Schlagwort: Afrika

Was geht rum? 29. Mai 2021

Immer wieder Vitamin D: Niedriges Vitamin D stellt kein Coronarisiko dar

Schweizer SchülerInnen: Jede/r 5. hat eine Coronainfektion durchgemacht

Einfluss der Coronapandemie auf die sekundäre Rauchbelastung für Kinder 

Zecken auf den Gräsern, Pollen in den Lüften

Große Verwirrung bei den Impfungen für „Kinder“ – besser Jugendliche – von 12-15 Jahren. Da tritt das Gesundheitsministerium großspurig gegen die STIKO (Ständige Impfkommission) an, bevor die medizinischen Argumente ausgetauscht wurden. Und so ganz nebenbei ist der Impfstoff ohnehin knapp. Eine weitere, undurchsichtige Gemengelage, in der medizinische Daten und die Jugendlichen nur am Rande eine Rolle spielen- wie so oft in dieser Pandemie.

Bei fast allen Erkrankungen spielt Vitamin D eine mal geringere, mal größere Rolle. Unbestritten ist, dass Vitamin D bei vielen Immunprozessen bedeutsam und „günstig“ eingreift. Vitamin D hat aber auch wirtschaftliche Bedeutung. So kam es wohl auch, dass viele kleinere Arbeiten  ohne ausreichende Begründung dazu rieten, im Zusammenhang von Coronainfektionen Vitamin D einzunehmen. Mal zur Vorbeugung, mal zur Therapie. Eine Studie von Yonghong Li und Mitarbeiter vom amerikanischen Laborunternehmen Quest Diagnostics in San Juan Capistra­no (Kalifornien) hat nun umfangreiche Daten erhoben: Bei 18.148 Mitarbeitern (Alter 37 bis 56 Jahre) wurden vor und nach Beginn der Pandemie Vitamin-D-Spiegel untersucht. Unter Berücksichtigung aller Faktoren wie Alter, Gewicht, Ethnie und Hochschulabschluss zeigte sich, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel keinen Einfluss auf das Corona-Infektionsrisiko hatten.

Für Eltern stellt sich wieder die Frage: Hat mein Kind eigentlich schon  eine Coronainfektion durchgemacht? Aus Zürich liegen Daten aus der Studie «Ciao Corona» der Universität Zürich vor. Diese hat nun zum dritten Mal (Sommer 2020, Herbst 2020, Frühling 2021) 2500 Schulkinder aus 275 Klassen und 55 Schulen auf Antikörper gegen das SARS-CoV2 untersucht. Ergebnis: Seit Juni 2020 ist der Anteil der Kinder, die bereits Antikörper haben, von 2% auf zuletzt 19% (April 2021) angestiegen. Über 80% der Kinder haben auch nach 6 Monaten noch Antikörper gegen das Coronavirus im Blut. Bei der Bewertung der Symptome nehmen die Autoren der Studie an, dass etwa 2 Prozent der infizierten Kinder Langzeitsymptome („long COVID)“ zeigen, die mit COVID-19 in Zusammenhang stehen können.

Veränderungen des Rauch-Verhaltens im Rahmen der Coronapandemie Foto: Lancet

Das SARS-Coronavirus hat bedeutend mehr Folgen als die Infektion selbst. Befragt wurden  50 Eltern von Kindern mit Atemwegserkrankungen (82% hatten Asthma, 12% Mukoviszidose, der Rest seltenere Lungenerkrankungen). Für die Kinder zeigte sich eine erhöhte Belastung durch Raucher in der Umgebung (second hand smoking, SHS). In den Wohnungen wurde als Folge des familiären Stresses (Ausgangsbeschränkungen, Home-Schooling, Home-Office u.a.) häufiger und intensiver geraucht, wie eine Studie um Mira Osinibi (in Englisch) vom Department für Kinderpneumologie am King’s College Hospital NHS in London zeigt. Die Publikation im Lancet berichtet, dass zwei Drittel aller Eltern gleich oder mehr rauchten als vor der Pandemie.

Der Mund ist für Kinder ein wichtiger Ort, um die Umwelt zu erkunden, nicht nur in der oralen Phase. Das stellt erhöhte Anforderungen an die Spielzeugindustrie, aber ganz besonders an die Eltern, die ihre Kinder immer wieder im Blick haben müssen. Dass Nüsse (besonders Erdnüsse) mit einem hohen Risiko für eine Aspiration (Aufnahme der Erdnuss in den Atemwegen) verbunden ist ist bekannt. Weniger bekannt ist die Gefährlichkeit von Knopfbatterien. Nun berichten Ärzte aus England von verschluckter Spielzeugmagneten. Im Journal Archives of Disease in Childhood berichten die Forscher um den Kinderchirurgen Hemanshoo Thakkar, dass sich die Zahl der verschluckten Magneten in den Jahren 2016-2020 verfünffacht hat. Mehr als 40% der Magnete mussten operativ entfernt werden.

Gräserblüte im Regen Foto:ptw

Die Pflanzen haben in den letzten Wochen genug Wasser fürs weitere Wachstum gesammelt und die Temperaturen gehen nach oben. Beste Bedingungen für einen starken Pollenflug der Gräser. Eltern allergiebetroffener Kinder sollten überprüfen, ob in der Hausapotheke auch ausreichend Notfallmedikamente (Salbutamol? Cortison? Adrenalin-Injektor für Insektengift-Allergiker) vorhanden sind.

Atemwegsinfekte sind weiterhin selten. Bei den Windpocken fallen jedoch langsam steigende Zahlen auf. Offensichtlich kommen sich Kinder wieder öfter nahe, wodurch sich die leicht übertragbaren Windpockenviren vermehrt ausbreiten können. Noch liegen die Zahlen aber klar unter denen des letzten Jahren.

In der kommenden Woche dürften Erkrankungen zunehmen, die von den Zecken übertragen werden, allen voran die Borreliose. Am kommenden Montag finden Sie im praxisblättle einen Spezialbeitrag zu dieser heimtückischen Infektion.

Was geht in der Welt rum? Ein riesiges Problem in armen Ländern ist der Wurmbefall bei Kindern. Nicht nur, dass allein die Vorstellung – Würmer im Bauch zu haben – schrecklich ist. Die Würmer verbrauchen viel Eisen. Und die wichtigste und effektivste Quelle für Eisen ist Fleisch. Und genau das steht armen Menschen nicht zur Verfügung. Umso erfreulicher, dass Wurmprogramme in Afrika südlich der Sahara in den letzten Jahrzehnten so erfolgreich waren, wie eine Veröffentlichung von Benn Sartorius und Kollegen im angesehenen Lancet zeigt. Der Wurmbefall ist vom Jahre 2000 bis 2018 von anfangs 44% auf zuletzt 13% der Kinder zurückgegangen.

Ich wünsche Ihnen einen frohen Start in ein lockeres und sonniges Wochenende, ganz herzlich Ihr

Was geht rum? 24. April 2021

Kinderarztpraxen: Deutlich weniger Behandlungen

Nach einer COVID-Impfung: Antikörper in der Muttermilch nachweisbar

schwere COVID-19 bei Kindern: Vergleich USA – Deutschland

Pollenflug – Fahrradhelm – Malaria

Auch dieses praxisblättle hat den Schwerpunkt Coronaerkrankungen. Dabei verzichten wir auf die staatlichen Regelungen wie die Notfallbremse, von denen Sie rund um die Uhr hören und am nächsten Morgen dennoch nicht wissen was gilt. Eines ist gewiss: Alles funktioniert nur mit der Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Der Staat kann gelegentlich kontrollieren. Aber als Erwachsene sollten wir soweit sein, unsere Verantwortung eigenständig wahrzunehmen. Bei Kindern ist das manchmal anders: Sie wollen gelegentlich Grenzen austesten.

Kindergesundheit in der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 Foto: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW-Berlin

Mit Beginn der Coronapandemie waren die Praxen der Kinder- und Jugendärztinnen plötzlich fast leer. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hat untersucht, warum das so war. Einmal – das hatten wir mehrfach hier beschrieben – haben die Pandemieregelungen  neben den Coronavirus auch andere Viren an der Ausbreitung gehindert: Die Behandlungen wegen Infektionen gingen um über 50% zurück. Die Zahl der psychischen Erkrankungen ging jedoch nur um 12% zurück, während bei den Terminen infolge chronischer Erkrankungen (Diabetes, Zöliakie u.a.) überhaupt kein Rückgang festzustellen war. Man darf also annehmen, dass Eltern die Praxen nicht aus Angst vor Ansteckung seltener aufsuchten, sondern weil oft  weniger Bedarf bestand.

Aus Israel kommt eine Studie, die zeigt, dass nach einer COVID-19-Impfung von Müttern in der Stillzeit in der Muttermilch Antikörper gegen das SARS-CoV-2 nachzuweisen sind. IgA-Antikörper waren bereits nach 2 Wochen, IgG-Antikörper nach 4 Wochen nachweisbar. Welchen Effekt die Antikörper auf Säuglinge haben ist nicht bekannt. Die Studiengruppe umfasste nur 84 stillende Frauen, so dass weitere Aussagen nicht möglich sind.

Krankenhaus – auch Kinder werden wegen Coronainfektionen stationär behandelt. Foto: pixabay, Silas Camargo Silão

In den USA sind im Jahre 2020 über 2 Millionen Kinder an COVID-19 erkrankt. In einer Studie von CDC-Forschern wurde untersucht, wie viel schwere Verläufe Kinder durchmachten und wen es besonders traf. Es zeigte sich, dass drei Gruppen besonders betroffen sind: Zum einen Kinder mit Grunderkrankungen, zum anderen Kinder der Altersgruppe von 2-11 Jahren und Buben, die klar häufiger von Coronainfektionen betroffen waren als Mädchen.

Bis Anfang April sind in Deutschland etwa 385.000 Kinder und Jugendliche (bis 19 Jahre) seit Beginn der Pandemie an einer Coronainfektion erkrankt. Das ergeben Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI), die in einer Antwort der Bundesregierung der FDP-Fraktion vom 9. April veröffentlich wurden. Am häufigsten erkrankten Jugendliche von 15-19 Jahren: In den 14 Monaten seit Beginn der Pandemie 152.912 Jugendliche. Stationär wurden 4.789 Kinder und Jugendliche von 0-19 Jahre behandelt, davon mindestens 68 auf Intensivstationen. Elf Todesfälle sind nachgewiesen, wobei in acht Fällen eine Vorerkrankung bekannt war.

Der Birkenpollenflug erreicht in diesen Tagen seinen Höhepunkt im Südwesten. In den kommenden sieben Tagen ist bei weiter steigenden Temperaturen auch mit dem Flug der Gräserpollen zu rechnen. Kurzum, die schwierigen Tage für viele Pollenallergiker haben begonnen.

Die Infektions-Nachrichten sind diese Woche fast die gleichen wie letzte Woche: Bisher kein Fall von Masern in Baden-Württemberg, drei Fälle von Mumps (Vorjahr: 48), recht wenig Keuchhusten mit 61 Fällen seit Jahresbeginn (Vorjahr: 613). Die Infektionen des Hantavirus steigen logarithmisch an, ähnlich den Coronainfektionen: 80 Fälle allein in der letzten Woche (Vorjahr: 18 Fälle insgesamt in den ersten 15 Wochen des Jahres).

Fahrradfahren. Foto: pixabay, Sylwia Aptacy

Laut der Bundesanstalt für Straßenwesen tragen 82 Prozent der Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren beim Radfahren einen Helm. Über alle Altersgruppen sind es aber nur 18 Prozent der beobach­teten Fahrradfahrer (Zahlen für 2018). Laut dem Statistischen Bundesamt gab es 2019 genau 86.897 Fahrradfahrer, die bei einem Verkehrsunfall ver­letzt wurden. 15.176 Fahrradfahrer wurden schwer verletzt, 445 verunglückten tödlich. Eltern können auch von Kindern lernen – nicht nur beim Helmtragen!

Was geht in der Welt rum? Morgen ist Welt-Malaria-Tag. Wenn wir nicht auf Reisen sind, ist diese Erkrankung extrem weit weg. Aktuell sterben allein in Afrika pro Jahr 380.000 Menschen an dieser Infektionskrankheit, der überwiegende Teil sind Kinder in den ersten 5 Lebensjahren. Fehlernährung, dadurch schlechte Immunitätslage, kaum Zugang zu effektiver medizinischer Therapie – kurzum Armut ist die letztendlich wichtigste Ursache für dieses Drama. Eine Impfung gibt es bislang nicht, wenngleich eine neue Impfstudie (R21/Matrix-M (MM) in Burkina Faso) sowie  die mRNA-Technologie wie bei der Coronaimpfung von BioNTech und Pfizer neue Hoffnungen wecken.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit Ihrer Familie an diesem herrlichen Wochenende. Herzlich grüßt Sie Ihr

Was geht rum? 31. Oktober 2020

* Zwischen „Pest und Party“?

* Corona und psychischer Stress

* Polio wieder auf dem Vormarsch?

Nürnberg im Mittelalter Quelle: pixabay, Gerhard G.

Man kann sich in den letzten Wochen fast zwischen „Pest und Party“ fühlen. Da sind viele Menschen, die Angst haben, vom Corona-Virus getroffen zu werden. Es ist ja gut belegt, dass das Ansteckungsrisiko steigt. Wenn aber Schuldige gesucht werden, die das Coronavirus „eingeschleppt“ haben, dann erinnert das sehr an das Mittelalter. Immerhin haben wir heute keinen Scheiterhaufen. Aber die Frage sei erlaubt: Warum haben so wenige Menschen verstanden, welches Wissen um Bakterien (und Viren) uns Robert Koch hinterlassen hat? Sind wir so vergesslich?

Dr. Robert Koch Quelle: cdc

Andere – und sie sind nicht besser – haben auch vergessen, was Robert Koch mit viel Können, Wissen und Beharrlichkeit vor 140 Jahren erforscht hat – er entdeckte das Tuberkulose-Bakterium, das seinerzeit jeden siebten Menschen tötete. Diese Menschen, die sich etwa Querdenker nennen leugnen einfach, dass es das Virus gibt oder zumindest, dass es uns krank machen könnte. Das erinnert an jemanden, der mit einer Badehose am Leib in der Türe steht und es lustig findet, in den Schneesturm hinaus zu laufen. Sofern er eine Runde im Garten dreht, mag sich der Nachbar etwas wundern. Sollte er aber einen Spaziergang machen wollen, wird ihn der Tod ereilen. Wenn andere ihn nicht retten. So kommt es mir vor, wenn „Ältere“ bei Demos die Pandemie leugnen. Aus der warmen Wohnung heraus lassen sich locker Sprüche klopfen.

Party machen, im Rausch genießen …. Quelle: pixabay, Free-Photos

Anders verhält es sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie verstehen nahezu alle, was es mit dem Virus auf sich hat. Aber sie wollen die Welt genießen. Jetzt. Das ist ihre Zeit. Das Virus droht sie um eine wilde und lustvolle Zeit zu betrügen. Das wollen sie nicht zulassen. Ein Lockdown für sie ist grausam. Vermutlich wäre schon viel geholfen, wenn die Partygänger unter sich blieben und am Wochenende Oma und Opa nicht besuchen. So bliebe das Risiko begrenzt. Aber mit den „älteren“ Leugnern haben sie eigentlich wenig zu tun.

Kinder stehen in der Pandemie unter stärkerem psychischem Druck. Quelle: pixabay, ambermb

Schupfen, leichter Husten und gelegentlich mal eine Mittelohrentzündung – Atemwegsinfekte sind weiterhin selten. Auffallender sind eher psychische Probleme, beginnend mit diffusen Ängsten bis hin zu aggressivem Verhalten. Wenn die Menschen im Land verunsichert sind  und auch Eltern nicht mehr alle Fragen klar beantworten können, verlieren auch Kinder an Sicherheit.

Wo die Coronazahlen nach oben stürmen, bleibt es bei den Kinderkrankheiten ruhig. Die Zahl der Keuchhustenfälle ist seit Wochen auf niedrigem Niveau, zuletzt pro Tag weniger als eine Erkrankungen in Baden-Württemberg. Die Zahl der Windpocken liegen bei einem Drittel der üblichen Werte. Ein Zeichen, dass die Corona-Regeln (AHA-L) bei Familien mit kleinen Kindern offensichtlich wirkungsvoll umgesetzt werden.

Polio-Virus Quelle: cdc

Was geht in der Welt rum? Während wir uns im Krisenmodus um das Coronavirus kümmern, breitet sich – noch in Einzelfällen – in Mali und im Sudan das Poliovirus wieder aus. In Mali wurden in diesem Jahr 11 Fälle mit dem Poliovirus Typ 2 (cVDPV2) festgestellt. Dieses Virus stammt aus einem Schluck-Impfstoff. Diese unerwünschte Wirkung ist bekannt, weswegen in Deutschland die Schluckimpfung durch eine Impfung per Injektion umgestellt wurde. Weitere Details finden Sie auf dieser Seite der WHO (In Englisch). Gleichzeitig sind Organisationen wie die UNICEF besorgt, dass durch die Pandemie die regulären Impfungen in Afrika nicht mehr im ausreichenden Maße durchgeführt werden.

An diesem Wochenende können wir noch mal die Sonnen genießen. Für viele kommen unsichere Tage, bleiben Sie mutig und gesund, Ihr

 

Ist die Welt bald frei von Polio?

Es war ein langer Weg bis hierhin. Die Welt ist nahe dran, die Poliomyelitis – kurz Polio – zu besiegen.

Vor drei Jahren wurde in Nigeria der letzte Fall von Wild-Polio (WPV) festgestellt. Darunter versteht man eine Erkrankung die durch das Poliomyelitis-Virus selbst ausgelöst wurde. Denn Polio kann auch durch das Impf-Virus verursacht werden, das bei der Schluckimpfung angewendet wird. Inzwischen gibt es in Nigeria und wenigen anderen Ländern noch vereinzelte Polio-Erkrankungen durch das Impf-Polio-Virus (cVDPV). Das geht darauf zurück, dass dort bei Impfungen noch der Schluck-Impfstoff eingesetzt wird, bei dem es in extrem seltenen Fällen möglich ist, dass das Impf-Lebendvirus selbst ausgeschieden und somit weitergegeben werden kann. Und auch dieses Impfvirus vermag in Einzelfällen eine typische Poliomyelitis auszulösen.

Ausrottung der Poliomyelitis. Der Vergleich der betroffenen Staaten von 1998 und 2019. Foto: economist

Noch 2012 war alleine Nigeria nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  für die Hälfte der Polioerkrankungen weltweit verantwortlich. So wie es jetzt aussieht, könnte bald ganz Afrika für poliofrei erklärt werden.

Die Poliomyelitis ist eine Infektionskrankheit, die sich als Tröpfcheninfektion ausbreitet. In vielen Fällen bleibt sie unerkannt und macht keine Symptome.  Sie kann jedoch Nervenzellen (Motoneurone) befallen, die für die Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind. Das führt zu unterschiedlich ausgeprägten Lähmungen. Wird die Atemmuskulatur befallen droht der Tod durch Ersticken, wenn keine Behandlung mit Beatmung erfolgt. Bis in die 1950’ger Jahre war Polio in 125 Ländern – auch in Deutschland – verbreitet und führte jährlich bei 350.000 Kindern zu Lähmungen.

Daten

Mit Entwicklung eines Impfstoffes im Jahre 1950 begann der lange Weg, die Poliomyelitis auszurotten. Im Jahre 1988 wurde von der WHO das Programm aufgelegt, Polio zu besiegen. Viele Rückschläge haben diesen Prozess bis heute begleitet. Ein Problem bestand darin, dass der Schluckimpfstoff (Sabin – so hieß sein Erfinder) zwar sehr praktisch und günstig war, aber zu einzelnen Neuerkrankungen mit dem Impf-Lebendvirus führte. Erst die Einführung des inaktivierten Impfstoffes (Salk – so hieß sein Erfinder) als Spritze hat diesen Weg der Ausbreitung in Europa gestoppt. Nachdem Amerika bereits 1997 also poliofrei erklärt werden konnte, gelang dies für Europa im Jahre 2002. In Afrika wurden andere Schluckimpfstoffe entwickelt. Aber immer wieder gab es Ausbrüche. Das hatte verschiedene Ursachen. Besondere Probleme bereiteten Migration und Flucht (gerade im nördlichen Nigeria), aber auch mangelhafte Impfprogramme. Und dennoch: Die Erkrankungen an Polio konnten um über 99% weltweit gesenkt werden und erreichten im Jahre 2017 mit 22 neu gemeldeten Polioerkrankungen ihren bisherigen Tiefstpunkt.

Leider haben seither die Zahlen wieder zugenommen. In Jahr 2019 kam es bei verschlechterter Sicherheitslage in Afghanistan zu Neuerkrankungen. Von den inzwischen 88 Neuerkrankungen in diesem Jahr gehen jedoch 72 alleine auf Pakistan zurück, das nach Jahren wieder einen Polio-Ausbruch hatte (Stand Anfang Oktober 2019).

Immerhin: In Nigeria, lange das Polio-Sorgenkind der WHO sind seit 2016 keine neuen Erkrankungen mit dem Wildvirus (WPV) aufgetreten. Man vermutet, dass die WHO den afrikanischen Kontinent bald für poliofrei erklären wird.

Die Welt ist dem Ziel, die Polio ganz auszurotten, sehr nahe.

Malaria

In den Tropen ist weiterhin die Malaria die tödlichste und somit wichtigste Erkrankung, mit der sich Reisende auseinandersetzen müssen. Sie kommt nur in den Tropen vor. Bei dieser Krankheit vermutete man früher, dass sie durch schlechte Luft (mal aria – italienisch: „schlechte Luft“) übertragen würde, wodurch eine Stadt, die sicher frei von Malaria war Buenos Aires (spanisch: „gute Lüfte“) genannt wurde.

Der Malaria ist nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung ausgesetzt. Entsprechend hoch ist die Bedrohung insbesondere für Kinder in den Tropen. 90% der Erkrankungs- und Todesfälle treten in Afrika südlich der Sahara auf. Insgesamt erkranken seit Jahren über 200 Millionen Menschen an einer Malaria. Die Todesfälle betreffen überwiegend Kinder unter 5 Jahren (70%). Im Jahr 2017 sind an der Malaria 435.000 Menschen in 91 Ländern verstorben.

Die Ursache für Malaria sind sog. Plasmodien. Diese Erreger werden durch die tropische Anophelesmücke übertragen. Sie ist nachtaktiv, tagsüber besteht also auch in den Tropen nahezu kein Risiko sich anzustecken. Etwa 10 bis 15 Tage nach dem Stich treten Symptome auf: meist als hohes Fieber (wie bei einer schweren Influenza), Kopfschmerz und Erbrechen. In
Einzelfällen kann aber auch ein schwerer Durchfall das erste Symptom sein. Danach breitet sich die Erkrankung rasch aus.

Die Malaria-Erreger befallen die roten Blutkörperchen, die dabei rasch zerfallen und mit den Abfallprodukten die Entzündung weiter beschleunigen. Im Weiteren kommt es oft zu Störung des Kreislaufes. Das trifft besonders das Gehirn, wo die kleinen Äderchen (Mikrozirkulation) verstopfen, was zu neurologischen Problemen, Koma und schließlich zum Tod führen kann.

In Deutschland wurden bis zum Jahr 2015 etwa 500 – 600 Malaria-Infektionen diagnostiziert. Seit 2015 – teilweise bedingt durch die hohe Anzahl von Geflüchteten – liegt die Zahl konstant bei über 1000 Erkrankungen pro Jahr. Durch die Inkubationszeit von 2 Wochen treten viele Erkrankungen von Reisenden erst bei deren Rückkehr nach Deutschland auf.

Vorbeugung (Expositionsprophylaxe)

Über viele Jahre wurden erfolglos Impfstoffe getestet. Seit April 2019 wird in Malawi ein neuer Impfstoff erstmals beim Menschen getestet, der 30% der Erkrankungen verhindern soll. Unabhängig davon wird aber auch Geimpften geraten, sie wie schon bisher zu schützen. Dabei gilt folgendes Vorgehen:

  • Moskitonetze, am besten mit Insektenschutzmittel imprägniert (z.B. Permethrin):
  • Mückenschutz auf der Haut mit mückenabweisenden Mittel wie DEET in Konzentrationen von 30-50% (z.B. in Nobite® Hautspray, Care Plus®, Anti Brumm forte®) – für Einzelheiten lesen Sie gerne den Beitrag im praxisblättle über Insektenschutzmittel.
  • Fliegengitter im Hotelzimmer (oder noch besser Klimaanlage im geschlossenen Raum).
  • Schutz durch Tragen entsprechender Kleidung (langärmelig,imprägnierte Stoffe), z.B. mit Nobite® Kleidung einsprühen

Chemoprophylaxe

Je nach Reiseland oder Art der Reise ist für viele Länder neben der Expositionsprophylaxe (Moskitonetz, Mückenschutz) zusätzlich auch eine Prophylaxe durch Medikamente erforderlich, falls es trotz Mückenschutz zu einem Stichereignis kommen sollte. Eine Liste der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG) gibt hier eine erste Orientierung. Ein Gespräch mit einem Reise- oder Tropenmediziner ist jedoch vor einer Reise in die Tropen dringend zu empfehlen.

Alle Maßnahmen sollten vor jeder Reise in eine tropisches Land eingehend mit einem erfahrenen Arzt (z.B. Reisemediziner) individuell abgesprochen werden. Je nach bereistem Land, aktueller Gefährdungslage und der persönlichen Gesundheitssituation sind die Empfehlungen unterschiedlich. In den letzten Jahrzehnten traten schwere Verläufe von Malaria in Deutschland praktisch nur bei Reisenden auf, die diese Regeln missachtet haben. Dabei sollte immer beachtet werden, dass trotz erheblicher Anstrengungen (Melinda und Bill Gates-Stiftung) auch heute noch über 200 Millionen Menschen weltweit pro Jahr erkranken und hast eine halbe Million Menschen daran versterben

Detaillierte Informationen finden sich in der Broschüre der DTG (Stand Mai 2018).

Dengue-Fieber: Ist eine Impfung günstig?

Das Denguefieber ist eine fieberhafte Erkrankung, die in den letzten Jahrzehnten rasch weltweit an Bedeutung zugenommen hat. Inzwischen leben 40% der Weltbevölkerung in über 100 Ländern mit dem Risiko an dieser Infektion zu erkranken (siehe Abbildung 1).

Übertragung

Ausgelöst wird die Erkrankung von einem der vier Dengueviren, die beim Biss der Stechmücken Aedes aegypti oder Aedes albopictus übertragen werden. Wer an einer Infektion mit einem der Viren (z.B. DENV-2) erkrankt war, behält für nur kurze Zeit einen relativen Schutz gegenüber den anderen 3 Typen. Menschen erkranken in Endemiegebieten also häufiger an der gleichen Infektion.

Symptome

Bei einer Erkrankung an Denguefieber treten die folgenden Symptome in unterschiedlicher Deutlichkeit auf. Es gibt auch Krankheitsverläufe, die nahezu unbemerkt verlaufen. Die Inkubationszeit – also die Zeit vom Stich bis zum ersten Symptome – liegt in aller Regel bei 4-7 Tagen.

  • Fieber
  • Schmerzen im oder hinter dem Auge
  • Muskelschmerzen
  • Knochenschmerzen
  • Ausschläge
  • Blutungsneigung: Unterblutungen der Haut oder am Auge, blutiger Urin, Nasenbluten

Es gibt ein schwerere Form der Erkrankung, die hämorrhagisches Denguefieber genannt wird. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass eine verstärkte Durchlässigkeit von Blutgefässen auftritt, so dass „Wasser“ in den Bauchraum (Aszites) oder in den Brustkorb (Pleuraerguß) übertritt. Blutungszeichen sind deutlich ausgeprägt. Das Fieber dauert 2 bis 7 Tage.

Die gefährlichste Form ist Dengue-Schocksyndrom. Dabei ist der Verlust von „Wasser“ (Plasma) so groß, dass Schocksymptome auftreten.

Häufigkeit und Schwere der Erkrankung

Weltweit wird angenommen, dass jährlich 390 Millionen Menschen erkranken, wovon 96 Millionen die Erkrankung ohne Beschwerden („inapparent“) durchmachen. Dies gilt besonders für Kinder. Bei Auftreten von Fieber bei Kindern in Asien, liegt in 10% ein Denguefieber vor.

Denguefieber kommt besonders in Asien, Lateinamerika (siehe Abbildung 1) und Afrika vor. Hinzu kommen akute Ausbrüche in anderen Ländern.

Eine Zweiterkrankung mit Denguefieber ist in aller Regel stärker ausgeprägt. Somit ist das Risiko für Urlauber, die erstmals in eine Denguefieber-Gebiet reisen gering.

Therapie

Da es sich um eine Virusinfektion handelt, ist eine direkte und ursächliche Therapie nicht möglich. Zur Linderung der Beschwerden bzw. der Komplikationen sind in schweren Fällen immer Behandlungen im Krankenhaus erforderlich.

Vorbeugung

Die beiden Überträgermücken sind tagaktiv. Damit kommt den Insektenschutzmitteln (Repellentien) die entscheidende Funktion zu. Details hierzu im praxisblättle vom August 2018 Die Schwierigkeit ist immer, diesen Schutz konsequent (Urlaubsstimmung!) durchzuhalten.

Impfung

Die Impfung gegen Denguefieber wäre ideal. Es gibt einen Impfstoff (CYD-TDV), der in einigen Ländern Asiens und Lateinamerikas zugelassen ist. Diese Impfung ist jedoch nur für Menschen sinnvoll, die bereits eine Erkrankung gegen Denguefieber durchgemacht haben. Für Menschen, die noch nie an Dengue-Fieber erkrankt waren, kann die Impfung hingegen zum Risiko werden. In Deutschland ist die Impfung gegen Dengue-Viren nicht zugelassen und auch nicht verfügbar.