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Oft unterschätzt: RSV-Infektionen

Das Respiratorische Syncytial-Virus (RSV) ist spürbar weniger gefürchtet als die Grippe oder Coronavirusinfektionen. Es ist schlicht weniger bekannt.

Bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von 3 Jahren ist es weltweit der häufigste Auslöser von akuten Atemwegsinfektionen. Diese betreffen meist die unteren Atemwege und dort die kleinsten Bronchien (Bronchiolitis). Jährlich versterben an RS-Virus-Erkrankungen rund 160 000 Menschen, überwiegend Säuglinge und ältere Menschen. Ursache hierfür ist, dass sich beim Krankheitsprozess die Viren in die Epithelzellen vermehren und diese dabei unwiederbringlich schädigen. Das wiederum hat große Mengen Zellabfall (Detritus) zur Folge, der die kleinen Bronchien verlegt, wodurch die Lunge in diesen Bereichen zu wenig belüftet wird. Im Gegenzug werden andere Lungenanteile verstärkt belüftet. Beides ist ungünstig und führt zu Atemnot und zu Sauerstoffmangel.

Weltweit erkranken jedes Jahr 5.6 von 1000 Säuglingen im ersten Jahr schwer am RSV. Zehn Mal so viele erkranken mit leichteren Verläufen. Die Sterblichkeit liegt bei 0.2% der erkrankten Kinder – enorm hoch. Die Infektionen treten in Mitteleuropa zwischen November und April auf, der Höhepunkt ist oft in den Monaten Januar und Februar. Bis zum zweiten Geburtstag haben nahezu alle Kinder einmal eine Infektion mit RSV durchgemacht. Diese hinterlässt aber keinen langfristigen Schutz, so dass die Infektion mehrfach im Leben auftreten kann.

Dabei fängt die Krankheit schleichend wie ein leichter Atemwegsinfekt an. Sie wird als Tröpfcheninfektion übertragen, wobei die Viren lange auch auf Händen (20 Minuten) und Papierhandtüchern und Baumwollkitteln (45 Minuten nach Angaben des RKI) überleben können. Die Inkubationszeit bis zum Auftreten der ersten Symptome beträgt meist 5 Tage (2-8 Tage). Nach einem Schnupfen mit eher schwachem Fieber und trockenem Husten, kann sich die Erkrankung in einigen Fällen innerhalb drei Tagen spürbar verschlechtern mit deutlichem Husten, fast regelhaft mit Verengung der Atemwege (Obstruktion) und zunehmender Atemnot. Bei Säuglingen ist eine Trinkschwäche sehr typisch für die schweren Verläufe. Wichtig ist, dass die Obstruktion oft kaum hörbar ist, weil die kleinsten Bronchien betroffen sind. Gerade bei den besonders schweren Erkrankungen wird die Schwere deswegen manchmal unterschätzt.

Die Erkrankung dauert manchmal fast zwei Wochen. Oftmals bleibt der Husten für Wochen danach erhalten und ist nur schwerlich durch Medikamente beeinflussbar. In vielen Fällen ist die RSV-Infektion der Anfangspunkt eines Asthma bronchiale.

Die Diagnose ergibt sich häufig aus dem typischen Verlauf und kann durch verschiedene Nachweismethoden im Labor abgesichert werden.

Eine ursächlich Therapie gibt es nicht. Unterstützend muss versucht werden, die Nasenatmung zu erhalten, Inhalationen sind in ihrer Wirkung begrenzt. In schweren Fällen ist eine Gabe von Sauerstoff (in einer Klinik) die entscheidende Maßnahme, ebenso wie die Zufuhr von Flüssigkeit über eine Infusion. Die Gabe von Cortison (als Inhalation oder systemisch) ist in den meisten Fällen nicht sinnvoll. Die Gabe von Antibiotika ist nicht sinnvoll, solange keine zusätzliche bakterielle Infektion auftritt.

Eine Impfung gegen RSV gibt es bis heute nicht. Vielfache Versuche scheiterten. Es gibt jedoch eine passive Immunisierung mit monoklonalen Antikörpern (Palivizumab – Handelsname: Synagis©). Diese blockieren das sog. F-Protein, so dass die Schädigung der bronchialen Epithelzellen verhindert wird. Diese Therapie steht für besondere Risikogruppen (u.a. Säuglinge, die als Frühgeborene zur Welt kamen; Kinder mit Herzfehlern) zur Verfügung und ist sehr wirkungsvoll.

Aktuell erschien im JACI in Practice, einem der beiden Zeitschriften der amerikanischen Allergologen und Immunologen (AAAAI) ein ergänzender Beitrag. In dieser Publikation von Eija Bergroth und Mitarbeitern aus Finnland und den USA zeigen sie auf, dass als Auslöser für die Bronchiolitis das Rhinovirus (RV; „Schnupfenvirus“) noch bedeutsamer sein könnte, als das RSV. In der Untersuchung von 349 Kindern waren es insbesondere diese Viren, ganz besonders RV-C, die eine frühe und lang andauernde Therapie mit Asthmamedikamenten erforderte. Kinder, die vom RSV betroffen waren, schnitten günstiger ab.

Ob nun die Rhinoviren oder RSV letztlich gefährlicher sind, muss in den nächsten Jahren in Studien weiter geklärt werden. Klar ist, dass es viele Viren gibt, die Menschen bedrohen können.