wurde durch die drastischen Maßnahmen wie die Abschirmung von Millionenstädten auf Ro=0,32 Mitte Februar gesenkt. Man hatte also erreicht, dass es nur jedem dritten Infizierten gelang, eine weitere Person zu infizieren.

Bodensee im Frühling   Quelle   ptw

Fünftens. Viele versuchen die Angst zu schüren und den Weltuntergang zu beschwören, besonders die Börse, die vor wenigen Tagen noch ihre Rekorde feierte. Wir sollten aber wissen, dass die Verbreitung des Coronavirus ähnlich verläuft wie beim Influenzavirus und anderen Viren auch. Erkrankungen mit diesen Viren haben wir alle durchgemacht. Und überstanden. Wir dürfen also entspannt bleiben, sollten aber unseren Alltag anders organisieren. Statt großer Feste können wir schöne Spaziergänge in der erwachenden Natur machen. Für Baden-Württemberg hat die Regierung entschieden, dass ab Dienstag der kommenden Woche alle Kindergärten und Schulen bis zu den Osterferien geschlossen werden. Dann wird es für die berufstätigen Eltern der etwa 2 Millionen Schüler mühsam. Sie müssen ihren Alltag umkrempeln und im engeren Umfeld nach Lösungen suchen, wie ihre Kinder tagsüber betreuen (lassen) können. Eltern, die beide in einem „besonders sensiblen Beruf“ (Polizei, Feuerwehr, Gesundheit u.a.)  arbeiten, erhalten Hilfe vom Land.

Sechstens. Eine Impfung ist in diesem Jahr realistischerweise nicht zu erwarten. Sollte eine entwickelt sein, bräuchte sie noch Monate, um ihre Wirksamkeit und gute Verträglichkeit zu belegen. Wer anderes sagt hat im besten Fall wenig Ahnung. Es gibt im Moment aber eine kleine Aussicht auf eine ursächliche Therapie. Die Substanz heißt Remdesivir und wurde ursprünglich als Therapie gegen das Ebola-Virus entwickelt. Von ihr ist bereits bekannt, dass sie gut verträglich ist. Zwei Studien versuchen gerade zu erforschen, ob sie auch eine ausreichende Wirkung hat. Mit Ergebnissen – sagen die Forscher – könnte in einem Monat zu rechnen sein.

Kinder und Jugendliche können vermutlich zur Ausbreitung der COVID-19 beitragen, erkranken aber selten daran. Wenden wir uns also den Krankheiten zu, die die Jüngsten im Lande persönlich jetzt härter treffen könnten. Wie erwähnt, ist die Influenza die häufigste und schlimmste Infektion im Ländle in diesen Tagen. Die Hygienemaßnahmen (Händewaschen, Reinigen von Türklinken etc.) helfen auch gut gegen die Grippe. Geimpfte Personen haben etwa ein halb so großes Risiko krank zu werden. Immerhin. Es gibt noch einige weitere Viren, die Atemwegsinfekte auslösen: das RS-Virus, das humane Metapneumovirus (HMPV), das Rhinovirus, das Adenovirus , einige Parainfluenzaviren und – erschrecken Sie nicht – die Coronavirus-Typen 229E (CoV 229E), OC43, NL63 und HKU1 (seit den 1960ger Jahren wurden weltweit mehr als 40 verschiedene Coronaviren entdeckt). Letztere sind also schon Jahrzehnte unterwegs und befallen Kinder. Man weiß, dass etwa 15-30% aller „Erkältungen“ der letzten Jahrzehnte auf ein Corona-Virus zurückgehen und meist harmlos verlaufen. Alle lösen in unterschiedlichem Ausmaß Schnupfen, Husten und Fieber aus. Und gegen alle hilft was wir täglich hören und hier lesen: Hygiene, meiden großer Menschenansammlungen.

Eschenpollen-Konzentrationen der Pollenfalle in Münsterlingen (Schweiz)  Quelle  www.pollenundallergie.ch

Ach so, es gibt ja noch die Pollen. Fast vergessen. Die Zeit der Hasel- und Erlenpollen ist vorbei. Der Flug der Eschenpollen hat bereits eingesetzt, obwohl dies im langjährigen Mittel erst Anfang April zu erwarten wäre. Es ist mit mittleren Konzentrationen zum Wochenende und einer weiteren Zunahme in der kommenden Woche zu rechnen.

Eigentlich wollte ich in diesem praxisblättle vom Kongress der amerikanischen Allergologen (AAAAI) in Philadelphia berichten, wo ich selbst an diesem Wochenende ein Poster über eine Studie zu Allergien und Asthma bei Kindern in Madagaskar vorstellen wollte. Zu Recht wurde dieses Meeting wegen der Pandemie abgesagt und so erlebe ich den zarten Frühlingsbeginn in Oberschwaben.

Was geht in der Welt rum? Das Hauptthema weltweit bleibt das SARS-CoV-2 genannte Coronavirus. Glücklicherweise löst es bei Kindern und Jugendlichen nur selten eine Krankheit aus. Aber das Ansteckungsrisiko ist auf allen Reisen nachweislich höher – für Coronaviren wie für Influenzaviren. Insofern ist es im Moment ratsam, sich mit Kindern nicht auf grössere Reisen zu begeben (sofern überhaupt Flüge möglich sein sollten). Schwerwiegender als die beiden Viren ist beispielsweise das Gelbfieber-Virus in Brasilien, das bereits zu mehreren Todesfällen in diesem Jahr führte. Dagegen gibt es aber eine hervorragend wirksame Impfung. Bei Reisen in exotische Länder sind im Moment die Gefahren höher als sonst. Wer nicht aus beruflichen Gründen losziehen muss, bleibt lieber im Land. Der Schwarzwald hat auch seine Reize!

Ich wünsche Ihnen für das Wochenende viel Sonnenschein und schöne Spaziergänge mit Ihren Kindern. Und bleiben Sie nächste Woche mutig, auch wenn’s manchmal mühsam sein sollte. Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Peter Th. Wolff