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Allergischer Schock bei Kindern

Auch im Kindesalter kommt es zu schwersten allergischen Schockzuständen. Wir Mediziner nennen das eine Anaphylaxie. Dieser Begriff beschreibt eine Überreaktion des erworbenen Immunsystems. Dabei erkennt das Immunsystem eine Substanz, wie beispielsweise Kuhmilch beim Säugling, als fremd und will sie deswegen abwehren.  Die Abwehr dieses fremden Stoffes gerät jedoch so aus den Fugen, dass der eigene Organismus lebensbedrohlich gefährdet wird.

Die Anaphylaxie tritt in rasender Geschwindigkeit auf. Meist dauert es nur wenige Minuten nach dem Kontakt zum Auslöser, bis in kurzer Abfolge die Symptome auftreten: Urtikaria (Nesselsucht), Verengungen der Atemwege (sog. Larynx-Ödem, Asthmaanfall), nach kurzzeitigem Blutdruckanstieg kommt es rasch zu einem Abfall des Blutdrucks mit nachfolgendem Kreislaufschock.

Sesamsamen Foto: pixabay, TheUjulala

In der Bevölkerung treten 26% aller Fälle von Anaphylaxie bei Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Geburtstag auf. Auf 1000 Patientenjahre wurden im Jahr 2016 fünf Anaphylaxien festgestellt. Das hat kürzlich nochmals eine Studie der Harvard Universität in Boston betreffend Kinder unter 3 Jahren aus des USA bekräftigt. Auffallend war dabei ein Anstieg der Häufigkeit bei den Nahrungsmittelallergien (hier besonders auf Nüsse und Samen). Als Auslöser für eine Anaphylaxie kommen im Kindes- und Jugendalter besonders in Frage:

  • Nahrungsmittel: Milch, Ei (Eiweiß > Eigelb), Erdnüsse, Nüsse, Samen (z.B. Sesam), Fisch u.a.
  • Insektengifte: Wespengift und Bienengift, seltener auch Gift der Hornisse
  • Medikamente: Häufigkeit liegt bei 1-2% aller Anaphylaxien. Auch für die mRNA-Impfstoffe ist eine extrem seltene Anaphylaxie bekannt (vermutlich auf Polyethylengykol PEG)

Die Rate der Anaphylaxien ist zwar angestiegen, die Mortalität (Tödlichkeit) glücklicherweise nicht. Weltweit liegt die Tödlichkeit bei 0.5 bis 1 Todesfall pro 1 Million Einwohner und Jahr.

Es ist leuchtet ein, dass eine Therapie des anaphylaktischen Schocks ebenso schnell eingeleitet werden muss um eine Chance zu haben. Der erste Schritt ist, den Auslöser für den Schock zu stoppen: Kein weiterer Verzehr des Nahrungsmittels (z.B. Milch, Erdnuss) oder Beendigung einer Infusion (z.B. bei einer Penizillinallergie). Meist werden die ersten Symptome wie Hitzegefühl, Kribbeln in den Händen oder Juckreiz bald abgelöst von schweren Symptomen wie Atemnot, Schluckbeschwerden und einer zunehmenden Angst.

Adrenalin – Epinephrin. Foto: pixabay, WikiMediaImages

Ab diesem Moment besteht die Gefahr einer gefährlichen Kreislaufspirale: Zunächst schafft es der Körper durch eine kurze Gegenreaktion den Blutdruck ansteigen zu lassen. Dieser hoffnungsvollen Maßnahme folgt jedoch bald ein Abfall des Blutdrucks, der letztlich über den Verlauf des allergischen Schocks entscheidet. Spätestens in dieser Phase muss Adrenalin als Spritze – Adrenalin-Autoinjektoren wie Emerade©, EpiPen©, Fastjekt© –  in den Oberschenkel gegeben werden, um die Abwärtsspirale zu stoppen. Denn jeder weitere Abfall des Blutdrucks führt zu neuerlichem Blutdruckabfall, an dessen Ende ein Kreislaufversagen steht. Damit ist klar, dass Menschen, die um ihr Risiko für einen allergischen Schock wissen (Bienengiftallergiker z.B.) immer einen Adrenalin-Autoinjektor mit sich führen müssen. Nur damit lässt sich die Zeit zwischen dem Beginn des Schocks und dem Eintreffen eines Notarztes überbrücken. Egal, ob man sich in der Innenstadt von Karlsruhe oder auf dem Feldberg im Schwarzwald befindet.

Inzwischen gibt es für Eltern und Kinder gute Möglichkeiten, sich über die Anaphylaxie zu informieren und insbesondere auch über deren Erkennung und Therapie. Empfehlenswert sind die Informationen zu Frühwarnzeichen und Umgang mit dem Notfallset der GPA (Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie) sowie deren Elternratgeber.

Um gut vorbereitet zu sein, sind einige Informationen wichtig, damit die Umgebung im Falle einer anaphylaktischen Reaktion schnell informiert ist: Der Anaphylaxie-Pass und der Anaphylaxie-Notfallplan. Bei können beispielsweise über den Deutschen Allergie- und Asthmabund (daab.de) hier bestellt werden.

Kuhmilchallergie: Wie gefährlich kann sie sein?

Über Lebensmittel unterhalten wir uns täglich. So zum Beispiel über Unverträglichkeiten aller Art wie Lactoseintoleranz oder Unverträglichkeit von Weizen. Man vermutet, dass jeder fünfte in Deutschland bei sich eine Unverträglichkeit beobachtet, obwohl nur bei 2% aller Menschen eine solche nachweisbar ist.

Ähnlich ist es bei Allergien gegen Nahrungsmittel. Solche Allergien werden oft vermutet, lassen sich aber nur bei einer kleineren Gruppe von Menschen nachweisen. Genaue Daten hierzu gibt es wenige. Insofern ist die Studie aus der Arbeitsgruppe von Paul J. Turner vom National Heart and Lung Institute in London (England) sehr interessant.

Die Briten haben die nationalen Daten von 1998 bis 2018 hinsichtlich Krankenhausaufnahme wegen Nahrungsmittelallergien ausgewertet. In diesen 20 Jahren stieg die Zahl der stationär aufgenommenen Personen mit Nahrungsmittelallergien von 1,23 auf 4,04 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dabei lag der Anstieg bei Kindern deutlich höher: 2,1 auf 9,2 Aufnahmen pro 100.000 Personen.

Allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel sind unangenehm und manchmal auch bedrohlich. Todesfällen sind jedoch selten. Für Großbritannien ließen sich 66 Todesfälle für Kinder im Schulalter innerhalb der 20 Jahre nachweisen. Davon entfielen 17 Todesfälle (26%) auf Kinder mit Kuhmilchallergie. Die nächst häufigere Todesursache waren die Erdnüsse als Auslöser in 14%, die bei Erwachsenen das „tödlichste Allergien“ mit 20% darstellt.

Ein beruhigendes Ergebnis der Studie ist, dass zwischen 1998 und 2018 laut des staatlichen Gesundheitsdienstes (NHS) die Zahl der verordneten Adrenalin-Injektoren um 336% zugenommen hat. Adrenalin ist die einzige Arznei, die eine Anaphylaxie (allergischer Schock) erfolgreich stoppen kann. Kampagnen der Allergologen weltweit werben seit Jahrzehnten dafür, diese Notfallarznei unbedingt den kritischen Allergiker zu verordnen.

Diese Zahlen aus Großbritannien zeigen auch eine Tendenz, die für Deutschland gilt: Schwere Allergien kommen häufiger vor als oft gedacht. Sie zu erkennen und exakt zu diagnostizieren ist der eine Schritt. Der andere ist die Planung der Notfalltherapie mit dem Adrenalin-Injektor sowie der Schulung der persönlichen Umgebung (Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen u.a.) im Einsatz desselben. Denn Todesfälle sind möglich, aber in vielen Fällen vermeidbar.

Stich und Schock: Insektengiftallergie

Nun fliegen sie wieder. Bienen, Wespen, Hornissen und Hummeln. Vielen Menschen sind sie beim Genuss von Speiseeis lästig.

Deutlich gefährlicher als der Stich dieser Insekten sind jedoch Allergien gegen Gifte dieser Insekten. Sie kommen in jedem Lebensalter vor, teilweise auch bei Kleinkindern. Besonders schwerwiegend sind Allergien gegen Bienen und Wespen. Hierbei kann es zum allergischen Schock (Anaphylaxie) kommen, der bei Kindern jedoch nur in einer Häufigkeit von 0.34% auftritt. Erwachsene sind 10 Mal so oft davon bedroht.

Dennoch muss auch bei Kindern in jedem Einzelfall versucht werden, das individuelle Risiko zu klären. Die weitaus meisten Insektengiftallergien zeigen sich als allergische Lokalreaktionen: Um die Einstichstelle bildet sich eine Rötung und Schwellung, die gelegentlich über 10 cm groß wird und länger als einen Tag anhält. Die Stärke der Lokalreaktion kann durch Sofortmaßnahmen direkt nach dem Stich begrenzt werden. Dabei helfen folgende Maßnahmen:

  • Anwendung von Kälte (Eiswürfel) über weniger Minuten.
  • frische Zwiebel aufschneiden und mit leichtem Druck auf die Einstichstelle pressen.
  • die Einstichstelle mehrfach mit Speichel bestreichen

Treten nach einem Stich Allgemeinsymptome auf, sollte sofort ein Arzt bzw. ein Notarzt alarmiert werden. Im Gegensatz zu Erwachsenen ist eine Nesselsucht (Urtikaria) als einziges Symptom in aller Regel für Kinder nicht bedrohlich. Die im Folgenden genannten Symptome können jedoch ein Alarmzeichen sein und sollten immer dazu führen, umgehend einen Notarzt anzufordern.

  • Atemnot oder Engegefühl im Hals oder in der Brust
  • Schwindel oder Müdigkeit
  • Kribbeln in Händen/ Füßen/ am Kopf
  • Erbrechen.

Ist aber die Reaktion auf einen Insektenstich als Hinweis auf eine mögliche schwere Allergie zu werten? Das sollte im Zweifelsfall mit dem Allergologen geklärt werden. Alle Kinder und Jugendliche, bei denen Hautreaktionen fernab der Einstichstelle oder Allgemeinsymptome (Atemnot, Kribbeln in den Händen u.ä.) auftreten, müssen eine Diagnostik in Bezug auf eine Allergie erfahren. Idealer Zeitpunkt für diese Abklärung ist ein Zeitraum von 3-6 Wochen nach einem Stich, bei sehr schweren Reaktionen ggf. auch früher.

Ziel der medizinischen Abklärung ist es, das individuelle Risiko zu bestimmen. Dazu sind besonders die Angaben über die erlebten Symptome und deren zeitlichen Ablauf wichtig. In aller Regel wird auch ein Allergietest und eine Laboruntersuchung durchgeführt. In wenigen schwierigen Fällen gibt es noch weitergehende Untersuchungen (Intrakutantest; Stichprovokation u.a.), die aber bei Kindern nur selten erforderlich sind.

Die effektivste Therapie einer Allergie ist die spezifische Immuntherapie (SCIT), oft auch als Hypo-/Desensibilisierung bezeichnet. Bei Allergien gegen Biene oder Wespe liegt deren Erfolgsquote bei über 90 Prozent. Vor dem Erfolg steht aber ein gewisser Aufwand in Form von Injektionen, die in etwa monatlichen Abständen für meist 5 Jahre durchgeführt werden. Andere Maßnahmen wie die Gabe von Antihistaminika (Cetirizin u.a.) vermögen allenfalls den Juckreiz nach einem Stich zu mindern. Auch Cortison stellt keine sichere Therapie dar.

Sollte der allergische Notfall – die Anaphylaxie – eintreten, ist das sog. Notfallset zwingend wichtig. Zentral ist hierbei der Adrenalin-Autoinjektor (AA – Notfallspritze). Nur mit diesem lässt sich eine potentiell tödliche Anaphylaxie sicher behandeln. Der Allergologe klärt im Vorfeld die Frage (Indikation), ob ein solcher AA im Einzelfall sinnvoll ist und weist in die praktische Anwendung ein (Anaphylaxie-Notfallplan_). Die weiteren Medikamente (Cortison, Antihistaminika) sind zweitrangig. Im schweren Notfall setzt ihre Wirkung deutlich zu spät ein. Nur das in den Muskel gespritzte Adrenalin über den AA vermag den Kreislaufkollaps sicher zu verhindern. Und im Zweifelsfall muss sich das der Patient selbst spritzen können.

Zusammen mit der Verschreibung des Notfallsets ist auch eine Instruktion (Anaphylaxie-Training) wichtig. Das betroffene Kind und die Eltern müssen in die Handhabung der Medikamente eingewiesen werden. Das betrifft ggf. auch Personen des weiteren Umfeldes wie Großeltern oder Erzieher- und LehrerInnen. Dadurch werden Ängste im Umgang mit der Spritze abgebaut. Eines muss klar sein: Wenn eine schwere Allergie gegen Insektengift vorliegt, so hilft nur die Adrenalin-Spritze. Dafür muss sie erstens vorhanden sein und zweitens ohne Zögern im Notfall (vom betroffenen Kind oder Jugendlichen oder seinen/ihren Umgebungspersonen) auch angewendet werden. Damit können die ersten 15 Minuten bis zum Eintreffen des Notarztes sicher überbrückt werden.

Man sich durchaus vorbeugend schützen. Dann sollten folgende Dinge beachtet werden:

  • Im Sommer ist es nicht sinnvoll direkt aus Flaschen oder Getränkedosen zu trinken. Unbemerkt könnten Insekten hineingekrochen sein. Also: Getränke immer abdecken oder verschließen. Die Anwendung von Strohalmen ist hilfreich.
  • Abfall und insbesondere Essensreste /Obstreste sollten aus der näheren Umgebung bald entfernt werden. Also: Den Tisch draußen abräumen, sobald die Mahlzeit beendet ist.
  • Parfüm und andere intensive Gerüche locken – ähnlich die Blüten – Insekten an. Sie sollten also draußen vermieden werden. 
  • Auch helle farbenfrohe Kleidung lockt – wie bei den Blüten – die Insekten an. Also eher gedeckte Farben tragen und keine Blumenmuster. Und am besten Kleidung, die viele Körperpartien verdeckt. 
  • Herumfliegende Insekten nicht schlagen. Sie allenfalls mit langsamen Bewegungen in eine andere Richtung lenken. Bei schwülwarmem Wetter sind Insekten oft aggressiver. Dann ist es meistens besser, sich ins Haus zurückzuziehen. 
  • Nicht barfuß laufen. Auch Sandalen und andere offene Schuhe stellen ein erhöhtes Risiko dar. Das gilt besonders beim Rasenmähen, was Insektengift-Allergiker meiden sollten. 
  • Die Wohnungsfenster sollten mit Fliegengitter versehen sein. Ebenso wichtig ist es, Terrassentüren sofort zu schließen.