Kategorie: Editorial

Kinder- und Jugendärztinnen und Kinder und Jugendärzte – wirklich?

Im Medienalltag hören und sehen wir Menschen, die in ihren Beiträgen immer schneller reden, um politisch korrekt zu sprechen. Zum Beispiel wenn’s um die Schule geht: „Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer haben …….“. Bis wir diese korrekte Bezeichnung gehört haben, haben wir kaum noch Lust dem weiteren eigentlichen Inhalt der Nachricht zu lauschen. Aber alles war schön korrekt.

Auch beim Schreiben des praxisblättle stehe ich regelmäßig vor dieser Herausforderung, meinen Fingern diese langen feinmotorischen Übungen zu ersparen. Und so schreibe ich dann einfach Kinder- und Jugendärztinnen und manchmal – ganz frech – nur Kinderärzte. Und ich hoffe, dass den Lesern dennoch klar ist, dass im einen Fall auch männliche Ärzte und im anderen auch Jugendliche gemeint sind. Denen dürfte die ganze Diskussion ohnehin wurscht sein. Sie sind keine Kinder mehr, als Erwachsene werden sie auch nicht wahrgenommen (oder wollen es meistens auch nicht). Und sie sind gewohnt – nicht nur in der Sprache – vergessen zu werden.

Ein mit viel Herz und Witz gespickter Artikel von Nele Pollatschek im Tagesspiegel nimmt der schwermütigen Diskussion dieses Themas die Spitze. Den möchte ich Ihnen zum Lesen empfehlen. Danach ist der Umgang mit dem genderism – oder auf gut Deutsch Geschlechterwissen – viel leichter.

Kinderzahnpflege

An Neujahr pflegen wir uns viele guten Dinge vorzunehmen und halten sie dann häufig doch nicht ein. Deswegen habe ich für mich schon seit Jahren die Latte deutlich niedriger gehängt. Kleine Ziele sind besser zu erreichen und somit erlebt man öfter Glücksgefühle.

Bevor Sie sich als Eltern selbst großen Aufgaben verschreiben, wie wär’s mit einer kleinen? Die kleine Herausforderung hat enorme Folgen für Ihre Kinder. Wenn, ja wenn Sie konsequent dabei bleiben. Begeisterung bei den Kindern werden Sie kaum ernten – das sagen zumindest meine eigenen Erinnerungen: Dass ich meinen Eltern auf diesem Gebiet großen Verdruss bereitet habe: Kinderzahnpflege.

Anzahl kariöser Zähne pro Kind im Alter von 5-6 Jahren (dmft). Quelle: Kindergesundheitsbericht Baden-Württemberg 2020

Warum ich Sie mit so einem stressigen Thema belaste? Der Kindergesundheitsbericht Baden-Württemberg, der kürzlich erschien. Darin zeigt sich, dass in ganz Deutschland die Zahl der kariösen Zähne bei den eingeschulten Kinder von 2,9 pro Gebiss (1994) auf zuletzt 1,7 pro Gebiss (2016) zurückgegangen ist. Aber: In Baden-Württemberg stieg dieser Wert zuletzt wieder an und wir sind erneut auf dem Niveau von 1997. Also 23 Jahre für die Katz?

Das wäre schade. Ob Sie am Ende einen Dank von Ihren Kindern erfahren weiß ich nicht. Sicher aber ist, dass Ihre Kinder im Alter mit schönen Zähnen durch die Welt gehen und sich nebenbei schmerzhafte Zahnarztbesuche und schmerzhafte Zahnarztrechnung ersparen.

Im Strudel der Veränderungen: Die Kinder nicht vergessen!

Vermutlich werden Sie aufatmen, wenn dieses Jahr in wenigen Stunden zu Ende geht. Für die allermeisten von uns hat es die unterschiedlichsten Veränderungen und Belastungen mit sich gebracht.

Da sind einige Leser, die selbst mit dem Coronavirus erkrankt sind und erfahren haben, dass diese Erkrankung wahrlich mehr machen kann als andere Atemwegsinfekte. Obwohl ihre Krankheit nach außen hin zumeist nicht gar so schlimm erscheint, sind sie vielleicht von einer lähmenden Müdigkeit betroffen, die sie ängstigt. Eltern fragen sich, wie lange kann ich noch für meine Kinder da sein?

Andere Menschen erleben die Folgen des Virus nur aus den Medien und kennen vielleicht keinen, der betroffen ist. Sie merken nicht, dass die Familie an der Kasse des Einkaufsmarktes vor ihnen zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit ist und die Mutter der drei Kinder es kaum schafft, so lange auf den Beinen zu bleiben. So bleibt ihre Sicht der Welt, dass die Pandemie von böswilligen Kräften gesteuert würde, unverändert.

Viele Kinder kennen zwar das Wort Corona, aber was das genau bezeichnet, ist vielen nicht klar. Sie wissen nur: Seit sie dieses Wort hören, hat sich die Welt komplett verändert. Im Kindergarten dürfen sie nicht mehr zu ihrer Freundin in die andere Gruppe. Ein Kindergeburtstag findet nur im kleinsten Rahmen statt – und Spontanität unter Kindern wird an allen Ecken und Enden ausgebremst. Obwohl sie erst 3 oder 4 Jahre auf dem Planeten leben, sind sie bereits um eine volles Jahr Sorglosigkeit betrogen worden. Wenn über Kinder geredet wird, sind entweder die Eltern gemeint (Vereinbarkeit mit der Arbeit) oder die Bildung (sprich: die Wirtschaft). Beides wichtige Aspekte. Aber sollten wir nicht mehr an die Lust der Kinder denken zu rennen, zu spielen, zu probieren, zu lachen, mit Freunden zusammen zu sein?

Jugendlichen geht es kaum besser. Sie wollen sich vom Elternhaus abnabeln und ihr eigenes Leben aufbauen. Dazu suchen sie Freunde, mit denen sie gemeinsam verrücktes erleben wollen, ausprobieren, über die Stränge schlagen. Wenn sie heute provozieren, verstoßen sie sofort gegen Regeln, die zum Schutz der Gesellschaft etabliert wurden: Treffen zweier Haushalte? Gerade noch möglich. Aber wie soll ein Jugendlicher Erfahrung sammeln ohne sich in seiner Gruppe von Freunden zu treffen? Die meisten wurden um ein Jahr Jugend beraubt – der Vergleich sei erlaubt – wie ihre Großeltern im Krieg, wenngleich damals Gewalt und Hunger hinzukamen. Nebenbei wird die Partnersuche auf später verschoben. Ganz schön heftig.

Und Sie als Eltern? Vielleicht hatten Sie nie Kontakt zu jemandem, der die Coronainfektion erlebt hat. Sie erleben aber die Folgen umso deutlicher: In der Arbeit (Homeoffice), zuhause (zu enge Wohnung für eine Quarantäne) und mit den Kindern (die nicht in die KiTa oder die Schule dürfen und sie müssen trotzdem schauen, dass Geld aufs Konto kommt).

Es verwundert nicht dass Menschen aufmucken. Das Volk will nicht mehr folgen. Vielleicht eint uns bald doch der Gedanke, das Virus bewusst austrocknen zu können? Mit Maske, Abstand und Hygiene? Noch sind viele dazu nicht bereit.

Alle zusammen haben wir Lust auf das neue Jahr. Hoffentlich gelingt es uns das Virus einzugrenzen, wie auch immer. Und möglichst schnell. Deswegen wünschen sich die meisten eine Impfung – aber bitte ohne Hast. Eine solche Maßnahme muss gut geplant und überlegt sein. Eile ja, Hast nein.

Ich wünsche Ihnen, dass im kommenden Jahr zumindest ein Teil unserer zarten Wünsche in Erfüllung gehen wird: Wieder einmal Freunde umarmen, Kinder spielen und Jugendliche in Clubs abhängen lassen so wie sie es wollen.

Ganz herzlich grüßt Sie, Ihr

Die Infektwelle kommt bald. Macht eine Grippe-Impfung bei Kindern Sinn?

Für viele Laien sind die Impf-Empfehlungen in Deutschland verwirrend. Die STIKO bzw. das RKI empfehlen die Grippeimpfung nur für Versicherte ab 60 Jahre, für Menschen mit chronischen Erkrankungen, für Schwangere und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Für Baden-Württemberg hat das Sozialministerium jedoch erweiterte Empfehlungen. Hier wird – entsprechend den Vorgaben der WHO – die Grippeimpfung für alle Kinder ab dem 6. Lebensmonat empfohlen.

In den USA läuft bei der Corona-Pandemie sicher manches nicht so gut. Was aber die Influenza betrifft, liegen die Impfraten bei Kindern bei über 60%. Eine Zahl, die selbst bei den sog. Risikogruppen in Deutschland nicht annähend erreicht wird. Die American Academy of Pediatrics (in Englisch) hat gerade die Details für die Grippeimpfung von Kindern in der Saison 2020 / 2021 veröffentlicht, die in vielen Aspekten auch für Laien sehr interessant sind.

Klar ist, dass die Impfung gegen Influenza lange nicht so wirksam ist wie diejenige gegen Masern, bei denen eine „sterile Immunität“ erreicht wird, also beinahe bei allen Geimpften der Ausbruch von Masern verhindert werden kann. Dennoch ist sie gut wirksam und schützt viele Menschen. Und, sie ist der einzig verfügbare und nachweißlich wirksame Schutz vor dieser – wie „Corona “ – schweren Infektion.

Die Kinder- und Jugendärzte sehen den Stellenwert für die Grippe-Impfung bei Kindern ähnlich wie die Behörden im Ländle und raten Kinder in diesem Herbst gegen Influenza impfen zu lassen. Dazu der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) Johannes Hübner: „Wir wissen, dass Kinder den Influenzavirus maßgeblich übertra­gen“.

Eine Impfung der Kinder, das ist wissenschaftlich gut belegt, schützt indirekt auch die älteren Risikogruppen. Das zeigt eindrücklich eine zentrale wissenschaftliche Untersuchung von 2001 aus der Arbeitsgruppe um Masato Tashiro und Mitarbeiter aus Tokyo (Japan). Wenn der Enkel kein Grippevirus verbreitet, wird auch Omi nicht krank.

Aber Kinder können selbst auch schwer an Influenza (Grippe) erkranken, so dass sie sogar stationär behandelt werden müssen. Folgerichtig unterstützt auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) die Impfung von Kindern: „Deswegen haben wir diesmal zusätzlichen Grippeimpfstoff besorgt. Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“

Als erste große Krankenkasse hat sich Mitte der Woche die AOK angeschlossen. Laut dem Deutschen Ärzteblatt hat ein Sprecher der AOK angekündigt, die Kostenübernahme betreffe „nicht nur die Impfung von Risikogruppen, sondern alle AOK-Versicherten, sofern die Ärzte dies für erforderlich halten“. Das ist ein gewichtiges Wort.

Konnten Sie sich für Ihre Kinder entscheiden können? Oder noch Fragen? Ganz sicher. Dann los an die Tasten. Anderen Eltern geht’s vermutlich recht ähnlich bei der Grippeimpfung ihrer Kinder.

Schmerzen im Kindesalter: Ist der Einsatz von Novalgin sinnvoll?

In den letzten Jahren, ist der Einsatz von Metamizol (oft auch Dipyrone oder Novaminsulfon genannt) spürbar angestiegen. Bekannt ist das Medikament in Deutschland unter dem Namen Novalgin©, unter dem es 1922 von der Firma Hoechst aus Frankfurt auf den Markt gebracht wurde. Es ist ein sehr gut wirksames Analgetikum (Schmerzmedikament) aus der Gruppe der NSAID (nichtsteroidale Antiphlogistika).

Bereits 1936 wurde für diese Substanz eine schwere unerwünschte Nebenwirkung festgestellt: die Agranulozytose. Dieser Begriff beschreibt die starke Verminderung der weißen Blutkörperchen (< 500 Zellen pro µl Blut), so dass die Körperabwehr massiv geschwächt ist. Typische Symptome sind: Fieber + Angina tonsillaris + Mundfäule. Hierauf verweisen einige Veröffentlichung wie die von Victoria Rollason und Jules Alexandre Desmeules (in Englisch). Die Agranulozytose kann in allen Altersgruppen auftreten, bei Kindern etwas seltener. Eine schwedische Studie von 2002 gibt an, dass unter 1439 Verschreibungen ein Fall auftritt. Die Tödlichkeit beträgt bis zu 10%.

Diese Tatsache hat dazu geführt, dass Metamizol in vielen Ländern (Australien, USA, Japan, Schweden) nicht mehr zugelassen ist.

In Europa ist es für starke Schmerzen nach operativen Eingriffen, Tumorschmerzen und Fieber, das anders nicht beherrschbar ist, zugelassen. Die Verschreibungszahlen gehen jedoch in den letzten Jahren nach oben, auch bei Kindern. Das macht skeptisch.

So sehen wir das: Novalgin© und vergleichbare Präparate haben keinen Platz zu Behandlung von Schmerzen und Fieber bei banalen Infekten. Hier sollten nur Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt werden.

In eigener Sache: Asthma bei Kindern in Madagaskar

In Madagaskar stellt sich für vier von fünf Menschen jeden Abend die Frage: Wo finde ich morgen Arbeit? Und: Wird der Lohn reichen, mich und meine Familie zu ernähren. Oft reicht er nicht. Deswegen leiden 80% aller Kinder und Jugendlichen in Madagaskar unter chronischer Unterernährung. Zu wenig Nahrung, um eine normale Entwicklung  zu durchlaufen. Zu viel Nahrung, um dramatische Bilder für die Weltpresse zu liefern.

Ein Studienort im Distrikt Ankazobe Quelle: ptw

Welche Bedeutung hat dann eine Studie über Asthma bronchiale in Madagaskar? Auch in einem armen Land ist es wichtig, den Stellenwert solcher Krankheiten zu kennen, die im Alltag für die meisten zweitrangig sind. Asthma, so zeigte sich, ist in Madagaskar genauso bedeutsam wie in Deutschland und anderen Industrienationen. Nur war das bisher unbekannt, kaum einer hat sich um die Versorgung der betroffenen Kinder und Jugendlichen bemüht.

In einer ersten Studie im Jahre 2013 hat unsere Arbeitsgruppe mit Unterstützung durch Prof. Dr. Bodo Niggemann von der Charité in Berlin die Situation in der Hauptstadt Antananarivo beleuchtet. Dass in der pulsierenden Stadt mit tausendfach stinkenden Kleinbussen und Autos Asthma vorkommen würde, hat nicht verwundert. Aber dass in einer Schule in der Innenstadt bei 10% aller Kinder verengte Atemwege in der Lungenfunktion festgestellt wurden, das erstaunt dann doch.

Dorfzentrum von Sambatra (Distrikt Ankazobe) Quelle: ptw

Wir stellten uns dann die Frage: Wie häufig ist die pfeifende Atmung („wheezing“) auf dem Lande anzutreffen? Man braucht nicht weit aus der Hauptstadt wegzufahren, um fast im Mittelalter anzukommen. Knapp 80 Kilometer nördlich fanden wir ein idyllisch gelegenes Dorf: Fihaonana. Dort leben Menschen noch zumeist in traditionellen strohgedeckten Adobe-Häusern, ohne Strom, fließend Wasser oder Handy. Dementsprechend ist es stockfinster, wenn abends die Sonne am Horizont verschwindet. Am Morgen wecken einen knarrende Ochsenkarren oder Hühner, die aus dem schützenden Wohnhaus entlassen werden. Die Bevölkerung und ihr umtriebiger und ehrlicher Bürgermeister Olivier Rasolomahatratra waren so freundlich, uns bei der Ermittlung der Daten zu unterstützen.

Neben dem MAKI-Studienzentrum in Fihaonana    Quelle: ptw

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist gerade in ALLERGY, der bedeutendsten Fachzeitschrift für Allergie und Immunologie in Europa, erschienen. Unter dem Titel High prevalence of wheeze and atopy in rural Malagasy children (in Englisch) beschreiben meine Mitautoren und ich, welchen Einfluss Asthma und Allergien für Kinder und Jugendliche auf dem Land haben.

Ein Studienzentrum in einem Schulraum bei Fihaonana. Die Stromversorgung für das Lungenfunktionsgerät läuft über einen Generator, der vor dem Haus steht. Quelle: ptw

Es zeigte sich, dass auch auf dem Lande ohne Luftverschmutzung durch Straßenverkehr und Industrie, Asthma gleich häufig auftrat wie in der Metropole Antananarivo. Als Ursache stehen Allergien gegen Hausstaubmilben (Dermatophagoides pteronyssinus) und die Küchenschabe (Engl: cockroach) im Vordergrund. Das ist nicht viel anders als in vielen anderen Ländern. Bei uns in Deutschland sind die Hausstaubmilben führend, in vielen Regionen der USA sind es die Hausstaubmilben und die Küchenschaben, wie in Madagaskar auch. Der Effekt von Armut konnte nicht untersucht werden, weil alle Menschen in der Region – etwa gleich – arm sind. Exemplarisch zeigen dies die Daten zu Mobilität: In den untersuchten 210 Haushalten gab es in 83 Fällen (39,5%) ein Fahrrad, aber nur in einem einzigen ein Auto.

Asthma und Allergien kommen somit in Madagaskar etwa in gleicher Häufigkeit vor wie in vielen Ländern der Welt. Dennoch bleibt ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche angesichts der massiven Armut mit chronischer Unterernährung und enorm hoher Kinderarbeit zweitrangig.

Auf der Basis dieser Daten gilt es jetzt das Land darin zu unterstützen, die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu identifizieren. Denn trotz des Hungers leiden auch sie an Atemnot und den Folgen daraus – wie unsere Kinder in Deutschland. Und es gilt dabei zu helfen, eine effektive Therapie für die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. Hoffen wir, dass trotz der Corona-Pandemie dies bald umsetzbar sein wird.

Das tägliche Schnitzel auf dem Teller

Was meinen Sie: Wie viele Schweine lebten im letzten Jahr in den Niederlanden? Es sind 12 Millionen. Umgeben werden sie von 17 Millionen Menschen. In Deutschland leben bei fünf Mal so viel Einwohnern 25 Millionen Schweine.

Das bekommen aber nur 18,9 Millionen Menschen mit. So viele Menschen leben in Deutschland auf dem Lande. Dort leben sie also mit 25 Millionen Schweinen. Den Städtern erscheinen die Schweine vorzugsweise als Fleisch an der Theke. Für die Menschen auf dem Lande bietet sich manche Idylle. Was die Nase aber an Gestank aushalten muss ist schon enorm. Die Tierhaltung findet zumeist in Ställen statt, die immer größer werden. Und Winde können Gerüche sehr weit tragen. Gerade in Zeiten, wenn die Natur von besonderer Schönheit und voller guter Düfte ist, wie im Frühjahr und im Herbst. Dann wird oftmals auch der Dung auf den Felder verteilt und attackiert zarte Nasen.

Der Gestank verschwindet, wenn die Gülle ins tiefere Erdreich absackt. Auf dem Weg dorthin vermag das darin enthaltene Nitrat (HNO3) den Pflanzen als Stickstoffspender dienen. Diese Düngung lässt viele Pflanzen intensiver wachsen. Auf ihrem weiteren Weg erreichen die Nitrate jedoch das Trinkwasser. Und das steht irgendwann auf unserem Küchentisch. Und dient dabei auch zur Zubereitung der Nahrung von Babies. Besonders bei ihnen kann es im Darm aufgrund der speziellen Darmflora in Nitrit umgewandelt werden. Das wiederum ist giftig. Zum einen kann es direkt krebserregend sein. Zum anderen reagiert es bei Säuglingen mit dem Eisen im Körper. Hierbei kann es das Hämoglobin – den Blutfarbstoff – in sog. Methämoglobin verwandeln. Das Methämoglobin behindert die Sauerstoffversorgung im Körper.

Saftig grüne Wiesen tun dem Auge wahrlich gut. Der Natur häufig weniger. Das einheitliche Grüne zusammen mit dem Löwenzahn – der in meiner Heimat im Dialekt „Rosspfüttle“ (in Hochdeutsch: Pferdeapfel) genannt wurde – ist Ausdruck eine relativen Überdüngung. Meist durch Mist. Sie verhindert die Vielfalt (Diversität), die das typische Kennzeichen einer ungestörten Natur ist. Glücklicherweise findet man die Vielfalt inzwischen wieder häufiger. Und nicht nur in den Höhen von Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Die Wiederkäuer unter den Tieren – Kühe, Rinder und Schafe – produzieren Methan (CH4). Mit diesem Gas wird ähnlich wie mit Kohlendioxid oder den FCKW der Treibhauseffekt begünstigt.

Wo viele Tiere sind, fällt viel Gülle und Dung an. Beides könnte problemlos in Biogasanlagen gewinnbringend in Energie umgewandelt werden. Nur, die Verwendung von Mais ist profitabler. Verwunderlich ist nur, dass die steuerlichen Subventionen nicht gezielter gesteuert werden.

Supermarktprospekt vom 01. September 2020 Quelle: ptw

Wir selbst haben auch einen Einfluss: Wenn wir auf das tägliche Schnitzel auf dem Teller verzichten, ist weniger Fleisch erforderlich. Auch wenn viele Tiere nach China und in andere Länder exportiert werden, die Zahl der Tiere in Deutschlands Ställen würde wohl geringer sein. Dem Tierwohl wäre das ebenfalls dienlich. Die aktuelle Anzeige eines Supermarktes – links: Tierwohl-Etikett, rechts 1,99 € für ein halbes Hähnchen – verdeutlicht des Konflikt.

Fleischkonsum, zumindest alle paar Tage, ist trotz allem für Kinder durchaus sinnvoll, um im starken Körperwachstum die Versorgung mit Eisen sicherzustellen. Es ist interessant, dass dennoch viele Kinder Fleisch ablehnen. Auch Kleinkinder, die wohl kaum realisieren, welche Folgen das tägliche Schnitzel auf dem Teller hat.

Man könnte nun meinen, der Autor dieser Zeilen sei Vegetarier. Nein, er kann durchaus ein gutes Schnitzel genießen. Sogar sehr. Aber eben nicht täglich.

Für die Gesundheit muss eine gute Balance gefunden werden. Zwischen dem Bedarf an Fleisch in der Nahrung und den Nebenwirkungen, die das für uns hat. Das ist eine Aufgabe für das  Ministerium für Landwirtschaft. Frau Klöckner, übernehmen Sie !

Keuchhustenimpfung für Schwangere

Pharmakonzerne versuchen in den letzten Monaten mit Halbwahrheiten, Investoren zu bewegen bei Ihnen zu einzusteigen. Da tut es gut, wenn ein Philosoph wie Peter Sloterdijk – geboren in Karlsruhe – eine klare Aussage trifft:  «Man wird mehr und mehr verstehen, dass Immunität keine Privatsache ist

Als Leser des praxisblättle wissen Sie, dass Erreger wie Bakterien und Viren unterschiedlich agieren. Auch in Fragen der Immunität muss – bei allen Gemeinsamkeiten – das Verhalten des Erregers individuell betrachtet werden. So wäre es beispielsweise möglich, die Masern durch konsequente Impfungen weltweit auszurotten. Um diesem Ziel näher zu kommen, wurde in Deutschland das Masernschutzgesetz eingesetzt.

Anders ist das beim Keuchhusten. Mit ihm müssen wir bis zu einem gewissen Grad leben. Die Impfungen von heute können diese Krankheit sehr gut eingrenzen, aber nicht verhindern.Eine offene Flanke ist das Ansteckungsrisiko für die jungen Säuglinge. Sie haben die höchste Rate an Neuerkrankungen (Inzidenz) mit 50 von 100.000 Säuglingen. Am allermeisten sind Säuglinge im 2. – 4. Monat betroffen. Das macht deutlich, dass für viele der Nestschutz nicht ausreichend ist. Sie bekommen also mit der Geburt zu wenig schützende Antikörper, um in den ersten Monaten des Lebens dem Keuchhusten etwas entgegensetzen zu können.

Unter dieser Überlegung ist neuerdings auch in Deutschland – wie schon in anderen Ländern – eine Keuchhusten-Impfung für Schwangere vorgesehen. Diese sollte zu Beginn des letzten Drittels (3. Trimenon) der Schwangerschaft erfolgen, bei hoher Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt früher. Als Impfstoff soll ein Tdap-Kombinationsimpfstoff (Covaxis©, Repevax©, Boostrix©, Boostrix-Polio©) angewendet werden (Einzelimpfstoffe gegen Keuchhusten sind nicht verfügbar). Die Impfung soll unabhängig vom Abstand zu den Vorimpfungen und in jeder Schwangerschaft erneut durchgeführt werden. Das Ziel ist, ausreichend mütterliche Antikörper aufzubauen, die den Säugling in den ersten Lebensmonaten schützen können.

In vielen Studien in Belgien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, Vietnam, und den USA konnte gezeigt werden, dass diese Impfstrategie wirkungsvoll ist. Je nach Studie konnten durch die mütterliche Impfung 90% der erwarteten Keuchhustenerkrankungen für 2-3 Monate alte Säuglinge verhindert werden. Auch mögliche Nebenwirkungen wurden eingehend untersucht. Die Ergebnisse können im Epidemiologischen Bulletin 13_20 des RKI detailliert nachgelesen werden.

Wie sehen wir die Impfung? Früher bestanden höchste Bedenken, Schwangere zu impfen. Es war mutig, diese Strategie zu überdenken, um Säuglinge in der empfindlichsten Phase ihres Lebens vor Keuchhusten zu schützen. Die umfangreichen Studien belegen, dass diese Strategie funktioniert und kein bedeutsames Risiko für Schwangere darstellt.

Drogenkonsum bei Jugendlichen

Drogenkonsum ist ein wohl ein Thema mit dem sich alle Eltern von Jugendlichen irgendwann auseinandersetzen müssen. Auf dem Land glauben manche noch heute, die äußere Idylle sei ein Beleg dafür, dass Drogenkonsum kaum ein Problem sei. Das ist jedoch ein Irrtum. Richtig ist nur, dass sich der Drogenkonsum auf dem Lande anders darstellt als in der Stadt.

Die bedeutendsten Drogen sind Alkohol, Nikotin und Cannabis. Dabei fallen Unterschiede für Europa und die USA auf. Während 15- bis 16-jährige Schüler in den USA deutlich mehr Cannabis konsumieren (bezogen auf einen Monat: USA 15-17%- Europa 5-8%), ist der Alkoholkonsum in Europa spürbar höher (Europa 50% – USA ca. 22%). Diese Zahlen zeigen nur einen groben Rahmen. Modetrends und politische Entscheidungen (Legalisierungen von Cannabis in einzelnen Staaten der USA) verändern das Spektrum.

Der Europäische Drogenbericht von 2019 gibt einen guten Einblick in die Bedeutung der einzelnen Drogen. Dabei werden jedoch nur die „jungen Erwachsenen“ (15 – 24 bzw. 35 Jahre) den Erwachsenen (15 – 64 Jahre) gegenübergestellt. In Europa haben 96 Millionen Menschen (29%) jemals im Leben illegale Drogen konsumiert. Weitaus am häufigsten ist das Cannabis. Innerhalb der EU gibt es aber auch hierfür enorme Unterschiede. In Malta liegt die Rate der Erwachsenen, die Cannabis konsumiert haben, bei 4%. In Frankreich liegt sie – trotz oder wegen des guten Rotweins – bei 45%.

Cannabis. Trends für Preis und Wirkstoffgehalt Quelle: Europäischer Drogenbericht 2019

In den letzten Jahren hat sich der Markt für Cannabis spürbar verändert. Das zeigt die oben stehende Graphik. Cannabis kann als Cannabiskraut („Marihuana”) oder als Cannabisharz („Haschisch”) konsumiert werden. Während die Preise von 2007 bis 2017 kaum angestiegen sind, liegt der Wirkstoffgehalt (bezüglich THC = Tetrahydrocannabinol) für Cannabis inzwischen deutlich höher.

Für weitergehende Informationen auch über andere Drogen wie Kokain, MDMA, Amphetamine oder neue psychoaktive Substanzen (NPS) ist der Europäische Drogenbericht eine gute Quelle.

Wenn Jugendliche durch schwer erklärbare Symptome mit Verhaltensauffälligkeiten auffallen, sollte an Drogenkonsum gedacht werden. Es ist sinnvoll, sie direkt ohne einen moralischen Unterton darauf anzusprechen.

Kinderkriminalität

Ein schwieriges Thema: Kinderkriminalität. Sie wird uns aus allen Ecken dieser Welt berichtet und schockiert immer. Besonders schockierend ist, wie mit Kindern in manchen Ländern umgegangen wird, wenn sie eine Straftat begangen haben. Ebenso schockierend kann aber auch das Schicksal von Opfern sein, wie das folgende Beispiel aus der Schweiz aufzeigt.

In Dietikon (in der Nähe von Zürich) hat Ende Februar 2020 das Jugendgericht ein Urteil im Cybermobbing-Prozess bestätigt. Angeklagt war ein jetzt 17-Jähriger, der im Alter von 14 Jahren ein damals 13-jähriges Mädchen im Internet („soziale Medien“) bloßgestellt und mit  erotischen Bildern erpresst hatte. Kurze Zeit später beging das Mädchen aus dem Nachbarort Selbstmord. Wie die NZZ meldet, waren keine härteren Maßnahmen möglich, da der Jugendliche zum Tatzeitpunkt erst 14 Jahre alt war und das schweizerische Jugendstrafgesetz keine härteren Maßnahmen vorsieht. Der nun fast erwachsene Mann wurde nun wegen Nötigung und mehrfacher Pornographie zu einem Arbeitseinsatz verurteilt.

Die Vereinten Nationen (UN) empfiehlt, die Strafmündigkeit nicht vor dem 12. Lebensjahr anzusetzen. Sie plädiert dafür, die Schuldfähigkeit von Kindern am besten noch später anzunehmen.

Strafmündigkeit in verschiedenen Ländern dieser Erde. Quelle: Economist

Mehr als 40 Länder haben das Alter von 14 Jahren für die Strafmündigkeit angesetzt, in kaum 10 Ländern – wie Argentinien und Moçambique – liegt die Grenze sogar bei 16 Jahren. In allen anderen Staaten der Erde liegt sie deutlich früher. In Indien, Pakistan und Bangladesch liegt sie gar bei 7 Jahren. In diesen Ländern kann also ein Zweitklässler für Straftaten ins Gefängnis gehen. Unvorstellbar für uns.

Die Regeln sind teilweise bizarr. In 33 Staaten gibt es überhaupt keine Altersbegrenzung, In Syrien beginnt die Strafmündigkeit mit der Pubertät, ohne dass klar ist, wie diese definiert wird. Einige afrikanische Staaten haben vergleichbare Regeln. Im Iran sind Mädchen nach „neun Lunar-Jahren“ strafmündig, ihre männlichen Geschlechtsgenossen aber erst mit 15.

Das Thema Schuldfähigkeit kommt im Zusammenhang mit konkreten Vergehen immer wieder hoch. So hat vor wenigen Monaten ein 13-Jähriger ein 10-jähriges Mädchen misshandelt und getötet. Nach dem chinesischen Gesetz (Strafmündigkeit mit 14 Jahren) verbot sich eine Gefängnisstrafe. Der Junge wurde daraufhin in ein Umerziehungslager verbannt. Der Gedanke daran lässt einen erschaudern.

Im Zentrum steht die Frage, wann kann ein junger Mensch zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht bewusst unterscheiden. Wann kann die Gemeinschaft einem jungen Menschen unterstellen, gezielt kriminell gehandelt zu haben? Oftmals betrifft das Thema Kinder aus sehr armen Milieus, die teilweise gezwungen oder auch verführt werden, kriminelle Handlungen anstelle von Erwachsenen zu begehen.

Untersuchungen zeigen, dass das Absenken der Altersgrenze der Schuldfähigkeit keine günstigen Auswirkungen auf die Häufigkeit von Kriminalität hat. So gezeigt in Dänemark, wo im Jahre 2010 die Strafmündigkeit von 15 auf 14 Jahre herabgesetzt wurde und nichts bewirkte.